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Liberalism, Cultural Imperialism, and The Birth of „Civilisation“

Sonntag, Februar 19th, 2012

Im 2011 veröffentlichten vierten Band seines 1974 begonnenen Hauptwerks Das moderne Weltsystem beschreibt der amerikanische Sozialwissenschaftler Immanuel Wallerstein für den Zeitraum zwischen 1789 und 1914 (das sog. lange 19. Jahrhundert) die Entstehung des liberalen Fortschrittsnarrativs sowie seiner linken und rechten Variante – Radikalismus und Konservatismus – als Prozess der Formierung einer globalen Geokultur für das von ihm als erstem so getaufte „kapitalistische Weltsystem“.

Dessen Ursprünge datieren zwar bis ins lange 16. Jahrhundert zurück. Aber „das 19. Jahrhundert sah“, im Rahmen des liberalen Nationalstaats und des dort ausgefochtenen Kampfs um Bürgerrechte, „die Schaffung unseres gesamten zeitgenössischen Apparats an Identitäten“ (S. 217): „Bourgeois und Proletarier, Mann und Frau, Erwachsener und Minderjähriger, Brotverdiener und Hausfrau, Mehrheit und Minderheit, weiß und schwarz, europäisch und nicht-europäisch, gebildet und unwissend, […] hetero­sexuell und homosexuell, normal und abnorm, befähigt und behindert und selbstverständlich die Urkategorie, die alle diese anderen impliziert — zivilisiert und barbarisch“ (S. 146).

Warum er die letzte aus dieser langen Liste bürgerlicher Antinomien als eine Art ideologische Basis betrachtet, die den anderen mehr oder weniger verborgen zugrundeliegt, erschließt sich mir nicht gleich. Eine Andeutung gibt aber vielleicht die nachfolgende Passage (deren englisches Original sich, samt Kontext, auch online unter „Citizens All? Citizens Some! The Making of the Citizen“ findet):

Im 19. Jahrhundert gelangten die sogenannten Mittelschichten in die Lage, die westliche Welt zu dominieren, und Europa in die Position, die Welt zu beherrschen. Wenn man die oberste Spitze erreicht hat, ist das Problem nicht länger, wie man dorthin kommt, sondern wie man dort bleibt. Die Mittelschichten national und Europa global suchten, ihren Vorteil zu erhalten, indem sie sich zur Sicherung ihres Privilegs den Mantel der Natur und der Tugend verschafften. Sie nannten es Zivilisation, und dieses Konzept war ein Hauptbestandteil ihres Strebens. In der westlichen Welt wurde es in Bildung übersetzt, und Bildung wurde zu einem Mittel, die Massen zu kontrollieren. Auf der globalen Bühne, beginnend mit Napoleon (aber später von allen anderen europäischen Mächten übernommen), „wurde aus dem Begriff der Zivilisation als Ideologie … auf schamlose Weise eine Form des kulturellen Imperialismus“ (Woolf, 1989, 119). [S. 156]

Im Ganzen eine interessante Verlagerung des monumentalen Hauptwerks von Immanuel Wallerstein auf das Gebiet der Ideologiekritik – eine Verschiebung, die sich in den letzten zehn Jahren bereits abzeichnete. Es entspricht der methodischen Herangehensweise, jedem seiner Bände einen völlig neuen Fokus zu geben, um angesichts des Immergleichen globaler kapitalistischer Ausplünderung und Verarmung endlose theoretische Wiederholungen zu vermeiden.

Immanuel Wallerstein, The Modern World-System IV: Centrist Liberalism Triumphant, 1789-1914. Berkeley u.a.: University of California Press, 2011.

Wallerstein: Major Crisis Still Ahead

Freitag, Oktober 23rd, 2009

Russia Today interviews Immanuel Wallerstein, academically renowned as father of world-system theory, on the financial crisis, the end of U.S. hegemony, and his forecast of a „super depression“ that, he says, is still ahead of us: