Archiv für das 'Klasse'-tag

“Aufbruch in die Steinzeit des Marxismus”

Kreisch, ich lieg am Boden:

Heute wird in der K9 (Kinzigstraße 9, 19 Uhr) der “Marxismus ohne Klassen” behandelt. Der Autor Georg Klauda spricht darüber, wie Adorno und “der frühe Lukács” Marx nicht verstanden hätten, und, so Klauda, statt der Armut nun den von ihnen umdefinierten Warenfetisch in den Blick nahmen. Das sei, sagt Klauda schließlich, “einer der Hauptgründe für die wiedergewonnene Attraktivität der Kritischen Theorie in den neoliberal geprägten 90ern”. Die Kritische Theorie ist also ein Agent des Kapitalismus oder zumindest sein dummer Zuspieler. Dabei, so weiß es der Erzmarxist besser, ist ja alles nur ein Klassenspiel, wenn man das nach der immergleichen Methode immergleich analysiert, findet man zwar auch immer ein paar Widersprüche, die man jedoch als Nebenwiderspruch ignorieren kann. Ist das der Aufbruch in die Steinzeit des Marxismus?

Na, wenigstens bellen genau die Hunde, die man treffen wollte! ;)

Die Veranstaltung wird übrigens am 17.2. um 20:00 Uhr im Stadtteilladen Lunte (Berlin-Neukölln) wiederholt.

Form ohne Inhalt. Oder wie sich deutsche Linke einen Marxismus ohne Klasse denken

anthraxit macht in seinem Blog auf einen Text der Basisgruppe Antifaschismus Bremen aufmerksam, der namens des Ums-Ganze-Bündnisses zum tausendsten Mal mit dem “Traditionsmarxismus” abrechnet und für sich beansprucht, das Rad neu zu erfinden. Selbstverständlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, aus den Fehlern des ML zu lernen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass die Kritik tatsächlich über ihren Gegenstand hinaus ist. Manchmal fällt sie auch einfach dahinter zurück. So schreibt die Basisgruppe:

Der Umkehrschluss aus der angeblichen, proletarischen Welt­anschauung, war der grundsätzlich unkritische und positive Bezugspunkt auf alle Unterdrückten. Dazu ist zu sagen: die marxsche Analyse war formanalytisch. Es ging um die Frage, warum sich diese Gesellschaftsformation in diesen sozialen Formen reproduziert. Wie konnte (und kommt) es zu, der im Kapitalismus existierenden Verselbständigung („Hinter dem Rücken – aber durch die Menschen durch“) der gesellschaftlichen Herrschaft. Marx untersuchte dies zwar durchaus mit politischer Intention – trotz allem ging es vor allem um die Analyse dieser ‘verborgenen’ Mechanismen.

Um das mal etwas vereinfacht auszudrücken: Die Autor*innen behaupten, dass es Marx überhaupt nicht so sehr um den Inhalt der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung gegangen wäre – die Ausbeutung fremder Arbeitskraft und das dafür notwendige Maß an Unterdrückung. Denn diesen Inhalt teilt der Kapitalismus ja mit allen vorangegangenen Klassengesellschaften. Nein, zu tun wäre es ihm vor allem um die spezifische Form gewesen: die Warenproduktion und die hieraus resultierende Verselbständigung (nicht vielmehr Versach­lichung?) gesellschaftlicher Herrschaft. Diese Deutung verkauft die Basisgruppe dann unter dem Schlagwort “Formanalyse” als den neuesten Clou. (Click here to continue...)

