Archiv für das 'fundamentalismus'-tag

Fundamentalismus ist überall

Dass Fundamentalismus kein kulturelles Ding ist, sondern zum gegenwärtigen Gesicht eines Zeitalters rechnet, das sich einst stolz “wissenschaftlich-technologisch” nannte, die Probleme von Armut und sozialer Unsicherheit aber so wenig lösen konnte, dass es seit Ende der 70er Jahre zunehmend in neoreligiöser Spinnerei versumpft, das belegen im Kleinen diese verstörenden Bilder aus Bet Schemesch, einer 80.000 Einwohner zählenden Satellitenstadt 30 Kilometer westlich von Jerusalem. Dort haben Ultra-Orthodoxe sich und ihren säkularen Nachbarn in den letzten Jahren eine Hölle auf Erden bereitet: strikte Geschlechtertrennung und Verbannung von Frauen aus der Öffentlichkeit; achtjährige Mädchen, die aufgrund ihres “schamlosen Aufzugs” als Flittchen beschimpft und angespuckt werden, sowie die Auskunft, dass hier nur Gottes Gesetze Gültigkeit besäßen. Von “small Iran”, wie es im Film heißt, sollte man allerdings lieber nicht sprechen, wenn man nicht die grenzenlose Wut frommer antideutscher Seelen auf sich ziehen will!

Missionaries of Hate: Uganda, “Kill the Gays” und die christliche US-Rechte

In den nächsten 48 Stunden könnte die Entscheidung über die sog. “Kill the Gays” Bill fallen, ein Gesetzentwurf in Uganda, der lebenslange Haft für einfache und die Einführung der Todesstrafe für “erschwerte” Homosexualität vorsieht. Eine Online-Petition, die bereits 300.000 Menschen unterzeichnet haben, fordert Präsident Yoweri Museveni auf, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen. (Wäre schön, wenn du das auch unterschreibst!)

Der folgende Dokumentarfilm beleuchtet auf 45 Minuten die Hintergründe des Gesetzes und die Verstrickung US-amerikanischer Fundamentalisten – jener Missionaries of Hate, die dem Film den Titel gaben – in die Verbreitung einer fanatischen, religiös ideologisierten Form von Homophobie in Afrika.

Olivier Roy: “Die Salafisten wenden sich ja zuallerst gegen die muslimische Kultur”

Olivier Roy - Heilige Einfalt Der auf den Islam spezialisierte Religions­soziologe Olivier Roy brilliert im Interview mit den Thesen seines neuesten Buchs Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen (2010).

„Die Presse“: Die deutsche Femi­nistin Alice Schwarzer fordert ein totales Verbot der Burka – diese bedeute „den end­gültigen Sieg des politisierten Islam“. Stimmt das?

Olivier Roy: Es ist total absurd. Der politische Islam hat nie die Burka gefordert, im Iran gibt es den Schleier. Jene, die das fordern, etwa die Salafisten, sind gerade nicht in großen Organisationen. Die Burka, das ist der Rückzug auf die individuelle Gläubigkeit, die Sekte, also genau das Gegenteil eines politischen Islam.

Der Westen sieht gemeinhin religiöse Fundamentalisten als sehr traditionsgebunden – Sie sagen in Ihrem neuen Buch, „Heilige Einfalt“, das Gegenteil, es handle sich um „entwurzelte Religionen“. Entwurzelt wovon?

Roy: Von der Kultur. In einer Kultur sind Normen und Symbole nicht von der Religion abgetrennt. [...] Die Religion wird dadurch zu einer weichen Religion. [...] Nicht alle fasten im Ramadan, aber alle tun so als ob. Als die Päpste die Herren Roms waren, gab es Bordelle – stellen Sie sich vor, man fände heute ein Bordell im Vatikan! Heute trennen sich die zwei Sphären, und zwar in allen Religionen.

Religionen ohne Kultur werden fundamentalistisch, sagen Sie. Dann wäre der Fundamentalismus eine Folge der Säkularisie­rung.

Roy: Das ist er auch. Die Säkularisierung hat die Religion nicht zerstört, sondern isoliert. Die dominante Kultur verliert das religiöse Wissen – mit Atheismus hat das nichts zu tun, die Atheisten des 19. Jahrhunderts, Marx, Freud, kannten die Religion sehr gut. Umgekehrt denkt die Religion die Kultur als etwas Externes und versucht sich allein auf den Glauben zu stellen. [...]

Doch extremistische Gruppierungen wie al-Qaida stoßen doch auf gewisses Verständnis auch in traditionellen Gesellschaften.

Roy: Keine einzige politische Gruppierung in den arabischen Ländern unterstützt bin Laden. Seine Basis sind die globalisierten Moslems. Bin Laden ist kein Traditionalist, die Scharia interessiert ihn gar nicht. Er kümmert sich auch einen Dreck um die arabischen Staaten. Soeben hat er eine englischsprachige Seite lanciert – warum? Weil die Leute, die sich für ihn begeistern, eben nicht Arabisch können! Weltweit gibt es immer mehr Konvertiten, gerade unter den Fundamentalisten, al-Qaida besteht zu circa 20 Prozent daraus. Sie sind der sichtbarste Ausdruck der „ent­wurzelten Religionen“.

