Posts Tagged ‘religion’

Dem guten Gott geschuldet. Nietzsches Physiognomie des Christentums

Dienstag, Mai 14th, 2013

Gerade eine der ersten intellektuellen Erfahrungen meiner Jugend wieder aufgefrischt: die Lektüre von Nietzsches „Der Antichrist“. Das ist noch immer eine der interessanteren religionsfeindlichen Schriften, weil seine Kritik im Grunde gar nicht entlang einer atheistischen Argumentation verläuft. Dass Gott eine Illusion ist, versteht sich für den Mann sowieso von selbst. Es geht ihm vielmehr um einen religionspsychologischen Vergleich, der die Ambiguität des jüdischen und islamischen Glaubens herausstreicht, um sie in den Dienst einer Kritik am zum Erbrechen „guten Gott“ der Christenheit zu stellen, dem nicht ganz zufällig eine ebenso boshaft lustfeindliche und verfolgungsträchtige Kirche korrespondiert. Die Kritik am Christentum gibt Nietzsche eine für seine Zeit sehr ungewöhnliche Stoßrichtung, was die Zurückweisung des europäischen Ethnozentrismus und seines Überlegenheitsgefühls gegenüber den „Culturen“ der Anderen betrifft, so etwa auch im historischen Vergleich mit den peinlichen Randbemerkungen von Marx über den Islam, die eine ideologisch verkommene Gestalt wie Stephan Grigat unlängst aus den Tiefen der MEW hervorgebuddelt hat, um mit diesem blödsinnigen argumentum ad verecundiam die rassistischen und imperialistischen Ressentiments seiner „anti“deutschen Leser_innen zu befriedigen.

Als solcher Autoritätsbeweis funktioniert Nietzsche glücklicherweise gerade nicht. Der Mann ist völlig zurecht als ein lupenreiner Reaktionär verschrien. Er bietet zwar durchaus Ansatzpunkte für eine emanzipative Lektüre, weil er stringenter als alle marxistischen Ideologiekritiker die Interessenabhängigkeit jeder Form von Wissen bloßlegte. Und ebenso, weil seine Verachtung für die christliche „Sklavenmoral“ auch eine Kritik an der Staatsuntertänigkeit der deutschen Arbeiterschaft impliziert, sofern sie sich von Appellen an das gute Gewissen einer fiktiven Allgemeinheit die Perspektive einer Besserung ihres materiellen Loses erhofft. Diese Möglichkeit, Nietzsche gegen den Strich zu lesen, ändert jedoch wenig daran, dass er selbst vor allem mit einem beschäftigt war: den Protestantismus als überkommene Legitimationsideologie der Eliten des deutschen Kaiserreichs durch ein neues, aggressives und dem Zeitalter des Imperialismus weitaus angemesseneres System zu verdrängen: den bürgerlichen Sozialdarwinismus und seine Idee von Herrschaft als dem natürlichen Vorrecht des Stärkeren. Seine Schrift „Der Antichrist“ lässt sich so zwar leicht als eine Kritik am christlichen Antijudaismus lesen, ist aber zur gleichen Zeit an allen Ecken und Enden bereits mit den substitutiven Formen des modernen Antisemitismus durchsetzt.

Wer daher im Folgenden die reaktionären Untertöne bemängelt, der möge versichert sein, dass sich hinter meinen Auslassungspunkten die überhaupt erst richtig schlimmen Sudeleien verbergen. Und doch ist das Ganze auf seine Weise ausgesprochen lesenswert: (mehr …)

»Homosexualität« und Islam? Zur Rehistorisierung eines Verhältnisses

Samstag, Februar 2nd, 2013

Turkish Wine Boy Kurzfristige Ersatzveranstaltung am 11. Februar 2013 für den im Januar leider wegen Krankheit ausgefallenen Vortrag »Homophober Moslem, toleranter Westen?« in Frankfurt/M.:

Der westliche Begriff des Homosexuellen definiert einen bestimmten Typus von Person, dem gleichgeschlechtliches Begehren als »Anormalität«, als psychische oder sogar körperliche Besonderheit, eingeschrieben wird. Klassische Texte aus der islamischen Welt kennen diese normalisierende Konstruktion nicht. Selbst ihre ärgsten religiösen Eiferer, namentlich die Hanbaliten, setzten als selbstverständlich voraus, dass trotz aller individuellen Differenzen gleichgeschlechtliches Begehren Teil einer »gesunden seelischen Verfassung« sei. So wundert es nicht, dass ein zwar nicht unbedingt als authentisch geltender, aber in klassischer Zeit dennoch äußerst populärer Hadith auch dem Gesandten Gottes die Sorge zuschreibt, von schönen Burschen in Versuchung geführt zu werden.

