Der Vortrag in Jena über „Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno“ hat ein paar fleißige antideutsche Textarbeiter zu einer erwartbaren Reaktion animiert. Es ist nicht ganz einfach, darauf zu antworten, da es an Argumenten ziemlich hapert. Stattdessen wird stereotyp der eigene, kleine Szenesumpf herunterzitiert, um als Platzhalter für so etwas wie einen Einwand zu dienen. Was soll man etwa zu der Behauptung sagen, Kracauers Versuch einer Gesellschaftsbiographie über „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ sei gescheitert, wenn dafür vermutlich nur die Tatsache herhalten muss, dass sie Adorno sowenig goutiert hat wie Benjamins späte Affinität zu Brecht? Der blinde Glaube an die Autorität eines Namens ersetzt den Gedanken, und es verhält sich mit der Willkür des eigenen Urteils gerade so, wie es zuletzt Kracauer 1960 seinem einstigen Geliebten attestierte:

Für ihn ist die Dialektik ein Mittel, um seine Überlegenheit über alle vorstellbaren Meinungen, Gesichtspunkte, Entwicklungen, Ereignisse aufrechtzuerhalten, indem er sie auflöst, verurteilt oder wieder errettet – wie es ihm passt. So etabliert er sich als Meister und Kontrolleur einer Welt, die er niemals in sich aufgenommen hat.

Ich werde mich daher im Folgenden auf die Aspekte konzentrieren, die mir einer argumentativen Klärung zugänglich erscheinen und alles andere einfach beiseite schieben. Das betrifft etwa Beschwörungsformeln über das Verhältnis von Besonderem und Allgemeinen, zwei in dieser Abstraktheit ziemlich nichtssagenden Kategorien. Konkretisiert an dem Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und der vermeintliche „Lücke“ zwischen ihnen kann ich mir einen kurzen theoretischen Ausflug dazu aber nicht ersparen:

Dass Kracauers „avantgardistische[r] Anspruch“, das bürgerliche Genre der Individualbiographie in Richtung einer am Leben eines Einzelnen anknüpfenden Gesellschaftsbiographie zu transzendieren, nicht gelungen sei, habe, zitieren sie ein antideutsches Wiener Vereinsblättchen, mit dem „unlösbaren Rätsel“ zu tun, „das in der Konstitution des Verhältnisses zwischen Individuum und Allgemeinheit liegt“. Die Herausforderung, die sich einer Gesellschaftsbiographie im Sinne Kracauers stellt, liegt aber tatsächlich in etwas ganz anderem: Das Gerede übers Individuum abstrahiert in kaltschnäuziger Weise davon, dass Arbeiter und Bürger diesen gesellschaftlichen Verhältnissen in völlig unterschiedlicher Weise unterworfen sind. Zwischen der Erfahrungsebene Adornos, der in Wien Mitte der 20er Jahre Komposition studierte, und dem Lehrling, der zur selben Zeit mit 14 Jahren in der Fabrik angestellt wurde, um fürderhin 60 Stunden in der Woche an der Maschine zu stehen, besteht eine solch gewaltige gesellschaftliche Kluft, dass alles Gerede über den Menschen, „der keiner Klasse, der überhaupt nicht der Wirklichkeit, der nur dem Dunsthimmel der philosophischen Phantasie angehört“ (Marx), von vornherein zur Ideologie verurteilt ist. Jede Gesellschaftsbiographie hat sich daher vor allem mit der „Lücke“ zwischen den Klassen, nicht mit der konstruierten zwischen Individuum und Gesellschaft herumzuschlagen, die bei Adorno ihr geistiges Modell an der klassischen idealistischen Subjektphilosophie hat – einer Tradition, der wir selbstbewusst entsagen.

Diese materialistische Stoßrichtung verrät schon einiges darüber, was von dem Vorwurf zu halten sei, man wolle „die Psychoanalyse, ganz im Sinne Foucaults, über Bord“ werfen, um „die Analyse von Homosexualität und Homosexuellenverfolgung in Diskursen aufzulösen“. Was für eine merkwürdige Entgegenstellung: Psychoanalyse oder Diskurstheorie! Als ob es daneben nichts mehr gäbe. Es muss an der Ära Bush liegen, dass eine Jugend geistig nach dem Prinzip verfährt, nur noch zwei mögliche Optionen zu kennen. Kritische Theorie oder Poststrukturalismus, entscheide dich! Und so werden die theorietypischen Phrasen wild heruntergebrochen:

