Archiv für das 'fundamentalismus'-tag

Olivier Roy: “Die Salafisten wenden sich ja zuallerst gegen die muslimische Kultur”

Olivier Roy - Heilige Einfalt Der auf den Islam spezialisierte Religions­soziologe Olivier Roy brilliert im Interview mit den Thesen seines neuesten Buchs Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen (2010).

„Die Presse“: Die deutsche Femi­nistin Alice Schwarzer fordert ein totales Verbot der Burka – diese bedeute „den end­gültigen Sieg des politisierten Islam“. Stimmt das?

Olivier Roy: Es ist total absurd. Der politische Islam hat nie die Burka gefordert, im Iran gibt es den Schleier. Jene, die das fordern, etwa die Salafisten, sind gerade nicht in großen Organisationen. Die Burka, das ist der Rückzug auf die individuelle Gläubigkeit, die Sekte, also genau das Gegenteil eines politischen Islam.

Der Westen sieht gemeinhin religiöse Fundamentalisten als sehr traditionsgebunden – Sie sagen in Ihrem neuen Buch, „Heilige Einfalt“, das Gegenteil, es handle sich um „entwurzelte Religionen“. Entwurzelt wovon?

Roy: Von der Kultur. In einer Kultur sind Normen und Symbole nicht von der Religion abgetrennt. [...] Die Religion wird dadurch zu einer weichen Religion. [...] Nicht alle fasten im Ramadan, aber alle tun so als ob. Als die Päpste die Herren Roms waren, gab es Bordelle – stellen Sie sich vor, man fände heute ein Bordell im Vatikan! Heute trennen sich die zwei Sphären, und zwar in allen Religionen.

Religionen ohne Kultur werden fundamentalistisch, sagen Sie. Dann wäre der Fundamentalismus eine Folge der Säkularisie­rung.

Roy: Das ist er auch. Die Säkularisierung hat die Religion nicht zerstört, sondern isoliert. Die dominante Kultur verliert das religiöse Wissen – mit Atheismus hat das nichts zu tun, die Atheisten des 19. Jahrhunderts, Marx, Freud, kannten die Religion sehr gut. Umgekehrt denkt die Religion die Kultur als etwas Externes und versucht sich allein auf den Glauben zu stellen. [...]

Doch extremistische Gruppierungen wie al-Qaida stoßen doch auf gewisses Verständnis auch in traditionellen Gesellschaften.

Roy: Keine einzige politische Gruppierung in den arabischen Ländern unterstützt bin Laden. Seine Basis sind die globalisierten Moslems. Bin Laden ist kein Traditionalist, die Scharia interessiert ihn gar nicht. Er kümmert sich auch einen Dreck um die arabischen Staaten. Soeben hat er eine englischsprachige Seite lanciert – warum? Weil die Leute, die sich für ihn begeistern, eben nicht Arabisch können! Weltweit gibt es immer mehr Konvertiten, gerade unter den Fundamentalisten, al-Qaida besteht zu circa 20 Prozent daraus. Sie sind der sichtbarste Ausdruck der „ent­wurzelten Religionen“.

Der Trend zur Ablösung von der Kultur trifft Ihnen zufolge alle Religionen – im Christentum etwa analysieren Sie die weltweite Ausbreitung der Evangelikalen. Abgesehen von der Politik – was haben diese christlichen Bewegungen mit den islamischen gemeinsam?

Roy: Sie verweigern den Kompromiss, man ist drin oder draußen. Die jeweils bei den Angehörigen der Religion dominante Kultur ist für sie heidnisch – die Salafisten wenden sich ja zuallererst gegen die muslimische Kultur. Es genügt nicht, nominell gläubig zu sein, man befindet sich also nicht mehr in einer Kirche, sondern einer Glaubensgemeinschaft, einer Sekte. Verloren hat man die Kontinuität von Kirche und Gesellschaft inklusive den Nicht­gläubigen. [...]

