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Die Eliminierung von „Klasse“ in der Dialektik der Aufklärung

Montag, März 26th, 2012

Im Grunde ist es ein schöner Witz, dass die Dialektik der Aufklärung bei Suhrkamp noch immer ohne editorischen Apparat erscheint. Das ist in den von Fischer verlegten Gesammelten Schriften Horkheimers (Band 5) grundlegend anders. Hier erfährt man in den Fußnoten des Herausgebers Seite für Seite, wie das Werk 1947 akribisch von marxistischem Vokabular gesäubert wurde. Von Monopolen, Kapitalismus und Klassengesellschaft durfte jetzt nicht mehr die Rede sein. Stattdessen hieß es nun unverbindlich „das Bestehende“, „die Ordnung“ oder „die Gesellschaft“. Diese theoretische Selbstverstümmelung setzte sich in den folgenden Jahren immer radikaler fort. Alsbald sprach die Kritische Theorie nur mehr von der Sphäre der Zirkulation, mit deren Kritik man bei niemandem aneckte, weil es dort um nichts ging und auch die Konservativen es nicht mochten, wenn „Kultur“ zur Ware wurde; ersetzte – theoretisch besonders beschämend – Kapitalismus durch „Tauschgesellschaft“ und machte ihren lieben Frieden mit dem bürgerlichen Klassensystem. So wurde eine ganze Generation von vermeintlich kritischen Marxisten in die Bahnen einer albernen, folgenlosen und zunehmend reaktionären Kulturkritik gelotst. Endstation Zirkulations­marxismus, Neokonservativismus, „Ideologie­kritik“.

Hier einige Beispiele der Retuschen, die die Autoren 1947 an ihrem eigenen Werk vornahmen und welche zahlreiche Seiten des Buches betrafen:

„… das Bild jener Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht, an denen sie sie sich bestätigen kann. Das wäre die klassenlose Gesellschaft. [1947 gestrichen]“

„Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von der Klassengesellschaft [1947: solcher Ordnung] nicht zu trennen.“

„Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie bloß zur Standardisierung und Serienproduktion gebracht und das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des gesellschaftlichen Systems sich unterschied. Das aber ist keinem Bewegungsgesetz der Technik aufzubürden, sondern ihrer Funktion in der Profitwirtschaft [1947: Wirtschaft heute].“

„Verschwiegen wird dabei, dass der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht des Kapitals [1947: des ökonomisch Stärksten] über die Gesellschaft ist.“

Im Grunde kann man niemanden ernst nehmen, der aus der kastrierten Fassung der Dialektik der Aufklärung zitiert, ohne sich des Anti­kommunismus und der Abwehr der Klassenfrage gewahr zu werden, denen sich die beiden nach dem Krieg immer fanatischer und überzeugter unterwarfen – bis aus dem ehemaligen Marxisten Horkheimer der proto-konservative CDU-Wähler wurde, der im Namen des von Linken bedrohten bürgerlichen Konkurrenz­subjekts „den freien Westen“, die Gräuel des Vietnamkriegs und die Pillenenzyklika des Papstes verteidigte.