Archiv für das 'antisemitismus'-tag

Ukrainische Helden von großdeutschen Gnaden

Dass der Westen das Missverständnis [von der Ukraine als einer von Russland zu trennenden Nation] nach Kräften förderte, hat vielleicht mit Ahnungslosigkeit, sicher aber mit der nachwirkenden Logik des Kalten Krieges zu tun. Was Russland schwächte und verkleinerte, konnte hierzulande nur für gut befunden werden. Im Falle der Ukraine hat das Missverständnis allerdings einen Vorlauf von gut hundert Jahren und enthält ein politisches Gift, vor dessen Freisetzung sich die Deutschen fürchten sollten. Die ersten Helden einer ukrainischen Unabhängigkeit, die noch heute von Angehörigen der Orangenen Revolution verehrt werden, waren nämlich Helden von deutschen Gnaden. [...] (Click here to continue...)

Deutsch-amerikanisches Feingefühl

In den Medien ist eine bedrohliche Propagandakampagne ausgebrochen, die darauf abzielt, die Beteiligung der Faschisten am US-gestützten Putsch in der Ukraine entweder zu leugnen oder ihre Rolle als nebensächliches und unwichtiges Detail darzustellen. [...]

Tatsache ist, dass zum ersten Mal seit 1945 eine bekennende antisemitische Partei, die den Nationalsozialismus verteidigt, in einer europäischen Hauptstadt an den Schalthebeln der Staatsmacht sitzt. [...] In der nicht gewählten ukrainischen Regierung [...] sind sechs Ministerposten von Mitgliedern der faschistischen Partei Swoboda besetzt.

Vor weniger als einem Jahr hatte der Jüdische Weltkongress das Verbot von Swoboda gefordert. Ungeachtet dessen haben US-Vertreter und die Europäische Union den Gründer und Führer der Partei, Oleg Tjagnibok, während der Vorbereitungen zum Putsch im letzten Monat hofiert. [...]

Als John Demjanjuk im Jahr 2010 als Komplize am Mord an fast 30.000 Menschen in dem Vernichtungslager Sobibor verurteilt wurde, nannte Tjagnibok ihn einen Helden. Tjagniboks Stellvertreter Juri Michaltschisin hat einen Think-Tank namens Joseph Goebbels Political Research Center gegründet. (Click here to continue...)

Der Nationalismus der Anderen

Die Hauptbetroffenen und -leidtragenden dieses staatsbürgerlichen Rassismus, die Juden Europas, haben sich im Zionismus zu einer Antwort von gleichem Kaliber, bekannt. Sie waren nichts als die Opfer der gewalttätigen Fiktion einer nationalen Schicksals­gemeinschaft von Volk und politischer Führung, die jedem anständigen Untertanen als persönlicher Charakterzug mit in die Wiege gelegt sei, ihn vor allen andersartigen Gattungsgenossen auszeichne und zu ihrer Verachtung berechtige. Und doch haben die politisierten Juden Europas sich nie zu einer Kritik des patriotischen Wahns selbst, geschweige denn seines Grundes, der klassenstaatlichen Gewalt, verstanden. Die fatale Stärke der Ideologie des Nationalismus – die ja nachgerade ein Gefühl sein soll und wohl auch ist! – liegt eben darin, daß sie durch die Greuel, die in ihrem Namen angerichtet werden – und kein nennenswerter Greuel der modernen Zeit war nicht durch Vaterlandsliebe inspiriert! -, einfach nicht zu blamieren ist. An den Gesinnungsgenossen fremdländischer Observanz entdeckt noch jeder Patriot die Schädlichkeit und Verlogenheit dieser Ideologie, und daß Menschen durch sie zu Massenmördern werden – mit dem besten Gewissen! Bemerkt und kritisiert, mit Entsetzen und Verachtung bedacht wird da allerdings nie der Nationalismus, sondern der Nationalismus der anderen, gerade so als wäre der der wahre und eigentliche Gegensatz zum eigenen! So dient, was der Fanatismus der einen Nation anrichtet, stets ausgerechnet dem einer anderen als Rechtstitel und Gütesiegel, also als gutes Gewissen seiner Rücksichtslosigkeit. Und mit eben dieser nationalistischen Selbst­gerechtigkeit sind die Zionisten angetreten. Ganz im Sinne des Wahns ihrer Gegner und Verächter haben sie das Opferdasein der Juden als “völkische” Eigenart interpretiert, als eine kollektive Identität der Betroffenen von der Art eines nationalen Volkstums, die ihren Inhabern ein unwidersprechliches Recht auf kollektive Untertänigkeit unter einer eigenen, und zwar besonders macht­vollen Staatsgewalt verliehe.

