Archiv für das 'homophobie'-tag

Zwischen Russophobie und Rechtfertigung: Zur Kritik des deutschen »Homonationalismus«

In dem Artikel “Der homophobe Russe steht vor der Tür” bewegt sich Harm auf einem schmalen Grat. Ich will nur einen Satz kommentieren: “Warum sollte jedes Land dieselben Wege gehen müssen?” Weil Russland mit dem “Anti-Homopropaganda-Gesetz” gar keinen anderen Weg geht, sondern nur Margaret Thatchers “No Promotion of Homosexuality” Law aus den 80er Jahren kopiert.

Die Antwort auf Homonationalismus ist doch nicht die Relativierung von Homophobie in anderen Staaten, sondern der Nachweis, dass der Westen ein irreales und doppelzüngiges Bild über sich selbst kultiviert. Man nehme nur den Einbürgerungstest, der in Baden-Württemberg aufgelegt wurde, um Muslime pauschal als homophob zu diskreditieren, während nur wenige Jahre später dieselben “autochthonen” CDU-Kreise, die das Thema für ihre xenophobe Politik instrumentalisierten, nun selbst eine der schlimmsten heterosexistischen Kampagnen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte vom Zaun brechen.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Der “Andere” wird gerade dort, wo er es einem gleichtut, als kulturell different konstruiert. So auch in der aktuellen Krimkrise: Da regen sich Deutsche über Russlands Großmachtallüren und “Putins Griff nach Westen” auf, während sie selber über EU und NATO an der Ausweitung ihrer Einflusszone im Osten arbeiten, völkerrechtswidrige Kriege führen und einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat anstreben. DIE Heuchelei muss bloßgestellt werden, aber nicht indem man irgendwas von der Kritik an der fraktionsübergreifenden und selbst noch die Kommunisten einschließenden neokonservativen Politik der “family values” in Russland fortnimmt.

Dass nicht schon jede Kritik aus dem Westen mit antirussischer Demagogie operiert, zeigt dabei ein Beispiel aus Schweden, wo 2.000 Menschen ihren Protest gegen das “Anti-Homopropaganda-Gesetz” der Duma demonstrativ mit der russischen Nationalhymne unterlegten.

Im Übrigen ist es selbst ein antirussisches Klischee, dass man, wie Harm allen Ernstes behauptet, in Russland nicht demonstrieren dürfe.

Identitätspolitik als Theater

Elisabeth Kula erklärt mit Verweis auf ihre Homosexualität ihren Rücktritt aus dem Bundesvorstand des SDS, weil dieser seine Zusammenarbeit mit der jungen Welt nicht einstellen wolle. Dabei sei dort kürzlich ein ganz furchtbarer Artikel erschienen, in dem die staatliche Homophobie in Russland kleingeredet und verleugnet wurde.

Das nenn ich die unverschämte Instrumentalisierung der eigenen Identität zum Zwecke der politischen Erpressung aus anderen Gründen. Erstens wurde der Artikel in der Zeitung selbst prompt kritisiert, zweitens trifft die Forderung qua Sippenhaftung auch die homosexuellen Mitarbeiter*innen in der Redaktion, und drittens kaschiert sie die Tatsache, dass es ihr in Wirklichkeit um einen politischen Flügelkampf geht. Nie etwa wäre Kula auf die Idee gekommen, von ihrer Position zurückzutreten, um eine Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der ideologisch am anderen Ende der Linken positionierten Jungle World zu erzwingen, obwohl dort jahrelang unwidersprochen rassistische und bellizistische Ansichten unters Volk gebracht wurden. Nein, das ist dann wohl eine legitime Kontroverse!

Ach komm, Elli, lass deine Heuchelei mal stecken, vor allem weil deine Identität der Sache überhaupt nichts hinzufügt. Homophobie wird nicht erst dadurch kritikabel, dass man sich als Lesbe oder Schwuler zu erkennen gibt. Allein dass du letzteres für nötig hältst, spricht Bände über die heterosexistische Primitivität deiner Adressaten.

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Männerliebe im Islam

“Als Männerliebe im Islam noch kein Tabu war”
Thomas Bauer im Dradio, 16.08., Tag für Tag

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Ticket Adorno

Der Vortrag in Jena über “Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno” hat ein paar fleißige antideutsche Textarbeiter zu einer erwartbaren Reaktion animiert. Es ist nicht ganz einfach, darauf zu antworten, da es an Argumenten ziemlich hapert. Stattdessen wird stereotyp der eigene, kleine Szenesumpf herunterzitiert, um als Platzhalter für so etwas wie einen Einwand zu dienen. Was soll man etwa zu der Behauptung sagen, Kracauers Versuch einer Gesellschaftsbiographie über “Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit” sei gescheitert, wenn dafür vermutlich nur die Tatsache herhalten muss, dass sie Adorno sowenig goutiert hat wie Benjamins späte Affinität zu Brecht? Der blinde Glaube an die Autorität eines Namens ersetzt den Gedanken, und es verhält sich mit der Willkür des eigenen Urteils gerade so, wie es zuletzt Kracauer 1960 seinem einstigen Geliebten attestierte:

Für ihn ist die Dialektik ein Mittel, um seine Überlegenheit über alle vorstellbaren Meinungen, Gesichtspunkte, Entwicklungen, Ereignisse aufrechtzuerhalten, indem er sie auflöst, verurteilt oder wieder errettet – wie es ihm passt. So etabliert er sich als Meister und Kontrolleur einer Welt, die er niemals in sich aufgenommen hat.

