Posts Tagged ‘homosexualität’

A Gay Foreigner in Damascus

Dienstag, Juni 28th, 2011

Ein Artikel im Spectator nimmt den Fall des von einem Amerikaner gefakten Blogs „A Gay Girl in Damascus“ zum Anlass, den orientalistischen westlichen Blick auf „Homosexualität“ in arabischen Ländern zu hinterfragen – obwohl er sich ihm selbst nicht ganz entziehen kann. In Anlehnung an den palästinensisch­stämmigen Politikprofessor Joseph Massad kritisiert er dabei am Ende auch das pseudo-emanzipatorische Ansinnen westlicher Lesben- und Schwulen­organisationen, die es nicht lassen können, den arabischen Bevölkerungen ihre eigene identitäre Matrix aufzuzwängen:

I was well aware of Syrians’ reputation for being extraordinarily welcoming and friendly, even by Arab standards; but even I wasn’t quite prepared for the frank opening salvo from the handsome young guy sitting next to me. ‘Are you active or passive?’ he asked me.

It turned out that the coffee shop — packed with men of all ages and types, from English-speaking teenagers to elderly Bedouins — was a pick-up joint. Two other nearby ramshackle coffee shops served the same function, as did the only (packed) local bar. The city’s public parks, moreover, were 24-hour cruising areas, resembling nothing if not Russell Square in its 1980s heyday. (mehr …)

Homophober Moslem, toleranter Westen? – Die siebziger Jahre

Mittwoch, März 2nd, 2011

Schah verteidigt Menschenrechte — Nach Übergriffen der Teheraner Polizei gegen schwule Touristen stellt sich Schah Reza Pahlewi einem Interview mit [dem BRD-Schwulenmagazin] Du&Ich: «Ich höre zum ersten Mal, dass Homosexuelle in meinem Land misshandelt würden. Das sind Verleumdungen, lauter Lügen. In meinem Land sind Homosexuelle freie Menschen, genauso frei wie alle anderen. Das kann ich Ihnen versichern.» Nur die Jugend müsse geschützt werden. In Marokko etwa «gibt es regelrechte Bordelle, in denen Knaben angeboten werden, und so etwas werden Sie in meinem Land niemals finden». Iran habe die schönsten jungen Männer der Welt. Er persönlich setze sich dafür ein, dass deren soziale Situation sichergestellt sei. […] (Du&Ich 6/74)1

Nixon sucht Kammerjäger — Die Washington Post berichtet, dass der zurückgetretene US-Präsident Richard Nixon offensichtlich eine tiefe Abneigung gegenüber Homosexuellen hegt. Auf einem der Überwachungs­bänder, das nach der Watergate-Affäre freigegeben wurde, ist folgende Äußerung enthalten: «Homosexuelle sind wie Ratten. Ich frage mich, warum es keine Rattenvertilgungs­mittel für Schwule gibt?» (Du&Ich 10/74)2

Veranstaltungshinweis:
Mi, 16. März ’11, 19:00 Uhr
SALZBURG
«Homophober Moslem, toleranter Westen?»
Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät
Rudolfskai 42, Hörsaal 381.
Veranstalter: GRAS Salzburg

  1. Dietmar Kreutzer, Die Chronik der Schwulen: Die siebziger Jahre. Hamburg: Männerschwarm-Verlag, 2007. S. 53. []
  2. Ebd., S. 56. []

Neokonservative Homophobie

Sonntag, Januar 16th, 2011

Zwei Kommentare aus dem transatlantischen Kriegsblog „Fact – Fiction“.

Saudi Arabia: Kingdom in the Closet

Montag, Januar 10th, 2011

Wie lebt es sich als – in unseren Begriffen – „Schwuler“ in Saudiarabien? Die Journalistin Nadya Labi hat das für einen außergewöhnlichen Artikel in der Zeitschrift The Atlantic etwas genauer recherchiert:

The Kingdom in the Closet

SODOMY IS PUNISHABLE BY DEATH IN SAUDI ARABIA, BUT GAY LIFE FLOURISHES THERE. WHY IT IS “EASIER TO BE GAY THAN STRAIGHT” IN A SOCIETY WHERE EVERYONE, HOMOSEXUAL AND OTHERWISE, LIVES IN THE CLOSET