Aus: H. L. Fertl, Abweichende Meinungen zu Israel. München: Resultate Verlag, 1982.

Allein unter Deutschen: A Study in Self-Righteousness

Tuvia Tenenbom: I Sleep in Hitler's Room Vor wenigen Wochen hat der Suhrkamp-Verlag, nachdem Rowohlt abgesprungen war, nun endlich Tuvia Tenenboms Reisebericht Allein unter Deutschen (engl. “I Sleep in Hitler’s Room”) veröffentlicht. Die feuilletonistische Aufregung darüber kann man sich nur schwerlich erklären. Dass Tenenbom in einem Land, das in den letzten Jahren einen rassistischen Bestseller nach dem anderen aufgelegt hat, ernsthafte Schwierigkeiten hatte, einen Verleger zu finden, zeugt von eben jener Selbst­gerechtigkeit, die den Deutschen vorzu­werfen man Tenenbom nicht so recht verzeihen will. Meinungsfreiheit für Studien über den ethnischen »Kollektivcharakter« von Leuten: ja bitte, aber nur wenn es um die Kritik des Anderen geht! (Click here to continue...)

Jesus war’s nicht, die Heiden sind es gewesen!

… meint man zumindest in der Bahamas, wo sich der Raddatz-Imitator Thomas Maul, den wirren Gedankengängen seines großen Vorbilds folgend, an einer essentialistischen Reinwaschung des Christentums vom historischen Makel des Antijudaismus versucht. Rüdiger berichtet:

Ja, gelesen habe ich bisher: einen wunderbaren Text von Thomas Maul, in dem er die Grundlage nahezu aller Historiker, die über christlichen Antijudaismus schreiben, als irrsinnig entlarvt: Der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden ist nicht christlich, sondern heidnisch. Sehr überzeugend, wobei sich natürlich wieder die Frage stellt, ob nicht das als heidnisch identifizierte im Laufe der Jahrhunderte so sehr im Christentum festgesetzt hat, dass es von ihm gar nicht mehr getrennt werden kann. Auf diese Frage weiß aber Maul die Antwort, dass die Kirche zumindest den Widerspruch zwischen Gottesmord und Selbstopfer nicht los wird. Es gibt also im Christentum selbst etwas, dass dem Antijudaismus zutiefst widerstrebt. Maul führt das auch auf den jüdischen Ursprung des Christentums zurück. Da wäre es vielleicht hilfreich, doch noch mal zwischen jüdischen und griechischen Elementen zu differenzieren, aber Maul schreibt selbst, dass es sich um vorläufige Ergebnisse eines längeren Denkprozesses handelt. Außerdem wäre spannend, wie die protestantische Wende gegen den Ablass (der überzeugend als Reaktion auf das Ausbleiben der Wiederkunft des Messias gedeutet wird) in diesem Fall zu beurteilen ist.

