Quelle: stophomophobie.com

Hommen-Demonstrant gegen die "Homo-Ehe". Quelle: stophomophobie.com

Die perverse Wirlassen­uns­das­negersagen­nicht­verbieten- alias Frauen­gehtbügeln-Bewegung im deutschen Internet mit ihren Tausenden von mastur­batorischen User-Kommentaren und Face­book-Likes, die der konservative Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer bereits überschwänglich als Ausdruck einer 68er-Bewegung von rechts charakterisierte, findet jenseits des Rheins ihre Entsprechung wohl am ehesten auf der Straße und dort gleich eine ganze Nummer größer in der politischen Kampagne gegen die „Ehe für alle“. Denn genau wie erstere beansprucht, sich im sprachlichen Modus der sexuellen Befreiung gegen lust­feindliche „Neuro­tiker_innen“ und linkes „Bet­schwester­tum“ zu richten, ist auch letztere von dem Versuch gekennzeichnet, den ehedem als links geltenden Habitus der Norm­übertretung und des politischen Protests für restaurative gesellschaftliche Zwecke in Beschlag zu nehmen. Hier für die Affirmation des Rassismus, dort für das rechtliche Supremat der „Heterosexualität“. Bernhard Schmid beschreibt die verblüffenden Ausmaße des französischen Frühlings der Homophobie und versucht sich an einer gesellschaftspolitischen Erklärung:

Als neuntes Land in der Europäischen Union, und als vierzehnter Staat weltweit, hat Frankreich – einige Tage nach Neuseeland – die Ehe nunmehr auch homosexuellen Paaren geöffnet. […] Die Demonstrationen dagegen zogen mindestens mehrere hunderttausende Teilnehmer an, ihre Veranstalter behaupten sogar: Millionen. In jedem Falle erheblich mehr als die gewerkschaftlichen und sozialen Protestdemonstrationen in derselben Zeitspanne, obwohl es für Letztere Anlässe genug gab.

Erstaunlich insofern, als die Protestierenden in keinem einzigen ihrer eigenen Rechte berührt, als keine ihrer sozialen Errungenschaft angetastet und keine ihrer bestehenden Lebensformen mit einem Verbot oder Einschränkungen bedroht wird. Wie es ein früherer Schwulenpolitiker der konservativ-wirtschaftsliberalen UMP, Jean-Luc Roméro – der seine Partei aufgrund ihrer reaktionären Positionen verlassen hat – zu Anfang der Woche bei Radio France Inter formulierte: „Bei den Protesten gegen die Rentenreform 2010“, also beim bislang letzten massiven gewerkschaftlichen Aufruhr in Frankreich, „waren die Leute in ihren persönlichen Rechten betroffen: Man verlangte von ihnen, dass sie bis zu einem höheren Alter arbeiten“, oder dass sie mit wesentlich weniger Pensionsgeld in die Renten gehen. Nichts dergleichen ist bei der Reform unter dem Namen „Ehe für alle“ der Fall.

Dennoch kann man durchaus von einer sozialen Bewegung sprechen, aber einer politisch klar rechts eingeordneten und in Teilbereichen religiös motivierten sozialen Bewegung. In der konservativen Tageszeitung Le Figaro war von einem „Spiegelbild zum Mai 1968“, von rechts her, die Rede. […]

Unter Anleitung der sich selbst als „katholische Komikerin“ bezeichnenden Gallionsfigur Frigide Barjot, die eine scharfe Ablehnung der Homosexuellen-Ehe mit einer von sexuellen Ausdrücken überbordenden und bisweilen obszönen Sprache verbindet und als mindestens stark extrovertiert gelten muss, wedelten die DemonstrantInnen bis dahin massenhaft mit blauen und rosa Fähnchen. Diese sollten einerseits das Festhalten an einer überschaubaren und ordentlichen Geschlechterordnung symbolisieren: rosa für die Mädchen und blau für die Jungs, andererseits aber zusammen mit weißen Kleidungsstücken eine blasse Ausgabe der Trikolore- Nationalflagge ergeben. Seit dem Erfolg der Demonstration vom 24. März jedoch genügt dies einem wachsenden Teil der Protestierenden nicht mehr.

Le Printemps français organisierte etwa Blockaden oder Versuche zum Durchbrechen von Polizeiketten. Parallel dazu entstanden die Hommen als eine Art vorgebliches maskulines Pendant zu den barbusig protestierenden Feministinnen der Gruppe Femen, die in der Ukraine entstand und in den letzten Monaten auch in Frankreich sowie Tunesien aktiv wurde.


Video: Junge Männer ziehen sich aus und ketten sich aneinander, um gegen die Ehe für alle zu demonstrieren.

Diese jungen Männer ketteten sich wiederholt mit nacktem Oberkörper vor öffentlichen Gebäuden fest. Mit viel Pathos und Märtyrerposen ließen sie sich von Polizisten abtransportieren. Andere Akteure griffen zu härteren Mitteln: Parlamentspräsident Claude Bartolone erhielt Munition per Brief als Drohung zugestellt. […]

Warum aber konnte die Bewegung eine derartige Dynamik auslösen?

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, aktueller und struktureller Natur. Auf der ersten Ebene ist die schmähliche Bilanz der aktuellen Regierungskoalition aus Sozialdemokraten und Grünen angesiedelt: Neben dem, tatsächlich eingelösten, Versprechen zur Einführung der Homosexuellenehe hat sie keinerlei sonstigen Erfolge vorzuweisen. Insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialpolitik zeigt sie keinerlei Gestaltungswillen, sondern beruft sich auf kapitalistische „Sach-“ und europäische „Sparzwänge“, exekutiert den Willen „der Wirtschaft“ und weist kaum Unterschiede zu ihrer Vorgängerregierung auf.

Die Unterschiede zwischen den großen politischen Lagern haben sich deswegen sehr weitgehend verwischt – bis auf die symbolpolitischen Themen, bei denen von beiden Seiten „Wertvorstellungen“ mobilisiert werden, ohne an die Fragen der Verteilung zwischen Kapital und Arbeit rühren zu müssen.

Hinzu kommt, als strukturelles Element, das historische Erbe aus der französischen Geschichte, das in einem Teil der Gesellschaft weiterwirkt. In einem Milieu, das sich durch die Bindungswirkung „katholischer Werte“ und konservativer Einstellungen auszeichnet, würde in anderen Ländern vielleicht eher eine unpolitische Haltung oder die Einrichtung im Bestehenden vorherrschen. In Frankreich aber ist ein Teil gerade dieses Milieus durch die Erinnerung an den Epochenbruch von 1789 geprägt: Modernisierung und Abkehr vom Überkommenen wird hier dauerhaft mit einem vermeintlich traumatischen Erlebnis, jener an den Zusammenbruch einer als „natürlich“ vorgestellten Ordnung, assoziiert.

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Feministische Gegendemonstration „In Gay We Trust“ wird zusammengeprügelt.