Posts Tagged ‘rassismus’

Hysterie-Perversion, Diskursmacht und die N-Wort-Debatte

Mittwoch, April 24th, 2013

Im Artikel „Hysterische FemiNinjas – Lacan und die A,B,C,… N-Wörter“ interveniert die Autorin mit ein paar ungewohnten Gedanken in die unsägliche N-Wort-Debatte und macht folgenden praktischen (Gegen-)Vorschlag:

Wir benennen was wir sehen. Wir erfinden tolle neue Worte, um Dinge auszudrücken, die uns bisher zu unsichtbar waren und die wir in die Sichtbarkeit heben wollen. Und wenn wir einem Wort begegnen, das nichts-sagend geworden ist, oder von dem wir wollen, dass es nichts-sagend wird, dass es in Bälde keine_r mehr kennen soll, dann sagen wir es nicht mehr, ohne von anderen zu fordern, dass sie dies auch tun mögen. Denn Diskursmacht lässt sich nicht über “politische Korrektheit” steuern oder auch nur beeinflussen und genau darin besteht meines Erachtens der Fehlschluss: Ja, Sprache spiegelt Machtstrukturen und veränderte Sprache verändert Machtstrukturen. ABER ich verändere doch keine Machtstrukturen, indem ich Menschen auffordere gewisse Worte nicht mehr zu benutzen. Ich verändere, indem ich sie nicht mehr benutze. Ich wünsche mir von den anderen zwar, dass sie auch damit aufhören und dass sie sich echauffieren, wenn andere es tun. Aber das erreiche ich doch nicht durch Aufforderung. Mit ein bisschen Einsicht in Diskursanalyse sieht man die Homologie zwischen der Aufforderung “Sag doch einfach N-Wort” und “Tritt doch einfach zurück, despotischer Herrscher und let my people go”. Klar kann man das sagen. Meines Erachtens habt ihr auch inhaltlich Recht damit. Aber es nützt nichts. Ich finde es traurig, dass es nichts nützt. Aber es nützt nichts. Was etwas nützt aber ist paradox: Da brüllen rassistische Menschen aberdutzende Male N durch die Massenmedien und – schwupps – werden PoC in Deutschland endlich mal wieder sichtbar. Das finde ich großartig. Und deshalb empfinde ich jedes Mal diese paradoxe un-heim-liche Vorfreude, diese schamesrote Erregung, wenn jemand mal wieder N in die Debatte brüllt, weil dadurch etwas sichtbar wird; denn so funktioniert Diskursmacht; denn sie funktioniert nicht über Appelle, Verbote, Regelungen und Bitten, egal ob freundliche oder angry ones mit oder ohne Ton-argument.

Das perverse Genießen der politisch Unkorrekten

Dienstag, April 23rd, 2013

Bei der taz-Kolumne von Deniz fällt mir immer wieder der alte Text von Slavoj Žižek mit dem witzigen Titel ein: „Gibt es ein perverses Genießen in der Politik?“ (in Jahrbuch für klinische Psychoanalyse, Bd. 1: Perversion). Und um gleich ein mögliches Missverständnis auszuräumen: Perversion bezeichnet in der lacanschen Tradition keine „sexuelle Abweichung“, sondern eine von drei fundamentalen Arten des Genießens, konkret die, sich an den entsetzten Blicken von Leuten zu erfreuen, deren Tabugrenzen man gerade übertritt. Etwa indem man ganz oft das N-Wort sagen muss, weil Leute das jetzt problematisieren; oder indem man den Kolonialismus in seinen „positiven“ Aspekten hochleben lässt, wenn Menschen beginnen, der 60 Millionen Verhungerten zu gedenken, die er allein am Ende des 19. Jahrhunderts gefordert hat (siehe Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt).

