Posts Tagged ‘gay’

Der Westen und der Orientalismus der Sexualität (Einleitung)

Sonntag, August 7th, 2011

Seit einigen Jahren befindet sich eine Reihe neurechter Publizisten auf dem Kreuzzug gegen Joseph Massad, der an der New Yorker Columbia-Universität moderne arabische Politik und Geistesgeschichte lehrt und mit Colonial Effects (2001), The Persistence of the Palestinian Question (2006) und Desiring Arabs (2007) bereits drei Bücher zu postkolonialen Themen veröffentlichte. Der Versuch, seine Festanstellung (tenure) als Assistenzprofessor zu hintertreiben, etwa durch die bellizistische Watchdog-Organisation „Scholars for Peace in the Middle East“ (der u.a. auch Matthias Küntzel angehört), erwies sich am Ende jedoch als folgenlos. Die Universität ließ sich durch den Druck der Neokonservativen nicht korrumpieren.

Der Hauptgrund für die Opposition gegen den in Jordanien geborenen Politikwissenschaftler ist recht unzweifelhaft seine christlich-palästinensische Herkunft und seine damit in Verbindung stehende Kritik am Zionismus, die ihm – wie üblich – den Vorwurf des „neuen Antisemitismus“ eingetragen hat. Als letzter Auslöser der Kampagne gegen Massad erwies sich jedoch sein Aufsehen erregender Essay „Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World“ (Public Culture, 14/2002), der dem Autor sogar ein eigenes Dossier auf Daniel Pipes berüchtigter Denunzianten-Seite Campus Watch bescherte. Und eine kleine Gruppe beflissener Neocon-Imitatoren aus Österreich trug Massads Ruf als schlimmer Postkolonialist und Feind des „freien Westens“ sogar bis in (anti)deutsche Gefilde – obwohl er ins Deutsche noch überhaupt nicht übersetzt worden war. (mehr …)

A Gay Foreigner in Damascus

Dienstag, Juni 28th, 2011

Ein Artikel im Spectator nimmt den Fall des von einem Amerikaner gefakten Blogs „A Gay Girl in Damascus“ zum Anlass, den orientalistischen westlichen Blick auf „Homosexualität“ in arabischen Ländern zu hinterfragen – obwohl er sich ihm selbst nicht ganz entziehen kann. In Anlehnung an den palästinensisch­stämmigen Politikprofessor Joseph Massad kritisiert er dabei am Ende auch das pseudo-emanzipatorische Ansinnen westlicher Lesben- und Schwulen­organisationen, die es nicht lassen können, den arabischen Bevölkerungen ihre eigene identitäre Matrix aufzuzwängen:

I was well aware of Syrians’ reputation for being extraordinarily welcoming and friendly, even by Arab standards; but even I wasn’t quite prepared for the frank opening salvo from the handsome young guy sitting next to me. ‘Are you active or passive?’ he asked me.

It turned out that the coffee shop — packed with men of all ages and types, from English-speaking teenagers to elderly Bedouins — was a pick-up joint. Two other nearby ramshackle coffee shops served the same function, as did the only (packed) local bar. The city’s public parks, moreover, were 24-hour cruising areas, resembling nothing if not Russell Square in its 1980s heyday. (mehr …)

Saudi Arabia: Kingdom in the Closet

Montag, Januar 10th, 2011

Wie lebt es sich als – in unseren Begriffen – „Schwuler“ in Saudiarabien? Die Journalistin Nadya Labi hat das für einen außergewöhnlichen Artikel in der Zeitschrift The Atlantic etwas genauer recherchiert:

The Kingdom in the Closet

SODOMY IS PUNISHABLE BY DEATH IN SAUDI ARABIA, BUT GAY LIFE FLOURISHES THERE. WHY IT IS “EASIER TO BE GAY THAN STRAIGHT” IN A SOCIETY WHERE EVERYONE, HOMOSEXUAL AND OTHERWISE, LIVES IN THE CLOSET

[…] When Yasser hit puberty, he grew attracted to his male cousins. Like many gay and lesbian teenagers everywhere, he felt isolated. “I used to have the feeling that I was the queerest in the country,” he recalled. “But then I went to high school and discovered there are others like me. Then I find out, it’s a whole society.” (mehr …)

Palästinensische Queers wehren sich gegen „Pinkwashing“ von Kolonialismus und Krieg

Freitag, Dezember 17th, 2010

Am 2. bis 4. Dezember fand an der Humboldt-Universität in Berlin die Konferenz Fundamentalism and Gender statt. Ich gehöre leider nicht zum erlauchten Kreis derjenigen, die von solchen Veranstaltungen schon vorab erfahren. Und meistens auch hinterher nur, wenn es einen handfesten Skandal gegeben hat. So wie auch diesmal anlässlich der Einladung von Jasbir Puar, deren Buch Terrorist Assemblages ich hier zuhause – leider noch ungelesen – herumliegen habe.

