Posts Tagged ‘homosexualität’

Wien, 29. Juni: Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Donnerstag, Juni 18th, 2015

„Die Seele als Gefängnis des Körpers“

Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Theodor W. AdornoNach 1989 erfuhr die kritische Theorie aufgrund der Krise des Marxismus unter Linken eine ungeahnte Renaissance und mit ihr Adornos Versuch, Freud für eine kritische Gesellschaftstheorie in Beschlag zu nehmen. Die Psychoanalyse erscheint ihren Liebhabern vielfach als letzte und höchste Stufe der Aufklärung, indem sie dem Bewusstsein entzogene Bereiche des eigenen Selbst dem Bewussten zugänglich macht und es so als Herrn im eigenen Haus einsetzt. Doch wenn irgendwo die Rede von der „Dialektik der Aufklärung“ am Platz wäre, dann hier. (mehr …)

Zwischen Etatismus und Affirmation des Andersseins

Dienstag, Dezember 2nd, 2014

Akademie Waldschlösschen bei Göttingen, 5. bis 7. Dezember 2014:

Politiken in Bewegung: Die Emanzipation der Homosexuellen im 20. Jahrhundert (mehr …)

Identitätspolitik als Theater

Mittwoch, Februar 19th, 2014

Elisabeth Kula erklärt mit Verweis auf ihre Homosexualität ihren Rücktritt aus dem Bundesvorstand des SDS, weil dieser seine Zusammenarbeit mit der jungen Welt nicht einstellen wolle. Dabei sei dort kürzlich ein ganz furchtbarer Artikel erschienen, in dem die staatliche Homophobie in Russland kleingeredet und verleugnet wurde.

Das nenn ich die unverschämte Instrumentalisierung der eigenen Identität zum Zwecke der politischen Erpressung aus anderen Gründen. Erstens wurde der Artikel in der Zeitung selbst prompt kritisiert, zweitens trifft die Forderung qua Sippenhaftung auch die homosexuellen Mitarbeiter*innen in der Redaktion, und drittens kaschiert sie die Tatsache, dass es ihr in Wirklichkeit um einen politischen Flügelkampf geht. Nie etwa wäre Kula auf die Idee gekommen, von ihrer Position zurückzutreten, um eine Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der ideologisch am anderen Ende der Linken positionierten Jungle World zu erzwingen, obwohl dort jahrelang unwidersprochen rassistische und bellizistische Ansichten unters Volk gebracht wurden. Nein, das ist dann wohl eine legitime Kontroverse!

Ach komm, Elli, lass deine Heuchelei mal stecken, vor allem weil deine Identität der Sache überhaupt nichts hinzufügt. Homophobie wird nicht erst dadurch kritikabel, dass man sich als Lesbe oder Schwuler zu erkennen gibt. Allein dass du letzteres für nötig hältst, spricht Bände über die heterosexistische Primitivität deiner Adressaten.

Mann-männliches Begehren in der Ming-Dynastie bis zum Einbruch der Barbaren

Mittwoch, Mai 15th, 2013

Der sechzehnte Ming-Kaiser, Xizong, der 1627 einunzwanzigjährig verstarb, war konventioneller und verteilte seine Aufmerksamkeiten auf zwei getrennte Paläste, einen für seine männlichen, den anderen für seine weiblichen Geliebten. […] Aber Homosexualität war nicht auf Kaiser, Generäle und Höflinge beschränkt. Laut einem Ming-Kommentator wurden solche Beziehungen manchmal in die traditionelle konfuzianische Familienordnung integriert. Shen Defu (1578–1642) berichtet davon, wie männliche Paare in der südlichen Provinz Fujian häufig in einer Art von gleichgeschlechtlicher Ehe zusammenlebten:

