Dass Fundamentalismus kein kulturelles Ding ist, sondern zum gegenwärtigen Gesicht eines Zeitalters rechnet, das sich einst stolz “wissenschaftlich-technologisch” nannte, die Probleme von Armut und sozialer Unsicherheit aber so wenig lösen konnte, dass es seit Ende der 70er Jahre zunehmend in neoreligiöser Spinnerei versumpft, das belegen im Kleinen diese verstörenden Bilder aus Bet Schemesch, einer 80.000 Einwohner zählenden Satellitenstadt 30 Kilometer westlich von Jerusalem. Dort haben Ultra-Orthodoxe sich und ihren säkularen Nachbarn in den letzten Jahren eine Hölle auf Erden bereitet: strikte Geschlechtertrennung und Verbannung von Frauen aus der Öffentlichkeit; achtjährige Mädchen, die aufgrund ihres “schamlosen Aufzugs” als Flittchen beschimpft und angespuckt werden, sowie die Auskunft, dass hier nur Gottes Gesetze Gültigkeit besäßen. Von “small Iran”, wie es im Film heißt, sollte man allerdings lieber nicht sprechen, wenn man nicht die grenzenlose Wut frommer antideutscher Seelen auf sich ziehen will!
Archiv für das 'israel'-tag
2010 hielt Gideon Levy an der Columbia Universität in New York einen Vortrag über die Okkupation Palästinas und ihre mentale Verarbeitung in der israelischen Gesellschaft. Levy ist das journalistische Aushängeschild der regierungskritischen Tageszeitung Ha’aretz und einer der profiliertesten innerisraelischen Gegner der über-40-jährigen Besatzung. Hier im Folgenden der Videomitschnitt:
Dauer: etwa 1,5 Std. (40 min. Vortrag, 45 min. Diskussion). Sprache: englisch.
Die Linke tendiert ja bekanntlich dazu, bei sozialen Bewegungen alle Augen zuzudrücken, um die regressiven Momente in ihnen nicht wahrnehmen zu müssen. Zuletzt bewiesen das israelische Aktivist_innen auf der Mietenstopp-Demo in Berlin, als sie sich in einem Redebeitrag die Proteste für soziale Gerechtigkeit in Israel als Ausdruck einer Opposition gegen Neoliberalismus und Rassismus schönredeten.
Was davon wirklich zu halten ist, kann man einem Blog-Eintrag des amerikanischen Publizisten Max Blumenthal entnehmen, der am 14. August davon berichtete, dass sich die “Bewegung 14. Juli” auf ihrer Website mit dem Zeltprotest der Bewohner_innen der illegalen Mega-Siedlung Ariel im Westjordanland solidarisierte, während sie die Situation der Palästinenser_innen und deren Forderung nach Gerechtigkeit auch weiter beharrlich ignoriert.
In einem Video-Interview vom 22. August analysiert Blumenthal die Illusionen, die sich Linke in Israel über den Charakter der israelischen Sozialproteste machen, und legt dar, wie die komplette Ausblendung des Schicksals der Palästinenser_innen aus dem diskursiven Bewusstsein dieser Bewegung möglich ist:
Pixelutopia hat ja in einem sehr dankenswerten Beitrag bereits darauf hingewiesen, wie perfide es sich mit der “anti”deutschen Instrumentalisierung von muslimischen Frauen verhält: “Sie sind höchstens Objekte einer Befreiung von Außen, einer Befreiung, die nur über ihre vorherige Rassifizierung möglich ist und in der ihre eigene Perspektive keine Rolle spielt.”
Ein ähnliches Beispiel lieferte letzten Monat der Berliner transgeniale CSD, wo “palästinensische Queers” niedergebrüllt und ausgebuht wurden, als sie sich erstmals mit Unterstützung queerer Aktivist_innen aus Israel auf einer deutschen Kundgebung zu Wort meldeten. Als stumme Opfer sind sie scheinbar willkommen, als politische Subjekte werden sie gnadenlos niedergemacht. (Continue...)
Ein gut recherchierter Artikel von Susann Witt-Stahl ordnet das “anti”deutsche Phänomen in den ideologischen Gesamtkontext der neuen Rechten ein:
Viele Christen glauben, der in der Bibel prophezeite Endkampf zwischen Gut und Böse habe bereits begonnen. Schauplatz ist Israel. Entschieden wird er zwischen „wahren Juden“ und „teuflischen Arabern“ – durch einen Atomkrieg. Der hat (noch) nicht stattgefunden. Aber ein Propagandakrieg ist in vollem Gange: Neue Rechte, Rechtskonservative, „antideutsche“ und andere Neokonservative eröffnen mithilfe einiger Noch-Linker eine neue politische Front: „Für die Verteidigung Israels und der Juden“, schallt der Schlachtruf aus der FPÖ, von der Achse des Guten und sogar vom rechten Rand der Linkspartei. „Umma-Sozialisten“ (Islamisten) und Antiimperialisten sind für sie die Nazis von heute. Daher verlaufe die Grenze nicht mehr zwischen rechts und links, oben und unten, sondern zwischen „zivilisiertem Westen“ und „barbarischem Islam“. Muslime, Antikapitalisten, linke Israel-Kritiker, besonders jüdische, und die Friedensbewegung sind die neuen Feinde; Antisemitismus-Vorwürfe die neuen Waffen. Die kommen mittlerweile so massiv und willkürlich zum Einsatz, dass die französischen Philosophen Alain Badiou und Eric Hazan in ihrer Streitschrift „L’antisémitisme partout“ von einer „neuen Inquisition“ sprechen. Die politischen Koordinaten sind mittlerweile völlig durcheinandergeraten. Badiou und Hazan erwarten sogar, dass „linke Intellektuelle demnächst vom Front National als Antisemiten behandelt werden“.