Puars umstrittener Vortrag mit dem Titel „Beware Israeli Pinkwashing“ richtete sich gegen den Versuch der Instrumentalisierung palästinenscher „Lesben und Schwuler“ mit dem Ziel, Unterstützung für die Kriegs- und Besatzungspolitik des Staates Israel einzuwerben. Hierbei handelt es sich um eine altbekannte Kritik, seit Blair Kuntz im August 2006 seinen Aufsehen erregenden Essay „Queer as a Tool of Colonial Oppression: The Case of Israel/Palestine“ auf ZNet veröffentlichte. Als besonders degoutant erscheint diese Instrumentali­sierung vor allem deshalb, weil Israel palästinensischen „Queers“ noch in keinem einzigen bekannten Fall Asyl gewährt hat, während es das Thema propagandistisch ausschlachtet, um sich selbst als Leuchtfeuer der Menschrechte zu feiern – und so darüber hinwegzutäuschen, dass es diese Rechte in den palästinensischen Gebieten als Besatzungsmacht regelmäßig mit Füßen tritt. (mehr …)

Globalizing Homophobia

Sonntag, Dezember 12th, 2010

An English translation of the first chapter of Die Vertreibung aus dem Serail („The Eviction from the Seraglio“) has become available on MRZine:

After September 11th, 2001, one of the liberal justifications for the military intervention against Afghanistan was the oppression of women, but also of gays, by the Taliban. People in Europe and the USA received with shock the news that same-sex couples were publicly executed in the Kabul Stadium by bringing down a wall upon them that was constructed solely for this purpose. Others, however, pointed out that not only in the countries comprising the „Axis of Evil,“ but also among a few allies of the USA, the persecution of homosexuals has been elevated to a raison d’état. Horror reports from Saudi Arabia and Egypt tell of draconian measures against men who are suspected of same-sex activities. […]

Given this crude example, are we not obligated to concede the unmistakable superiority of the „imperialist“ West in matters concerning individual rights and sexual tolerance? Is it not simply true that the USA and Europe are the guarantors of civil freedom worldwide? In the following, I want to provide a few arguments as to why this view, at least from a long-term perspective, is fundamentally problematic. For, historically, it was the West itself that inspired by its own example these heteronormative relations of violence.

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Wie kann man nur Afghane sein? Eine US-Studie impft Soldaten gegen die paschtunische „Homosexuellen“-Kultur

Dienstag, August 31st, 2010

Eine von Fox News im Januar 2010 vorgestellte Forschungsstudie des US-Militärs thematisiert zum ersten Mal das notorisch homophobe Verhalten amerikanischer Soldaten gegenüber afghanischen Männern. Im Zentrum steht jedoch, wie zu erwarten, nicht die kritischen Reflexion eigener gesellschaft­licher Normen, sondern die Aufforderung an die Soldaten, „eine wichtige soziale Kraft, die der paschtunischen Kultur zugrundeliegt“, richtig zu verstehen und entsprechend exotistisch einzuordnen.

The study, obtained by Fox News, found that Pashtun men commonly have sex with other men, admire other men physically, have sexual relationships with boys and shun women both socially and sexually — yet they completely reject the label of „homo­sexual.“

Nicht dass die US-amerikanischen Soldaten „homo“ und „gay“ als Beleidi­gungen einführen, um die männliche afghanische Bevölkerung nach den Kategorien von „normal“ und „anormal“ durchzusortieren, sondern dass sich paschtunische Männer allen Ernstes weigern, sich mit diesen Beleidigungen positiv zu identifizieren, stellt für die Studie (oder zumindest Fox News) das eigentlich Bemerkenswerte dar. So wird der Schwarze Peter für die homo­phoben Ausflipper amerikanischer Soldaten einfach an die afghanische Gesell­schaft weitergegeben. (mehr …)

U.S. Soldiers Teaching Homophobia in Afghanistan

Sonntag, August 29th, 2010

Requires no comment …

OT: „Pashtun translator Flirts with American soldiers LOL“

Being gay in everyday Iran

Mittwoch, Juli 21st, 2010

Couscous Global wirft einen Blick auf die unspektakulären Aspekte schwulen Lebens im Iran – ein Kontrapunkt zu der häufig bloß sensationsheischenden Berichterstattung in zahlreichen westlichen Medien:

Schöner Schwuler Westen, oder: Emanzipation mit einem Preisschild

Freitag, Juni 18th, 2010

Auf 2500 Zeichen beschränkter „Tweet“ für den diesjährigen Antifee-Reader (Göttingen 2010).