[…] When Yasser hit puberty, he grew attracted to his male cousins. Like many gay and lesbian teenagers everywhere, he felt isolated. “I used to have the feeling that I was the queerest in the country,” he recalled. “But then I went to high school and discovered there are others like me. Then I find out, it’s a whole society.” (mehr …)

Die RIM im Wandel der Zeiten

Sonntag, Januar 2nd, 2011

Programm der maoistischen RCP-USA vom 1. Mai 1981:

As for homosexuality, this too, is perpetuated and fostered by the decay of capitalism, especially as it sinks into deeper crisis. This is particularly the case because of the distorted, oppressive man-woman relations capitalism promotes. Once the proletariat is in power, no one will be discriminated against in jobs, housing and the like merely on the basis of being a homosexual. But at the same time education will be conducted through out society on the ideology behind homosexuality and its material roots in exploiting society, and struggle will be waged to eliminate it and reform homosexuals.

Programmentwurf der RCP-USA vom 1. Mai 2001:

The revolutionary proletariat is staunchly opposed to the attacks on homosexuality by reactionary forces such as religious fundamentalists, and to all physical assaults on, discrimination against, and government repression of homosexuals, which is so widespread and vicious in the U.S. today. In the new society, discrimination against homosexuals will be outlawed and struggled against in every sphere of society, including personal and family relations.

Karl Marx, „Thesen über Feuerbach“, 1845 (redigierte Fassung von 1888):

Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.

Fact Check §175

Samstag, September 18th, 2010

Bei meinem letzten Vortrag in Bochum wurde mir in suggestivem Ton die Frage gestellt, wann es denn das letzte Mal in der BRD ein Verurteilung wegen §175 StGB (Homosexuelle Handlungen) gegeben habe. Die Antwort, dass der Paragraph bis zuletzt, d.h. bis 1994, von deutschen Gerichten auch tatsächlich angewandt wurde, löste mehrere ungläubige Nachfragen aus. Deswegen als Beleg hier noch mal der Link auf den (von mir mitverantworteten) Wikipedia-Artikel zum 175er mit den einschlägigen Jahres-Kriminalstatistiken.

Hierbei lassen sich zwei historische Einschnitte feststellen: eine Explosion (Verzehnfachung) der Fallzahlen im Jahr 1935, als der Paragraph vom Beischlafverbot auf ein Totalverbot „homosexueller“ Handlungen unter Männern, einschließlich leidenschaftlichen Küssens oder gegenseitigen Masturbierens, ausgedehnt wurde. Zur Erfüllung des Tatbestands war seitdem nicht einmal mehr eine physische Berührung erforderlich. Es genügte, wenn „objektiv das allgemeine Schamgefühl verletzt und subjektiv die wollüstige Absicht vorhanden war, die Sinneslust eines der beiden Männer oder eines Dritten [zu] erregen“. (mehr …)

Wie kann man nur Afghane sein? Eine US-Studie impft Soldaten gegen die paschtunische „Homosexuellen“-Kultur

Dienstag, August 31st, 2010

Eine von Fox News im Januar 2010 vorgestellte Forschungsstudie des US-Militärs thematisiert zum ersten Mal das notorisch homophobe Verhalten amerikanischer Soldaten gegenüber afghanischen Männern. Im Zentrum steht jedoch, wie zu erwarten, nicht die kritischen Reflexion eigener gesellschaft­licher Normen, sondern die Aufforderung an die Soldaten, „eine wichtige soziale Kraft, die der paschtunischen Kultur zugrundeliegt“, richtig zu verstehen und entsprechend exotistisch einzuordnen.

The study, obtained by Fox News, found that Pashtun men commonly have sex with other men, admire other men physically, have sexual relationships with boys and shun women both socially and sexually — yet they completely reject the label of „homo­sexual.“

Nicht dass die US-amerikanischen Soldaten „homo“ und „gay“ als Beleidi­gungen einführen, um die männliche afghanische Bevölkerung nach den Kategorien von „normal“ und „anormal“ durchzusortieren, sondern dass sich paschtunische Männer allen Ernstes weigern, sich mit diesen Beleidigungen positiv zu identifizieren, stellt für die Studie (oder zumindest Fox News) das eigentlich Bemerkenswerte dar. So wird der Schwarze Peter für die homo­phoben Ausflipper amerikanischer Soldaten einfach an die afghanische Gesell­schaft weitergegeben. (mehr …)

Arabo-Islamic Texts on Female Homosexuality, 850 – 1780 A.D.