Perverses Genießen in der Politik ist für Žižek die prototypische Haltung der neuen Rechten, die die „Political Correctness“ verspottet und Herrschafts­verhältnisse affirmiert, nur weil sie es kann. Jeder soll den großen Pimmel bewundern, mit dem sich das in der Rolle des Outlaws gefallende herrschaftliche Subjekt exhibitionistisch über die Grenzen hinwegsetzt, die ihm die Subalternen auf ihrem Weg nach oben ziehen wollen. Es funktioniert aber nur so lange, wie es ein linkes hysterisches Gegenüber gibt, das sich an die Schwanzparade der weißen, männlichen, heterosexuellen und auch sonst recht gut bestückten neoliberalen Rebellen von achgut.com, kreuz.net und wie-sie-alle-heißen noch nicht gewöhnt hat. Ich jedenfalls fand die laue Kopie, die sich die TAZ für diese gähnend langweilige Anti-PC-Tour vor Jahren ins Blatt geholt hat (natürlich mit mindestens einem askriptiven Diskriminierungs­merkmal!), schon immer einfach nur: unspannend.

Wie lügt man mit Statistiken

Montag, April 8th, 2013

Statistischen Vergleichen zufolge habe Schweden die zweithöchste Vergewaltigungs­rate der Welt, 30 Mal so hoch wie die von Indien. In den letzten sieben Jahren habe sich diese Rate sogar beinahe verdreifacht. Ein sogenanntes Faktum, das von der US-Feministin Naomi Wolf in der Assange-Affäre auf eine angeblich distinkte schwedische Vergewaltigungskultur zurückgeführt wurde, von der schwedischen Schriftstellerin und „Islamkritikerin“ Ingrid Carlqvist (Triggerwarnung: Breivik-Style-Rassismus) dagegen auf die Zersetzung der schwedischen Volksgemeinschaft durch die Zuwanderung von Muslimen. Ein Artikel der BBC demonstriert, wie in Wahrheit ausgerechnet das gewachsene feministische Bewusstsein, damit einhergehende Gesetzesänderungen mit veränderten Definitionen des Gegenstands und die höhere Bereitschaft, eine Vergewaltigung bei der Polizei auch wirklich anzuzeigen, Schweden binnen Kurzem zum Vergewaltigungsland Nummer 1 in Europa gemacht haben – wenn auch bloß im Spiegel der Statistik.

Nate57, „Immigranten“

Dienstag, März 26th, 2013

via anthraxit

Überwachen und Bestrafen: Heinz Buschkowskys Buch „Neukölln ist überall“ (Berlin)

Mittwoch, November 14th, 2012

vorgestellt von Anne Seeck und Karl-Heinz Schubert

Der Neuköllner Bürgermeister, Heinz Buschkowsky, ist dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den rassistischen Mund nimmt – so auch in seinem Buch „Neukölln ist überall“. Das stört sogar einige seiner sozialdemokratischen Parteifreunde. Was sie nicht stört, sind seine Vorschläge des Überwachens und Bestrafens, die den kapitalistischen Umbau profitträchtiger Stadtteile in Neukölln und anderswo vorbereiten, fördern und absichern sollen.

Anknüpfend an den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung soll zunächst gezeigt werden, welches Ausmaß an sozialen Verwerfungen in den heutigen Zeiten der Krise entstanden ist. Speziell in Nordneukölln, wo es sich für das mit Immobilien spekulierende Kapital von der Lage und der Bausubstanz her lohnt zu investieren, wohnen heute Menschen, die als potentielle Kunden für den zukünftigen Nordneuköllner Immobilienmarkt nicht mehr in Frage kommen.

Wir werden dann anhand des Buches „Neukölln ist überall“ darstellen, dass sozialdemokratische Stadtpolitik in der Lesart von Heinz Buschkowsky bedeutet, eine Wohnbevölkerung so abzurichten, dass sie den kapitalistischen Stadtumbau akzeptiert, ihn mitträgt und die Vertreibung widerständiger und/oder nicht zahlungsfähiger BewohnerInnen begrüßt. Buschkowsky nennt dies „Integration aller in unser Wertesystem“. (mehr …)

Necla Kelek oder Geschichten aus tausendundeiner Nacht

Sonntag, November 11th, 2012

Mal so:

Also hat die studierte Soziologin Kelek “aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland” erzählt. […] Vom Vater, der ihr, der zweiten Tochter, erst die Teilnahme am Turnunterricht verbot und später jeden Schulbesuch. Von sich selbst erzählt sie, wie sie aufbegehrte und wieder zur Schule durfte, wie sie schließlich die Autorität des Vaters in Frage stellte […]

Cathrin Kahlweit, „Warum nur schauen so viele weg?“ (Süddeutsche Zeitung, 19.05.2010)

Mal so:

Das alles hat mit meinem Vater aber nichts zu tun, denn mein Vater war nicht so religiös, nicht so hörig, und gerade deshalb bin ich Vaters Tochter. Er wollte ja, dass ich lerne, er hat mich gezwungen, zur Schule zu gehen, als ich ein Jahr lang als Teenagerin die Schule schwänzte und stattdessen im Bett ‚Vom Winde verweht’ las.

