Posts Tagged ‘heteronormativität’

Homophober Moslem, toleranter Westen? (Vortrag und Diskussion)

Samstag, März 12th, 2011

Plötzlich interessieren sich auch Konserva­tive für die Probleme von Homosexuellen – nämlich wenn diese Opfer von Gewalt werden, die von „Fremden“ ausgeht. Diese werden von ihnen einer „rückständigen“ und „andersartigen“ Kultur zugeordnet, von der sie sich selbst abheben möchten. Selbst Linken gilt „der Westen“ als Quelle sexu­eller Emanzipation schlechthin und „der Islam“ wiederum als monokausal verant­wortlich für sexualrepressive Zustände und die Verfolgung von „Schwulen“ im Nahen Osten. Der Referent dekonstruiert diesen kulturalistischen Mythos. Er umreißt eine Geschichte der Hetero­normalisierung der muslimischen Länder als einen von Europa inspirierten Modernisierungsprozess, der in der Übernahme von psychiatrischen Katego­rien, sexuellen Identitäten und nationalistischen Praktiken bestand. Auch wird thematisiert, wie das Konstrukt der „islamischen Homo­phobie“ als politisches Instrument Verwendung findet.

SALZBURG (Facebook)
Mi, 16. März ’11, 19:00 Uhr
Rudolfskai 42
Geswi, Hörsaal 381
Veranstalter: GRAS Salzburg

JENA (Facebook)
Mi, 20. April ’11, 19:00 Uhr
Carl-Zeiss-Straße 3
Hörsaal 9
Veranstalter: revolta

KASSEL (Facebook)
Do, 28. April ’11, 20:00 Uhr
Nora-Platiel-Straße 5
KUK Raum (0213)
Veranstalter: Kritische Uni Kassel

Sex, Lügen und Huntington

Donnerstag, August 12th, 2010

Einen Hoax, d.h. Schwindel, aufzudecken, bedarf es manchmal nicht mehr als einer gründlichen Überprüfung der Fußnoten. Der Blogger Abdel Kader hat das kürzlich anhand eines 2002 in der Zeitschrift „Bahamas“ erstveröffentlichten und 2007 im Ça-ira-Verlag nachgedruckten Artikels von Natascha Wilting demonstriert: Für ihre frei erfundene Behauptung, muslimische Jungen würden bis zum achten Lebensjahr an der Brust ihrer Mutter gestillt (weshalb sie „das größte psychopathologische Kollektiv“ formten, „das die Welt bis jetzt gesehen hat“), suchte sich die Autorin, nachdem sie dafür mehrfach öffentlich verspottet worden war, einfach eine falsche Quelle.

Gerhard Scheit und Natascha Wilting

Eine rassistische Lüge macht unter "antideutschen" Autoren die Runde: Natascha Wilting in einer Fußnote von Gerhard Scheits "Suicide Attack".

Ein ähnlicher Hoax lässt sich, neben zahlreichen Plagiaten, aber auch in Thomas Mauls „Ahmadinedschad in New York“ finden – ein Aufsatz, der fast die gleiche Publikationskarriere hinter sich hat wie Wiltings „Psychopathologie des Islam“: erstmals 2008 in der BaHamas erschienen, um zwei Jahre später bei Ça ira als siebtes Kapitel seiner Monographie Sex, Djihad und Despotie ein kleines Comeback zu feiern. Und genau wie Wilting scheut auch Maul nicht davor zurück, seine Quellen zu fälschen, wenn es darum geht, rassistische Vorstellungen über den Anderen zu untermauern. So heißt es an entsprechender Stelle:

Zu dieser prekären Zwangshomosexualität [in islamischen Gesell­schaften] schreibt [der schwule Exiliraner Ali] Mahdjoubi: „Es war die Hölle.“1

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  1. Thomas Maul, Sex, Djihad und Despotie (Freiburg: ça ira, 2010), 165. []

Schöner Schwuler Westen, oder: Emanzipation mit einem Preisschild

Freitag, Juni 18th, 2010

Auf 2500 Zeichen beschränkter „Tweet“ für den diesjährigen Antifee-Reader (Göttingen 2010).

Nordwesteuropäische Gesellschaften halten sich einiges darauf zugute, Homophobie vielleicht nicht überwunden, aber doch in ihren giftigsten Formen zurückgedrängt zu haben. Und tatsächlich findet der Ruf nach Unduldsamkeit, Strafverschärfung und Kastration allmählich immer weniger Widerhall. Allein zwischen 1974 und 1991 sank der Anteil derer, die ihm folgen, in der Bundesrepublik von satten 51% auf 39%. Doch trotz dieses Siegeszugs der „Toleranz“ blieb im selben Zeitraum eine zentrale Dimension von Homophobie nahezu unverändert bestehen: der Wunsch von über 60% der Befragten, soziale Kontakte mit homosexuellen Männern zu meiden, und die Auskunft von mehr als 40%, sich in ihrer Gegenwart „körperlich unwohl“ zu fühlen.1

Zweifellos hat die sexuelle Revolution die Einstellungen zu „Homosexuellen“ nachhaltig liberalisiert. Sie stehen heute vermutlich nicht mehr, wie noch 1969, in der sozialen Rangfolge „niedriger als Prostituierte“.2 Entsprechend spielen auch Selbstakzeptanz-Konflikte für die weiterhin massiv erhöhte Rate an Suizidversuchen unter homosexuellen Jugendlichen nur noch eine untergeordnete Rolle. 80% nennen als ihr Hauptmotiv stattdessen „Einsamkeit“.3 Und das hat Gründe.

