In einem Kommentar für den Hintergrund analysiert Susann Witt-Stahl die ideologische Funktion des Antisemitismusberichts des Deutschen Bundestags. Obwohl, wie einer der Autor_innen unfreiwillig zugeben muss, über 90% aller antisemitischen Straftaten wie eh und je von Rechten begangen werden, ist das eigentliche Politikum der Studie, dass sie sich von Neokonservativen die phantasmagorische Kategorie des “neuen Antisemitismus” aneignet: ein Antisemitismus, der seiner sozialen Herkunft nach von “Linksextremisten” und “Menschen mit Migrationshintergrund” ausgehen soll. Gemeint ist damit allerdings nur die Kritik an Krieg, Besiedlung und rassistischer Entrechtung – also den, so die Expertenkommission, “legitimen Sicherheitsinteressen” Israels in Palästina, die leichtfertig ignoriert oder (man denke nur an Goldstone!) sogar offensiv in Frage gestellt würden. (Continue...)
Archiv für das 'antisemitismus'-tag
… meint man zumindest in der Bahamas, wo sich der Raddatz-Imitator Thomas Maul, den wirren Gedankengängen seines großen Vorbilds folgend, an einer essentialistischen Reinwaschung des Christentums vom historischen Makel des Antijudaismus versucht. Rüdiger berichtet:
Ja, gelesen habe ich bisher: einen wunderbaren Text von Thomas Maul, in dem er die Grundlage nahezu aller Historiker, die über christlichen Antijudaismus schreiben, als irrsinnig entlarvt: Der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden ist nicht christlich, sondern heidnisch. Sehr überzeugend, wobei sich natürlich wieder die Frage stellt, ob nicht das als heidnisch identifizierte im Laufe der Jahrhunderte so sehr im Christentum festgesetzt hat, dass es von ihm gar nicht mehr getrennt werden kann. Auf diese Frage weiß aber Maul die Antwort, dass die Kirche zumindest den Widerspruch zwischen Gottesmord und Selbstopfer nicht los wird. Es gibt also im Christentum selbst etwas, dass dem Antijudaismus zutiefst widerstrebt. Maul führt das auch auf den jüdischen Ursprung des Christentums zurück. Da wäre es vielleicht hilfreich, doch noch mal zwischen jüdischen und griechischen Elementen zu differenzieren, aber Maul schreibt selbst, dass es sich um vorläufige Ergebnisse eines längeren Denkprozesses handelt. Außerdem wäre spannend, wie die protestantische Wende gegen den Ablass (der überzeugend als Reaktion auf das Ausbleiben der Wiederkunft des Messias gedeutet wird) in diesem Fall zu beurteilen ist.
Vielleicht sollte der Mann weniger Rotwein trinken und lieber wieder an seinen billigen Amateur-Pornos schnippeln – falls das mit Jesus und dem “wahren Christentum” nach Maul überhaupt vereinbar ist.
Ein gut recherchierter Artikel von Susann Witt-Stahl ordnet das “anti”deutsche Phänomen in den ideologischen Gesamtkontext der neuen Rechten ein:
Viele Christen glauben, der in der Bibel prophezeite Endkampf zwischen Gut und Böse habe bereits begonnen. Schauplatz ist Israel. Entschieden wird er zwischen „wahren Juden“ und „teuflischen Arabern“ – durch einen Atomkrieg. Der hat (noch) nicht stattgefunden. Aber ein Propagandakrieg ist in vollem Gange: Neue Rechte, Rechtskonservative, „antideutsche“ und andere Neokonservative eröffnen mithilfe einiger Noch-Linker eine neue politische Front: „Für die Verteidigung Israels und der Juden“, schallt der Schlachtruf aus der FPÖ, von der Achse des Guten und sogar vom rechten Rand der Linkspartei. „Umma-Sozialisten“ (Islamisten) und Antiimperialisten sind für sie die Nazis von heute. Daher verlaufe die Grenze nicht mehr zwischen rechts und links, oben und unten, sondern zwischen „zivilisiertem Westen“ und „barbarischem Islam“. Muslime, Antikapitalisten, linke Israel-Kritiker, besonders jüdische, und die Friedensbewegung sind die neuen Feinde; Antisemitismus-Vorwürfe die neuen Waffen. Die kommen mittlerweile so massiv und willkürlich zum Einsatz, dass die französischen Philosophen Alain Badiou und Eric Hazan in ihrer Streitschrift „L’antisémitisme partout“ von einer „neuen Inquisition“ sprechen. Die politischen Koordinaten sind mittlerweile völlig durcheinandergeraten. Badiou und Hazan erwarten sogar, dass „linke Intellektuelle demnächst vom Front National als Antisemiten behandelt werden“.
(via mondoprinte)
Ein weiteres spannendes Interview mit Moshe Zuckermann – zur politischen Rechtsentwicklung in Israel – findet sich im Blogsport-Audioarchiv.