    „Fujianesische Männer sind extrem verliebt in männliche Schönheit. Egal wie reich oder arm, hübsch oder hässlich, sie alle finden einen Gefährten ihres Standes. Zwischen den beiden wird der ältere als ‚gebundener [adoptierter] älterer Bruder‘ (qixiong), der jüngere als ‚gebundener jüngerer Bruder‘ (qidi) bezeichnet. Wenn dieser ältere Bruder in das Haus des jüngeren geht, geben die Eltern des letzteren auf ihn acht und lieben ihn wie einen Schwiegersohn. Und die Unkosten des jüngeren Bruders, einschließlich jene seiner Heirat, werden alle vom älteren gedeckt. Sie lieben einander und schlafen noch im Alter von dreißig gemeinsam im selben Bett wie Ehemann und -frau.“

Obwohl solche Vereinigungen manchmal zwanzig Jahre dauern konnten, war es dennoch notwendig, dass die Männer heirateten, ihre konfuzianischen Familienpflichten erfüllten und den Ahnenkult aufrechterhielten. „In der ganzen Geschichte“, fragt ein Mann in einer Erzählung über männliche Liebe, „hat es da jemals einen Präzedenzfall zweier Männer gegeben, die ihr Leben gemeinsam beschlossen?“ Nichtsdestoweniger war Shen Defu von der Hingabe beeindruckt, die solche Paare häufig zeigten. „Diese Passion kann so tief sein, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass zwei Liebende, die es unmöglich finden, ihre Beziehung fortzusetzen, sich aneinander festbinden und gemeinsam ins Wasser gehen.“ Diese fujianesischen Paarbildungen wurden häufig nanfeng (der südliche Brauch) genannt, in einem Kalauer auf das Wort nan, dass sowohl „männlich“ als auch „südlich“ bedeuten kann.

Unter der Ming-Dynastie entwickelte China seine ersten wichtigen Kontakte mit dem Westen, und zwei Zivilisationen lernten einander mit Erstaunen, Bewunderung und Abscheu kennen. Im Jahr 1557 errichteten portugiesische Händler eine Siedlung in Macao, und westliche Missionare unternahmen ihre ersten systematischen Anstrengungen, China zu bekehren. Diese katholischen Missionare, hauptsächlich spanische, italienische und portugiesische Jesuiten und Dominikaner, kamen aus Ländern, wo Sodomiten immer noch routinemäßig auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die chinesische Toleranz versetzte sie in einen tiefen Schockzustand. Für diese andächtigen Priester erschienen die Flammen der Inquisition unendlich wünschenswerter als die Flammen der Lust, ja sogar der Liebe und Zuneigung in einer solch heterodoxen Form. (mehr …)

»Homosexualität« und Islam? Zur Rehistorisierung eines Verhältnisses

Samstag, Februar 2nd, 2013

Turkish Wine Boy Kurzfristige Ersatzveranstaltung am 11. Februar 2013 für den im Januar leider wegen Krankheit ausgefallenen Vortrag »Homophober Moslem, toleranter Westen?« in Frankfurt/M.:

Der westliche Begriff des Homosexuellen definiert einen bestimmten Typus von Person, dem gleichgeschlechtliches Begehren als »Anormalität«, als psychische oder sogar körperliche Besonderheit, eingeschrieben wird. Klassische Texte aus der islamischen Welt kennen diese normalisierende Konstruktion nicht. Selbst ihre ärgsten religiösen Eiferer, namentlich die Hanbaliten, setzten als selbstverständlich voraus, dass trotz aller individuellen Differenzen gleichgeschlechtliches Begehren Teil einer »gesunden seelischen Verfassung« sei. So wundert es nicht, dass ein zwar nicht unbedingt als authentisch geltender, aber in klassischer Zeit dennoch äußerst populärer Hadith auch dem Gesandten Gottes die Sorge zuschreibt, von schönen Burschen in Versuchung geführt zu werden.