So ein Reinfall: Da startet Felix Baum in seinem Artikel German Psycho, der in der amerikanischen Zeitschrift Platypus Review als Antwort auf ein Manifest der Freiburger ISF erschienen ist, zunächst einmal richtig cool durch, indem er sowohl die ideologischen Fehler der antiimperialistischen Linken als auch den “Wahn” aufs Korn nimmt, den die sog. “Antideutschen” vorstellen – und produziert am Ende, statt Erkenntnis, doch selbst nur einen großen blinden Fleck. Baum, der sich als Repräsentant einer dritten, “kosmoproletarischen” Strömung jenseits der “spiegelbildlichen ideologischen Schemata” von Antiimp und AntiD versteht, hält zunächt ein paar richtige Kritikpunkt an beiden fest:
The idea that anti-colonial movements such as the Vietnamese Stalinists under Ho Chi Minh stood for universal emancipation, rather than being harbingers of the state-capitalist modernization of their societies, was shared by the Left, Old and New, the world over. This was ideology in the strict sense: it had a foundation in reality and could thus be criticized. In contrast, only German leftists could come to the conclusion that Ariel Sharon represents a triumvirate of Lenin, Durruti, and Walter Benjamin, and maintain that Israel is a sort of “dictatorship of the proletariat,” an “armed attempt by the Jews to reach communism while still alive.” [Joachim Bruhn] This is not ideology but delusion, and, as such, it can be analyzed, but no longer criticized. Its psychological driving force is a macabre desire for the “revenge for the dead” attributed to Sharon’s politics—as if the West Bank and the Gaza Strip were a retirement home for the SS.
Nachdem er das “Antideutschtum” nicht als Ideologie, sondern als delusion, nicht als fehlerbehaftet, sondern als den Fehler selbst bestimmt hat, geht Baum auch mit dem rohen Antiimperialismus der 70er Jahre ins Gericht: (Continue...)
Die Bundesrepublik hat nun, erstmals in ihrer Geschichte seit den frühen sechziger Jahren, nicht nur eine proisraelische, keiner Palästinensersympathie mehr verdächtige Linke, deren Organe von ‘Konkret’ bis zur ‘Jungle World’ reichen. Sie hat auch eine ebenso gestimmte Rechte. Ein Datum, das man sich notieren sollte. —FAZ
via umwerfend
(via mondoprinte)
Ein weiteres spannendes Interview mit Moshe Zuckermann – zur politischen Rechtsentwicklung in Israel – findet sich im Blogsport-Audioarchiv.
Am 2. bis 4. Dezember fand an der Humboldt-Universität in Berlin die Konferenz Fundamentalism and Gender statt. Ich gehöre leider nicht zum erlauchten Kreis derjenigen, die von solchen Veranstaltungen schon vorab erfahren. Und meistens auch hinterher nur, wenn es einen handfesten Skandal gegeben hat. So wie auch diesmal anlässlich der Einladung von Jasbir Puar, deren Buch Terrorist Assemblages ich hier zuhause – leider noch ungelesen – herumliegen habe.
Puars umstrittener Vortrag mit dem Titel “Beware Israeli Pinkwashing” richtete sich gegen den Versuch der Instrumentalisierung palästinenscher “Lesben und Schwuler” mit dem Ziel, Unterstützung für die Kriegs- und Besatzungspolitik des Staates Israel einzuwerben. Hierbei handelt es sich um eine altbekannte Kritik, seit Blair Kuntz im August 2006 seinen Aufsehen erregenden Essay “Queer as a Tool of Colonial Oppression: The Case of Israel/Palestine” auf ZNet veröffentlichte. Als besonders degoutant erscheint diese Instrumentalisierung vor allem deshalb, weil Israel palästinensischen “Queers” noch in keinem einzigen bekannten Fall Asyl gewährt hat, während es das Thema propagandistisch ausschlachtet, um sich selbst als Leuchtfeuer der Menschrechte zu feiern – und so darüber hinwegzutäuschen, dass es diese Rechte in den palästinensischen Gebieten als Besatzungsmacht regelmäßig mit Füßen tritt. (Continue...)





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