Tuvia Tenenbom: I Sleep in Hitler's Room Vor wenigen Wochen hat der Suhrkamp-Verlag, nachdem Rowohlt abgesprungen war, nun endlich Tuvia Tenenboms Reisebericht Allein unter Deutschen (engl. „I Sleep in Hitler’s Room“) veröffentlicht. Die feuilletonistische Aufregung darüber kann man sich nur schwerlich erklären. Dass Tenenbom in einem Land, das in den letzten Jahren einen rassistischen Bestseller nach dem anderen aufgelegt hat, ernsthafte Schwierigkeiten hatte, einen Verleger zu finden, zeugt von eben jener Selbst­gerechtigkeit, die den Deutschen vorzu­werfen man Tenenbom nicht so recht verzeihen will. Meinungsfreiheit für Studien über den ethnischen »Kollektivcharakter« von Leuten: ja bitte, aber nur wenn es um die Kritik des Anderen geht!

Tenenboms Buch ist eine endlose Sammlung von Interviews, die er mit Deutschen über die immergleiche Frage führte: was es bedeute, deutsch zu sein, und ob der Angeredete Stolz dabei empfinde. Es ist eine monotone Collage über das deutsche Nationalbewusstsein anno 2010 geworden. Schwierig daran ist, dass der Autor selbst über keinerlei Begriff, geschweige denn eine Kritik des bürgerlichen Nationalismus verfügt. Nein, er will es wirklich wissen: was den Deutschen als solchen auszeichnet. Und nach fünf Monaten Feldforschung ist er tatsächlich zu einer, wenn auch bescheidenen Antwort gelangt.

Yes, definitely. There is something „German,“ many things „German.“ The Germans I met, east and west, center, north and south, share these qualities, the ones I call German: Love of technology, self-righteousness, innate anti-Semitism, cultural curiosity, stubbornness, visual genius, emulation of America, legalism, brainy stupidity, and, the worst of all: childish extremism.

Während sich diese Aufzählung mit der Selbstbeschreibung seiner Interviewpartner, angefangen bei ZEIT-Chef Giovanni di Lorenzo bis hin zur BILD-Knalltüte Kai Dieckmann, im Groben und Ganzen deckt, nehmen ihm die Berufs- und mit ihnen auch die unzähligen kleinen Hobbynationalisten, welche Tenenboms Weg kreuzten, die Hinzufügung zweier ehrverletzender Attribute übel, die sich der Autor dann doch aus eigener Beobachtung erschlossen hat.

Da wäre zum einen der »kindische Extremismus«, der kurioserweise nichts als Tenenboms Wort für die von ihm nicht wohlgelittene autonome Szene Hamburgs ist, deren oberflächliche Betrachtung sein Buch eröffnet. Zwar verkörpert dieses Milieu in den Augen des Autors ansonsten eher das negative Spiegelbild des Deutschen – Vorliebe für Schmutz statt Sauberkeit z.B. –, aber als Ausdruck einer »Rebellion ohne Grund« soll diese Subkultur, warum auch immer, dann doch wieder für das Deutsche an sich stehen. Leben diese Leute nicht in einem der reichsten Länder der Welt? Worüber beschweren sie sich eigentlich? Zur Befriedigung ihrer notorischen Bierseligkeit reicht das Geld doch allemal.

Hätte es Tenenbom bei seiner freddy-quinn-artigen Kritik an der radikalen Linken belassen – sein Buch wäre wohl als Vorabdruck bei seinem Interviewpartner Kai Dieckmann in Serie gegangen, der, wegen seines pro-israelischen Philosemitismus, als einer von ganz wenigen ohne größere Blessuren davonkommt. Womit er den nationalen Blätterwald stattdessen zum Rauschen brachte, ist nämlich Tenenboms Unterstellung eines den Deutschen gleichsam in die Wiege gelegten, jedenfalls ziemlich unausrottbar erscheinenden Antisemitismus. Das liegt, gleich was man von dem Autor hält, seiner Ansicht nach nicht an den Genen oder an der »Kultur« der Deutschen, sondern daran, dass sich zwischen sie und die von ihnen herbeigesehnte Restauration eines nationalen Wir immer wieder und geradezu unvermeidlich das Bild der sechs Millionen ermordeten Juden drängt.

Germany’s [anti-Semitism] is grounded in psychology and narcissism. Grandpa and grandma built entertainment centers, such as the zoo-plus-crematoriums, and I can’t live with it. For them it was double the pleasure for one ticket, but for their grandchildren it’s double the horror. The fastest and most childish way to ease the weight of such baggage is to blame „the Jews.“ They are the real Nazis; not grandpa, never grandma.

Was die Berufsnationalisten dabei besonders kränken dürfte, ist, dass Tenenbom die Finte durchkreuzt, mit der Broder hierzulande Furore macht: das nationale »Wir« zu erlösen, indem er den mit seiner Rekonstruktion verbundenen Makel des Judenmords auf Muslime als seinen »anderen Anderen« verschiebt. Der in Tel Aviv geborene und fließend Arabisch sprechende Tuvia Tenenbom mag noch so islamophob sein. Aber diese Ausflucht verbaut er den selbstgerechten Deutschen dann doch:

German anti-Semitism is worlds apart from Islamic anti-Semitism, either that of Gaza or that of Duisburg. I had a great time with the Turkish people of Marxloh, despite the lamentable anti-Semitism I encountered there. But no matter how we differed in thought, we still enjoyed each other’s company greatly. I think they’re racist, they think I’m racist, but we felt perfect together. We share „racism“ in common, and we go to eat together, laugh till the wee hours of the morning, and have the time of our life. Never so with the German. Children don’t play with „bad“ people. Islamic anti-Semitism is grounded in politics, or in religion, but German anti-Semitism runs far deeper.