Wozu muslimische Geistliche sich äußerten, waren spezifische Handlungen wie Analverkehr oder Tribadie, über deren genauen Sündengehalt in der formativen Zeit kein Konsens erzielt werden konnte. Sie wogen, je nach Richtung, manchmal weniger als das verbotene Trinken von Wein und manchmal mehr als ein »heterosexueller« Ehebruch. Gemäß der islamischen Pflichtenlehre waren Frömmler zur Maßregelung von Sündern mit der Zunge, dem Herzen und seltener auch der Hand verpflichtet. Doch trug ihre Betonung der von jungen Männern ausgehenden Versuchung, die ihrer Ansicht nach so groß war, dass nur übermenschliche Kraft sie bezwingen konnte, narrativ eher zur Anreizung als zur Unterdrückung des Verbotenen bei.

Der restriktive Diskurs der Religionsgelehrten, der selbst noch innerhalb des Glaubens mit dem ganz anders gearteten der Mystik konkurrieren musste, erreichte in der islamischen Welt jedoch nie die Position eines unbestrittenen Platzanweisers. Das hegemoniale Skript der Erotik war nicht das mit Pedanterie gepflegte Genre religiöser Rechtshandbücher, sondern die von frommen Rücksichtnahmen weitgehend ungetrübte arabisch-, persisch-, osmanisch- und urdu-sprachige Liebesdichtung – das Ghasel, in dem die Liebe zu jungen Männern eines der bestimmendsten Motive war. Am Ende des 19. Jahrhunderts durch den westlichen Puritanismus zum Verstummen gebracht, trat im 20. an seine Stelle allmählich die wissenschaftliche Konstruktion des Homosexuellen als einer »Spezies« (Foucault). Die Sprache des Glaubens lässt sich aus diesem historischen Kontext nicht herauspräparieren. Ob liberal, konservativ oder fundamentalistisch: er ist dazu verurteilt, sich mit den gewandelten Vorannahmen über gleichgeschlechtliche Liebe und Lust auf neue Weisen ins Verhältnis zu setzen.

Mo., 11. Feb., 16:00 Uhr
Veranstalterin: Autonomes Lesben- und Schwulenreferat
Goethe-Universität Frankfurt/M., Mertonstr. 26-28
Campus Bockenheim, Raum B102
Veranstaltung auf Facebook

„Was sagt der Islam zu Homosexualität?“ (Köln, 6. Nov.)

Montag, Oktober 29th, 2012

Turkish Wine Boy „Was sagt der Islam zu Homosexualität?“
Zur Dekonstruktion einer Fragestellung

Seit dem 11. September 2001 ist nicht nur der Islam, sondern auch seine angebliche Haltung zu Frauen- und Schwulenrechten ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten gerückt. Aber ist der Islam überhaupt ein Subjekt, das eine „Haltung“ formulieren könnte? Und wie soll er etwas zu einer sexualwissenschaftlichen Konstruktion aussagen, die das Produkt biopolitischer Diskurse aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ist?

Der Begriff der „Homosexualität“ definiert einen bestimmten Typus von Person, dem gleichgeschlechtliches Begehren als „Anormalität“, als psychische und häufig auch körperliche Besonderheit, eingeschrieben wird. Klassische Texte aus der islamischen Welt kennen diese normalisierende Konstruktion nicht; sie gehen vielmehr davon aus, dass gleichgeschlechtliches Begehren eine universelle Anlage aller Menschen und alles andere als „widernatürlich“ ist. So schreibt die Überlieferung selbst dem Propheten Mohammed ganz selbstverständlich die Sorge zu, von schönen Burschen in Versuchung geführt zu werden.

Wozu sich klassische religiöse Diskurse äußern, sind spezifische Handlungen wie Analverkehr oder Tribadie, die als Ausdruck vor- und außerehelicher Sexualität eine Sünde darstellen und je nach Rechtsschule weniger, gleich und manchmal sogar schwerer als ein „heterosexueller“ Ehebruch wiegen. Interessant ist es, wie die europäisch-neuzeitliche Vorstellung von Homosexuellen als einer „Spezies“ (Foucault) in modernen islamischen Diskursen verarbeitet wird und wie sie eine radikale Reinterpretation der Aussagen traditioneller religiöser Texte erforderlich macht. Stellen wir uns die Frage nach der realen Praxis, sind wir aber nicht mehr bei „dem Islam“, sondern bei konkreten Machtverhältnissen und Akteuren.