Die infantile Sexualität und die Triebtheorie sind aus dieser Perspektive nichts weiter als (hetero-)normalisierende Zuschreibungen – innere Konflikte des Subjekts spielen keine Rolle mehr. Wer sich jedoch vom „Eingedenken der Natur im Subjekt“ verabschiedet, kann, wie es die Psychoanalytikerin Christine Kirchhof ausdrückt, nur unkritische Theorie fabrizieren: „Immer, wenn die infantile Sexualität und damit einhergehend die Triebtheorie relativiert oder als überflüssig erachtet werden, kann man davon ausgehen, dass man es mit unkritischer Theorie zu tun hat, die das Psychische entweder komplett zur Natur schlägt oder es in Gesellschaftliches auflöst.“

Da wird dem Insurgenten doch tatsächlich Verrat an Kategorien vorgeworfen, denen er sich nie verpflichtet hat. Ist der Vorwurf, „unkritische Theorie“ zu betreiben, nicht etwas albern gegen jemanden, der gerade dabei ist, eine Kritik an der kritischen Theorie zu formulieren? Die intellektuelle Anweisung, dass Theorie, vor jeder Befassung mit dem Gegenstand, als solche „kritisch“ zu sein hätte, ist dabei einigermaßen frappierend. An diesem Vorsatz ist wirklich nichts vernünftig, weil sie Kritik von einem begründeten Urteil über eine Sache zu einem bloßen Vorurteil verwandelt. Als vorweg einzunehmende Haltung macht Kritik keinen Sinn. Sie ist das, was herauskommt, wenn man eine Sache geprüft und argumentativ für falsch befunden hat.

In diesem Sinne kritisiere ich die psychoanalytische Theorie der Homosexualität, wie sie Freud in seinem berühmten Da-Vinci-Aufsatz (Theorie A) entwickelt hat. Freud entwickelte parallel dazu eine zweite, im krassen Widerspruch dazu stehende Theorie (im Folgenden Theorie B genannt), auf die ich weder eingehe noch sie kritisiere, weil sie sowohl für die historische Entwicklung der Psychoanalyse im Allgemeinen als auch für Adornos Aneignung der Psychoanalyse im Besonderen ohne jeden Belang geblieben ist – gemeint ist Freuds These der „angeborenen Bisexualität“. Wie irrelevant letztere in der psychoanalytischen Praxis war, zeigt der vehemente Widerstand, den die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung 1973 gegen die Entpathologisierung von Homosexualität leistete. Im Unterschied zu den anderen berufsständischen Vereinigungen von Psychologen beharrten die organisierten Psychoanalytiker noch bis weit in die 80er Jahre darauf, Homosexualität als eine Nervenkrankheit zu behandeln.

In Freuds für diese pathologisierende Sichtweise maßgeblichen Da-Vinci-Aufsatz erscheint männliche Homosexualität als „neurotische Sexualhemmung“, die aus dem verdrängten Begehren zur Mutter resultiere. Als Folge der Kastrationsdrohung wird dieses Begehren in eine Identifikation umgewandelt: Indem der Sohn sich an die Stelle seiner Mutter setzt, überträgt er seine gehemmte sexuelle Erregtheit, die er weiterhin den Frauen verdankt, auf Knaben und liebt sie, so wie seine Mutter ihn geliebt hat. Der Clou an Freuds Theorie A ist, dass Homosexualität in einem tieferen Sinne gar nicht existiert. Sie ist nur ein Oberflächeneffekt, der wesentlich eine sexuelle Triebhemmung gegenüber Frauen ausdrückt. Insofern ist auch die Rede von einer „verdrängten Homosexualität“ im Kontext von Theorie A äußerst fragwürdig. Homosexualität selbst ist die Verdrängung, die aufgeklärt und behoben werden muss, um zu einer erfüllten Sexualität zu gelangen.

