Posts Tagged ‘Adorno’

Wien, 29. Juni: Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Donnerstag, Juni 18th, 2015

„Die Seele als Gefängnis des Körpers“

Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Theodor W. AdornoNach 1989 erfuhr die kritische Theorie aufgrund der Krise des Marxismus unter Linken eine ungeahnte Renaissance und mit ihr Adornos Versuch, Freud für eine kritische Gesellschaftstheorie in Beschlag zu nehmen. Die Psychoanalyse erscheint ihren Liebhabern vielfach als letzte und höchste Stufe der Aufklärung, indem sie dem Bewusstsein entzogene Bereiche des eigenen Selbst dem Bewussten zugänglich macht und es so als Herrn im eigenen Haus einsetzt. Doch wenn irgendwo die Rede von der „Dialektik der Aufklärung“ am Platz wäre, dann hier. (mehr …)

„Aufbruch in die Steinzeit des Marxismus“

Freitag, Januar 31st, 2014

Kreisch, ich lieg am Boden:

Heute wird in der K9 (Kinzigstraße 9, 19 Uhr) der „Marxismus ohne Klassen“ behandelt. Der Autor Georg Klauda spricht darüber, wie Adorno und „der frühe Lukács“ Marx nicht verstanden hätten, und, so Klauda, statt der Armut nun den von ihnen umdefinierten Warenfetisch in den Blick nahmen. Das sei, sagt Klauda schließlich, „einer der Hauptgründe für die wiedergewonnene Attraktivität der Kritischen Theorie in den neoliberal geprägten 90ern“. Die Kritische Theorie ist also ein Agent des Kapitalismus oder zumindest sein dummer Zuspieler. Dabei, so weiß es der Erzmarxist besser, ist ja alles nur ein Klassenspiel, wenn man das nach der immergleichen Methode immergleich analysiert, findet man zwar auch immer ein paar Widersprüche, die man jedoch als Nebenwiderspruch ignorieren kann. Ist das der Aufbruch in die Steinzeit des Marxismus?

Na, wenigstens bellen genau die Hunde, die man treffen wollte! 😉

Die Veranstaltung wird übrigens am 17.2. um 20:00 Uhr im Stadtteilladen Lunte (Berlin-Neukölln) wiederholt.

Ticket Adorno

Sonntag, August 4th, 2013

Der Vortrag in Jena über „Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno“ hat ein paar fleißige antideutsche Textarbeiter zu einer erwartbaren Reaktion animiert. Es ist nicht ganz einfach, darauf zu antworten, da es an Argumenten ziemlich hapert. Stattdessen wird stereotyp der eigene, kleine Szenesumpf herunterzitiert, um als Platzhalter für so etwas wie einen Einwand zu dienen. Was soll man etwa zu der Behauptung sagen, Kracauers Versuch einer Gesellschaftsbiographie über „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ sei gescheitert, wenn dafür vermutlich nur die Tatsache herhalten muss, dass sie Adorno sowenig goutiert hat wie Benjamins späte Affinität zu Brecht? Der blinde Glaube an die Autorität eines Namens ersetzt den Gedanken, und es verhält sich mit der Willkür des eigenen Urteils gerade so, wie es zuletzt Kracauer 1960 seinem einstigen Geliebten attestierte:

Für ihn ist die Dialektik ein Mittel, um seine Überlegenheit über alle vorstellbaren Meinungen, Gesichtspunkte, Entwicklungen, Ereignisse aufrechtzuerhalten, indem er sie auflöst, verurteilt oder wieder errettet – wie es ihm passt. So etabliert er sich als Meister und Kontrolleur einer Welt, die er niemals in sich aufgenommen hat.

Ich werde mich daher im Folgenden auf die Aspekte konzentrieren, die mir einer argumentativen Klärung zugänglich erscheinen und alles andere einfach beiseite schieben. Das betrifft etwa Beschwörungsformeln über das Verhältnis von Besonderem und Allgemeinen, zwei in dieser Abstraktheit ziemlich nichtssagenden Kategorien. Konkretisiert an dem Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und der vermeintliche „Lücke“ zwischen ihnen kann ich mir einen kurzen theoretischen Ausflug dazu aber nicht ersparen: (mehr …)

Jena, 3. Juli: Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Montag, Juni 24th, 2013

„Die Seele als Gefängnis des Körpers‟

Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno

Theodor W. AdornoNach 1989 erfuhr die kritische Theorie aufgrund der Krise des Marxismus unter Linken eine ungeahnte Renaissance und mit ihr Adornos Versuch, Freud für eine kritische Gesellschaftstheorie in Beschlag zu nehmen. Die Psychoanalyse erscheint ihren Liebhabern vielfach als letzte und höchste Stufe der Aufklärung, indem sie dem Bewusstsein entzogene Bereiche des eigenen Selbst dem Bewussten zugänglich macht und es so als Herrn im eigenen Haus einsetzt. Doch wenn irgendwo die Rede von der „Dialektik der Aufklärung“ am Platz wäre, dann hier.

