Am 19. November 2012 veröffentlichte die isra­elische Tageszeitung Ha­aretz einen viel­beachteten Artikel der preisgekrönten linken Journalistin Amira Hass, der die Legitimation des Gaza-Kriegs durch westliche Staatsführer wie Obama, Westerwelle und Merkel zum Thema hatte. Um eine inhaltliche Diskussion zu erleichtern, wurde der Artikel hier erstmals ins Deutsche übersetzt:

Israels ‚Recht auf Selbstverteidigung‘ – ein gewaltiger Propagandasieg

Durch die Unterstützung von Israels Gaza-Offensive haben westliche Staatsführer den Israelis eine Blankovollmacht erteilt, das zu tun, worin sie am besten sind: im Gefühl des eigenen Opferseins zu schwelgen und das palästinensi­sche Leiden zu ignorieren.

Einer der gewaltigen Propaganda-Siege Israels ist es, dass es als Opfer der Palästinenser akzeptiert wurde, sowohl in der Wahrnehmung der israelischen Öffentlichkeit als auch in der von westlichen Staatsführern, die sich beeilen, Israel das Recht auf Selbstverteidigung zuzusprechen. Die Propaganda ist so effektiv, dass in der Runde der Feindseligkeiten nur die palästinensischen Raketen auf den Süden Israels, und jetzt auf Tel Aviv, zählen. Die Raketen oder der angerichtete Schaden am Allerheiligsten – einem Militärjeep – werden stets als Ausgangspunkt betrachtet und bilden mit den erschreckenden Sirenen, die klingen, als wenn man sie einem Film über den Zweiten Weltkrieg entnommen hätte, die Meta-Erzählung vom Opfer und seiner Berechtigung, sich selbst zu verteidigen.

Jeden Tag, ja jeden Augenblick, erlaubt diese Meta-Erzählung Israel, ein weiteres Glied an die Kette der Enteignung einer Nation zu fügen, die so alt ist wie dieser Staat selbst, während sie gleichzeitig die Tatsache zu verbergen hilft, dass sich ein roter Faden von der Weigerung des Jahres 1948, palästinensischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Häuser zu gestatten, über die Vertreibung der Beduinen aus der Negev-Wüste Anfang der 50er Jahre und die gegenwärtige Vertreibung von Beduinen aus dem Jordantal bis zu den Schüssen auf die Fischer von Gaza zieht, die davon abgehalten werden sollen, sich einen achtbaren Lebensunterhalt zu verdienen. Millionen solcher roten Fäden verknüpfen 1948 mit der Gegenwart. Sie sind das Lebensgespinst für die palästinensische Nation, so sehr sie auch in isolierte Taschen zerteilt sein mag. Sie sind das Lebensgespinst der palästinensischen Bürger Israels und derer, die in den Ländern ihres Exils leben.

Aber diese Fäden bilden nicht das gesamten Gewebe. Der Widerstand gegen diese Fäden, die wir, die Israelis, endlos spinnen, ist ebenso ein Teil des Lebensstoffes der Palästinenser. Das Wort Widerstand wurde erniedrigt, den Macho-Wettbewerb darum zu bezeichen, wessen Rakete am weitesten entfernt explodiert (ein Wettbewerb unter den palästinensischen Organisationen und zwischen ihnen und der etablierten israelischen Armee). Doch es ändert nichts an der Tatsache, dass, im Kern, der Widerstand gegen die Ungerechtigkeit, die der israelischen Herrschaft eingeschrieben ist, ein untrennbarer Bestandteil des Lebens eines jeden einzelnen Palästinensers ist.

Die Außen- und Entwicklungsministerien im Westen und in den Vereinigten Staaten kollaborieren wissentlich mit der verlogenen Darstellung Israels als Opfer, und sei es auch nur, weil sie jede Woche die Berichte von ihren Vertretern im Westjordanland und im Gazastreifen über noch ein weiteres Glied der Enteignung und Unterdrückung erhalten, das Israel der Kette hinzugefügt hat, oder weil ihre eigenen Steuergelder für einige der großen und kleinen von Israel herbeigeführten humanitären Katastrophen verant­wortlich zeichnen.

Am 8. November, zwei Tage vor dem Angriff auf das Allerheiligste – Soldaten in einem Militärjeep – konnten sie über IDF-Soldaten lesen, die den 13 Jahre alten Ahmad Abu Daqqa getötet hatten, als er im Dorf Abassan, östlich von Khan Yunis, gerade Fußball mit seinen Freunden spielte. Die Soldaten waren, 1,5 km von den Kindern entfernt, innerhalb des Gazastreifens mit der „Freisetzung“ (einem weißgetünchten Wort für Zerstörung) von Ackerland beschäftigt. Also warum sollte die Zählung der wechselseitigen Aggressionen nicht mit einem Kind beginnen? Am 10. November, nach dem Angriff auf den Jeep, tötete die IDF vier weitere Zivilisten im Alter zwischen 16 und 19.

