In der westlichen Forschung zum Genozid an den Armeniern wird fast durchgehend von jedem historischen Kontext abstrahiert, so vor allem von der Tatsache, dass sich jener nicht nur im Rahmen eines Weltkriegs, sondern auch eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs ereignete. Die ‚Sozialdemokratische Huntschak-Partei‘ (SDHP) und die drei Jahre nach ihr gegründete „Armenische Revolutionäre Föderation“ (ARF) strebten seit den späten 1880er Jahren ein Großarmenien in Russland und den sechs nordöstlichen Provinzen Anatoliens an, obwohl die Armenier in letzteren gerade einmal ein Viertel der tatsächlichen Bevölkerung stellten. Ihr nationales Projekt war daher von Anfang nur durch den Gebrauch extremer Mittel zu erreichen. Der armenische Patriarch Aschikyan, der in einer Predigt davor gewarnt hatte, dass die Provokationen der Nationalisten auf endloses Blutvergießen und das Verderben der Armenier hinauslaufen würden, wurde kurzerhand erschossen.

Die Strategie war einfach: Mit Anschlägen auf osmanische Beamte und Massakern an kurdischen Dorfbewohnern sollten Vergeltungsmaßnahmen gegen die armenische Bevölkerung provoziert werden, um so die imperialistischen Staaten, die sich in ihrer Propaganda als Schutzmächte der osmanischen Christen aufspielten, zum Eingreifen auf der Seite der Armenier zu zwingen. Evangelikale Missionare hatten sich dabei schon in den 1890er Jahren als wirksamer Transmissionsriemen erwiesen, um den Armeniern eine Dauerpräsenz in westlichen Medien zu garantieren. Gleichzeitig wurden tausende Gewehre aus Russland eingeschmuggelt, um sich für den kommenden Krieg zu rüsten. Als die Russen schließlich in Anatolien einrückten, rebellierten die Armenier in Van und ermordeten Tausende von muslimischen Männern, Frauen und Kindern, um die Stadt schlüsselfertig den Russen zu übergeben. In internen Memoranden konnten russische Offiziere ihr Entsetzen über die begangenen Gräueltaten kaum verbergen.

Der Aufstand von Van führte in der jungtürkischen Regierung zu der radikalen Entscheidung, die armenische Bevölkerung zu ‚verschicken‘, das heißt gewaltsam aus den Konfliktregionen im Osten Anatoliens zu verschleppen, wo sich armenische Nationalisten einen auf Sabotage gerichteten Partisanenkrieg mit der osmanischen Armee lieferten. Wie Hilmar Kaiser in einer Detailstudie feststellte, unterlag dem Entschluss zur Umsiedlung nicht von Anfang an der Plan, die Armenier zu vernichten. Dieser reifte erst, als die verheerenden Auswirkungen der Deportationen sichtbar wurden und Teile der jungtürkischen Regierung, namentlich Talât Pascha, darin die Gelegenheit erkannten, mit ihren illoyalen Bürgern fertig zu werden und einen ethnisch homogenen Nationalstaat zu errichten. (Auch Hans-Lukas Kieser spricht in diesem Zusammenhang von einer „kumulativen Radikalisierung“ zum Völkermord.)

Der Hintergrund des Bürgerkriegs wird von westlichen Genozidforschern in der Regel aber ausgeblendet oder bewusst verleugnet, indem man ihn mit einem Bild aus der deutschen Geschichte als „Dolchstoßlegende“ abtut. Damit wird die Motivation zum Genozid völlig rätselhaft und muss durch die Annahme einer gegen Christen gerichteten rassistischen Ideologie substituiert werden, für die es nur leider keine Belege gibt. Hier zeigt sich das Interesse, den Völkermord an den Armeniern auf Biegen und Brechen in eine logische Reihe mit dem Holocaust zu stellen, um diesen seiner historischen Singularität zu berauben. Entsprechend deutet Kieser den Aufstand in Van, bei dem tausende unschuldiger Muslime, einschließlich Kindern und Greisen, von armenischen Nationalisten niedergemetzelt wurden, in einen Akt heroischer Gegenwehr um. Die blutige Rebellion wird zu einer Art „Warschauer Ghettoaufstand“, um die Analogie mit dem Judenmord zu komplettieren. Der evidente Unterschied, wie u.a. Bernard Lewis, aber auch Taner Akçam herausgestellt haben, ist jedoch der, dass Juden und „Arier“ sich in keinem Realkonflikt, geschweige denn in einem Bürgerkrieg miteinander befanden. Sie konkurrierten nicht, wie die Armenier und die Türken, als Nationalbewegungen um das gleiche Territorium. Juden waren vielmehr eine äußere Projektionsfläche für rassistische Phantasien. Das alles trifft auf den Völkermord an den Armeniern einfach überhaupt nicht zu.

Der Effekt dieser kontrafaktischen Sichtweise ist nicht nur, dass Zehntausende muslimischer Opfer aus dem Gedenken ausgegrenzt werden und dass von den Millionen durch die nationalen Aufstände in Griechenland und auf dem Balkan ermordeter und vertriebener Osmanen nicht mehr die Rede ist. Vielmehr wird jeder kritische Blick auf den Nationalismus überhaupt verstellt. Der Völkermord erscheint als Fehltritt und „nationale Schande“. Von der Erkenntnis, dass die aus Europa über das Osmanische Reich schwappende Welle ethnischer Nationalismen ein multikulturelles Empire in ein Schlachthaus verwandelte, nur damit jedes Volk seine eigene Zelle erhält, ist jedoch keine Spur mehr. Stattdessen wird für Kieser der Völkermord zum Anlass, die Schweizer Tradition internationaler Solidaritäts- und Menschenrechtsarbeit hochleben zu lassen, für die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ausgerechnet die dubiose Tätigkeit christlicher Missionswerke stehen soll.

Last but not least entlässt dieses „Paradigma“ die armenischen Nationalisten so auch aus jeder historischen Verantwortung für das Verderben, das sie im Zusammenspiel mit dem türkischen Nationalismus über Hunderttausende unschuldige Armenier gebracht haben. Und hier beunruhigt dann doch, dass die seit 125 Jahren bestehende „Armenische Revolutionäre Föderation“ (kurz Daschnakzutjun), nach wie vor die größte und einflußreichste Organisation in der armenischen Diaspora, bis heute ungebrochen von einem „Großarmenien“ träumt und sich wohl auch deshalb politisch in der Umgebung der revanchistischen deutschen Vertriebenenverbände bewegt. Das zeigt im Grunde die ganze Schizophrenie: Einerseits sieht man sich als Opfer eines „Holocausts vor dem Holocaust“, andererseits sucht man die Nähe zum antisemitischen und revanchistischen Lager in Deutschland. Jede Betrachtung des Genozids an den Armeniern sollte daher eigentlich eine Kritik an der Rolle der armenischen Nationalisten einschließen, die wie alle Nationalisten ihr Volk im Namen der Emanzipation zum Material für die Feindschaft gegen den „Anderen“ machten und dabei auch das Unglück und den Tod Abertausender ihrer eigenen Leute in Kauf nahmen.