Nationen sind entweder Sieger- oder Opfergemeinschaften, und sie benötigen Feinde, damit sie sein können, was die Nationalisten sich ausgedacht haben. Die Ukraine wird als Nation von Opfern ausgestellt, die über Jahrhunderte unterdrückt worden und erst nach dem Ende der Sowjetunion aus tiefer Finsternis erwacht sei. In allen postsowjetischen Republiken erzählen Nationalisten solche Erweckungsgeschichten. Sie sollen belegen, dass es immer schon der Wunsch aller Menschen gewesen sei, in einer Nation von Gleichgesinnten zu leben. In der nationalen Mythologie von Separatisten konnten die Vielvölkerimperien der Zaren und Kommunisten nichts anderes als Völkerkerker sein, in denen Despoten unglückliche Menschen unterdrückten. Historiker aber widerlegen den Mythos, sie sind die ärgsten Feinde der Nationalisten. […]

War die poststalinistische Sowjetunion wirklich ein Völkergefängnis? War sie nicht vielmehr ein erfolgreiches Modell interethnischer Konfliktbewältigung? Kann man sich die Ukraine überhaupt als Nation ohne das Imperium vorstellen, und war sie nicht auch ein imperiales Projekt und ein Kind der Sowjetunion? Denn das Ende der Sowjetunion kam nicht, weil Millionen sich gegen sie erhoben, sondern weil seine Eliten entschieden hatten, sie aufzulösen.

Die Ukraine ist ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik. In den zwanziger Jahren entstand, was es auf dem Territorium des Imperiums niemals gegeben hatte. Die Bolschewiki ordneten das Vielvölkerreich nach ethnischen Prinzipien, gründeten Republiken, Hauptstädte, entwarfen Sprachen und Nationalgeschichten, und auch die Ukraine verwandelte sich in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in eine nationale Republik. Und es war Stalin, der ins Werk setzte, wovon ukrainische Nationalisten schon immer geträumt hatten. […] Aber die Ukraine war nicht, was die Nationalisten sich unter ihr vorstellten. Im Osten hatte der nationale Gedanke nur geringe Ausstrahlungskraft, weil in den Städten vor allem Juden und Russen lebten, und als russische und ukrainische Bauern während des ersten Fünfjahrplans zu Hunderttausenden in die Städte zogen, wurden sie Teil der imperialen Kultur. […]

In der westlichen Ukraine war alles anders. Sie hatte in der Vergangenheit zum Imperium der Habsburger und nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen gehört. Dort gab es keinen Sowjetmenschen und keine Assimilation. Das konnte angesichts des Terrors, den Stalin in dieser Region gegen jedermann entfachte, auch gar nicht anders sein. Viele Ukrainer kämpften auf der Seite Hitlers, weil sie annahmen, Deutschland werde sie vom bolschewistischen Terror befreien, und nach dem Ende des Krieges setzten sie den Kampf gegen die Rote Armee fort. Erst am Ende der vierziger Jahre konnten die Bolschewiki den Widerstand niederwerfen. Im Osten der Ukraine gab es solche Erfahrungen nicht. Ukrainer kämpften nicht nur an der Seite Hitlers, sie waren auch Soldaten in der Roten Armee, sie wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert, und viele Ukrainer hatten gute Gründe, sich von den Nationalisten, die mit den Deutschen paktierten, zu distanzieren.

Die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg war der eigentliche Gründungsmythos der Sowjetunion. In ihr konnten sich Opfer wie Täter, Kommunisten und Kulaken, Ukrainer wie Russen und Juden als Mitglieder einer Gemeinschaft von Siegern wiedererkennen. Dieser Mythos einte nicht nur Russen, sondern verband auch die anderen Völker der Sowjetunion. Es gab nicht nur Ukrainer und Russen, es gab auch Sowjetmenschen. Diese Wahrheit ist in den Ländern des Westens leider in Vergessenheit geraten. Oder sollen wir wirklich glauben, die Sowjetunion sei nur ein Ort des nationalen Zwists gewesen? Der sowjetische Mythos sollte integrieren, was die Separatisten trennen wollten. Als die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig wurde, hatten die Kommunisten, die das Land regierten, nichts, womit sie die Leere ausfüllen konnten, die das Imperium hinterlassen hatte. Die Ukraine war dazu verdammt, eine Nation zu werden. […]

Für die nationalen Eliten im Westen der Ukraine gab es keinen Zweifel, dass die Nation nur eine Vereinigung von Opfern sein könne. Und so wurde die Erinnerung an die Hungersnot des Jahres 1933, den „Holodomor“, zum Gründungsmythos der Ukraine. Mit ihm aber konnten sich Ukrainer und Russen im Osten und auf der Krim nicht identifizieren. Sie sahen sich nicht nur als Opfer, sondern auch als Sieger und Sowjetmenschen. Für sie war der Untergang der Sowjetunion ein tragischer Verlust. Denn ihre Heimat war nicht die Ukraine, sondern das Imperium gewesen.

Der Westen glaubt, die Ukraine sei ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts

Russlands Eliten fällt der Abschied vom Imperium schwer. Für sie ist die Ukraine kein fremdes Land, sondern der mythische Geburtsort Russlands. In Kiew wurde das Imperium gegründet, und in Kiew wird es nun zu Grabe getragen. So empfinden es nicht nur die meisten Russen. Auch in der Ukraine und auf der Krim leiden Menschen an diesem Phantomschmerz. Ihn macht sich Putin zum Werkzeug, er schwimmt auf einer Welle der Popularität, die er niemals erlangt hätte, wenn im Westen Europas und in den USA begriffen worden wäre, was das sowjetische Imperium war und welche Rolle die Ukraine in ihm spielte. […] Wieso soll für alle Zeit ausgeschlossen sein, dass sich der östliche vom westlichen Teil der Ukraine trennt? Solches Recht haben auch Tschechen und Slowaken für sich in Anspruch genommen, und es ist kein Krieg daraus geworden. Auf paradoxe Weise aber bestehen die westlichen Regierungen nun darauf, dass die Ukraine ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sein müsse und dass Russland an der Beilegung von Krisen nicht beteiligt werden könne. Auch der dümmste Politiker hätte begreifen können, dass eine solche Strategie nicht aufgeht. […]

Putins Russland ist keine Demokratie, es ist kein Modell für Frieden und Freiheit. Aber es versteht sich als Verwalter des imperialen Erbes und als Sprachrohr all jener, die seinen Untergang noch nicht verwunden haben. Man mag es bedauern, aber man kann es nicht einfach ignorieren, nur weil man in Europa glaubt, dass die Revolutionäre vom Maidan in dieser Sache schon das letzte Wort gesprochen hätten.

Aus: Jörg Baberowski, „Zwischen den Imperien“ (DIE ZEIT Nº 12/2014)