Archiv für die 'Homophobia is gay' Kategorie

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The Creepy Strategy Of Christian Self-Victimisation

Badehäuser in Baku 2

In dem Maße, wie die Schwulenbewegung die Situation des «homosexuellen Mannes» nur in Begriffen von «Unterdrückung» und «Emanzipation» denken kann, entschlägt sie sich selber aller Kategorien, mit denen, nach der Abschaffung des antihomosexuellen Strafrechts­paragraphen 175, Mechanismen der Normalisierung in der Gegenwarts­gesellschaft noch sinnvoll studiert werden könnten. Wie etwa der massive Rückgang gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte unter männlichen Teenagern, ausgerechnet in der Hochphase der zweiten deutschen Schwulenbewegung. Oder die Senatsstatistiken, die ein vier bis fünf Mal erhöhtes Suizidrisiko unter lesbisch-schwulen Jugendlichen in Berlin ausweisen. Vielleicht ist das der Grund, warum man sich ferne Diktaturen sucht, um das Unbehagen an einer Gesellschaft, die gleichgeschlechtliches Begehren als zu tolerierende «Devianz» behandelt, auch weiter innerhalb des Repressionsdiskurses artikulieren zu können. Nur dumm, wenn man sich dafür ausgerechnet einen Staat wählt, der sich in dieser Hinsicht dezidiert am Westen orientiert.

Aserbaidschan ist nicht das traditionell «muslimische Land», als welches es Kraushaar und Konsorten zu konstruieren versuchen. Es ist eine ehemalige Sowjetrepublik, die von der KPdSU 70 Jahre lang im Vollwaschgang modernisiert wurde. Die Regierung wird noch heute von der Nachfolgepartei der 1991 zum autoritären Ölrenten-Kapitalismus konvertierten «KP der aserbaidschanischen SSR» gestellt. Und auch wenn vom einstigen Programm nicht mehr viel übrig geblieben ist, hat man sich als Relikt aus vergangenen Tagen zumindest noch den radikalen Laizismus bewahrt.

Auf Kraushaars hämische Frage, ob «— wie es in queerer Terminologie heißt —» das Konzept von Homosexualität in Aserbaidschan womöglich «ein ganz anderes» sei, darf man im Hinblick auf die herrschende Partei des Landes mit einem schlichten «Njet» antworten. Auch sie sieht gleichgeschlechtliches Begehren als Ausdruck einer devianten Persönlichkeit und Konstituens einer «sexuellen Minderheit». So sendete das staatliche Fernsehen AzTV am 22. April 2008 ein Videoband, das einen regierungs­kritischen Journalisten und einen liberalen Oppositionspolitiker als angebliche «Schwule» miteinander in Verbindung brachte:

«Agil Khalil [der Journalist] hat nicht nur die gleiche Persönlichkeit wie Ali Karimli [der Politiker], sondern auch die gleiche Farbe», behauptet der Programmsprecher in Anspielung auf «goluboi» (hellblau), den umgangs­sprachlichen russischen Ausdruck für einen schwulen Mann. «Es sieht so aus, als ob die Neigung zu [dieser] sexuellen Minderheit eine Schwäche von Ali Karimli und seinem Zirkel ist.» Um seine Behauptungen zu untermauern, zitiert der Sender eine «Liste von Leuten, mit denen Agil Khalil freundschaftliche Beziehungen pflegt». Kerimli, so der Film weiter, habe Khalils «jugendliche Leidenschaft» vermutlich «in die verkehrte Richtung gelenkt».

«Christliche konnotierte Männerfreundschaft» in den USA?

«Christliche konnotierte Männerfreundschaft» in den USA des 19. Jh.?