Necla Kelek im Interview mit Alan Posener (Die Welt, 14.03.2011)

Pinocchio 1940«Die Lüge, einmal ein liberales Mittel der Kommunikation, ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.» (Theodor W. Adorno)

Hat tip to dontyoubelievethehype

Offene Worte an die Veranstalter_innen des t*CSD

Donnerstag, Juni 21st, 2012

Der diesjährige transgeniale CSD: Erst ein Werbevideo machen, in dem jemand das Schild «Queer gehört niemandem!» hochhält. Und dann schwulen Antifas einen Antirepressions-Stand verweigern, weil sie angeblich «nicht queer» seien. Irgendwie sehr widersprüchlich, findet ihr nicht auch? Und überhaupt: Ist dieses Queer-Dingens jetzt so etwas wie die neue Orthodoxie? Darf man an eurem CSD nicht mehr teilnehmen, wenn man sich dieses Gummiwort nicht überstülpt und einen entsprechenden Habitus an den Tag legt? Wenn dem so ist, dann soll diese hippe Gender-Szene doch einfach unter sich feiern. Ich geh dann dort auch nicht mehr hin.

Wenigstens muss ich mich so nicht mehr über eure Plakate ärgern – etwa jenes, auf dem, neben einem Execution-Porn-Foto aus dem Iran, «Fighting against Killing Homosexuals in the Middle East» steht. Was soll das aussagen? Dass in eurem orientalistischen Weltbild das Mullah-Regime mit dem gesamten Nahen Osten identisch ist? Dass außerhalb des Nahen Ostens keine LGBTs umgebracht werden? Und als wäre es angesichts des seit Jahren von bürgerlichen Lobbygruppen geschürten Rassismus in der lesbisch-schwulen Szene, wo Leute öffentlich bespuckt werden, die sich aufgrund ihres Klassenbewusstseins gegen kulturelle Essentialismen stellen (so geschehen mit Genossen der DKP queer während des Motzstraßenfests), nicht schon übel genug, für euer Mobilisierungsvideo ein Plakat auszuwählen, das mit homogenisierenden Zuschreibungen an eine sehr heterogene Region arbeitet, untertitelt ihr das Ganze dann auch noch suggestiv mit dem Wort «antifaschistisch»!

Der Antifa-Charakter des transgenialen CSD macht sich für euch also daran fest, dass ihr – in der Terminologie der internationalen Kriegspropaganda – gegen «Islamfaschismus» demonstriert? Na, dann wundert es mich überhaupt nicht mehr, dass ihr schwule Antifas, die wirklich – und nicht nur qua Einfühlung in westliche Bomberpiloten – gegen faschistische Tendenzen vorgehen; die um praktische Solidarität für einen Genossen bitten, der wegen seiner politischen Aktivitäten zurzeit in Untersuchungshaft sitzt; die schon allein deshalb wesentlich plausibler an die Tradition des Aufstands in der Christopher Street anknüpfen, weil sich dieser nicht abstrakt gegen «Homo- und Transphobie», sondern gegen die konkrete Drangsalierung durch die «Bullenschweine» richtete; dass ihr solche Leute bei eurem «Queer»-Spektakel nicht dabei haben wollt.

Sagt’s doch bitte frei heraus, wenn es der Antiimperialismus ist, der euch an unseren Genossen stört. Aber schiebt nicht solche absurden Begründungen vor wie die, dass sie nicht «queer» wären, während ihr gleichzeitig damit hausieren geht, dass dieses Konzept «niemandem gehört». Aber meinetwegen dürft ihr es gerne behalten!