So erweist sich am Ende vor allem eines: Genau wie man die essentialistische Konstruktion „des Homosexuellen“ hinterfragen muss, um klassische islamische Texte zu verstehen, ist auch die essentialistische Konstruktion „des Islams“ zurückzuweisen, um zu begreifen, wie sich unterschiedliche politisch-religiöse Kräfte mit der rasanten Modernisierung der gesellschaftlichen Vorannahmen über gleichgeschlechtliche Liebe und Lust arrangieren.

Di., 6. Nov., 19:30 Uhr
Veranstalterin: Autonomes Lesben- und Schwulenreferat
Uni Köln, Universitätsstraße 35, Hörsaal G
Veranstaltung auf Facebook

Badehäuser in Baku 1

Donnerstag, Juni 7th, 2012

Seit 17 Jahren betreut Elmar Kraushaar, ein Urgestein der zweiten deutschen Schwulenbewegung, eine monatliche Spalte in der «taz» mit dem Titel «Der homosexuelle Mann…» Ich gehöre zwar nicht zu ihren regelmäßigen Lesern, aber der «Skandal», dass die Kolumne im Juni ausgesetzt wurde, hat über die dadurch ausgelöste Welle der Empörung («Zensur, Zensur, rund um die Uhr!») am Ende auch mich erreicht. Aus Sicht der Redaktion hat sich Kraushaar des «unkollegialen Verhaltens» schuldig gemacht, als er in seiner Kolumne einen Redakteur der Zeitung angriff, der, seit ich denken kann, den «rechten Flügelmann der taz» abgibt: Jan Feddersen.

Nun hätte es in 17 Jahren zahlreiche Anlässe gegeben, sich einmal mit Feddersen zu befassen, etwa als dieser im Hinblick auf die angeblich besondere Homophobie migrantischer Jugendlicher von der Notwendigkeit einer «Zivilisierung des Vormodernen» sprach. Die Formulierung einer solchen kolonialen Zivilisierungsmission im Namen des «homosexuellen Mannes» war Kraushaar aber damals egal – und vielleicht sogar mehr als das. Denn was Kraushaar jetzt schäumen lässt, ist nicht diese Mission, die Feddersen jahrelang vor sich hergetragen hat, um Muslime zu den «Anderen» zu machen, die von «uns» beaufsichtigt und erzogen werden müssen. Es ist gerade der Verrat an ihr, den er sich am 20. Mai 2012 als «embedded» Reporter für den Eurovision Song Contest in Baku geleistet hat:

[D]as westliche Gerücht, dass in Aserbaidschan Schwule – von Lesben ist nie die Rede – drakonisch unterdrückt werden, darf als Gräuelpropaganda von, nennen wir sie: Menchenrechtisten genommen werden. Homosexualität ist nicht nur nicht strafbar, sondern es hat, im Gegensatz zu Serbien, Russland oder der Ukraine, gegen Homosexuelle auch hier nie nationalistische Flashmobs gegeben. […] In der Fußgängerzone flanieren Männer, immer einen Buddy dabei; legen einander die Arme über die Schulter, haken sich an den Armen ein. […] Im Euro-Club, dem Fandiscozentrum dieser Tage am Bulvar, der Corniche am Kaspischen Meer, sind viele Hunderte zu Gast, auch Azeris – und niemand empört, dass da recht eigentlich zu 80 Prozent Männer tanzen, ersichtlich miteinander.

Händchenhaltende azerische Polizisten im Einsatz

Azerische Polizisten halten Händchen. Foto: Mehman Huseynov, Baku.

