Der sechzehnte Ming-Kaiser, Xizong, der 1627 einunzwanzigjährig verstarb, war konventioneller und verteilte seine Aufmerksamkeiten auf zwei getrennte Paläste, einen für seine männlichen, den anderen für seine weiblichen Geliebten. […] Aber Homosexualität war nicht auf Kaiser, Generäle und Höflinge beschränkt. Laut einem Ming-Kommentator wurden solche Beziehungen manchmal in die traditionelle konfuzianische Familienordnung integriert. Shen Defu (1578–1642) berichtet davon, wie männliche Paare in der südlichen Provinz Fujian häufig in einer Art von gleichgeschlechtlicher Ehe zusammenlebten:

    „Fujianesische Männer sind extrem verliebt in männliche Schönheit. Egal wie reich oder arm, hübsch oder hässlich, sie alle finden einen Gefährten ihres Standes. Zwischen den beiden wird der ältere als ‚gebundener [adoptierter] älterer Bruder‘ (qixiong), der jüngere als ‚gebundener jüngerer Bruder‘ (qidi) bezeichnet. Wenn dieser ältere Bruder in das Haus des jüngeren geht, geben die Eltern des letzteren auf ihn acht und lieben ihn wie einen Schwiegersohn. Und die Unkosten des jüngeren Bruders, einschließlich jene seiner Heirat, werden alle vom älteren gedeckt. Sie lieben einander und schlafen noch im Alter von dreißig gemeinsam im selben Bett wie Ehemann und -frau.“

Obwohl solche Vereinigungen manchmal zwanzig Jahre dauern konnten, war es dennoch notwendig, dass die Männer heirateten, ihre konfuzianischen Familienpflichten erfüllten und den Ahnenkult aufrechterhielten. „In der ganzen Geschichte“, fragt ein Mann in einer Erzählung über männliche Liebe, „hat es da jemals einen Präzedenzfall zweier Männer gegeben, die ihr Leben gemeinsam beschlossen?“ Nichtsdestoweniger war Shen Defu von der Hingabe beeindruckt, die solche Paare häufig zeigten. „Diese Passion kann so tief sein, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass zwei Liebende, die es unmöglich finden, ihre Beziehung fortzusetzen, sich aneinander festbinden und gemeinsam ins Wasser gehen.“ Diese fujianesischen Paarbildungen wurden häufig nanfeng (der südliche Brauch) genannt, in einem Kalauer auf das Wort nan, dass sowohl „männlich“ als auch „südlich“ bedeuten kann.

Unter der Ming-Dynastie entwickelte China seine ersten wichtigen Kontakte mit dem Westen, und zwei Zivilisationen lernten einander mit Erstaunen, Bewunderung und Abscheu kennen. Im Jahr 1557 errichteten portugiesische Händler eine Siedlung in Macao, und westliche Missionare unternahmen ihre ersten systematischen Anstrengungen, China zu bekehren. Diese katholischen Missionare, hauptsächlich spanische, italienische und portugiesische Jesuiten und Dominikaner, kamen aus Ländern, wo Sodomiten immer noch routinemäßig auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die chinesische Toleranz versetzte sie in einen tiefen Schockzustand. Für diese andächtigen Priester erschienen die Flammen der Inquisition unendlich wünschenswerter als die Flammen der Lust, ja sogar der Liebe und Zuneigung in einer solch heterodoxen Form.

Im Gepäck mit der neuen Wissenschaft der Renaissance führten europäische Besucher Formen des europäischen Aberglaubens mit sich: Der Dominikaner Gaspar da Cruz schrieb in einem 1569 publizierten Buch das Erdbeben, welches China zwölf Jahre zuvor erschüttert hatte, der chinesischen Indifferenz gegenüber der Sodomie zu. Der berühmteste wissenschaftliche Missionar in China, der angesehene Jesuit, Astronom und Mathematiker Matteo Ricci, teilte die Sorge seines Landsmanns über solche Verkommenheiten beinahe bis zum Punkt der Obsession. Ein paar Wochen nach seiner Ankunft im Jahr 1583 schrieb er jammernd an seinen Vorgesetzten über „die schreckliche Sünde, zu der hier jeder sehr tendiert und für die es weder Scham noch Hinderungsgrund zu geben scheint“. Als er die Zehn Gebote ein Jahr später ins Chinesische übersetzte, hatte Ricci keinerlei Bedenken, Exodus umzuschreiben. „Du sollst nicht ehebrechen“ wurde zu „Du sollst keine verderbten, widernatürlichen oder schmutzigen Dinge tun“. Als er 1606 gebeten wurde, Beispiele westlicher Kunst für ein chinesisches Buch über Kalligraphie beizusteuern, wählte er drei Werke aus, die das Leben Christi illustrierten. Das vierte aber stellte die Zerstörung Sodoms dar, mit Riccis Kommentar: „Verderbte Sinnlichkeit und Schandhaftigkeit ziehen das himmlische Feuer auf sich.“ Kurz vor seinem Tod im Jahr 1610 beklagte er sich einmal mehr, dass die widernatürliche Lust „weder vom Gesetz verboten noch für unerlaubt gehalten“ werde, „ja nicht einmal ein Anlass für Scham“ sei. „Man spricht in der Öffentlichkeit darüber und praktiziert sie überall, ohne dass jemand da wäre, dies zu verhindern.“

Wenn Ost und West sich in Gebieten unter spanischer Oberherrschaft begegneten, konnten die Ergebnisse tragisch sein. Im Jahr 1598 schrieb ein Staatsanwalt in Manila an Philipp II., dass die Sodomie unter chinesischen Händlern auf den Philippinen grassiere: „Eine Untersuchung wurde durchgeführt. Vierzehn oder fünfzehn Schuldige wurden festgenommen.“ Die Chinesen jedoch verteidigten sich mit der Aussage, dass diese Praktik unter Männern in China nicht gerade unüblich sei. Trotz ihrer Ausflüchte wurden zwei von ihnen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verdammt, die anderen ausgepeitscht und auf die Galeeren verurteilt. In den chinesischen Vierteln wurden Aushänge auf Chinesisch angebracht, die unter Androhung der Todesstrafe und der Einziehung des Besitzes vor diesem Schwerverbrechen warnten. 1617 nahm der Ming-Geograph Zhang Xie in seiner Studie über die Östlichen und Westlichen Ozeane von diesen Verbrennungen „auf einem Stapel Feuerholz“ Kenntnis. Auf die Chinesen müssen solche drastischen Maßregelungen als Zeichen westlicher Barbarei gewirkt haben.

Übers. aus Louis Crompton, Homosexuality and Civilization (Cambridge, MA; London, 2003), 226-228.