Nordwesteuropäische Gesellschaften halten sich einiges darauf zugute, Homophobie vielleicht nicht überwunden, aber doch in ihren giftigsten Formen zurückgedrängt zu haben. Und tatsächlich findet der Ruf nach Unduldsamkeit, Strafverschärfung und Kastration allmählich immer weniger Widerhall. Allein zwischen 1974 und 1991 sank der Anteil derer, die ihm folgen, in der Bundesrepublik von satten 51% auf 39%. Doch trotz dieses Siegeszugs der „Toleranz“ blieb im selben Zeitraum eine zentrale Dimension von Homophobie nahezu unverändert bestehen: der Wunsch von über 60% der Befragten, soziale Kontakte mit homosexuellen Männern zu meiden, und die Auskunft von mehr als 40%, sich in ihrer Gegenwart „körperlich unwohl“ zu fühlen.1

Zweifellos hat die sexuelle Revolution die Einstellungen zu „Homosexuellen“ nachhaltig liberalisiert. Sie stehen heute vermutlich nicht mehr, wie noch 1969, in der sozialen Rangfolge „niedriger als Prostituierte“.2 Entsprechend spielen auch Selbstakzeptanz-Konflikte für die weiterhin massiv erhöhte Rate an Suizidversuchen unter homosexuellen Jugendlichen nur noch eine untergeordnete Rolle. 80% nennen als ihr Hauptmotiv stattdessen „Einsamkeit“.3 Und das hat Gründe.

„In der Schule ist Freundschaft eine Passion“, schrieb Benjamin Disraeli einst über die tobenden romantischen Leidenschaften zwischen englischen Schuljungen.4 Was ein Roman des 19. Jahrhunderts aber noch als prägende emotionale Erfahrung einer ganzen Altersstufe behandelte, ist laut einer Wiederholungsbefragung Hamburger Sexualwissenschaftler ausgerechnet in den letzten Jahrzehnten zu einer verschwindenden historischen Realität geworden. So sank die Zahl männlicher Jugendlicher, die angaben, sexuelle Erlebnisse mit dem eigenen Geschlecht gesammelt zu haben, ausgerechnet zwischen 1970 und 1990, den Hochjahren der bundesdeutschen „Homosexuellen-Emanzipation“, von 18% auf gerade einmal 2%.5

Von daher sollte man die selbst attestierte Vorbildfunktion Westeuropas für eine nicht-homophobe Zukunft einmal gründlich in Zweifel ziehen. Seine „Toleranz“ kommt mit einem Preisschild: Nach wie vor bindet diese Gesellschaft die Möglichkeit der Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe an die Pflicht zur Übernahme einer „abweichenden“ sozialen Rolle.6 Die Folge ist nicht nur eine beispiellose historische Verknappung aller damit verbundenen Verhaltensweisen, sondern fast notwendig auch die Unterhaltung einer zumindest „defensiven“7 Homophobie.

Der Verfasser ist Soziologe und Autor des Buchs „Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ (Hamburg: Männerschwarm, 2008).

  1. M. Bochow, „Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland“, in: Gefahr von Rechts, hrsg. v. SVD-NRW (Köln 1993), 50 und 55f. []
  2. C. Schulz, Paragraph 175. (abgewickelt) (Hamburg 1994), 41f. []
  3. L. Lähnemann u.a., Sie liebt sie. Er liebt ihn. (Berlin 1999), 71. []
  4. B. Disraeli, Coningsby (Whitefish 2004), 54. []
  5. G. Schmidt, Hg., Jugendsexualität (Stuttgart 1993), 35. []
  6. M. McIntosh, „The Homosexual Role“, Social Problems 16/2 (1968), 182-192. []
  7. G. M. Herek, „Beyond homophobia“, Journal of Homosexuality 10/1-2 (1984), 10f. []

Besieged By Religious Wingnuts

Mittwoch, Juni 16th, 2010

’nother video, same topic …