Der Trend zur Ablösung von der Kultur trifft Ihnen zufolge alle Religionen – im Christentum etwa analysieren Sie die weltweite Ausbreitung der Evangelikalen. Abgesehen von der Politik – was haben diese christlichen Bewegungen mit den islamischen gemeinsam?

Roy: Sie verweigern den Kompromiss, man ist drin oder draußen. Die jeweils bei den Angehörigen der Religion dominante Kultur ist für sie heidnisch – die Salafisten wenden sich ja zuallererst gegen die muslimische Kultur. Es genügt nicht, nominell gläubig zu sein, man befindet sich also nicht mehr in einer Kirche, sondern einer Glaubensgemeinschaft, einer Sekte. Verloren hat man die Kontinuität von Kirche und Gesellschaft inklusive den Nicht­gläubigen. [...]

Der Multikulturalismus ist eine Illusion, schreiben Sie, es gehe nicht um Kultur, sondern um Religion. Aber auch Migranten­vertreter sprechen von Kultur und Identität…

Roy: Weil das akzeptiert wird. Aber der Glaube ist keine Identität, der Glaube ist ein Glaube. Das Problem ist, dass man die Spezifität des Religiösen heute nicht sehen will, die Sprache des Glaubens ist unverständlich geworden. Deswegen werden auch die Kirchen zu Sekten – weil die anderen das, was sie motiviert, nicht mehr verstehen.

Vom Mythos des Matriarchats zur modernen Gender-Forschung

In The Myth of Matriarchal Prehistory – Why An Invented Past Won’t Give Women A Future (2000) fasst die Feministin Cynthia Eller die politische und wissenschaftliche Kritik an der sog. Matriarchats-These bündig zusammen. Für eine “patriarchale Revolution” in der Vor- und Frühgeschichte indo­europäischer und semitischer Gesellschaften gebe es nicht nur keine Beweise; es lasse sich sogar zeigen, dass die Gesellschaften davor nicht einen Deut weniger androzentrisch, männerdominiert und “patriarchal” waren als ihre Nachfolger.

So blamiert sich die – jüngst von Thomas Maul wieder aufgewärmte – antisemitische Legende, wonach der von Mohammed adaptierte jüdisch-monotheistische Glaube auf der arabischen Halbinsel “das Patriarchat” eingeführt habe, schon an der Tatsache, dass eine der wesentlichen Neuerungen des Koran auf dem Feld der Geschlechterverhältnisse im Verbot der bis dahin gebräuchlichen Tötung weiblicher Kleinkinder bestand: Töchter galten in dem von Maul herbeiphantasierten vorislamischen “Matriarchat” als schlechthin unerwünscht, “weniger wert” als ihre Brüder. (Click here to continue...)

How Christians disprove Einstein

“Jesus’s healing powers faster than the speed of light”: Conservapedia disproves Einstein with John 4:46-54.

(1)

Anti-Gay Activists and Their Strange Attachment to Male Prostitutes

See also: Max Blumenthal on Republican Gomorrha

Lunatic Christians for Israel

Ein besonderes Kuriosum der fanatisch “pro”-israelischen Lobby in den USA, die den Friedensprozess durch ihre bedingungslose Solidarität mit der israelischen Siedlungspolitik seit Jahrzehnten torpediert, ist die Tatsache, dass sie zu nicht unwesentlichen Teilen gar nicht von amerikanischen Juden (die in ihrer übergroßen Mehrheit liberale Obama-Wähler sind), sondern mindestens ebenso sehr von radikalen Antisemiten wie dem Magachurch-Pastor John Hagee getragen wird.

http://www.youtube.com/watch?v=IWMmVIAtHAU

Neben seiner Rolle als geistiger Anführer der Bewegung “Christians United for Israel” (CUFI) ist Hagee einer der bestbezahlten fundamentalistischen Fernsehprediger in den USA und Vorstandsvorsitzender der “Hagee Ministries”, die mit ihrem nationalen Rundfunkprogramm 160 TV- und 50 Radio-Stationen versorgen. Angeblich ist es seinem Kirchenkonzern damit möglich, jede Woche bis zu 99 Millionen amerikanischer Haushalte zu erreichen.

Obwohl von führenden amerikanischen Politikern wie John McCain, Joseph Lieberman und Tom DeLay umworben, ist Hagee nicht gerade leichte Kost, was seine Ansichten über Juden und Homosexuelle angeht – über die man bislang allerdings großzügig hinweggesehen hat. Ein extremes Beispiel dafür ist eine kürzlich bekannt gewordene Predigt aus dem Jahr 2006, in der er Hitler unter Verweis auf die Bibel zu einem Teil von Gottes Plan erklärt mit dem Ziel, die Juden nach Israel zu treiben:

http://www.youtube.com/watch?v=3EFVNrjOpJA

Der Anti-Christ, erklärt Hagee in einer weiteren Predigt, werde wenigstens zum Teil jüdisch sein – wie Karl Marx und, Hagees Ansicht zufolge: Adolf Hitler -, sich darüber hinaus aber auch als Gotteslästerer und Homosexueller zu erkennen geben. Eine Prophezeiung, die Hagee aus einer literalistischen Deutung von zufälligen Bruchstücken der Bibel ableitet:

Trotz seiner von religiösem Wahnsinn geschüttelten Ansichten versteht es der homophobe Holocaust-Revisionist John Hagee gleichwohl immer wieder, sich in einen Mantel der Honorigkeit zu hüllen – etwa indem er sich für eine halbe Millonen Dollar den jüdischen Nobelpreisträger Elie Wiesel als öffentlichen Redner und Gesprächspartner einkauft.