Ich werde mich daher im Folgenden auf die Aspekte konzentrieren, die mir einer argumentativen Klärung zugänglich erscheinen und alles andere einfach beiseite schieben. Das betrifft etwa Beschwörungsformeln über das Verhältnis von Besonderem und Allgemeinen, zwei in dieser Abstraktheit ziemlich nichtssagenden Kategorien. Konkretisiert an dem Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und der vermeintliche “Lücke” zwischen ihnen kann ich mir einen kurzen theoretischen Ausflug dazu aber nicht ersparen: (Click here to continue...)

Jena, 3. Juli: Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

„Die Seele als Gefängnis des Körpers‟

Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Theodor W. AdornoNach 1989 erfuhr die kritische Theorie aufgrund der Krise des Marxismus unter Linken eine ungeahnte Renaissance und mit ihr Adornos Versuch, Freud für eine kritische Gesellschaftstheorie in Beschlag zu nehmen. Die Psychoanalyse erscheint ihren Liebhabern vielfach als letzte und höchste Stufe der Aufklärung, indem sie dem Bewusstsein entzogene Bereiche des eigenen Selbst dem Bewussten zugänglich macht und es so als Herrn im eigenen Haus einsetzt. Doch wenn irgendwo die Rede von der „Dialektik der Aufklärung“ am Platz wäre, dann hier.

Deutlich wird dies etwa an der im späten Kaisserreich popularisierten Kategorie der „unbewussten Homosexualität“, die bis in die Weimarer Republik anhaltende Erschütterungen und kritische Selbstbefragungen vor allem in der deutschen Jugendbewegung auslöste. Sie vermittelte das Bild, dass „Homosexualität“ eine über die unmittelbaren Handlungen und Gefühle hinausgehende tiefere Bedeutung für die Enträtselung der Seele habe. In diesen durch die Psychoanalyse losgetretenen Strudel aus Angst und Unsicherheit geriet in den frühen 20er Jahren auch die Liebesbeziehung zwischen dem 19-jährigen Theodor W. Adorno und seinem 34-jährigen Mentor Siegfried Kracauer. Diese sorgfältig vor der Umwelt verheimlichte Erfahrung, die erst unlängst durch die Veröffentlichung des einschlägigen Briefwechsels einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist, führte Adorno in den folgenden Jahrzehnten allerdings nicht zu einer Kritik an den homophoben Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern zu deren blindwütiger Affirmation.

Die Psychoanalyse gerät ihm dabei zum wichtigsten Werkzeug der Verdrängung, indem sie ihm die unkontrollierte Deutungshoheit über das Seelenleben des Anderen in die Hände legt. Wer selber analysiert, ist nicht der Analysand. Er ist der unmarkierte Beobachter. Adornos Skizzen zu dem Thema sind dabei weniger in Absicht einer kritischen Auseinandersetzung mit ihm als Autoren von Belang, sondern als objektive Quelle für den Wandel von Homophobie von den 20er bis zu den 60er Jahren. Von seiner in einem frühen Brief an Kracauer artikulierten Befürchtung, für einen „Homosexuellen“ gehalten zu werden, über das in der Dialektik der Aufklärung aus der stalinistischen Propaganda übernommene und psychoanalytisch umgedeutete Bild des Faschismus als Form „paranoider Homosexualität“ bis zu seinem sozialdemokratischen 60er-Jahre-Plädoyer für die Toleranz gegenüber dem homosexuellen „Neurotiker“ ist Adorno wie vielleicht kein zweiter dazu prädestiniert, in seiner konformistischen Verdopplung der Zeit die Grundlage für eine kleine Geschichte der Homophobie im 20. Jahrhundert und vor allem der Rolle der Psychoanalyse darin zu liefern.

