Dass der Westen das Missverständnis [von der Ukraine als einer von Russland zu trennenden Nation] nach Kräften förderte, hat vielleicht mit Ahnungslosigkeit, sicher aber mit der nachwirkenden Logik des Kalten Krieges zu tun. Was Russland schwächte und verkleinerte, konnte hierzulande nur für gut befunden werden. Im Falle der Ukraine hat das Missverständnis allerdings einen Vorlauf von gut hundert Jahren und enthält ein politisches Gift, vor dessen Freisetzung sich die Deutschen fürchten sollten. Die ersten Helden einer ukrainischen Unabhängigkeit, die noch heute von Angehörigen der Orangenen Revolution verehrt werden, waren nämlich Helden von deutschen Gnaden. […]

Stepan Bandera, dem 2008 ein monumentales Denkmal in Ternopil errichtet wurde, war ein Kollaborateur der Wehrmacht, der zur Vorbereitung des deutschen Einmarschs die Loslösung der Ukraine von der Sowjetunion betreiben sollte. Dass er später die Unabhängigkeit seiner Heimat auch gegen die Deutschen durchsetzen wollte und dafür bis 1944 im KZ Sachsenhausen inhaftiert wurde, steht auf einem anderen Blatt. Aber zuvor hatte seine Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) gut siebentausend Zivilisten, vor allem Juden und Kommunisten, umgebracht.

Auf einen Terror ganz anderer Größenordnung konnte sein Vorläufer Simon Petljura zurückblicken, als er 1924 ins Pariser Exil ging. Während der anderthalb Jahre, die er Ende des Ersten Weltkriegs Regierungschef einer unabhängigen Ukraine war, wurden gut fünfzigtausend Juden erschlagen, wie Alexander Solschenizyn geschätzt hat. […] Es ist nicht sicher, ob es sich um bodenständigen Antisemitismus handelte; in der Zeit, in der die Ukraine noch der Roten Armee trotzte, wurden die Juden vor allem als Bolschewisten gesehen und gehasst. Trotzdem verblüfft die Selbstverständlichkeit, mit der in Kiew 2009 eine Straße nach ihm benannt wurde und Denkmäler dort wie in seiner Heimatstadt Poltawa an ihn erinnern.

Petljura ist nicht von den Deutschen eingesetzt worden, aber durch sie an die Macht gekommen. Er war Kriegsminister im Kabinett des ukrainischen Hetmans Pawlo Skoropadski, der als Vasall des deutschen Besatzungsregimes herrschte. Ein schönes Foto zeigt ihn 1918 an der Seite Kaiser Wilhelms II. Als die Deutschen wieder aus der Ukraine abzogen, musste Skoropadski fliehen, und Petljura begann seine Schreckensherrschaft, bis die Rote Armee Kiew eroberte und Petljura nach Polen auswich, wo er die Abtretung der Westukraine versprach, im Tausch für militärische Hilfe. Der polnische Überfall auf die Sowjetunion misslang bekanntlich, und Petljura konnte seine Herrschaft nicht wieder aufrichten. Aber in dem Auf und Ab der Kämpfe um Kiew während des russischen Bürgerkriegs, die Michail Bulgakow in seinem berühmten Roman Die Weiße Garde schildert, ist Simon Petljura zweifellos die satanische Hauptfigur. Zu den Gerüchten um seine Herkunft, die Bulgakow nacherzählt, gehört auch die Vermutung eines Gefängnisaufenthalts in Moskau. Bulgakow gibt der Zelle die Nummer 666 – die mythische Chiffre des Antichristen.

Wie soll man das verstehen? Selbst für einen Antikommunisten wie Bulgakow waren offenbar die Nationalisten schlimmer als die Bolschewisten (die in einer Traumszene des Romans sogar in den Himmel dürfen). Ist der Dichter, der aus Kiew stammte, deshalb ein schlechter Ukrainer, nach heutigem Verständnis? Weil er auch die Erhebung des ukrainischen Dialektes zur eigenen Sprache verspottete? Die Protagonisten der Orangenen Revolution haben sich jedenfalls gegen ihn und für Petljura entschieden. Zu dessen 130. Geburtstag veranstaltete der damalige Präsident Viktor Juschtschenko am 27. Mai 2009 eine Gedenkfeier, in der er vor der Angst der Ukrainer warnte, sich als Ukrainer zu verstehen, und erklärte: „Wir brauchen heute den Geist von Petljura und seine Hingabe an die ukrainischen Ziele, seine Festigkeit, Geradlinigkeit, seine Erfahrung und seinen weisen Rat.“ […]

Liegt es außerhalb jeder Vorstellungsmöglichkeit, dass sich die Bevölkerung der Krim, die für einen Anschluss an Russland stimmte, vor ihrer Ukrainifizierung fürchtete? Jedenfalls scheint es außerhalb der Möglichkeit deutscher Journalisten und Politiker zu liegen. Sie können oder wollen nicht einmal den Anteil deutscher Kriegführung an der Vorgeschichte der ukrainischen Unabhängigkeit erinnern. Vielleicht denken sie allen Ernstes, das Land sei mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden und die seither vergangenen zwanzig Jahre seien genug, um eine Nation auf einem quasi leeren, von jeder Historie gesäuberten Papier neu zu bilden. Aber selbst wenn sie so treuherzig wären, müssten sie doch von der Geschichtspolitik der neuen Ukraine eines Besseren belehrt werden, die mit Denkmälern und Straßennamen immerfort historische Bezüge herstellt – die auf deutsche Politik und deutsche Besatzung verweisen, von 1917 bis 1944.

Und erst recht dürfen Deutsche ihre eigene Geschichtsvergessenheit nicht von Russen erwarten. Russen werden sich gut erinnern, wie die sowjetische Nationalitätenpolitik gemeint war und wie die Krim zur Ukraine kam. Vor allem werden sie sich erinnern, wie die Deutschen in zwei Weltkriegen versucht haben, die Ukraine von Russland zu lösen – keineswegs um ihr Gutes zu tun, sondern um Russland zu schaden. Sie werden sich an den polnischen Überfall und an Petljuras Landesverrat erinnern, an Terror und Pogrome, und wenn Putin vor Faschismus und Antisemitismus in der Ukraine warnt, dann wird auch das vor dem Hintergrund der Geschichte plausibel sein.

In russischer Perspektive hat sich der Westen immer an der Ukraine vergangen – in Gestalt von Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert, in Gestalt von EU und USA heute. Und ist die Perspektive so falsch? Sind nicht beträchtliche Summen von amerikanischer und europäischer Seite geflossen, beträchtliche Einflussnahmen durch Diplomatie und NGOs versucht worden? Wie soll man die überstürzte Anerkennung der neuen Regierung verstehen, wie das Assoziierungsabkommen mit der EU? Der Westen, wenn er den Griff nach der Krim beklagt, sollte sich an die eigene Nase fassen.

Jens Jessen, „Teufelspakt mit der Ukraine“ (DIE ZEIT Nº 14/2014)