Der Multikulturalismus ist eine Illusion, schreiben Sie, es gehe nicht um Kultur, sondern um Religion. Aber auch Migranten­vertreter sprechen von Kultur und Identität…

Roy: Weil das akzeptiert wird. Aber der Glaube ist keine Identität, der Glaube ist ein Glaube. Das Problem ist, dass man die Spezifität des Religiösen heute nicht sehen will, die Sprache des Glaubens ist unverständlich geworden. Deswegen werden auch die Kirchen zu Sekten – weil die anderen das, was sie motiviert, nicht mehr verstehen.

Vom Mythos des Matriarchats zur modernen Gender-Forschung

In The Myth of Matriarchal Prehistory – Why An Invented Past Won’t Give Women A Future (2000) fasst die Feministin Cynthia Eller die politische und wissenschaftliche Kritik an der sog. Matriarchats-These bündig zusammen. Für eine “patriarchale Revolution” in der Vor- und Frühgeschichte indo­europäischer und semitischer Gesellschaften gebe es nicht nur keine Beweise; es lasse sich sogar zeigen, dass die Gesellschaften davor nicht einen Deut weniger androzentrisch, männerdominiert und “patriarchal” waren als ihre Nachfolger.

So blamiert sich die – jüngst von Thomas Maul wieder aufgewärmte – antisemitische Legende, wonach der von Mohammed adaptierte jüdisch-monotheistische Glaube auf der arabischen Halbinsel “das Patriarchat” eingeführt habe, schon an der Tatsache, dass eine der wesentlichen Neuerungen des Koran auf dem Feld der Geschlechterverhältnisse im Verbot der bis dahin gebräuchlichen Tötung weiblicher Kleinkinder bestand: Töchter galten in dem von Maul herbeiphantasierten vorislamischen “Matriarchat” als schlechthin unerwünscht, “weniger wert” als ihre Brüder. (mehr …)

How Christians disprove Einstein

“Jesus’s healing powers faster than the speed of light”: Conservapedia disproves Einstein with John 4:46-54.

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Anti-Gay Activists and Their Strange Attachment to Male Prostitutes

See also: Max Blumenthal on Republican Gomorrha

Lunatic Christians for Israel

Ein besonderes Kuriosum der fanatisch “pro”-israelischen Lobby in den USA, die den Friedensprozess durch ihre bedingungslose Solidarität mit der israelischen Siedlungspolitik seit Jahrzehnten torpediert, ist die Tatsache, dass sie zu nicht unwesentlichen Teilen gar nicht von amerikanischen Juden (die in ihrer übergroßen Mehrheit liberale Obama-Wähler sind), sondern mindestens ebenso sehr von radikalen Antisemiten wie dem Magachurch-Pastor John Hagee getragen wird.

Neben seiner Rolle als geistiger Anführer der Bewegung “Christians United for Israel” (CUFI) ist Hagee einer der bestbezahlten fundamentalistischen Fernsehprediger in den USA und Vorstandsvorsitzender der “Hagee Ministries”, die mit ihrem nationalen Rundfunkprogramm 160 TV- und 50 Radio-Stationen versorgen. Angeblich ist es seinem Kirchenkonzern damit möglich, jede Woche bis zu 99 Millionen amerikanischer Haushalte zu erreichen. (mehr …)

Jesus never hugged!

Immer wieder ein Faszinosum: die evangelikale Szene in den USA. Im folgenden Youtube-Video wirbt eine religiöse Hiphop-Band für den “Christian side hug” als Ersatz für die frontale Umarmung (front hug), die man offenbar als furchterregende Gefahr für das Ziel sexueller Enthaltsamkeit betrachtet. Wobei “wirbt” vielleicht das falsche Wort ist: wer nicht pariert, dem wird ein Schlag ins Koma angedroht…

Wie schon bei der konservativen Teabagger-Bewegung ist man sich vielleicht nicht ganz der Doppeldeutigkeit von Sätzen wie “I’m a rough rider” bewusst … just saying. ;)