Rechtfertigt das einen Skandal? Ja, meint Stefan Niggemeier, hat Feddersen in seiner ESC-Berichterstattung doch «ausdauernd Leute verächtlich [ge]macht, weil sie sich in einem Land wie Aserbaidschan für Menschenrechte einsetzen». Dass Aserbaidschan eine autoritäre Diktatur ist, ähnlich vielen anderen postsowjetischen Staaten, konnte in den letzten Wochen jeder erfahren, der in der Lage war, den Einschaltknopf seines Fernsehers zu betätigen. Doch die angeblichen Menschenrechtsverletzungen an «Homosexuellen» bleiben weiter im Dunkeln.

Umso mehr ergeht man sich in Andeutungen, weil die nach Baku angereiste Fanszene des «Eurovision Song Contest» als überwiegend schwul gilt und sich mit größter Wonne ihren paranoiden Bildern über «islamische Länder» widmet. Aber Aserbaidschan ist kein islamisches Land, sondern eine säkular-laizistische Diktatur, in der nicht einmal die Opposition religiös ist und gerade einmal 10% der Bevölkerung den Islam überhaupt regelmäßig praktizieren. Doch das scheint weiter keine Rolle zu spielen. Die Sehnsucht nach dem Stereotyp ist stärker, und so trieb das schwule Stadtmagazin «Hinnerk» in seiner letzten Ausgabe fünf Azeris mit perfekten Deutschkenntnissen auf, die sich der Autor aus dem Internet-Portal «Gayromeo» geangelt haben will, und lässt sie mit Schaudern über die Unterdrückung von «Homosexuellen» in ihrer Heimat erzählen. Überschrift: «Keine Küsse auf der Straße!»

Angesichts dieser Medienkampagne, die noch immer ohne alle Fakten auskommt, reibt sich Elhan Bagirow vom «Bündnis für Geschlechter­entwicklung» in Aserbaidschan verwundert die Augen. Seine Organisation betreibt mit staatlichem Segen Aids-Aufklärung für azerische Männer, die Sex mit Männern haben, und verteilt kostenlos Kondome. Im Deutschlandfunk ärgert er sich über die Berichterstattung westlicher Medien, die Aserbaidschan als ein «besonders homophobes» Land darstellen:

Verglichen mit allen anderen postsowjetischen Staaten ist die Lage von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Aserbaidschan in vieler Hinsicht besser. Bei uns werden keine homophoben Gesetze verabschiedet wie zurzeit in Russland. Und bei uns wettern auch keine Kirchenoberhäupter oder Omas mit Kreuzen gegen Schwule und Lesben. Die muslimischen Führer haben sich hier überhaupt noch nicht zu dem Thema geäußert.

Weiß Kraushaar es besser, wenn er zur Solidarität mit «unseren Schwestern» in Aserbaidschan aufruft? Und wogegen ruft er überhaupt zur Solidarität auf? Kann er es benennen?

Kaum. Kraushaars Informationen sind eine Ansammlung von Bildern, wie sich Schwule hierzulande Unterdrückung vorstellen. Was er beschreibt, ist nicht die Realität Aserbaidschans, sondern die Erfahrungen seiner Generation in der BRD der 60er Jahre. Es sind abgespaltene und in die Ferne projizierte Elemente der eigenen Biographie:

Denn das scheint die oberste Maxime der heimischen Schwulen zu sein: Aufpassen, dass man nicht gesehen wird. Ein schwules Leben ist möglich — als Doppelleben, im Versteck und in der Nacht.

Ja, so war das damals. Aber auch jüngere Schwule haben ein konkretes Bild davon, was Unterdrückung ist, und für Kraushaar ist das der Kulminationspunkt seiner Argumentation:

Auch Patsy l’Amour laLove lässt in ihrem Patsy-Blog kein gutes Haar an Feddersen und stellt — mit Blick auf seine idyllischen Mutmaßungen über muslimisch konnotierte Männer­freundschaften — fest: »Wenn Männersex in Badehäusern en vogue ist, dann träume ich nicht davon, wie befreit diese Gesellschaft sein muß, sondern denke darüber nach, warum schwuler Sex nur in der Begrenztheit dieser Räume stattfinden darf.«