Ich muss nicht hinzufügen, dass diese unter dem Rubrum „infantile Sexualtheorie“ laufende Scheiße der Psychoanalyse sehr zurecht den Weg in die Universitäten verbaut hat. 1984 legte der Wissenschaftstheoretiker Adolf Grünbaum mit The Foundations of Psychoanalysis eine grundlegende Studie vor, die ganz ohne Wut und Eifer den pseudowissenschaftlichen Charakter von Freuds Methode bloßstellte: Seinen wilden Deutungen gebreche es an einem Wahrheitskritierium. Sie seien objektiv so wenig überprüf- und widerlegbar wie die Existenz Gottes. Soweit die Psychoanalyse tatsächliche Wirkungen an ihren Patienten entfaltet, beruhen diese auf dem sog. Placebo-Effekt, wie Freud selbst in einer Fußnote gestehen musste: Eine Analysandin gesundete, obwohl die Deutung, die er ihr angedeihen ließ, seiner eigenen Auffassung zufolge falsch war. Dabei hatte Freud den Heilerfolg von Anfang an zum Wahrheitskriterium seiner angelegten Deutung gemacht. Mit der Erkenntnis, dass Erfolg und Wahrheit einer Analyse in keiner sinnfälligen Relation stehen, entzog er sich zuletzt selbst den wissenschaftlichen Boden.

Es ist bezeichnend, dass die Jenenser die Kritik an der Konstruktion einer „infantilen Sexualität“, so wie Freud sie sich vorstellte, gleichsetzen mit einem theoretischen Stand, in dem „innere Konflikte des Subjekts […] keine Rolle mehr“ spielten. Wer hat das behauptet? Die inneren Konflikte, die Lesben und Schwulen erleiden, haben nur einfach nicht das geringste mit einem unaufgelösten Ödipus-Komplex zu tun, den Freud als die Quelle ihres „Leidens“ bestimmte. Sie sind die Konsequenz einer heteronormativen Gesellschaft, die ihnen den Status des verworfenen Anderen auferlegt. Zu diesem Status hat die Psychoanalyse ihr Quentchen theoretisch wie praktisch beigetragen. Sie hat nicht nur ihre homosexuellen Patienten lebensgeschichtlich beschädigt, indem sie den gesellschaftlichen Druck in den Psychoterror der klinischen Praxis übersetzte, sie hat vor allem auch an der im christlich Weltbild wurzelnden und im 19. Jahrhundert zunehmend säkularisierten Gleichsetzung von Natur und Heterosexualität, Homosexualität und Devianz mitgestrickt. Wie zynisch ist es da, Kritikern der Psychoanalyse vorzuwerfen, sie wollten „das Eingedenken der Natur im Subjekt“ verabschieden, wenn ihr Begehren in Freuds Theorie A gar keinen Anteil an Natur hat, sondern nichts als deren neurotische Hemmung vorstellt?

So rezipierte auch Adorno in den 20er Jahren Freud. Die in seiner Liebesbeziehung mit Kracauer erfahrene Furcht vor einer gesellschaftlichen Existenz als „Homosexueller“ übersetzte er psychologisch als die „Angst, alle Natur zu verlieren“ und spiegelte sich aufgrund zahlreicher biographischer Ähnlichkeiten wie wohl kein zweiter in Freuds Da-Vinci-Aufsatz. In seiner Mitte der 20er Jahre abgefassten Habilitationsschrift Das Unbewusste in der transzendentalen Seelenlehre vertrat er die These, „dass die Heilung aller Neurosen gleichbedeutend ist mit der vollständigen Erkenntnis des Sinns ihrer Symptome durch den Kranken“. Mit dem äußeren Zusammenbruch seiner Beziehung zu Kracauer erklärte Adorno diesem kurzerhand, nunmehr in seinem Verhältnis zu Frauen gesundet zu sein und seine neurotische Sexualhemmung überwunden zu haben.

Wenn man sich Adornos in den folgenden Jahren exzessiv zu Papier gebrachte Homophobie betrachtet, darf man daran allerdings einige Zweifel haben. Adorno griff die Versuche der stalinisierten KPD, den holländischen Rätekommunisten Marinus van der Lubbe als „Lustknaben“ der Nazis und die Faschisten allgemein als homosexuelle Verführer der deutschen Jugend darzustellen, mit einem geradezu erstaunlichen Eifer auf. In der Minima Moralia wurde Homosexualität, die auf der Verdrängung der weiblichen Natur durch das männliche Prinzip der Herrschaft basiere, kurzerhand mit dem „falschen Ganzen“ identifiziert; in der Dialektik der Aufklärung dem Monopolkapitalismus (1944) bzw. Faschismus (1947) vorgeworfen, er „züchte“ Homosexualität. Nach dem Krieg wurden die homophoben Invektiven etwas weniger dämonisch. Sein Ressentiment stellte er nun darin unter Beweis, dass er selbst noch seine Abkehr von der Psychoanalyse Mitte der 50er Jahre mit der Spitze begründete, dass diese einer Farbenblindheit gegenüber allem Individuierten unterläge, vergleichbar den Homosexuellen, denen bekanntlich alle Frauen „im doppelten Sinne gleich“ wären.