Gefunden hab ich das übrigens bei meinem Lieblings-Vlogger Ray William Johnson, der sich im selben Beitrag auch den republikanischen Senator Chris Buttars vornimmt. (O-Ton Buttars: “I don’t mind gays … but I don’t want them stuffing it down my throat all the time … and certainly in my kid’s face!”) :D

Und wer noch nicht genug hat: in der aktuellen Folge widmet sich Ray den Äußerungen einer konservativen Kongress-Abgeordneten, die sich öffentlich in pornographischen Phantasien verliert, nur um zu beweisen, dass die Praktik des Analverkehrs für sie nicht in Frage komme, daher irgendwie “nicht normal” sei und es rechtfertige, gleichgeschlechtliche Paare gegenüber der Heterosexuellen-Ehe zu benachteiligen. Eine Lücke in der Argumentationskette? Hey, das ist eine gottesfürchtige Frau, was erwartet ihr!

links for 2009-11-09

The rootlessness of radical Islam

A one-hour conversation with Olivier Roy …

"Der Westen suchte einen neuen Feind"

Olivier Roy gehört zu den profiliertesten Islamwissenschaftlern der Gegenwart. Im Gegensatz zur alten Garde von Orientalisten wie Bernard Lewis bricht er aber radikal mit den alten kulturalistischen Interpretationsweisen und stellt islamische Bewegungen stattdessen in den Kontext moderner Gesellschaften, deren zeitgenössische Tendenz er durch solche Phänomene wie Globalisierung, Entterritorialisierung, Dekulturierung und Entwurzelung (Individualisierung) bestimmt sieht. Die Strukturen des sog. Neofundamentalismus, ob in christlichen oder islamischen Gesellschaften – einerlei! -, spiegeln diese Tendenz in extremer Weise wider und negieren sie nicht.

Vor dem Hintergrund dieser These, die er 2002 (deutsch 2004) in Der islamische Weg nach Westen formulierte, analysiert Roy in seinem neuesten Buch Der falsche Krieg die fatale Bombenstrategie des westlichen Imperialismus, der nach dem Ende des Marxismus-Leninismus im Islam[ismus] seinen neuen ideologischen Hauptfeind suchte und hierfür gänzlich unzusammenhängende, territorial gebundene und größtenteils nationalistisch motivierte Konflikte unter dem Stichwort “internationaler Terror” künstlich homogenisierte.

Hierzu ein kurzes Interview mit der “Kulturzeit” (3sat):

Olivier Roy bei "Kulturzeit" (Youtube)

Eine Zusammenfassung der Rezensionen im deutschen Feuilleton findet sich, wie immer, bei Perlentaucher.

There's a Rep for Every Demagogic Need

(via mädchenblog)

Info

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kurz & klein

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BOCHUM. “Homophober Moslem, toleranter Westen?” – Do, 16. Sept. ’10, 19:30 Uhr. Kulturzentrum Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108. Veranstaltet von der Antifaschistischen Jugend Bochum.

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“Warum dieser Hass? Oder die Grenzen emanzipatorischer Islamkritik”. Eine TREND-Diskussionsveranstaltung mit dem Journalisten Peter Nowak sowie Hans vom “Heinersdorfer Bündnis” und Georg Klauda. Sonntag, den 5.9.2010, um 17 Uhr im Café Größenwahn, Kinzigstr. 9 (HH), Berlin-Friedrichshain.

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“Jesus’s healing powers faster than the speed of light”: Conservapedia disproves Einstein with John 4:46-54.

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Bemerkenswerte Gedanken des Bloggers Alex Blaze über Judith Butler, queeren (Anti)Rassismus und das Verhältnis von Klassen- und Identitätspolitik.

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“A recently-revealed tape has shown Binyamin Netanyahu, the Israeli prime minister, discussing ways to undermine the Oslo Accords and calling the United States ‘easy’ to manipulate.” Al Jazeera, 18 July 2010.

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Möhrchen?

(für meinen Blog)

Buchtipp

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