Die ungewollte Ironie, dass die «Polittunte» Patsy ihre wütenden Tiraden gegen aserbaidschanische Badehäuser in der Rubrik «Darkroomgeflüster» veröffentlicht, ist zum Brüllen komisch. Denn die «Begrenztheit dieser Räume» ist leicht zu entziffern als die Begrenztheit der Saunen, Darkrooms und Klappen (gibt es sowas überhaupt noch?), in denen sich Patsys eigenes schwules Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft bewegt – einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliches Begehren in die Räume einer Subkultur verbannt ist; in der Händchenhalten unter Männern, anders als in Aserbaidschan, mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen. Insgeheim weiß Patsy ganz genau, dass die Horrorvision schwuler Autoren über Aserbaidschan – «Keine Küsse auf der Straße!» – überhaupt nichts anderes als die Beschreibung schwulen Alltags in Deutschland ist. Die von Hinnerk erdichteten Gayromeo-Azeris mit den durch die Redaktion geänderten Vornamen sind wie die Perser in Montesquieus satirischen Perserbriefen ein symbolischer Spiegel, der einer Gesellschaft den Blick auf sich selbst gestattet, während sie trotzig darauf beharrt, auf die anderen zu zeigen. «Oha, der Herr ist Azeri? Was für eine höchst außerordentliche Sache! Wie kann man nur Azeri sein?»

Es ist auf eine Weise traurig und amüsant zugleich, dass Elmar Kraushaar sein Unbehagen daran, in der Rolle und Figur des «homosexuellen Manns» eingesperrt zu sein, nicht mehr anders metaphorisieren kann als in der räumlichen Enge eines aserbaidschanischen Badehauses. Geradezu zynisch wirken jedoch seine maliziösen Spitzen gegen «muslimisch konnotierte Männer­freundschaften», wenn man sie vor dem Hintergrund der sowjetischen Verfolgungsgeschichte betrachtet, in deren Nachfolge die herrschende laizistische Partei Aserbaidschans steht. Während er auf «muslimische Traditionen» starrt, ist ihm das sowjetische Erbe, die 70 Jahre dauernde Heteronormalisierung der Gesellschaft unter dem Zeichen sozialistischer Biomacht, keine einzige Silbe wert. Doch dazu mehr in Teil 2.

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910.

Berlin: Einladung zur Buchvorstellung

Sonntag, September 4th, 2011

Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001

Do., 08.09.2011 · 10:30 – 11:30 | Café Kotti, Adalbertstr. 96 (Empore)

9-11Die Anschläge vom 11. September 2001 und der dann einsetzende «Krieg gegen den Terror» haben die Weltordnung nachhaltig verändert. Sowohl im internationalen als auch im innenpolitischen Diskurs sind «die Muslim_innen» zu einer homogenen Gruppe zusammengefasst und «dem Westen» gegenübergestellt worden. Insbesondere Menschen aus der Türkei, arabischen Ländern, dem Iran und anderen Ländern des Mittleren Ostens sind zur einheitlichen Gemeinschaft ernannt worden.

Die Rechte von Frauen und Homosexuellen haben im gleichen Zeitraum – und durchaus im Zusammenhang damit – eine beachtliche Aufwertung erhalten. Während im «Westen» zumindest einzelne Erfolge der Emanzipations­bewegungen sichtbar wurden, schien es um die sexuelle Selbstbestimmung in mehrheitlich muslimischen Ländern und innerhalb als muslimisch definierter Migrant_innen-Gruppen in Westeuropa schlecht bestellt zu sein. Sexismus und zum Teil auch Homophobie dienten so auch als Legitimation für außenpolitische, zum Teil militärische Interventionen und für rassistische Kampagnen im Inland. Aus einer kritischen Perspektive wurde anfangs von „Islamophobie“ gesprochen, heute warnen selbst amtliche Stellen vor „antimuslimischem Rassismus“.

„Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001“ blickt zurück auf die letzte Dekade und schaut auf die Überlappungen von feministischen und queeren Debatten mit den Entwicklungen in der Mehrheitsgesellschaft. Sie geht der Frage nach, ob/wie die relativen Erfolge von Frauen- und Homosexuellen-Emanzipationsbewegungen unter anderem durch rassistische Rückschritte erkauft wurden. Nicht zuletzt weist sie den Weg für einen Aktivismus, der gesellschaftliche Emanzipation befördert, anstatt benachteiligte Gruppen gegeneinander in Stellung zu bringen.

Die von Koray Yılmaz-Günay herausgegebene Broschüre (in Buchform) enthält unter anderem Beiträge von:

Markus Bernhardt – Zülfukar Çetin – Jin Haritaworn – Andreas Hieronymus – Alexander King – Georg Klauda – Jennifer Petzen – Dirk Ruder – Saideh Saadat-Lendle – Hilal Sezgin – Yasemin Shooman – Salih Alexander Wolter.

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Der Westen und der Orientalismus der Sexualität (Interview)

Montag, August 8th, 2011

Zur Vertiefung siehe den Essay “Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World”. Eine Kritik des auf diesem Essay basierenden Buchs, Desiring Arabs, findet sich auf den Seiten der Feminist Review. Nachfolgend ein Gespräch mit dem Autor Joseph Massad. Interview: Ernesto Pagano. Unautorisierte Übersetzung: /me.

Homosexuelle in der arabischen Welt? Sie wurden vom Westen „erfunden“. In seinem Buch Desiring Arabs versucht Joseph Massad, ein Jordanier palästinensischer Herkunft und Assoziierter Professor an der Columbia-Universität, dem Prozess nachzugehen, durch den die in den USA entstandene Schwulenbewegung in einer homosexuellen Identität resultierte und sich mühte, sie jenen Arabern aufzudrängen, die Beziehungen mit Personen ihres eigenen Geschlechts unterhalten. Ein Prozess, der laut Massad den Geleisen des westlichen Imperialismus folgt. […] (mehr …)

Der Westen und der Orientalismus der Sexualität (Einleitung)

Sonntag, August 7th, 2011

Seit einigen Jahren befindet sich eine Reihe neurechter Publizisten auf dem Kreuzzug gegen Joseph Massad, der an der New Yorker Columbia-Universität moderne arabische Politik und Geistesgeschichte lehrt und mit Colonial Effects (2001), The Persistence of the Palestinian Question (2006) und Desiring Arabs (2007) bereits drei Bücher zu postkolonialen Themen veröffentlichte. Der Versuch, seine Festanstellung (tenure) als Assistenzprofessor zu hintertreiben, etwa durch die bellizistische Watchdog-Organisation „Scholars for Peace in the Middle East“ (der u.a. auch Matthias Küntzel angehört), erwies sich am Ende jedoch als folgenlos. Die Universität ließ sich durch den Druck der Neokonservativen nicht korrumpieren.

Der Hauptgrund für die Opposition gegen den in Jordanien geborenen Politikwissenschaftler ist recht unzweifelhaft seine christlich-palästinensische Herkunft und seine damit in Verbindung stehende Kritik am Zionismus, die ihm – wie üblich – den Vorwurf des „neuen Antisemitismus“ eingetragen hat. Als letzter Auslöser der Kampagne gegen Massad erwies sich jedoch sein Aufsehen erregender Essay „Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World“ (Public Culture, 14/2002), der dem Autor sogar ein eigenes Dossier auf Daniel Pipes berüchtigter Denunzianten-Seite Campus Watch bescherte. Und eine kleine Gruppe beflissener Neocon-Imitatoren aus Österreich trug Massads Ruf als schlimmer Postkolonialist und Feind des „freien Westens“ sogar bis in (anti)deutsche Gefilde – obwohl er ins Deutsche noch überhaupt nicht übersetzt worden war. (mehr …)