Wozu muslimische Geistliche sich äußerten, waren spezifische Handlungen wie Analverkehr oder Tribadie, über deren genauen Sündengehalt in der formativen Zeit kein Konsens erzielt werden konnte. Sie wogen, je nach Richtung, manchmal weniger als das verbotene Trinken von Wein und manchmal mehr als ein »heterosexueller« Ehebruch. Gemäß der islamischen Pflichtenlehre waren Frömmler zur Maßregelung von Sündern mit der Zunge, dem Herzen und seltener auch der Hand verpflichtet. Doch trug ihre Betonung der von jungen Männern ausgehenden Versuchung, die ihrer Ansicht nach so groß war, dass nur übermenschliche Kraft sie bezwingen konnte, narrativ eher zur Anreizung als zur Unterdrückung des Verbotenen bei.

Der restriktive Diskurs der Religionsgelehrten, der selbst noch innerhalb des Glaubens mit dem ganz anders gearteten der Mystik konkurrieren musste, erreichte in der islamischen Welt jedoch nie die Position eines unbestrittenen Platzanweisers. Das hegemoniale Skript der Erotik war nicht das mit Pedanterie gepflegte Genre religiöser Rechtshandbücher, sondern die von frommen Rücksichtnahmen weitgehend ungetrübte arabisch-, persisch-, osmanisch- und urdu-sprachige Liebesdichtung – das Ghasel, in dem die Liebe zu jungen Männern eines der bestimmendsten Motive war. Am Ende des 19. Jahrhunderts durch den westlichen Puritanismus zum Verstummen gebracht, trat im 20. an seine Stelle allmählich die wissenschaftliche Konstruktion des Homosexuellen als einer »Spezies« (Foucault). Die Sprache des Glaubens lässt sich aus diesem historischen Kontext nicht herauspräparieren. Ob liberal, konservativ oder fundamentalistisch: er ist dazu verurteilt, sich mit den gewandelten Vorannahmen über gleichgeschlechtliche Liebe und Lust auf neue Weisen ins Verhältnis zu setzen.

Mo., 11. Feb., 16:00 Uhr
Veranstalterin: Autonomes Lesben- und Schwulenreferat
Goethe-Universität Frankfurt/M., Mertonstr. 26-28
Campus Bockenheim, Raum B102
Veranstaltung auf Facebook

Die Legionen Satans erheben sich…

Freitag, Dezember 28th, 2012

Die Legionen des Satans erheben sich...

gloria.tv via David Berger (Facebook)

„Christian Europe never existed“

Dienstag, Juli 24th, 2012

Everyone knows that religion has crumbled since medieval times when all Europe walked secure in faith and grace. […] [But] in recent years a number of religious historians have assembled evidence that the medieval masses were, in fact, remarkably irreligious, at least in terms of religious participation […]. Andrew Greeley (forthcoming) has summarized these historical conclusions with characteristic succinctness:

    „There is no reason to believe that the peasant masses of Europe were ever very devout Christians, not in the sense that we usually mean when we use these words. There could be no deChristianization as the term is normally used because there was never any Christianization in the first place. Christian Europe never existed.“

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Sternstunden der Aufklärung

Montag, Juli 16th, 2012

Christian teens start weeping when a gay activist criticizes „the bullshit in the bible.“ Man, that’s pathetic!

And some funny stuff on the Pope.

Fundamentalismus ist überall

Dienstag, Dezember 27th, 2011

Dass Fundamentalismus kein kulturelles Ding ist, sondern zum gegenwärtigen Gesicht eines Zeitalters rechnet, das sich einst stolz „wissenschaftlich-technologisch“ nannte, die Probleme von Armut und sozialer Unsicherheit aber so wenig lösen konnte, dass es seit Ende der 70er Jahre zunehmend in neoreligiöser Spinnerei versumpft, das belegen im Kleinen diese verstörenden Bilder aus Bet Schemesch, einer 80.000 Einwohner zählenden Satellitenstadt 30 Kilometer westlich von Jerusalem. Dort haben Ultra-Orthodoxe sich und ihren säkularen Nachbarn in den letzten Jahren eine Hölle auf Erden bereitet: strikte Geschlechtertrennung und Verbannung von Frauen aus der Öffentlichkeit; achtjährige Mädchen, die aufgrund ihres „schamlosen Aufzugs“ als Flittchen beschimpft und angespuckt werden, sowie die Auskunft, dass hier nur Gottes Gesetze Gültigkeit besäßen. Von „small Iran“, wie es im Film heißt, sollte man allerdings lieber nicht sprechen, wenn man nicht die grenzenlose Wut frommer antideutscher Seelen auf sich ziehen will!

Ralf König: Götterspeise

Montag, September 5th, 2011

Bin ja eigentlich nicht so ein Ralf-König-Fan. Aber wo jetzt bald der Papst kommt… Und das ist wirklich gut gemacht! 🙂

Does Jesus Watch Me Go Poopy?