Da kann Elmar Kraushaar sich also beruhigt zurücklehnen: Die Regierung in Baku teilt dieselben Prämissen über «Homosexualität» wie er und spielt, was «Outing» angeht, auf der gleichen Leier wie Rosa von Praunheim. Vielleicht mit einer andern Absicht, aber doch unter Verwendung desselben Instruments. Bleibt als letzter Unterschied der massenhafte Anblick händchenhaltender Azeris – das, was Kraushaar «muslimisch konnotierte Männer­freundschaften» nennt. Ich muss offen zugeben, dass ich über diesen Ausdruck lange räsonieren musste. Wer etwa konnotiert diese Freundschaften als muslimisch? Ist es Kraushaars Versuch, daraus eine «fremde» kulturelle Marotte zu machen? Hat er noch nie von den zahllosen Atelierfotos gehört, auf denen sich amerikanische Männer Ende des 19. Jahrhunderts händchenhaltend, einander berührend und auf dem Schoß sitzend ablichten ließen? Warum ist Kraushaar nicht in der Lage, diese Frage an seine eigene Gesellschaft zu adressieren und zu analysieren, warum das in Europa heute völlig undenkbar wäre? Verbietet sich eine solche Blickumkehr aus – wie es in queerer Terminologie heißt – «homonationalistischen» Motiven?

Händchen haltende Männer in Nepal

«Hinduistisch konnotierte Männerfreundschaft» in Nepal?

Vielleicht ist es aber auch eher der Zorn, dass die von ihm missgünstig so getauften «Männerfreundschaften» der Übertragung seines biologischen Modells der «Homosexualität» auf andere «Kulturen» noch ein paar unerwartete Schwierigkeiten aufgeben. Das Beharren azerischer Männer darauf, im Zeitalter des Homo-Hetero-Binarismus weiter an der Hand des anderen zu kleben, ist eine Zumutung für «minorisierende» (Eve Sedgwick) Techniken der Fremd- und Selbst-Identifikation. Es ist das Wissen, dass diese Praktiken nicht unbedingt «Homosexualität» konnotieren, aber auch nicht gerade das Gegenteil, welches Kraushaar dazu veranlasst, ihnen die verschwiemelte Phrase von der «Männer­freundschaft» hinterherzuwerfen. «Männerfreundschaft» – denkt man da nicht eher an Putin und Schröder? Die romantische Freundschaft zwischen Orest und Pylades, «die füreinander zugleich sterben wollten, weil voneinander getrennt zu leben sie härter dünkte als der Tod» (Bekenntnisse des hl. Augustinus, IV.6), würde man jedenfalls kaum so nennen. Der Begriff konnotiert eine klare Abgrenzung von «Homosexualität», da Männlichkeit seit dem 18. Jahrhundert über den Ausschluss gleichgeschlechtlichen Begehrens konzipiert ist. Ein Schwuler ist deshalb – in Kraushaars Worten – eine «Schwester» und der Begriff «homosexueller Mann» beinahe eine Provokation.

Gestelltes Foto im Rahmen der «Branding Israel»-Kampagne

Gefaktes Foto zweier IDF-Soldaten auf Facebook im Rahmen der «Brand Israel»-Kampagne

Vielleicht ahnt er etwas von der historischen Dynamik, die hier am Werk ist, ohne jedoch einen genauen Begriff davon zu haben – gar vergleichbar demjenigen, den sich die iranische Feministin und Historikerin Afsaneh Najmabadi davon gemacht hat, wenn sie die Modernisierung Persiens im 19. und 20. Jahrhundert beschreibt:

Der Zorn über europäische Les­arten sozialer und sexueller Gebräuche im Iran begann, Strukturen des Begehrens zu rekonfigurieren, indem eine Grenzlinie eingeführt wurde, um Homosozialität von Homosexualität zu unterscheiden. Iraner fingen an, sich dabei zu erwischen, wie sie europäischen Besuchern «erklärten», dass zumindest einige der Praktiken, die jene als Homosexualität deuteten, wie z.B. Männer, die Händchen hielten, sich umarmten und einander in der Öffentlichkeit küssten, eben dies nicht waren: Die Europäer missdeuteten Homosozialität als Homosexualität. Die Arbeit, Homosexualität aus Homosozialität herauszudefinieren – eine kulturelle Anstrengung, die bis in die Gegenwart anhält –, setzte zwei einander scheinbar wider­sprechende, in Wirklichkeit jedoch sich gegenseitig ermöglichende Dynamiken in Gang. Sie kennzeichnete Homosozialität als frei von Sexualität und machte Homosexualität auf diese Weise «obdachlos», gefährdet, da verleugnet. Zur gleichen Zeit gewährte sie [...] ein Asyl, ein maskiertes Zuhause, für Homosexualität. Wir können weiter in der Öffentlichkeit die Hand des Andern halten, weil wir es zu einem Zeichen von Homosozialität erklärt haben, die frei von Sexualität ist.

