anthraxit macht in seinem Blog auf einen Text der Basisgruppe Antifaschismus Bremen aufmerksam, der namens des Ums-Ganze-Bündnisses zum tausendsten Mal mit dem „Traditionsmarxismus“ abrechnet und für sich beansprucht, das Rad neu zu erfinden. Selbstverständlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, aus den Fehlern des ML zu lernen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass die Kritik tatsächlich über ihren Gegenstand hinaus ist. Manchmal fällt sie auch einfach dahinter zurück. So schreibt die Basisgruppe:

Der Umkehrschluss aus der angeblichen, proletarischen Welt­anschauung, war der grundsätzlich unkritische und positive Bezugspunkt auf alle Unterdrückten. Dazu ist zu sagen: die marxsche Analyse war formanalytisch. Es ging um die Frage, warum sich diese Gesellschaftsformation in diesen sozialen Formen reproduziert. Wie konnte (und kommt) es zu, der im Kapitalismus existierenden Verselbständigung („Hinter dem Rücken – aber durch die Menschen durch“) der gesellschaftlichen Herrschaft. Marx untersuchte dies zwar durchaus mit politischer Intention – trotz allem ging es vor allem um die Analyse dieser ‘verborgenen’ Mechanismen.

Um das mal etwas vereinfacht auszudrücken: Die Autor*innen behaupten, dass es Marx überhaupt nicht so sehr um den Inhalt der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung gegangen wäre – die Ausbeutung fremder Arbeitskraft und das dafür notwendige Maß an Unterdrückung. Denn diesen Inhalt teilt der Kapitalismus ja mit allen vorangegangenen Klassengesellschaften. Nein, zu tun wäre es ihm vor allem um die spezifische Form gewesen: die Warenproduktion und die hieraus resultierende Verselbständigung (nicht vielmehr Versach­lichung?) gesellschaftlicher Herrschaft. Diese Deutung verkauft die Basisgruppe dann unter dem Schlagwort „Formanalyse“ als den neuesten Clou.

Nun macht diese Trennung von Form und Inhalt einfach überhaupt keinen Sinn. Die Annahme, dass man ohne die Kenntnis der Form nicht adäquat gegen den Inhalt angehen kann, ist die Banalität, um derentwillen Marx sich sein halbes Leben lang in die „Kritik der politischen Ökonomie“ reinkniete. Daraus zu schließen, Marx wäre es seinem Anspruch nach aber gar nicht hauptsächlich um eine Kritik der Ausbeutung gegangen, sondern vielmehr um eine Analyse ihrer Modalität, ist Marx mit Adorno zu verwechseln, der nach dem Krieg an die Stelle des Begriffs der kapitalistischen Profitwirtschaft den der „Tauschgesellschaft“ setzte und seine Kritik exklusiv an der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Beziehungen ausrichtete. Von dem sachlichen Grund, warum in dieser Gesellschaft alles der Wertform unterworfen wird, nämlich dass sich hinter dieser Form der Inhalt: Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft verschanzt, wollte der Mann einfach nichts mehr wissen.

Und hier sind wir gleich beim nächsten Punkt, denn natürlich ist es kein Zufall, warum Adorno diesen Inhalt konsequent übersieht, warum er Begriffe prägt, die von ihm abstrahieren; ja warum sich bürgerliche Wissenschaft überhaupt an der Frage, was diese ökonomischen Formen ihrem Inhalt nach sind, so herzlich desinteressiert. Diese Betriebsblindheit hat selbstverständlich etwas mit ihrem Erkenntnisinteresse zu tun oder, wie man früher sagte: ihrem Klassen­standpunkt. Diese Leute sehen sich entweder nicht als die Geschädigten von Herrschaft und Ausbeutung an oder übernehmen in ihrer Arbeit schlicht und einfach die ideelle Perspektive ihres Auftraggebers. Wenn man sich schon immer mal gefragt hat, warum die arbeitsteilig organisierten Sozial­wissenschaften zu so wenig substanzieller Erkenntnis über die Sachen führen, die sie untersuchen, dann ist das die Antwort: Für etwas weniger Seichtes als VWL und Politikwissenschaft bräuchte es halt eine Perspektive, die Ausbeutung und Unterdrückung („Ökonomie“ und „Politik“) vom Gesichtspunkt derjenigen aus untersucht, die als ihre Objekte ein Interesse an ihrer Überwindung haben.

Mit Erkenntnistheorien, die im Kontext mancher feministischer und rassismus­kritischer Ansätze vertreten werden, wonach Leute allein schon aufgrund ihrer Erfahrung als von XY Betroffene zu richtigen Schlüssen darüber gelangen müssten, was XY ist, hat das rein gar nichts zu tun. Marx‘ Theorie des Lohnfetischs ist dafür ein gutes Gegenbeispiel: Wenn Arbeiter ihren „gerechten Lohn“ fordern, dann zeugt das von einem systematischen Verkennen dessen, womit sie es eigentlich zu tun haben. Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass eine angemessene Erkenntnis von Ausbeutung und Unterdrückung ohne parteiliche Bezugnahme auf den Standpunkt derer möglich wäre, die ihre Gearschten sind, ist aber ein fast noch größerer Fehler. Und genau den begeht die Basisgruppe Antifaschismus. Für sie kommt der Wille zur Abschaffung der „falschen Verhältnisse“ (Adorno) aus dem Nichts. Falsch sind diese Verhältnisse aber nicht „an sich“, sondern nur für diejenigen, die davon einen Schaden haben. Ein Marxismus, der sich über dem „proletarischen Klassenstandpunkt“ erhaben weiß, ist keiner, sondern einfach nur die hierzulande übliche pubertäre Ersatzveranstaltung namens Kritische Theorie.