Mittwoch, August 25th, 2010

Pastor Deacon Fred von der Landover Baptist Church beantwortet eine wichtige theologische Frage: Guckt Jesus zu, wenn ich Aa mache?

Und für Leute, die’s gar nicht genau genug haben können: hier geht’s weiter zum Bible Poop Quiz!

Olivier Roy: „Die Salafisten wenden sich ja zuallerst gegen die muslimische Kultur“

Freitag, August 20th, 2010

Olivier Roy - Heilige Einfalt Der auf den Islam spezialisierte Religions­soziologe Olivier Roy brilliert im Interview mit den Thesen seines neuesten Buchs Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen (2010).

„Die Presse“: Die deutsche Femi­nistin Alice Schwarzer fordert ein totales Verbot der Burka – diese bedeute „den end­gültigen Sieg des politisierten Islam“. Stimmt das?

Olivier Roy: Es ist total absurd. Der politische Islam hat nie die Burka gefordert, im Iran gibt es den Schleier. Jene, die das fordern, etwa die Salafisten, sind gerade nicht in großen Organisationen. Die Burka, das ist der Rückzug auf die individuelle Gläubigkeit, die Sekte, also genau das Gegenteil eines politischen Islam.

Der Westen sieht gemeinhin religiöse Fundamentalisten als sehr traditionsgebunden – Sie sagen in Ihrem neuen Buch, „Heilige Einfalt“, das Gegenteil, es handle sich um „entwurzelte Religionen“. Entwurzelt wovon?

Roy: Von der Kultur. In einer Kultur sind Normen und Symbole nicht von der Religion abgetrennt. […] Die Religion wird dadurch zu einer weichen Religion. […] Nicht alle fasten im Ramadan, aber alle tun so als ob. Als die Päpste die Herren Roms waren, gab es Bordelle – stellen Sie sich vor, man fände heute ein Bordell im Vatikan! Heute trennen sich die zwei Sphären, und zwar in allen Religionen.

Religionen ohne Kultur werden fundamentalistisch, sagen Sie. Dann wäre der Fundamentalismus eine Folge der Säkularisie­rung.

Roy: Das ist er auch. Die Säkularisierung hat die Religion nicht zerstört, sondern isoliert. Die dominante Kultur verliert das religiöse Wissen – mit Atheismus hat das nichts zu tun, die Atheisten des 19. Jahrhunderts, Marx, Freud, kannten die Religion sehr gut. Umgekehrt denkt die Religion die Kultur als etwas Externes und versucht sich allein auf den Glauben zu stellen. […]

Doch extremistische Gruppierungen wie al-Qaida stoßen doch auf gewisses Verständnis auch in traditionellen Gesellschaften.

Roy: Keine einzige politische Gruppierung in den arabischen Ländern unterstützt bin Laden. Seine Basis sind die globalisierten Moslems. Bin Laden ist kein Traditionalist, die Scharia interessiert ihn gar nicht. Er kümmert sich auch einen Dreck um die arabischen Staaten. Soeben hat er eine englischsprachige Seite lanciert – warum? Weil die Leute, die sich für ihn begeistern, eben nicht Arabisch können! Weltweit gibt es immer mehr Konvertiten, gerade unter den Fundamentalisten, al-Qaida besteht zu circa 20 Prozent daraus. Sie sind der sichtbarste Ausdruck der „ent­wurzelten Religionen“.

Der Trend zur Ablösung von der Kultur trifft Ihnen zufolge alle Religionen – im Christentum etwa analysieren Sie die weltweite Ausbreitung der Evangelikalen. Abgesehen von der Politik – was haben diese christlichen Bewegungen mit den islamischen gemeinsam?

Roy: Sie verweigern den Kompromiss, man ist drin oder draußen. Die jeweils bei den Angehörigen der Religion dominante Kultur ist für sie heidnisch – die Salafisten wenden sich ja zuallererst gegen die muslimische Kultur. Es genügt nicht, nominell gläubig zu sein, man befindet sich also nicht mehr in einer Kirche, sondern einer Glaubensgemeinschaft, einer Sekte. Verloren hat man die Kontinuität von Kirche und Gesellschaft inklusive den Nicht­gläubigen. […]

Der Multikulturalismus ist eine Illusion, schreiben Sie, es gehe nicht um Kultur, sondern um Religion. Aber auch Migranten­vertreter sprechen von Kultur und Identität…

Roy: Weil das akzeptiert wird. Aber der Glaube ist keine Identität, der Glaube ist ein Glaube. Das Problem ist, dass man die Spezifität des Religiösen heute nicht sehen will, die Sprache des Glaubens ist unverständlich geworden. Deswegen werden auch die Kirchen zu Sekten – weil die anderen das, was sie motiviert, nicht mehr verstehen.

Suspendierung

Montag, März 22nd, 2010

Kirche greift endlich konsequent durch – gegen einvernehmlichen Erwachsenen-Sex!