«Wolfgang, lassen wir die Hände los! - der Dr. Magnus Hirschfeld kommt!»

Panik in Weimar: «Wolfgang, lassen wir die Hände los! - der Dr. Magnus Hirschfeld kommt!» (Jugend, 1907)

Kraushaar ist nicht so ehrlich, es auszusprechen. Aber verkleidet in den Angriff auf «andere Konzepte von Homosexualität» ist der Wunsch, die Mauern dieses historischen Asyls zu brechen. Nur so kann der «homosexuelle Mann» in Aserbaidschan endlich «sichtbar» werden. Zur Not gibt man ihm Nachhilfe in Form einer von ESC-Touristen für Azeris veranstalteten «Schwulenparade», wie dies im Vorfeld des Eurovision Song Contest mehrfach ins Gespräch gebracht wurde. Denn man traut dem azerischen Mann selbst nicht zu, «die Institutionalisierung des Homo-Hetero-Binarismus ins Werk zu setzen» (Joseph Massad).

Und auch für Kraushaar stellt sich die Sache als alternativlos dar: Homosexuelle Identitäten müssen «befreit» werden. Dass sie selber das Produkt gewaltsamer Sortierungsleistungen sind, gerät dabei völlig in Vergessenheit. Das Paradox schwuler Identitätspolitik besteht also darin, dass das, was emanzipiert werden soll, durch Ausgrenzung überhaupt erst hergestellt werden muss, woraus sich leicht erklärt, warum sich Kraushaars Wut am Ende nicht gegen den in den UNHCR-Menschenrechtsberichten dokumentierten Versuch des Staats­fernsehens richtet, zwei Dissidenten als «goluboi» zu outen, sondern gegen das, was er verdruckst «muslimisch konnotierte Männerfreundschaften» nennt.

PS: Die biopolitische Erfindung der «Homosexualität» im spätzaristischen Russland und der Sowjetunion unter besonderer Berücksichtigung des «speziellen Platzes», den die Nomenklatura den «primitiven» Völkern in Zentralasien und Transkaukasien reservierte, wird Gegenstand des dritten und letzten Teils dieser Serie sein.

Badehäuser in Baku 1

Seit 17 Jahren betreut Elmar Kraushaar, ein Urgestein der zweiten deutschen Schwulenbewegung, eine monatliche Spalte in der «taz» mit dem Titel «Der homosexuelle Mann…» Ich gehöre zwar nicht zu ihren regelmäßigen Lesern, aber der «Skandal», dass die Kolumne im Juni ausgesetzt wurde, hat über die dadurch ausgelöste Welle der Empörung («Zensur, Zensur, rund um die Uhr!») am Ende auch mich erreicht. Aus Sicht der Redaktion hat sich Kraushaar des «unkollegialen Verhaltens» schuldig gemacht, als er in seiner Kolumne einen Redakteur der Zeitung angriff, der, seit ich denken kann, den «rechten Flügelmann der taz» abgibt: Jan Feddersen.

Nun hätte es in 17 Jahren zahlreiche Anlässe gegeben, sich einmal mit Feddersen zu befassen, etwa als dieser im Hinblick auf die angeblich besondere Homophobie migrantischer Jugendlicher von der Notwendigkeit einer «Zivilisierung des Vormodernen» sprach. Die Formulierung einer solchen kolonialen Zivilisierungsmission im Namen des «homosexuellen Mannes» war Kraushaar aber damals egal – und vielleicht sogar mehr als das. Denn was Kraushaar jetzt schäumen lässt, ist nicht diese Mission, die Feddersen jahrelang vor sich hergetragen hat, um Muslime zu den «Anderen» zu machen, die von «uns» beaufsichtigt und erzogen werden müssen. Es ist gerade der Verrat an ihr, den er sich am 20. Mai 2012 als «embedded» Reporter für den Eurovision Song Contest in Baku geleistet hat:

[D]as westliche Gerücht, dass in Aserbaidschan Schwule – von Lesben ist nie die Rede – drakonisch unterdrückt werden, darf als Gräuelpropaganda von, nennen wir sie: Menchenrechtisten genommen werden. Homosexualität ist nicht nur nicht strafbar, sondern es hat, im Gegensatz zu Serbien, Russland oder der Ukraine, gegen Homosexuelle auch hier nie nationalistische Flashmobs gegeben. [...] In der Fußgängerzone flanieren Männer, immer einen Buddy dabei; legen einander die Arme über die Schulter, haken sich an den Armen ein. [...] Im Euro-Club, dem Fandiscozentrum dieser Tage am Bulvar, der Corniche am Kaspischen Meer, sind viele Hunderte zu Gast, auch Azeris – und niemand empört, dass da recht eigentlich zu 80 Prozent Männer tanzen, ersichtlich miteinander.