Die Problematik ihres „wahren Sozialismus“, der nicht den Standpunkt der Subalternen, sondern den der „suspendierten Gattung“ ausdrücken möchte (von Marx einmal als deutsche Ideologie verspottet), macht sich dann leider auch in dem Praxisverständnis bemerkbar, das die Basisgruppe Antifaschismus vertritt und das dem des von ihr verabschiedeten ML in Wahrheit zum Verwechseln ähnlich sieht:

Wenn wir uns also auf die Klasse der Lohnabhängigen beziehen, dann weil diese (uns eingeschlossen!) wohl die meisten Gründe haben diese Verhältnisse abzuschaffen – und außerdem den übergroßen Teil der Bevölkerung dieses Planeten stellen. Aus praktischen Gründen – durch Fähigkeit zum Streiken und der damit einhergehenden materiellen Macht werden diese die alte Macht absetzen können – eine notwendige Voraussetzung für eine Überwindung der Verhältnisse. […] Aber: diese Proletarisierten sind weder die aufgeklärteste, noch die per se „beste“ gesellschaftliche Gruppe. Denn diese Verhältnisse legen qua ihrer Konkurrenz und der einhergehenden psychischen Zurichtungen eine reaktionäre ‘Interpretation’ weitaus näher als eine kategoriale Kritik […]

Hier wird ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis der Instrumentalisierung deutlich: Die Kommunist*innen haben den Willen, die Verhältnisse abzuschaffen – obgleich man nicht genau weiß, woher. Und deshalb versuchen sie, die Streikmacht derjenigen auszunutzen, deren praktisches Interesse gegen diese Zustände steht. Das ist eine Perspektive, die sich dann doch in einem ziemlich starken Kontrast zu der des arbeiterbewegten Marx befindet, welcher das Für-sich-Werden der lohnabhängigen Klasse als ein politisches Projekt betrachtete, bei dem die Subalternen sich mit eigenen Mitteln aus Verhältnissen befreien, die ihnen ziemlich schlecht bekommen. Das heißt, er hat die Revolution als einen Akt der Selbstemanzipation aufgefasst und nicht als ein Verhältnis, bei dem Kommunist*innen das Proletariat für ihre Zwecke ausnutzen, weil es so stark ist, eine so große Anzahl von Leuten umfasst und objektive Interessen hat, die einem zufällig gerade zupass kommen. Der Hinweis auf die falschen Vorstellungen, die die Subalternen über sich selbst und ihre Stellung in der Gesellschaft unterhielten, wenn sie nach einem „gerechten Lohn“ verlangten, diente ihm nicht dazu, das Proletariat zu entmündigen, sondern war sein Beitrag, die bürgerlichen Bewusstseinsformen abzuräumen, die das Proletariat einstweilen daran hinderten, sich als eine ihrer selbst bewusste Klasse zu begreifen.

Man kann daher der Basisgruppe Antifaschismus den Vorwurf nicht ersparen, den ML gerade in seiner Kritik zu prolongieren. Was diesen nämlich auszeichnet: das durch und durch äußerliche Verhältnis von Berufs­revolutionären zu einer von ihnen bevormundeten Arbeiterklasse, hat ein Prolet wie Willy Huhn bereits 1952 als das zentrale Wesensmerkmal dieser ganzen bonapartistischen Veranstaltung durchschaut:

„Jetzt kann sich der russische Revolutionär endlich auf die Klasse stützen, die elementar erwacht, kann sich endlich geraderecken und seine Riesenkräfte entwickeln.“ [LENIN]

Man sieht, es ist nicht die elementar erwachende Arbeiterklasse selbst, die sich endlich geradereckt und ihre Riesenkräfte entwickelt, sondern der russische Revolutionär, der sich jetzt nicht mehr auf die Bauern, sondern auf die Arbeiter stützt. […] Schon im Jahre 1897 empörten sich die elementar erwachten Arbeiter­mitglieder im Petersburger Kampfbund dagegen, daß die Leitung desselben in den Händen von zwei Dutzend Intellektuellen liege. Sie forderten Anteil an der Führung und Demokratie innerhalb der Organisation. Beides wurde damals von LENIN abgelehnt, u. a. mit der Begründung, daß man keine besondere Arbeiterklassen-Politik zu machen habe! Ein Teilnehmer an dieser Debatte hat uns folgendes überliefert:

„Lenin war gegen jede selbständige Arbeiterorganisation als solche; er war dagegen, daß man den Arbeitern irgendein besonderes Kontrollrecht einräume.“

Et voilà, liebe Freunde, wenn ihr ausgerechnet in der Form gegen den ML wettert, dass ihr dessen rhetorische Bezugnahme auf die Klasse denunziert, dann ist das, milde gesprochen, historisch nicht ganz ohne Ironie! Soweit es sich wie bei den Bolschewiki um eine bloße Instrumentalisierung handelt, ist es nämlich eure eigne Tour.