„In der Schule ist Freundschaft eine Passion“, schrieb Benjamin Disraeli einst über die tobenden romantischen Leidenschaften zwischen englischen Schuljungen.4 Was ein Roman des 19. Jahrhunderts aber noch als prägende emotionale Erfahrung einer ganzen Altersstufe behandelte, ist laut einer Wiederholungsbefragung Hamburger Sexualwissenschaftler ausgerechnet in den letzten Jahrzehnten zu einer verschwindenden historischen Realität geworden. So sank die Zahl männlicher Jugendlicher, die angaben, sexuelle Erlebnisse mit dem eigenen Geschlecht gesammelt zu haben, ausgerechnet zwischen 1970 und 1990, den Hochjahren der bundesdeutschen „Homosexuellen-Emanzipation“, von 18% auf gerade einmal 2%.5

Von daher sollte man die selbst attestierte Vorbildfunktion Westeuropas für eine nicht-homophobe Zukunft einmal gründlich in Zweifel ziehen. Seine „Toleranz“ kommt mit einem Preisschild: Nach wie vor bindet diese Gesellschaft die Möglichkeit der Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe an die Pflicht zur Übernahme einer „abweichenden“ sozialen Rolle.6 Die Folge ist nicht nur eine beispiellose historische Verknappung aller damit verbundenen Verhaltensweisen, sondern fast notwendig auch die Unterhaltung einer zumindest „defensiven“7 Homophobie.

Der Verfasser ist Soziologe und Autor des Buchs „Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ (Hamburg: Männerschwarm, 2008).

  1. M. Bochow, „Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland“, in: Gefahr von Rechts, hrsg. v. SVD-NRW (Köln 1993), 50 und 55f. []
  2. C. Schulz, Paragraph 175. (abgewickelt) (Hamburg 1994), 41f. []
  3. L. Lähnemann u.a., Sie liebt sie. Er liebt ihn. (Berlin 1999), 71. []
  4. B. Disraeli, Coningsby (Whitefish 2004), 54. []
  5. G. Schmidt, Hg., Jugendsexualität (Stuttgart 1993), 35. []
  6. M. McIntosh, „The Homosexual Role“, Social Problems 16/2 (1968), 182-192. []
  7. G. M. Herek, „Beyond homophobia“, Journal of Homosexuality 10/1-2 (1984), 10f. []

Homophober Moslem, toleranter Westen?

Donnerstag, Juni 17th, 2010

Interview anlässlich eines kürzlich in Halle gehaltenen Vortrags über „Homosexualität“ und den Wandel von Gender-Konstruktionen im Iran, wobei die Fragen im Radio noch einen etwas allgemeineren Fokus hatten:

Islamische Staaten geraten durch die Verfolgung „Homosexueller“ immer wieder in den Blickpunkt der Medien. Und wenn sich hierzulande deklassierte Halbstarke aggressiv gegenüber Schwulen zeigen, fragt man reflexhaft nach ihrem „kulturellen Hintergrund“. Dabei ist die klassische türkische und arabische Liebeslyrik voll von gleichgeschlechtlichen Motiven. Die sucht man hingegen in der Literatur des „aufgeklärten“ Abendlands zumeist vergeblich. Georg Klauda stellt in seinem Buch „Die Vertreibung aus dem Serail“ die Frage nach dem historischen Anteil des Westens an der Formierung antihomosexueller Diskurse in der islamischen Welt.

Download Homophober Moslem, toleranter Westen?

Die Eingangsfrage – ungefähr: ob man tatsächlich sagen könne, dass Homophobie aus Europa in die islamische Welt exportiert wurde – ist leider abgeschnitten worden. Ich nehme mal an wegen des Hinweises auf den Vortrag in Halle, was für den bundesweiten Programmaustausch der Freien Radios ziemlich ungeeignet war. Und natürlich werden in Iran nicht die meisten geschlechtsangleichenden Operationen nach Iran, sondern nach Thailand durchgeführt. 😉

Ansonsten verweise ich noch mal auf den nächste Woche stattfindenden Vortrag in Köln zum Thema „Orientalismus der (Homo-)Sexualität„.

Homophober Moslem, toleranter Westen?

Sonntag, Oktober 11th, 2009

Ein kleiner Hinweis auf drei kommende Vorträge (inkl. Diskussion) zum Thema „Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt„:

Homophober Moslem, toleranter Westen?GÖTTINGEN
Mo, 26. Oktober ’09, 20:00 Uhr
Apex pro Art e.V.
Burgstr. 46
Veranst.: Gruppe 180°

BERLIN
So, 8. November ’09, 19:30 Uhr
Sonntagsclub
Greifenhagener Str. 28
Veranst.: „Wir sind Pankow“

WIEN
Do, 12. November ’09, 19:30 Uhr
Uni-Campus (Aula)
Spitalgasse 2-4 (Hof 1), 9. Bezirk
Veranst.: QWIEN

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