Händchenhaltende azerische Polizisten im Einsatz

Azerische Polizisten halten Händchen. Foto: Mehman Huseynov, Baku.

Rechtfertigt das einen Skandal? Ja, meint Stefan Niggemeier, hat Feddersen in seiner ESC-Berichterstattung doch «ausdauernd Leute verächtlich [ge]macht, weil sie sich in einem Land wie Aserbaidschan für Menschenrechte einsetzen». Dass Aserbaidschan eine autoritäre Diktatur ist, ähnlich vielen anderen postsowjetischen Staaten, konnte in den letzten Wochen jeder erfahren, der in der Lage war, den Einschaltknopf seines Fernsehers zu betätigen. Doch die angeblichen Menschenrechtsverletzungen an «Homosexuellen» bleiben weiter im Dunkeln.

Umso mehr ergeht man sich in Andeutungen, weil die nach Baku angereiste Fanszene des «Eurovision Song Contest» als überwiegend schwul gilt und sich mit größter Wonne ihren paranoiden Bildern über «islamische Länder» widmet. Aber Aserbaidschan ist kein islamisches Land, sondern eine säkular-laizistische Diktatur, in der nicht einmal die Opposition religiös ist und gerade einmal 10% der Bevölkerung den Islam überhaupt regelmäßig praktizieren. Doch das scheint weiter keine Rolle zu spielen. Die Sehnsucht nach dem Stereotyp ist stärker, und so trieb das schwule Stadtmagazin «Hinnerk» in seiner letzten Ausgabe fünf Azeris mit perfekten Deutschkenntnissen auf, die sich der Autor aus dem Internet-Portal «Gayromeo» geangelt haben will, und lässt sie mit Schaudern über die Unterdrückung von «Homosexuellen» in ihrer Heimat erzählen. Überschrift: «Keine Küsse auf der Straße!»

Angesichts dieser Medienkampagne, die noch immer ohne alle Fakten auskommt, reibt sich Elhan Bagirow vom «Bündnis für Geschlechter­entwicklung» in Aserbaidschan verwundert die Augen. Seine Organisation betreibt mit staatlichem Segen Aids-Aufklärung für azerische Männer, die Sex mit Männern haben, und verteilt kostenlos Kondome. Im Deutschlandfunk ärgert er sich über die Berichterstattung westlicher Medien, die Aserbaidschan als ein «besonders homophobes» Land darstellen:

Verglichen mit allen anderen postsowjetischen Staaten ist die Lage von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Aserbaidschan in vieler Hinsicht besser. Bei uns werden keine homophoben Gesetze verabschiedet wie zurzeit in Russland. Und bei uns wettern auch keine Kirchenoberhäupter oder Omas mit Kreuzen gegen Schwule und Lesben. Die muslimischen Führer haben sich hier überhaupt noch nicht zu dem Thema geäußert.

Weiß Kraushaar es besser, wenn er zur Solidarität mit «unseren Schwestern» in Aserbaidschan aufruft? Und wogegen ruft er überhaupt zur Solidarität auf? Kann er es benennen?

Kaum. Kraushaars Informationen sind eine Ansammlung von Bildern, wie sich Schwule hierzulande Unterdrückung vorstellen. Was er beschreibt, ist nicht die Realität Aserbaidschans, sondern die Erfahrungen seiner Generation in der BRD der 60er Jahre. Es sind abgespaltene und in die Ferne projizierte Elemente der eigenen Biographie:

Denn das scheint die oberste Maxime der heimischen Schwulen zu sein: Aufpassen, dass man nicht gesehen wird. Ein schwules Leben ist möglich — als Doppelleben, im Versteck und in der Nacht.