In der Linken macht zurzeit das Buch “Antisemit!” Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument des deutsch-israelischen Historikers Moshe Zuckermann die Runde. Die Titelverwandtschaft ließe erwarten, dass der Autor dort ansetzt, wo Norman Finkelsteins Antisemitismus als politische Waffe von 2006 offene Fragen hinterließ. Tatsächlich verzichtet Zuckermann aber auf jeden inhaltlichen Querbezug und setzt völlig neu an. Der Grund dafür scheint, neben einer zehn Jahre alten Kritik an Finkelsteins umstrittenem Werk Die Holocaust-Industrie, vor allem ein methodischer zu sein. Zuckermann, der sein Denken zu Wohl und Wehe der Kritischen Theorie verdankt, stützt sich nicht, wie Finkelstein, auf eine Analyse der der Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs zugrundeliegenden Interessen, sondern sattelt stattdessen das Pferd der Psychoanalyse, um gegen die ideologische Affirmation von Herrschaft und Gewalt in die Schlacht zu ziehen. Die Erkundung der psychologischen Konstitution politischer Identitäten verhilft dabei zu einigen neuen und unerwarteten Einsichten wie etwa der folgenden (162f.) über die bei Zuckermann an vorderster Front figurierenden “Antideutschen”: (Continue...)
Ohne ihn beim Namen zu nennen, rechnet Alan Posener in einer Kolumne mit seinem ehemaligen Kollegen Henryk M. Broder von der Achse des Guten ab…
Auch in Deutschland haben sich die meisten Juden und ihre Organisationen an jene Faustregel des Überlebens in der Diaspora gehalten: Die Toleranz ist unteilbar. Seit einiger Zeit aber haben einige wenige Juden, bemitleidenswerte Geschöpfe, diese Faustregel vergessen. Als selbst erklärte Richter über das, was als antisemitisch zu gelten habe und was nicht, stellen sie jenen Ariern einen Kaschrut-Schein aus, die heute einen unverblümten eugenischen und kulturellen Rassismus gegen Muslime predigen: Geert Wilders, Thilo Sarrazin, den Befürwortern von Minarettverboten und Kleidervorschriften für muslimische Frauen.
Wie kommt das?
Aus der Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin:
Die aktuelle Islamkritik, wie sie auch von jüdischer Seite (aus nachvollziehbaren Gründen angesichts der Bedrohung Israels und offensiv gelebter Judenfeindschaft von Muslimen) vehement vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung von Gruppen. Fixiert auf ihr Feindbild müssen Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen wüten und ihre eindimensionale Weltsicht verteidigen. Dass demagogische Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an anderen Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganismus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage. (Continue...)
Micha Brumlik stellt in der Frankfurter Rundschau die Frage, ob Islamophobie der neue Antisemitismus sei – und belegt an Zitaten Heinrich von Treitschkes eine strukturelle Verwandtschaft mit dem antijüdischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts.
Im Interview mit dem Freitag äußert Jasbir Puar für das deutsche Feuilleton ungewöhnlich scharfsinnige Gedanken über die Schnittstellen von Rassismus, Migration, Homophobie, Klassenfrage und neoliberaler Ökonomie.
David Schwarz wirft im Hinterland-Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrats einen Blick auf Homophobie als identitätsstiftendes Element im postkolonialen Subsahara-Afrika.
Ein Aspekt, der bei Schwarz völlig fehlt, ist der zentrale Aufhänger eines Artikels in der Washington Post: Der wachsende Einfluss evangelikaler US-Prediger generiere in Afrika eine Springflut der Homophobie.
Ein Neonaziangriff auf einen jungen Israeli in Sachsen-Anhalt setzt eine Familientragödie fort. Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau berichten.
Auf lange Sicht haben fast alle Gelehrten [Hannah] Arendts These übernommen, der typische Holocausttäter sei “erschreckend normal” und keinweswegs ein überzeugter Antisemit. Der Holocausthistoriker Yehuda Bauer schreibt: “Die Deutschen mußten die Juden nicht hassen, um sie zu töten … Man vermutet, daß, wenn sie die Anweisungen erhalten hätten, alle Polen oder Franzosen zu töten, sie sie genauso effizient ausgeführt hätten.” Aus diesen und anderen Gründen haben Holocaustexperten Daniel Jonah Goldhagens Argument abgelehnt, daß eine Generationen umspannende systematische Sozialisierung im mörderischen Haß auf Juden eine notwendige Bedingung für den Holocaust war. (Es ist ein beruhigendes Argument: Wenn ein so tiefer und lange bestehender Haß eine notwendige Bedingung für einen Massenmord ist, sind wir sehr viel sicherer, als viele von uns denken.) Aber der Wunsch, die Täter in der traditionellen Weise zu beschreiben, bleibt stark – deshalb war Goldhagens Buch ein Langzeitbestseller.
Peter Novick, Nach dem Holocaust: Der Umgang mit dem Massenmord (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 2001), 184 f.





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