Deutlich wird dies etwa an der im späten Kaisserreich popularisierten Kategorie der „unbewussten Homosexualität“, die bis in die Weimarer Republik anhaltende Erschütterungen und kritische Selbstbefragungen vor allem in der deutschen Jugendbewegung auslöste. Sie vermittelte das Bild, dass „Homosexualität“ eine über die unmittelbaren Handlungen und Gefühle hinausgehende tiefere Bedeutung für die Enträtselung der Seele habe. In diesen durch die Psychoanalyse losgetretenen Strudel aus Angst und Unsicherheit geriet in den frühen 20er Jahren auch die Liebesbeziehung zwischen dem 19-jährigen Theodor W. Adorno und seinem 34-jährigen Mentor Siegfried Kracauer. Diese sorgfältig vor der Umwelt verheimlichte Erfahrung, die erst unlängst durch die Veröffentlichung des einschlägigen Briefwechsels einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist, führte Adorno in den folgenden Jahrzehnten allerdings nicht zu einer Kritik an den homophoben Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern zu deren blindwütiger Affirmation.

Die Psychoanalyse gerät ihm dabei zum wichtigsten Werkzeug der Verdrängung, indem sie ihm die unkontrollierte Deutungshoheit über das Seelenleben des Anderen in die Hände legt. Wer selber analysiert, ist nicht der Analysand. Er ist der unmarkierte Beobachter. Adornos Skizzen zu dem Thema sind dabei weniger in Absicht einer kritischen Auseinandersetzung mit ihm als Autoren von Belang, sondern als objektive Quelle für den Wandel von Homophobie von den 20er bis zu den 60er Jahren. Von seiner in einem frühen Brief an Kracauer artikulierten Befürchtung, für einen „Homosexuellen“ gehalten zu werden, über das in der Dialektik der Aufklärung aus der stalinistischen Propaganda übernommene und psychoanalytisch umgedeutete Bild des Faschismus als Form „paranoider Homosexualität“ bis zu seinem sozialdemokratischen 60er-Jahre-Plädoyer für die Toleranz gegenüber dem homosexuellen „Neurotiker“ ist Adorno wie vielleicht kein zweiter dazu prädestiniert, in seiner konformistischen Verdopplung der Zeit die Grundlage für eine kleine Geschichte der Homophobie im 20. Jahrhundert und vor allem der Rolle der Psychoanalyse darin zu liefern.

Vortrag und Diskussion
Mi, 3. Juli, 18 Uhr
FSU Jena
Carl-Zeiss-Str. 3
Veranstalterin: Stura/AAJ Jena

Adornos Methodologie kritischer Sinnsuche: Zur marxistischen Kritik der „Kritischen Theorie“

Dienstag, März 26th, 2013

Vgl. Peter Decker, Die Methodologie kritischer Sinnsuche: Systembildende Konzeptionen Adornos im Lichte der philosophischen Tradition (Diss., 1982).

Die Eliminierung von „Klasse“ in der Dialektik der Aufklärung

Montag, März 26th, 2012

Im Grunde ist es ein schöner Witz, dass die Dialektik der Aufklärung bei Suhrkamp noch immer ohne editorischen Apparat erscheint. Das ist in den von Fischer verlegten Gesammelten Schriften Horkheimers (Band 5) grundlegend anders. Hier erfährt man in den Fußnoten des Herausgebers Seite für Seite, wie das Werk 1947 akribisch von marxistischem Vokabular gesäubert wurde. Von Monopolen, Kapitalismus und Klassengesellschaft durfte jetzt nicht mehr die Rede sein. Stattdessen hieß es nun unverbindlich „das Bestehende“, „die Ordnung“ oder „die Gesellschaft“. Diese theoretische Selbstverstümmelung setzte sich in den folgenden Jahren immer radikaler fort. Alsbald sprach die Kritische Theorie nur mehr von der Sphäre der Zirkulation, mit deren Kritik man bei niemandem aneckte, weil es dort um nichts ging und auch die Konservativen es nicht mochten, wenn „Kultur“ zur Ware wurde; ersetzte – theoretisch besonders beschämend – Kapitalismus durch „Tauschgesellschaft“ und machte ihren lieben Frieden mit dem bürgerlichen Klassensystem. So wurde eine ganze Generation von vermeintlich kritischen Marxisten in die Bahnen einer albernen, folgenlosen und zunehmend reaktionären Kulturkritik gelotst. Endstation Zirkulations­marxismus, Neokonservativismus, „Ideologie­kritik“.

Hier einige Beispiele der Retuschen, die die Autoren 1947 an ihrem eigenen Werk vornahmen und welche zahlreiche Seiten des Buches betrafen:

„… das Bild jener Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht, an denen sie sie sich bestätigen kann. Das wäre die klassenlose Gesellschaft. [1947 gestrichen]“

„Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von der Klassengesellschaft [1947: solcher Ordnung] nicht zu trennen.“

„Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie bloß zur Standardisierung und Serienproduktion gebracht und das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des gesellschaftlichen Systems sich unterschied. Das aber ist keinem Bewegungsgesetz der Technik aufzubürden, sondern ihrer Funktion in der Profitwirtschaft [1947: Wirtschaft heute].“

„Verschwiegen wird dabei, dass der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht des Kapitals [1947: des ökonomisch Stärksten] über die Gesellschaft ist.“

Im Grunde kann man niemanden ernst nehmen, der aus der kastrierten Fassung der Dialektik der Aufklärung zitiert, ohne sich des Anti­kommunismus und der Abwehr der Klassenfrage gewahr zu werden, denen sich die beiden nach dem Krieg immer fanatischer und überzeugter unterwarfen – bis aus dem ehemaligen Marxisten Horkheimer der proto-konservative CDU-Wähler wurde, der im Namen des von Linken bedrohten bürgerlichen Konkurrenz­subjekts „den freien Westen“, die Gräuel des Vietnamkriegs und die Pillenenzyklika des Papstes verteidigte.