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Zwischen Russophobie und Rechtfertigung: Zur Kritik des deutschen »Homonationalismus«

Mittwoch, März 19th, 2014

In dem Artikel „Der homophobe Russe steht vor der Tür“ bewegt sich Harm auf einem schmalen Grat. Ich will nur einen Satz kommentieren: „Warum sollte jedes Land dieselben Wege gehen müssen?“ Weil Russland mit dem „Anti-Homopropaganda-Gesetz“ gar keinen anderen Weg geht, sondern nur Margaret Thatchers „No Promotion of Homosexuality“ Law aus den 80er Jahren kopiert.

Die Antwort auf Homonationalismus ist doch nicht die Relativierung von Homophobie in anderen Staaten, sondern der Nachweis, dass der Westen ein irreales und doppelzüngiges Bild über sich selbst kultiviert. Man nehme nur den Einbürgerungstest, der in Baden-Württemberg aufgelegt wurde, um Muslime pauschal als homophob zu diskreditieren, während nur wenige Jahre später dieselben „autochthonen“ CDU-Kreise, die das Thema für ihre xenophobe Politik instrumentalisierten, nun selbst eine der schlimmsten heterosexistischen Kampagnen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte vom Zaun brechen.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Der „Andere“ wird gerade dort, wo er es einem gleichtut, als kulturell different konstruiert. So auch in der aktuellen Krimkrise: Da regen sich Deutsche über Russlands Großmachtallüren und „Putins Griff nach Westen“ auf, während sie selber über EU und NATO an der Ausweitung ihrer Einflusszone im Osten arbeiten, völkerrechtswidrige Kriege führen und einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat anstreben. DIE Heuchelei muss bloßgestellt werden, aber nicht indem man irgendwas von der Kritik an der fraktionsübergreifenden und selbst noch die Kommunisten einschließenden neokonservativen Politik der „family values“ in Russland fortnimmt.

Dass nicht schon jede Kritik aus dem Westen mit antirussischer Demagogie operiert, zeigt dabei ein Beispiel aus Schweden, wo 2.000 Menschen ihren Protest gegen das „Anti-Homopropaganda-Gesetz“ der Duma demonstrativ mit der russischen Nationalhymne unterlegten.

Im Übrigen ist es selbst ein antirussisches Klischee, dass man, wie Harm allen Ernstes behauptet, in Russland nicht demonstrieren dürfe.