In den 60er Jahren konnte man von sozialdemokratischen Intellektuellen indes erwarten, dass sie sich im Rahmen der sexuellen Liberalisierung auch für die Abschaffung des § 175 aussprachen. Adorno kam dieser Erwartung nach, allerdings auch diesmal nicht, ohne sein homophobes Ressentiment zu verspritzen. Nicht das Leiden des Einzelnen unter einer sinnlosen gesellschaftlichen Verfolgung machte er zum Angelpunkt seiner Argumentation. Vielmehr solle die Gesellschaft doch bitte nicht so dumm sein, sich ihrer intellektuellen Produktivkräfte zu berauben, indem sie diese – aufgrund ihrer Identifikation mit der Mutter – vielfach geistig hochbegabten Menschen durch Verfolgung noch weiter in ihre Neurose treibe. Gleichzeitig attestierte er dem 20. Jahrhundert en passant eine Tendenz zur „unbewussten Homosexualisierung“ der Gesellschaft. Sie sei die Ursache für die zunehmende Infantilisierung des erotischen Ideals, also die Ausbreitung der Pädophilie, welche er allerdings günstiger bewertete als die mit einem devianten Subjektstatus verbundene manifeste Homosexualität. Diese war die einzige Sexualform, bei der es Adorno nicht um den Akt und dessen ethische Bewertung ging, sondern um die dahinterstehende Person. „Homosexualität“ war durch Freuds Da-Vinci-Aufsatz zu einem alle erdenklichen Lebensbereiche durchdringenden Charakter-Prinzip rassifiziert worden. Andere Sexualitäten wurden getan, diese aber war man.

Sein schwuler Schüler Hans-Jürgen Krahl führte diese rassifizierende Logik, durch welche Homosexualität von einer möglichen sexuellen Ausdrucksweise in ein geistig-philosophisches Prinzip übersetzt wurde, in einem Fragment aus dem Jahr 1966, „Ontologie und Eros – zur spekulativen Deduktion der Homosexualität“, geradezu krachledern fort. In einer beispiellosen Orgie der Selbstdenunziation identifizierte er Homosexualität in den kruden Kategorien seines Meisters kurzerhand mit dem zu überwindenden gesellschaftlichen „Identitätsprinzip“, wobei er aber trotzig hinzufügte: „Identität ist nunmehr Tod. Decadence weiss das und vermag sich der Liebe zum Identischen nicht zu entziehen.“

Die Jenenser Antideutschen werfen schließlich eine triftige Frage auf: Begibt man sich nicht zurück in den Schoß der Psychoanalyse, wenn man Adornos „ressentimentbehaftete Homophobie“ auf seine „verdrängte Homosexualität“ zurückführt, sich dabei gar eines Begriffes wie desjenigen der „Projektion“ bedient? Es ist natürlich verzeihlich, dass man im vierten Semester noch nicht weiß, dass Freud diesen begrifflichen Zusammenhang selbst von jemand anderem, Nietzsche, dem „ersten Psycholog“, entlehnte. Müsste man daher nicht vielmehr fragen: Kann man den konservativen Revolutionär Nietzsche zum Kotzen finden, seiner Theorie des Ressentiments aber zugleich etwas abgewinnen? Mit Freuds eigenwilligen Hinzufügungen jedenfalls, seiner mechanistischen Triebtheorie und der Erfindung einer ödipalen Kindheit, hat das wenig zu schaffen.

In gewisser Weise zeugt bereits die Frage selbst von einem spielmarkenhaften Denken. Die Wahl erscheint ihr nur möglich als eine totale: für oder wider Freud, für oder wider Adorno, für oder wider Nietzsche, Marx oder Foucault. Eine immanente Prüfung ihrer Gedanken und Argumentationsgänge findet gar nicht mehr statt. Das ist das Prinzip Autor auf die Spitze getrieben: Man hat mit dem vorgeblich „letzten Genie“ gefälligst auch jede seiner einzelnen Blödheiten zu schlucken. Adorno-Rezeption ist kaum mehr eine selbständige Regung. Wer irgend der kritischen Theorie die Chance gibt, subskribiert mit der Verabschiedung des Klassenkampfs und der Romantisierung des bürgerlichen Subjekts automatisch auch den Punkt gegen die Schwulen.

Fortsetzung folgt, wenn ich Lust dazu habe.