Ja, so war das damals. Aber auch jüngere Schwule haben ein konkretes Bild davon, was Unterdrückung ist, und für Kraushaar ist das der Kulminationspunkt seiner Argumentation:

Auch Patsy l’Amour laLove lässt in ihrem Patsy-Blog kein gutes Haar an Feddersen und stellt — mit Blick auf seine idyllischen Mutmaßungen über muslimisch konnotierte Männer­freundschaften — fest: »Wenn Männersex in Badehäusern en vogue ist, dann träume ich nicht davon, wie befreit diese Gesellschaft sein muß, sondern denke darüber nach, warum schwuler Sex nur in der Begrenztheit dieser Räume stattfinden darf.«

Die ungewollte Ironie, dass die «Polittunte» Patsy ihre wütenden Tiraden gegen aserbaidschanische Badehäuser in der Rubrik «Darkroomgeflüster» veröffentlicht, ist zum Brüllen komisch. Denn die «Begrenztheit dieser Räume» ist leicht zu entziffern als die Begrenztheit der Saunen, Darkrooms und Klappen (gibt es sowas überhaupt noch?), in denen sich Patsys eigenes schwules Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft bewegt – einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliches Begehren in die Räume einer Subkultur verbannt ist; in der Händchenhalten unter Männern, anders als in Aserbaidschan, mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen. Insgeheim weiß Patsy ganz genau, dass die Horrorvision schwuler Autoren über Aserbaidschan – «Keine Küsse auf der Straße!» – überhaupt nichts anderes als die Beschreibung schwulen Alltags in Deutschland ist. Die von Hinnerk erdichteten Gayromeo-Azeris mit den durch die Redaktion geänderten Vornamen sind wie die Perser in Montesquieus satirischen Perserbriefen ein symbolischer Spiegel, der einer Gesellschaft den Blick auf sich selbst gestattet, während sie trotzig darauf beharrt, auf die anderen zu zeigen. «Oha, der Herr ist Azeri? Was für eine höchst außerordentliche Sache! Wie kann man nur Azeri sein?»

Es ist auf eine Weise traurig und amüsant zugleich, dass Elmar Kraushaar sein Unbehagen daran, in der Rolle und Figur des «homosexuellen Manns» eingesperrt zu sein, nicht mehr anders metaphorisieren kann als in der räumlichen Enge eines aserbaidschanischen Badehauses. Geradezu zynisch wirken jedoch seine maliziösen Spitzen gegen «muslimisch konnotierte Männer­freundschaften», wenn man sie vor dem Hintergrund der sowjetischen Verfolgungsgeschichte betrachtet, in deren Nachfolge die herrschende laizistische Partei Aserbaidschans steht. Während er auf «muslimische Traditionen» starrt, ist ihm das sowjetische Erbe, die 70 Jahre dauernde Heteronormalisierung der Gesellschaft unter dem Zeichen sozialistischer Biomacht, keine einzige Silbe wert. Doch dazu mehr in Teil 2.

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910.

Der Westen und der Orientalismus der Sexualität (Interview)

Zur Vertiefung siehe den Essay “Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World”. Eine Kritik des auf diesem Essay basierenden Buchs, Desiring Arabs, findet sich auf den Seiten der Feminist Review. Nachfolgend ein Gespräch mit dem Autor Joseph Massad. Interview: Ernesto Pagano. Unautorisierte Übersetzung: /me.

Homosexuelle in der arabischen Welt? Sie wurden vom Westen „erfunden“. In seinem Buch Desiring Arabs versucht Joseph Massad, ein Jordanier palästinensischer Herkunft und Assoziierter Professor an der Columbia-Universität, dem Prozess nachzugehen, durch den die in den USA entstandene Schwulenbewegung in einer homosexuellen Identität resultierte und sich mühte, sie jenen Arabern aufzudrängen, die Beziehungen mit Personen ihres eigenen Geschlechts unterhalten. Ein Prozess, der laut Massad den Geleisen des westlichen Imperialismus folgt. [...] (Click here to continue...)