Donnerstag, August 26th, 2010

Arabo-Islamic Texts on Female Homosexuality, 850 - 1780 A.DÜber die Geschichte weib-weiblicher Liebe in der islamischen Welt gibt es bislang einen eklatanten Mangel an Forschung und ent­sprechender Sekundärliteratur. 2009 ist die Australierin Samar Habib angetreten, dieses Manko mit ihrer nun als Taschenbuch erschienenen Monographie sowie einer ein­schlägigen Quellensammlung endlich zu be­heben. Zu letzterer hier der Klappentext:

Increasingly in mainstream dis­course and rhetoric, there only seems to be one very serious and conservative face to Islam, Muslim communities, and their govern­ments. Mainstream modern Islamic hermeneutics condemn homosexual orientations, sometimes with punishments as severe as death. Nevertheless, there were also instances in Muslim history, culture, and society where religiosity was playful not punitive, where the sexual body was inscribed with markers of pleasure not those of perdition. Exploring instances within the Arabian Islamic Empire that negate impressions about Muslim cultures as eternally monolithic, conservative, and orthodox, we can come to a better and more nuanced understanding of the complexities of former and contemporary Muslim civilizations. The question of gay and lesbian human rights in the Muslim world is a topical and pressing one, and the need now for alternative ways of approaching Islam in the modern world is more important than ever. The answers to today’s modern crisis in human rights for LGBTIQ people lies in looking at the past and highlighting elements that can assist in the creation of a more equitable future. This publication discovers and brings to the English reader an array of surviving texts penned by Muslim scholars discussing female samesex desire. From the tolerant days of the Abbasid caliphate to the celebratory text of Yusuf Tifashi in the thirteenth century and onwards toward growing strictures and greater intolerance, Arabo-Islamic Texts reveals a dynamic and lively discourse on sexuality in the Arabo-Islamic empire. The English translation of a lecture delivered in Arabic in Haifa by Samar Habib is also included in this book.

Sex, Lügen und Huntington

Donnerstag, August 12th, 2010

Einen Hoax, d.h. Schwindel, aufzudecken, bedarf es manchmal nicht mehr als einer gründlichen Überprüfung der Fußnoten. Der Blogger Abdel Kader hat das kürzlich anhand eines 2002 in der Zeitschrift „Bahamas“ erstveröffentlichten und 2007 im Ça-ira-Verlag nachgedruckten Artikels von Natascha Wilting demonstriert: Für ihre frei erfundene Behauptung, muslimische Jungen würden bis zum achten Lebensjahr an der Brust ihrer Mutter gestillt (weshalb sie „das größte psychopathologische Kollektiv“ formten, „das die Welt bis jetzt gesehen hat“), suchte sich die Autorin, nachdem sie dafür mehrfach öffentlich verspottet worden war, einfach eine falsche Quelle.

Gerhard Scheit und Natascha Wilting

Eine rassistische Lüge macht unter "antideutschen" Autoren die Runde: Natascha Wilting in einer Fußnote von Gerhard Scheits "Suicide Attack".

Ein ähnlicher Hoax lässt sich, neben zahlreichen Plagiaten, aber auch in Thomas Mauls „Ahmadinedschad in New York“ finden – ein Aufsatz, der fast die gleiche Publikationskarriere hinter sich hat wie Wiltings „Psychopathologie des Islam“: erstmals 2008 in der BaHamas erschienen, um zwei Jahre später bei Ça ira als siebtes Kapitel seiner Monographie Sex, Djihad und Despotie ein kleines Comeback zu feiern. Und genau wie Wilting scheut auch Maul nicht davor zurück, seine Quellen zu fälschen, wenn es darum geht, rassistische Vorstellungen über den Anderen zu untermauern. So heißt es an entsprechender Stelle:

Zu dieser prekären Zwangshomosexualität [in islamischen Gesell­schaften] schreibt [der schwule Exiliraner Ali] Mahdjoubi: „Es war die Hölle.“1

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  1. Thomas Maul, Sex, Djihad und Despotie (Freiburg: ça ira, 2010), 165. []

Zärtlichkeit und Gewalt: der Männertag

Freitag, Juli 9th, 2010

Deutschland - Fußball - Männer - KotzenÄrgernis mit ein paar gelungenen Überlegungen zum Männertag (aus der Einleitung seines Vortrags „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“):

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.