Marxismus in Zeiten des Neoliberalismus

Die Totalität des Kapitalismus stellt sich zunächst so dar, daß alle Dinge und Beziehungen zur Ware werden – und das bietet schon genug Anlaß zur Kritik und Entrüstung über die entfremdeten Verhältnisse. Aber die Warenform erklärt uns nicht, warum die Verhältnisse so sind und wo der Ansatzpunkt ihrer Umwälzung liegen kann. Das Rätselhafte der Warenform besteht eben darin, daß sie die wirklichen Zusammenhänge und Grundlagen des Kapitalismus verdeckt. Sie ist ein Moment von Entfremdung und sie ist zugleich ein dichter Nebel, der uns die Kritik der Verhältnisse und ihre Überwindung verbaut. Es ist daher kein Wunder, daß die »Wertkritik« nur zwei gleichermaßen praxislose Auswege aus diesem Dilemma weiß: entweder überläßt sie die Umwälzung der Verhältnisse einer objektiven Gesetzmäßigkeit des ökonomischen Zusammenbruchs (Krisis), oder sie gefällt sich in kulturellem Pessimismus, der alle Praxis als das »Falsche« denunziert.

Die Warenform ist nicht das Ganze der kapitalistischen Gesellschaft und der Wert ist nicht der Universalschlüssel zu ihrer Kritik. Er ist der falsche Ausdruck für eine historisch besondere und widersprüchliche Weise der gesellschaftlichen Reproduktion des Lebens, und er kann nur im Zusammenhang mit diesen historischen, keineswegs ewigen Formen verstanden werden. Heute fallen uns viele dieser Besonderheiten nicht mehr auf, sie springen nicht ins Auge, sondern sind zu Normalitäten banalisiert worden. Die folgende historische Skizze soll daher keine »historische Herleitung« des Kapitalismus darstellen, sondern die Besonderheiten des Kapitalismus umreißen, die auf den Zusammenhang zwischen Warenform (Wert) und Produktionsweise hinweisen. Daran zeigt sich, daß etwas wie Wert als Kategorie und als wirkliches Verhältnis nur existieren kann unter den Bedingungen einer Produktionsweise, die auf dem Gegensatz der Produzenten zu ihren eigenen Produktionsbedingungen und dem Gegensatz zu ihrer eigenen Gesellschaftlichkeit beruht – auf Verhältnissen, die die Warenform notwendig mit einschließen und die zugleich hinter dieser Warenform verschwinden.

» Weiterlesen im Wildcat-Zirkular Nr. 62

Die Eliminierung von “Klasse” in der Dialektik der Aufklärung

Im Grunde ist es ein schöner Witz, dass die Dialektik der Aufklärung bei Suhrkamp noch immer ohne editorischen Apparat erscheint. Das ist in den von Fischer verlegten Gesammelten Schriften Horkheimers (Band 5) grundlegend anders. Hier erfährt man in den Fußnoten des Herausgebers Seite für Seite, wie das Werk 1947 akribisch von marxistischem Vokabular gesäubert wurde. Von Monopolen, Kapitalismus und Klassengesellschaft durfte jetzt nicht mehr die Rede sein. Stattdessen hieß es nun unverbindlich “das Bestehende”, “die Ordnung” oder “die Gesellschaft”. Diese theoretische Selbstverstümmelung setzte sich in den folgenden Jahren immer radikaler fort. Alsbald sprach die Kritische Theorie nur mehr von der Sphäre der Zirkulation, mit deren Kritik man bei niemandem aneckte, weil es dort um nichts ging und auch die Konservativen es nicht mochten, wenn “Kultur” zur Ware wurde; ersetzte – theoretisch besonders beschämend – Kapitalismus durch “Tauschgesellschaft” und machte ihren lieben Frieden mit dem bürgerlichen Klassensystem. So wurde eine ganze Generation von vermeintlich kritischen Marxisten in die Bahnen einer albernen, folgenlosen und zunehmend reaktionären Kulturkritik gelotst. Endstation Zirkulations­marxismus, Neokonservativismus, “Ideologie­kritik”.

Hier einige Beispiele der Retuschen, die die Autoren 1947 an ihrem eigenen Werk vornahmen und welche zahlreiche Seiten des Buches betrafen:

“… das Bild jener Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht, an denen sie sie sich bestätigen kann. Das wäre die klassenlose Gesellschaft. [1947 gestrichen]”

“Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von der Klassengesellschaft [1947: solcher Ordnung] nicht zu trennen.”

“Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie bloß zur Standardisierung und Serienproduktion gebracht und das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des gesellschaftlichen Systems sich unterschied. Das aber ist keinem Bewegungsgesetz der Technik aufzubürden, sondern ihrer Funktion in der Profitwirtschaft [1947: Wirtschaft heute].”

“Verschwiegen wird dabei, dass der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht des Kapitals [1947: des ökonomisch Stärksten] über die Gesellschaft ist.”

Im Grunde kann man niemanden ernst nehmen, der aus der kastrierten Fassung der Dialektik der Aufklärung zitiert, ohne sich des Anti­kommunismus und der Abwehr der Klassenfrage gewahr zu werden, denen sich die beiden nach dem Krieg immer fanatischer und überzeugter unterwarfen – bis aus dem ehemaligen Marxisten Horkheimer der proto-konservative CDU-Wähler wurde, der im Namen des von Linken bedrohten bürgerlichen Konkurrenz­subjekts “den freien Westen”, die Gräuel des Vietnamkriegs und die Pillenenzyklika des Papstes verteidigte.

Nerd-Utopien: Die Luft ist raus (Re:publica 11)

In der zurückliegenden Woche war ich das erste Mal auf der Re:publica, einem Blogger_innen-Treffen, das sich innerhalb von wenigen Jahren zu einem monströsen Social-Media-Kongress mit etwa 3.000 Teilnehmenden entwickelt hat. Die Kosten betragen mittlerweile 110 Euro für ein reguläres Ticket, so dass man sich die durchschnittliche Klassenzusammensetzung des Publikums unschwer ausmalen kann. Gesellschaftskritische Inhalte waren so gut wie keine zu finden; dafür, neben viel Werbung für irgendwelche hippen Internet-Startups, ein Vortrag von Gunter Dueck, dem Chief Technology Officer (CTO) von IBM Deutschland, dessen salopper Auftritt mittlerweile via Twitter zum Höhepunkt des dreitägigen Events gekürt wurde.

Wenn man sich das Video allen Ernstes antut, sieht man nach ca. 40 Minuten, woher die Begeisterung eigentlich rührt: Dueck formuliert eine astreine Klassenideologie für verwertungsgeile Internet-Yuppies, die sich vor wenigen Jahren noch als spleenig-alternative Nerds präsentierten, von dem Uni-Philosophen und IBM-Manager aber erstmals die Rolle einer ideologischen “Führungsklasse” im postfordistischen Kapitalismus zugesprochen bekommen. Das ist natürlich etwas größenwahnsinnig, weshalb die Re:publica zugleich von dem unsäglichen Gejammer durchzogen war, dass die neue bürgerliche Avantgarde von den traditionellen Medien und Parteien noch immer schmählich vernachlässigt werde. Und auch der unerschöpfliche, technik­deterministische Glaube daran, dass das Internet ein neues Zeitalter der gesellschaftlichen Entwicklung eingeleitet hätte, will nach zwanzig Jahren Nerd-Utopien niemanden mehr so recht überzeugen.

In einem der feministischen Workshops, die dem langweiligen Bramarbasieren über die “digitale Kultur” noch ein bisschen neue Würze verleihen sollten, wurde es am Ende offen ausgesprochen: Die virtuelle Gesellschaft des Internet unterscheidet sich vom “real life” täglicher Face-to-Face-Kommunikation höchstens darin, dass Rassismus und Sexismus unter dem Deckmantel der Anonymität noch ein wenig extremere Blüten treiben. So darf man mit einem – in böser Absicht – gekürzten Zitat des Veranstalters Johnny Haeusler fragen: “Was hat das Internet außer [...] schnellen Vertriebswegen für digitale Güter [...] je für uns getan?”


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  • LG Essen hat Beschwerde von ProNRW-Hauer gegen den Kostenteilungsbeschluss zurückgewiesen. Die Sache geht nun zur Entscheidung ans OLG Hamm.
  • Geht jetzt wieder. Sorry, war ein kleiner Nervenkrimi.
  • Leider gibt es immer noch Komplikationen mit dem Dateisystem. Wir räumen gerade auf.