Islamhass als neoliberale Ideologie

Montag, März 5th, 2012
UT: „Islamfaschismus“ und „muslimisch-bolschewistische Verschwörung“

Antimuslimischer (Kultur-)Rassismus wird von Neokonservativen, bürgerlichen Nazigegnern und „Ideologiekritikern“ ebenso verbreitet wie von Neuen Rechten und Nazis. Erklären lässt sich dieser gesellschaftliche Hass-Konsens nur, wenn die aggressive Hetze gegen den Islam, Muslime und deren angeblichen „Umma-Sozialismus“ nicht allein als eine Form von Fremdenfeindlichkeit, sondern auch als Legitimationsideologie für neoimperialistische Kriege analysiert und ihre Verknüpfung mit dem Anti­kommunismus in den Fokus genommen wird.

Diskussionsveranstaltung mit:

Prof. Dr. Heinrich Fink, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)

Susann Witt-Stahl, Journalistin und Autorin, Hamburg

Dr. Sabine Schiffer, Leiterin Institut für Medienverantwortung, Erlangen

Moderation: Markus Bernhardt (junge Welt)

Veranstalter: junge Welt & Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB)

17.04.2012, Beginn 19:00 Uhr
jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin

Von hier…

Antirassistische Arbeiterprotestlieder anno 1972: Albino & Arbeitersache — „Wir sind alle Fremdarbeiter“

Donnerstag, März 1st, 2012


via onlyaabutxxx

Das enorme Repertoire an Protestliedern, das die Migrant/innen aus ihren Herkunftsländern mitgebracht hatten, war zudem für die Gruppe Arbeitersache ein entscheidender Ansporn, um deutsche Protestlieder zu schreiben, die sich im Gegensatz zu den alten Arbeitermärschen an der aktuellen Popmusik orientierten. Auf der ersten Schallplatte des Münchner Trikont-Verlags befassten sich beispielsweise zwei Lieder ausschließlich mit der Situation der Migrant/innen und dem Streik bei BMW. „Ans Fließband, ans Fließband, die Bosse ans Fließband gestellt!“ — singt Albino, selbst Aktivist bei Lotta Continua und BMW-Bandarbeiter in dem Lied „Wir sind alle Fremdarbeiter“. Laut im Chor und voller Zukunfts­gewissheit tönt es dagegen im rhythmischen Blues „Bei BMW wird gestreikt“ — „Wir waren zwar wenige, doch den Geldsäcken haben wir, was sie so erwartet, mal gezeigt“. (Materialien 1972)

Der Mehrwert des Rassismus

Samstag, Februar 11th, 2012

Aus der Debatte um den republikanischen Antikriegskandidaten Ron Paul und die von ihm zwar nicht selbst verfassten, aber mit seinem Namen versehenen Newsletter aus der Zeit zwischen 1989 und 1994 hebt sich vor allem ein Text der liberalen Zeitschrift reason positiv hervor. Im Unterschied zu den interessierten Skandalartikeln von Neokonservativen und jenes kleinen Kreises linker Bellizisten, den es bedauerlicherweise auch in den USA gibt, spricht er nämlich ehrlich aus, wie nicht nur Dr. Pauls Ghostwriter vor 20 Jahren, sondern ein Großteil der gesamten Republikanischen Partei bis heute tickt. Um es gleich vorwegzunehmen: es geht darum, dass Rassismus in den letzten Jahrzehnten für einen systematischen Angriff auf den Sozialstaat instrumentalisiert wurde, indem man stets aufs Neue das Ressentiment der „Rednecks“ – der sich über ihre Hautfarbe identifizierenden Mitglieder der weißen Arbeiterschaft des Südens – gegen die afroamerikanische Unterschicht mobilisierte. „Die Ordnung“, ließ sich etwa einer der Newsletter von Ron Paul & Associates im Jahr nach den Rodney King Riots von 1992 vernehmen, „wurde in L.A. erst wiederhergestellt, als es für die Schwarzen Zeit wurde, ihre Wohlfahrtsschecks abzuholen.“ Die Autoren Julian Sanchez und David Weigel von reason situieren diesen Rassismus in einem größeren strategischen Kontext: (mehr …)