Vortrag und Diskussion
Mi, 3. Juli, 18 Uhr
FSU Jena
Carl-Zeiss-Str. 3
Veranstalterin: Stura/AAJ Jena

Les Veilleurs – die heterosexistische Nachtgarde des Herrn

Wenn man schon immer wissen wollte, was spezifisch christlich ist, dann das: die Identität als verfolgende Unschuld; sich als Opfer derjenigen auszugeben, zu deren Unterdrückung man jahrhundertelang die ideologische Begleitmusik geliefert hat und deren Emanzipation man heute als die “kommende Diktatur” des Relativismus anprangert. Im lacanschen Dreieck des Genießens steht dafür der Begriff der Paranoia: die an sich selbst verleugnete Lust kehrt als Beicht­schnüffelei und tätiger Verfolgungswahn gegenüber denjenigen wieder, denen man sie – um der Bewahrung ihres Seelenheils willen – am liebsten aus dem Leib prügeln würde. So geht christliche Nächstenliebe. Ihre paranoide Struktur wird ausgelöst durch die mit der Jesusfigur gesetzte Konstruktion eines allgütigen Gottes, der uns die Untersagungen der Schönheiten unseres Fleisches, von der Masturbation über den vorehelichen Sexualverkehr bis zum gleichgeschlechtlichen Beischlaf, doch in Wahrheit nur deshalb auferlegt, weil er uns “liebt”. Entsprechend widerwärtig nehmen sich katholische Mahnwachen gegen die Ehe für alle aus, die in einem ästhetischen Stil daherkommen, als hätte man es mit einer Sitzblockade gegen den NATO-Doppelbeschluss zu tun. Man würde kaum glauben, dass es sich um den Versuch ideologisch verhetzter Jugendlicher handelt – sie selbst nennen sich übrigens “die Nachtwächter” (les veilleurs) –, anderen Menschen die bürgerliche Gleichheit zu bestreiten.

PS: Hier eine gepimpte Version dieses Videos, die das katholische Gejaule durch eingespielten Chor-Gesang ersetzt. Und hier ein beeindruckender Blick von außen auf die 5.000 homophoben “Nachtwächter” von Paris.

Hommen oder die homophoben “neuen 68er”

Quelle: stophomophobie.com

Hommen-Demonstrant gegen die "Homo-Ehe". Quelle: stophomophobie.com

Die perverse Wirlassen­uns­das­negersagen­nicht­verbieten- alias Frauen­gehtbügeln-Bewegung im deutschen Internet mit ihren Tausenden von mastur­batorischen User-Kommentaren und Face­book-Likes, die der konservative Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer bereits überschwänglich als Ausdruck einer 68er-Bewegung von rechts charakterisierte, findet jenseits des Rheins ihre Entsprechung wohl am ehesten auf der Straße und dort gleich eine ganze Nummer größer in der politischen Kampagne gegen die “Ehe für alle”. Denn genau wie erstere beansprucht, sich im sprachlichen Modus der sexuellen Befreiung gegen lust­feindliche “Neuro­tiker_innen” und linkes “Bet­schwester­tum” zu richten, ist auch letztere von dem Versuch gekennzeichnet, den ehedem als links geltenden Habitus der Norm­übertretung und des politischen Protests für restaurative gesellschaftliche Zwecke in Beschlag zu nehmen. Hier für die Affirmation des Rassismus, dort für das rechtliche Supremat der “Heterosexualität”. Bernhard Schmid beschreibt die verblüffenden Ausmaße des französischen Frühlings der Homophobie und versucht sich an einer gesellschaftspolitischen Erklärung:

Als neuntes Land in der Europäischen Union, und als vierzehnter Staat weltweit, hat Frankreich – einige Tage nach Neuseeland – die Ehe nunmehr auch homosexuellen Paaren geöffnet. […] Die Demonstrationen dagegen zogen mindestens mehrere hunderttausende Teilnehmer an, ihre Veranstalter behaupten sogar: Millionen. In jedem Falle erheblich mehr als die gewerkschaftlichen und sozialen Protestdemonstrationen in derselben Zeitspanne, obwohl es für Letztere Anlässe genug gab. (Click here to continue...)

Homophobe Franzosen, aufgeklärtes Südafrika?

Siehe auch “Protest gegen Homo-Ehe in Frankreich wird radikaler” und “‘Es wird Bürgerkrieg geben': Homo-Ehe spaltet Frankreich“.

U.S. Evangelicals Crusading for Homophobia in Africa

The Guardian, 24. Juli 2012 (Übersetzung):

Christlich-evangelikale Gruppen in den USA versuchen sich an einer «kulturellen Kolonisierung» Afrikas und eröffnen Büros in zahlreichen Ländern, um Angriffe auf Homosexualität und Abtreibung zu befördern, so der Untersuchungsbericht einer liberalen Expertenkommission. Amerikanische religiöse Organisa­tionen expandieren ihr Operationsgebiet über den ganzen Kontinent, betreiben Lobby-Arbeit für konservative politische Strategien und Gesetze und fachen Homophobie an, behaupten die Political Research Associates (PRA) mit Sitz in Boston. (Click here to continue...)

No Homo

Zu meinen letzten Beiträgen hab ich via E-Mail ein amüsantes Musikvideo zugesandt bekommen, das eigentlich ganz gut in die Debatte passt – und das ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte! ;)


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