Vielleicht sollte der Mann weniger Rotwein trinken und lieber wieder an seinen billigen Amateur-Pornos schnippeln – falls das mit Jesus und dem “wahren Christentum” nach Maul überhaupt vereinbar ist. ;)

»Warum Juden nicht das Geschäft der Rassisten besorgen sollten«

Ohne ihn beim Namen zu nennen, rechnet Alan Posener in einer Kolumne mit seinem ehemaligen Kollegen Henryk M. Broder von der Achse des Guten ab…

Auch in Deutschland haben sich die meisten Juden und ihre Organisationen an jene Faustregel des Überlebens in der Diaspora gehalten: Die Toleranz ist unteilbar. Seit einiger Zeit aber haben einige wenige Juden, bemitleidenswerte Geschöpfe, diese Faust­regel vergessen. Als selbst erklärte Richter über das, was als antisemitisch zu gelten habe und was nicht, stellen sie jenen Ariern einen Kaschrut-Schein aus, die heute einen unverblümten eugenischen und kulturellen Rassismus gegen Muslime predigen: Geert Wilders, Thilo Sarrazin, den Befürwortern von Minarett­verboten und Kleidervorschriften für muslimische Frauen.

Wie kommt das?

Die Antwort gibt Posener hier… »

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus — Oder: was heißt Lernen aus der Geschichte?

Wolfgang BenzAus der Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin:

Die aktuelle Islamkritik, wie sie auch von jüdischer Seite (aus nach­vollziehbaren Gründen angesichts der Bedrohung Israels und offensiv gelebter Judenfeindschaft von Mus­limen) vehement vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung von Gruppen. Fixiert auf ihr Feindbild müssen Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen wüten und ihre eindimensionale Weltsicht verteidigen. Dass demagogische Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an anderen Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganis­mus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage. (Click here to continue...)

Phobien der Nation

Micha Brumlik stellt in der Frankfurter Rundschau die Frage, ob Islamophobie der neue Antisemitismus sei – und belegt an Zitaten Heinrich von Treitschkes eine strukturelle Verwandtschaft mit dem antijüdischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts.

Im Interview mit dem Freitag äußert Jasbir Puar für das deutsche Feuilleton ungewöhnlich scharfsinnige Gedanken über die Schnittstellen von Rassismus, Migration, Homophobie, Klassenfrage und neoliberaler Ökonomie.

David Schwarz wirft im Hinterland-Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrats einen Blick auf Homophobie als identitätsstiftendes Element im postkolonialen Subsahara-Afrika.

Ein Aspekt, der bei Schwarz völlig fehlt, ist der zentrale Aufhänger eines Artikels in der Washington Post: Der wachsende Einfluss evangelikaler US-Prediger generiere in Afrika eine Springflut der Homophobie.

Antisemitischer Übergriff auf 17-jährigen Israeli

Ein Neonaziangriff auf einen jungen Israeli in Sachsen-Anhalt setzt eine Familientragödie fort. Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau berichten.

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Peter Novick über Daniel J. Goldhagen

Auf lange Sicht haben fast alle Gelehrten [Hannah] Arendts These übernommen, der typische Holocausttäter sei “erschreckend normal” und keinweswegs ein überzeugter Antisemit. Der Holocausthistoriker Yehuda Bauer schreibt: “Die Deutschen mußten die Juden nicht hassen, um sie zu töten … Man vermutet, daß, wenn sie die Anweisungen erhalten hätten, alle Polen oder Franzosen zu töten, sie sie genauso effizient ausgeführt hätten.” Aus diesen und anderen Gründen haben Holocaustexperten Daniel Jonah Goldhagens Argument abgelehnt, daß eine Generationen umspannende systematische Sozialisierung im mörderischen Haß auf Juden eine notwendige Bedingung für den Holocaust war. (Es ist ein beruhigendes Argument: Wenn ein so tiefer und lange bestehender Haß eine notwendige Bedingung für einen Massenmord ist, sind wir sehr viel sicherer, als viele von uns denken.) Aber der Wunsch, die Täter in der traditionellen Weise zu beschreiben, bleibt stark – deshalb war Goldhagens Buch ein Langzeitbestseller.

Peter Novick, Nach dem Holocaust: Der Umgang mit dem Massenmord (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 2001), 184 f.


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