Mit seinen schier unerschöpflichen Geldmitteln beteiligt sich Hagee aber auch direkt an der Finanzierung illegaler Siedlungsprojekte im Westjordanland, wie der amerikanische Journalist Max Blumenthal (Republican Gomorrah) herausgefunden hat. In einem seiner mittlerweile berüchtigten Video-Clips kontrastiert Blumenthal die durch die großzügigen Spenden Hagees ermöglichten luxuriösen Lebensverhältnisse in der jüdischen Siedlung Ariel mit dem Elend der in unmittelbarer Nachbarschaft eingepferchten und durch schießwütige Siedler und IDF-Soldaten in ihrer Sicherheit bedrohten Palästinenser, die sich aufgrund fehlender Baugenehmigungen auf immer kleinerem Raum zusammendrängen müssen:

http://www.youtube.com/watch?v=UMNEKvOAiv4

Das Beispiel John Hagees erscheint zunächst wie eine exotische Blüte in der Geschichte des nicht-jüdischen Prozionismus, setzt aber in Wirklichkeit eine lange Kette der Verschwisterung zionistischer und antisemitischer Positionierungen fort, die von Arthur James Balfour über Richard Nixon bis zu Jean Marie LePen hinaufreicht. Trotz seiner ostentativen Israelfreundlichkeit blieb dieser Prozionismus stets radikal gegen die Juden gerichtet – zu Balfours Zeiten, weil er die englischen Juden als fremdes “Gastvolk” markieren sollte, das die britische Staatsangehörigkeit gleichsam nur unter Vorbehalt genieße. Und schlimmer noch in Hagees religiöser Wahnwelt, welche die Juden zum Kanonenfutter im Endzeitkampf gegen den muslimischen Erzfeind erkürt, wofür jede auf Landzugeständnisse beruhende Friedensinitiative zum Unsinn erklärt und Israel für das bevorstehende “Armageddon” bis oben hin mit Waffen vollgestopft werden muss.

Schockierend ist dabei vor allem, wie wenig Anstoß “pro”-israelische Politiker an dieser sich freudig nach Krieg und nuklearer Vernichtung sehnenden christlich-messianischen Bewegung nehmen, die den Holocaust offen als Gottes List bejaht und in Washington trotzdem als eine ernstzunehmende Lobby gilt. Dass ihre Mitglieder genauso wahnsinnig wie ihre Anführer sind, beweist Blumenthal indes mit einer Reihe von Interviews, die er auf seiner “Christians United for Israel Tour” 2007 in Washington sammelte. Und wie bei allen seinen Videos kann man sich auch hier trotz – oder gerade wegen – all des rechten Irrsinns, den er vorführt, ein gewisses Schmunzeln nicht verkneifen:

Jesus never hugged!

Immer wieder ein Faszinosum: die evangelikale Szene in den USA. Im folgenden Youtube-Video wirbt eine religiöse Hiphop-Band für den “Christian side hug” als Ersatz für die frontale Umarmung (front hug), die man offenbar als furchterregende Gefahr für das Ziel sexueller Enthaltsamkeit betrachtet. Wobei “wirbt” vielleicht das falsche Wort ist: wer nicht pariert, dem wird ein Schlag ins Koma angedroht…

Wie schon bei der konservativen Teabagger-Bewegung ist man sich vielleicht nicht ganz der Doppeldeutigkeit von Sätzen wie “I’m a rough rider” bewusst … just saying. ;)

Gefunden hab ich das übrigens bei meinem Lieblings-Vlogger Ray William Johnson, der sich im selben Beitrag auch den republikanischen Senator Chris Buttars vornimmt. (O-Ton Buttars: “I don’t mind gays … but I don’t want them stuffing it down my throat all the time … and certainly in my kid’s face!”) :D

Und wer noch nicht genug hat: in der aktuellen Folge widmet sich Ray den Äußerungen einer konservativen Kongress-Abgeordneten, die sich öffentlich in pornographischen Phantasien verliert, nur um zu beweisen, dass die Praktik des Analverkehrs für sie nicht in Frage komme, daher irgendwie “nicht normal” sei und es rechtfertige, gleichgeschlechtliche Paare gegenüber der Heterosexuellen-Ehe zu benachteiligen. Eine Lücke in der Argumentationskette? Hey, das ist eine gottesfürchtige Frau, was erwartet ihr!

links for 2009-11-09

The rootlessness of radical Islam

A one-hour conversation with Olivier Roy …


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