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„Whitelash“ oder verirrter Klassenprotest? Zum politischen Charakter der jüngsten US-Wahlen

Samstag, November 12th, 2016

In zahlreichen liberalen Medien wird der Wahlsieg Trumps als Ausdruck eines „Whitelash“ interpretiert. Das ist eine ziemlich interessierte Analyse. Tatsächlich bekam Trump in absoluten Zahlen weniger Stimmen als seine zwei republikanischen Vorgänger Mitt Romney und John McCain. Die Niederlage der Demokraten verdankt sich vielmehr der Tatsache, dass – um in diesen Termini zu bleiben – die „weiße“ Kandidatin Hillary Clinton sechs Millionen Stimmen weniger einfuhr als der erste schwarze Präsident der USA vor vier Jahren und ganze zehn Millionen weniger als Obama vor acht Jahren.

Der Hintergrund für diese massive Abkehr von den Demokraten ist auch nicht die weit verbreitete Misogynie, wie uns jetzt Feminist*nnen erklären, sondern schlicht und einfach die Tatsache, dass Menschen ohne höheren Bildungsabschluss allein zwischen 2007 und 2014 im Durchschnitt 14% ihres Einkommens eingebüßt haben. Kurz vor der Wahl wurde auch noch bekannt, dass die Beiträge für die durch Obamacare vermittelten privaten Krankenversicherungsverträge im kommenden Jahr um durchschnittlich 25 Prozent steigen würden. Dies – in Verbindung mit dem Frust darüber, dass die demokratische Parteiführung den Sieg des populären sozialistischen Kandidaten Bernie Sanders mit allen erdenklichen Tricks verhindert hatte – brach Clinton schließlich das Genick. Millionen weißer UND schwarzer Wähler*innen blieben den Kabinen einfach fern.

Obwohl Trump im Ganzen nicht mehr Wähler gewinnen konnte als seine republikanischen Vorgänger, vermochte er, zumindest eine neue Wählergruppe an sich zu binden, die sonst immer verlässlich demokratisch gestimmt hatte: weiße Wähler aus der bildungsfernen Arbeiterklasse, die heute zwischen 45 und 65 Jahre alt sind und vor allem im industriellen Mittleren Westen (Ohio, Michigan, Pennsylvania, Wisconsin und Iowa) wohnen. Diese Leute sind weder homophobe christliche Fundamentalisten noch dumpfe Rednecks aus dem Süden, die Schwarze schon immer gehasst haben und sich jetzt durch den Trump-Sieg zu rassistischen Übergriffen ermächtigt fühlen. Es sind Leute, die, wenn sie schon nicht Sanders haben konnten, zumindest die protektionistische Politik des Paläokonservativen Donald Trump wollten, um ihre Arbeitsplätze vor einer neuen Welle von Freihandelsabkommen zu schützen, die schon in der Vergangenheit zum Verlust von mehreren Millionen gut bezahlter Jobs geführt hatten.

Das als „Whitelash“ zu interpretieren, ist Ausdruck einer Dominanz identitätspolitischer Interpretationen, d.h. der Tatsache, dass die materiellen Interessen der Arbeiterklasse in dieser Debatte überhaupt nicht vorkommen. So muss sich niemand Gedanken darüber machen, dass der Wahlsieg von Trump im Grunde nur eine Ursache hatte: der Umstand, dass die demokratischen Eliten um jeden Preis an einer neoliberalen Politik festhalten wollten, die das Leben von Millionen Weißer und Schwarzer in den letzten Jahrzehnten ruiniert hat. Für die demokratische Parteiführung war ein möglicher Wahlsieg von Donald Trump das kleinere Übel. Und es ist der Gipfel der Heuchelei, wenn ihre Repräsentanten jetzt generalisierend den Rassismus der weißen Arbeiterklasse anprangern, als wäre es nicht ihre Politik gewesen, die Millionen schwarzer Männer durch die Kombination einer forcierten Deindustrialisierung, einer repressiven Sozialgesetzgebung und des Kriegs gegen die Drogen zu einer jahrelangen Existenz hinter Gittern verurteilt hat.

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