Schwelgen in Unwissenheit

Westlichen Führungen hätte bekannt sein können, dass vor dem IDF-Manöver im Jordantal vergangene Woche Dutzende von Beduinen-Familien angewiesen wurden, ihre Häuser zu räumen. Wie überraschend, dass IDF-Übungen immer dort stattfinden, wo Beduinen leben, nicht israelische Siedler, und dass dies einen Grund für ihre Vertreibung liefert. Einen weiteren Grund. Eine weitere Vertreibung. Den westlichen Führungen hätte, basierend auf den vierfarbigen, auf Chrom-Papier gedruckten Berichten, die ihre Länder finanzieren, auch bekannt sein können, dass Israel seit Anfang des Jahres 2012 569 palästinensische Bauten, einschließlich Brunnen und 178 Wohnstätten, zerstört hat. Insgesamt waren 1.014 Menschen von diesen Zerstörungen betroffen.

Wir haben nicht gehört, dass Massen in Tel Aviv und Bewohner_innen des Südens die Staatsverweser über die Auswirkungen dieser Zerstörung auf die Zivilbevölkerung gewarnt hätten. Die Israelis schwelgen frohgemut in ihrer Unwissenheit. Diese Informationen und andere, ähnliche Daten sind verfügbar und für jedermann zugänglich, der sich wirklich dafür interessiert. Aber Israelis entscheiden sich dafür, es nicht zu wissen. Diese willentliche Ignoranz ist ein Grundstein in der Produktion von Israels Gefühl der Viktimisierung. Aber Unwissenheit ist Unwissenheit: Die Tatsache, dass die Israelis nicht wissen wollen, was sie als Besatzungsmacht tun, negiert nicht ihre Taten oder den palästinensischen Widerstand dagegen.

Im Jahr 1993 gaben die Palästinenser Israel ein Geschenk, eine goldene Gelegenheit, die Fäden, die 1948 mit der Gegenwart verbinden, zu zerschneiden, um die Charakteristik des Landes als koloniales Enteignungsprojekt zu beenden und gemeinsam eine andere Zukunft für die beiden Völker in der Region zu planen. Die palästinensische Generation, die das Oslo-Abkommen (voller Fallen, die von smarten israelischen Anwälten gelegt wurden) akzeptiert hatte, ist die Generation, die eine vielfältige, auch normale, israelische Gesellschaft kennengelernt hatte, weil die Besetzung von 1967 (zum Zweck der Bereitstellung billiger Arbeitskräfte) eine fast vollständige Bewegungsfreiheit garantierte. Die Palästinenser stimmten einer Einigung auf der Basis ihrer Minimalforderungen zu. Eine der Säulen dieser Minimalforderungen war die Behandlung von Gaza-Streifen und Westjordanland als einer einzigen territorialen Einheit.

Aber sobald die Umsetzung von Oslo begann, unternahm Israel systematisch alles, was in seiner Macht stand, um den Gazastreifen in eine einzelne, abgetrennte Einheit zu verwandeln, Teil von Israels Beharren auf den Fäden von 1948 und ihrer Weiterführung. Seit dem Aufstieg der Hamas hat es alles getan, um den von der Hamas präferierten Eindruck zu stützen, dass der Gaza-Streifen eine separate politische Einheit sei, die keiner Besatzung unterliegt. Wenn dem so ist, warum nicht die Dinge wie folgt betrachten: Als eigenständige politische Einheit ist jeder Einfall in das Territorium von Gaza eine Verletzung seiner Souveränität, und Israel tut das die ganze Zeit. Hat die Regierung des Staates Gaza nicht das Recht auf eine Antwort, auf Abschreckung oder wenigstens das Macho-Recht – ein Zwilling des Macho-Rechts der IDF –, die Israelis in Angst zu versetzen, so wie Israel das auch mit den Palästinensern tut?

Aber Gaza ist kein Staat. Gaza befindet sich unter israelischer Besatzung, trotz aller Verbalakrobatik sowohl von Hamas als auch von Israel. Die Palästinenser, die dort leben, sind Teile eines Volkes, dessen DNA Widerstand gegen Unterdrückung beinhaltet.

Im Westjordanland versuchen palästinensische Aktivisten, eine Art von Widerstand zu entwickeln, die sich von dem bewaffneten Macho-Widerstand unterscheidet. Aber die IDF unterdrückt jeden populären Widerstand mit Eifer und Entschlossenheit. Wir haben nicht davon gehört, dass sich Bewohner_innen aus Tel Aviv und dem Süden über das Gleichgewicht des Schreckens beschwert hätten, das die IDF gegen die palästinensische Zivilbevölkerung errichtet hat.

Und so liefert Israel abermals Gründe, dass noch mehr junge Palästinenser, für die Israel eine abnorme Gesellschaft aus Armee und Siedlern ist, zu dem Schluss gelangen, dass der einzige rationale Widerstand vergossenes Blut und Konter-Terrorismus ist. Und so zieht uns jedes israelische Glied der Unterdrückung und alle israelische Missachtung ihrer Existenz weiter den Hang machistischer Konkurrenzverhältnisse hinab.