It will be much easier to make peace between Israelis and Palestinians, and between Arabs and Jews in general, than to uproot the Jew hate of the German. The first two are on the table, no surprises; the third is wrapped in heavy brainy arguments and eye-blinding magical color shows in addition to being hidden behind the many masks so common to our present-day Western culture.

Überhaupt sind solche Kommentare die Stellen, an denen der Autor seine Leser_innen am meisten überrascht. Wenn der erklärte Kopftuch- und Moscheebaugegner Tenenbom einen seiner Interviewpartner aufgrund besonderer Klugheit von dem harschen Urteil ausnehmen möchte, das er sich ansonsten über das dumme Völkchen der Deutschen gebildet hat, dann erweist er ihm seine Reverenz, indem er ihn wie Helmut Schmidt wahlweise als »Rabbi« oder wie Jens Jessen ehrerbietig als »Scheich« tituliert:

Yeah. I feel like I’m in another place, in a different world. But where? No, not in Israel. That country is very Western-thinking as well. Shallow. I feel as if I’m in the Arab Middle East. This Jens makes me feel so. Maybe I am in the Middle East. Maybe this German-accented English speaker across the table from me is in reality a sheikh. Sheikh Jens bin Mustafa. I go often to the Middle East. I talk to the people there and I am delighted to listen to them. No, not because I agree with them or because I disagree with them. Has nothing to do with it. It’s because they are not empty inside. They might have no „tolerance,“ but I still respect them. Tremendously. They have something they stand for. It’s not empty inside. I have had many honest dialogues with the „intolerant“ people of the East but to date no single one with the „tolerant“ people of the West. The reason is very simple: The tolerant people of the West are the most intolerant people you can imagine. They are so afraid that you will uncover the emptiness inside them that the moment you start arguing with them their first instinct is: Kill him!

Da ist er, der kulturelle Antiwestler Tenenbom, der auch seinen antideutschen Freunden keine rechte Freude bereiten wird. KONKRET-Autor Horst Tomayer bleibt bei ihm die schale Karikatur eines Nonkonformisten, indem ihm auf die Frage, ob er stolz sei, ein Deutscher zu sein, neben seinem aufgesetzten Gelächter keine originellere Antwort einfällt als allen deutschen Hobby- und Berufsnationalisten, die Tenenbom zwischen die Finger geraten: Nein, natürlich nicht! »Never.« Wie auch? Nach sechs Millionen ermordeten Juden. Das Unangenehme am deutschen Nationalismus, das ihn zu all diesen antisemitischen und rassistischen Ersatzhandlungen nötigt, ist ja sein notwendiges Scheitern, für das er den Anderen als Sündenbock braucht.

Doch einmal der Massenpsychologie verfallen, kennt auch Tenenbom, wie Kaiser Wilhelm, am Ende nur noch Deutsche. Leute ohne Klasse und ohne individuelle Lebenswege. Was ihn an diesem Völkchen stört, ihre notorische Obsession mit den Juden, spürbar daran, dass sie – ihr Mundwerk einmal in Bewegung gesetzt – innerhalb von fünf Minuten von jedem beliebigen Thema zum Nahostkonflikt springen können, wird als Vorwurf gegen Daniel, den Leiter der Abteilung Gedenkstättenpädagogik in Buchenwald, schließlich zu einem furchtbaren menschlichen Affront:

He spent a year and a half in Israel, working for Aktion Sühnezeichen Friedensdienste […] That’s not all he did in Israel. In addition to his work at Yad Vashem, Daniel got involved with the Israeli-Palestinian conflict, spending eight weeks as a volunteer in an Arabic hospital in Nazareth. Nice, right? […] During his stay […], he tells me, he went to Nablus to talk with the city’s deputy mayor, to learn from him about the Palestinian side; he wanted to understand the Palestinians better. He’s a peace lover, after all. At the end of the meeting, when he and his brother returned to their car, it exploded. What happend? A Palestinian had put a bomb in their car. Daniel’s brother was killed, and Daniel himself lost his left eye.

Was this the end of your involvement in the Israeli-Palestinian issue?

„No. In Weimar last year, I marched in a demonstration for Gaza.“ […]

I step out of my role as interviewer and share a moment with Daniel. I tell him that I totally agree with the notion that he has a right to criticize Israel, demonstrate against it, and do whatever he wishes. That’s the essence of democracy and I have no problem with it. But what I don’t understand is why a person who works in a concentration camp, a system where millions of Jews found their death, doesn’t feel the need to be a little bit more sensitive to Jewish feeling and refrain from such activities.

Daniel listens to me but says not a word. His hands are shaking, and the cup of soda he holds in his right hand almost spills. He stares somewhere, not at me. I push the envelope. I ask him if his hate of the Jew is so deeply rooted that sense has simply failed him. He doesn’t answer. Does he regret anything he did? No.

If the death of his brother and the loss of his own eye didn’t move him, I won’t either.

Es ist für mich der Punkt, an dem der Sympathievorschuss, den ich Tenenbom in seiner – obgleich begriffslosen und tumb völker­psycho­logischen – Invektive gegenüber dem organisierten Deutschtum einräumte, endgültig aufgebraucht ist. „Righteous people can turn into animals in a second.“ And voilà, here you have it!

PS: Da ich die englische Kindle-Ausgabe gekauft habe, ist es mir leider nicht möglich, für die Zitate enstprechende Seitenangaben zu liefern.