No Homo

Zu meinen letzten Beiträgen hab ich via E-Mail ein amüsantes Musikvideo zugesandt bekommen, das eigentlich ganz gut in die Debatte passt – und das ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte! ;)

Der Westen und der Orientalismus der Sexualität (Einleitung)

Seit einigen Jahren befindet sich eine Reihe neurechter Publizisten auf dem Kreuzzug gegen Joseph Massad, der an der New Yorker Columbia-Universität moderne arabische Politik und Geistesgeschichte lehrt und mit Colonial Effects (2001), The Persistence of the Palestinian Question (2006) und Desiring Arabs (2007) bereits drei Bücher zu postkolonialen Themen veröffentlichte. Der Versuch, seine Festanstellung (tenure) als Assistenzprofessor zu hintertreiben, etwa durch die bellizistische Watchdog-Organisation “Scholars for Peace in the Middle East” (der u.a. auch Matthias Küntzel angehört), erwies sich am Ende jedoch als folgenlos. Die Universität ließ sich durch den Druck der Neokonservativen nicht korrumpieren.

Der Hauptgrund für die Opposition gegen den in Jordanien geborenen Politikwissenschaftler ist recht unzweifelhaft seine christlich-palästinensische Herkunft und seine damit in Verbindung stehende Kritik am Zionismus, die ihm – wie üblich – den Vorwurf des “neuen Antisemitismus” eingetragen hat. Als letzter Auslöser der Kampagne gegen Massad erwies sich jedoch sein Aufsehen erregender Essay “Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World” (Public Culture, 14/2002), der dem Autor sogar ein eigenes Dossier auf Daniel Pipes berüchtigter Denunzianten-Seite Campus Watch bescherte. Und eine kleine Gruppe beflissener Neocon-Imitatoren aus Österreich trug Massads Ruf als schlimmer Postkolonialist und Feind des “freien Westens” sogar bis in (anti)deutsche Gefilde – obwohl er ins Deutsche noch überhaupt nicht übersetzt worden war. (Click here to continue...)

A Gay Foreigner in Damascus

Ein Artikel im Spectator nimmt den Fall des von einem Amerikaner gefakten Blogs “A Gay Girl in Damascus” zum Anlass, den orientalistischen westlichen Blick auf “Homosexualität” in arabischen Ländern zu hinterfragen – obwohl er sich ihm selbst nicht ganz entziehen kann. In Anlehnung an den palästinensisch­stämmigen Politikprofessor Joseph Massad kritisiert er dabei am Ende auch das pseudo-emanzipatorische Ansinnen westlicher Lesben- und Schwulen­organisationen, die es nicht lassen können, den arabischen Bevölkerungen ihre eigene identitäre Matrix aufzuzwängen:

I was well aware of Syrians’ reputation for being extraordinarily welcoming and friendly, even by Arab standards; but even I wasn’t quite prepared for the frank opening salvo from the handsome young guy sitting next to me. ‘Are you active or passive?’ he asked me.

It turned out that the coffee shop — packed with men of all ages and types, from English-speaking teenagers to elderly Bedouins — was a pick-up joint. Two other nearby ramshackle coffee shops served the same function, as did the only (packed) local bar. The city’s public parks, moreover, were 24-hour cruising areas, resembling nothing if not Russell Square in its 1980s heyday. (Click here to continue...)

The Fire That Burns (Trailer)

Muss ick mir ma runterladen!


The Fire That Burns = Gay Themed Preview

Missionaries of Hate: Uganda, “Kill the Gays” und die christliche US-Rechte

In den nächsten 48 Stunden könnte die Entscheidung über die sog. “Kill the Gays” Bill fallen, ein Gesetzentwurf in Uganda, der lebenslange Haft für einfache und die Einführung der Todesstrafe für “erschwerte” Homosexualität vorsieht. Eine Online-Petition, die bereits 300.000 Menschen unterzeichnet haben, fordert Präsident Yoweri Museveni auf, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen. (Wäre schön, wenn du das auch unterschreibst!)

Der folgende Dokumentarfilm beleuchtet auf 45 Minuten die Hintergründe des Gesetzes und die Verstrickung US-amerikanischer Fundamentalisten – jener Missionaries of Hate, die dem Film den Titel gaben – in die Verbreitung einer fanatischen, religiös ideologisierten Form von Homophobie in Afrika.

Neokonservative Homophobie

Zwei Kommentare aus dem transatlantischen Kriegsblog “Fact – Fiction”.


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