Liebe Grüne Jugend Würzburg! Es ist ja klar: Eine Hartz-IV-Partei braucht symbolpolitische Themen wie die »Ehe für Homosexuelle«, um sich noch irgendwie als fortschrittlich vorzukommen. Während sie in den 90er Jahren an einer Politik mitwerkelte, die immer mehr Menschen von immer mehr Gütern des gesellschaftlichen Lebens exkludierte, darf sie sich hier endlich als eine Partei der »Inklusion« fühlen.

»Ehe ist für ALLE da.« Grüne Jugend Würzburg

»Ehe ist für ALLE da.« Grüne Jugend Würzburg, 2013. Quelle: Facebook.

Die Ehe ist also »für alle da« – mit Ausnahme derjenigen natürlich, die aus irgendeinem dummen Grund nicht heiraten wollen. Dass ausgerechnet die Regenbogenfahne, die, auch wenn sie schon immer für ein gerüttelt Maß an Einfalt stand, zugleich so etwas wie eine irreduzible Vielfalt an Lebensformen repräsentieren wollte, welche sich nicht gegeneinander ausbooten lassen würden, euch zu einem geeigneten Symbol gerät, das Monopol einer einzigen, nämlich der staatlich sanktionierten Lebensform der Ehe als ein »für alle« geeignetes Modell zu bewerben, kommt euch nicht irgendwie Spanisch vor?

Aber wer will schon undankbar sein: Wenn ihr als »fortschrittliche« Partei für Arbeiter_innen solche Segnungen wie Hartz IV bereithattet, dann kann man doch froh sein, dass ihr für »Homos« kein schlimmeres Folterinstrument im Angebot führt als ausgerechnet die Expansion jenes bürgerlichen Ordnungs­instituts, mit dem der Staat bei seinen Bürgern seit jeher nach dem Rechten schaut. Mit dem er die private Unterordnung von Frauen unter die öffentlichen Lebenswege ihrer Männer fördert, die Vererbung von Armut und Reichtum an die nächste Generation gewährleistet und im Sinne der Produktion gesellschaftlicher Normen respektable von irrespektablen Lebensformen trennt. Das in ein Recht umzudeuten, welches man Lesben und Schwulen nicht vorenthalten möchte, ist schon ein Knaller.

Dass ihr die Lesben- und Schwulenbewegung, in der es ja trotz allem theoretischen Elend früher doch auch einmal eine mehrheitlich geteilte Kritik am Institut der Ehe gab, so auf den Hund gebracht habt, dass ihre Symbole heute zu gar nichts anderem mehr taugen, als das Image der »bürgerlichen Keimzelle« in einer Zeit hochzuhalten, in der selbst »Heterosexuelle« lieber pacsen als heiraten wollen, ist euer wahres historisches Verdienst. Nichts anderes habt ihr dem Konservatismus bis heute entgegenzuhalten als dessen gesellschaftlich modernisierte Variante.

Einmal damit angefangen, sind die Möglichkeiten, eure Parteilichkeit für die Zwecke von Staat und Nation mit den Mitteln der »Antidiskriminierung« in ein progressives Licht zu rücken, allerdings schier unerschöpflich. Ich sehe da schon eure nächste Aktion: Eine rosalila Bundeswehruniform und in der Hand das Schild: »Kriege sind für alle da!« Aber OK, das Recht, sich in Afghanistan für die Interessen ihres Hegemons kaputtschießen zu lassen, haben Frauen und Schwule dank eures unermüdlichen Einsatzes für die »Belange der Anderen« ja schon seit Längerem inne.

Mit der Kooptation der »Homo-Ehe« aber habt ihr erfolgreich eine soziale Bewegung in einen Rechtfertigungstitel für euren Marsch in die bürgerlichen Institutionen verwandelt, indem ihr an »Lesben und Schwulen« einen Scheingegensatz zu den Werten des deutschen Konservatismus aufmacht, die ihr über den Umweg des »Anderen« tatsächlich nur restauriert. Auf einmal erscheint die Ehe statt als das, als was sie von der zweiten Welle des Feminismus entlarvt wurde – die Regierung des Privaten vornehmlich auf Kosten der Frauen – durch die Identifikation mit dem großteils bloß eingebildeten Heirats­wunsch der »Homosexuellen« wieder als jene rührende Herzens­angelegenheit, die sie zuletzt kurz vor dem Ende der 60er Jahre gewesen war.