In dem Maße, wie die Schwulenbewegung die Situation des «homosexuellen Mannes» nur in Begriffen von «Unterdrückung» und «Emanzipation» denken kann, entschlägt sie sich selber aller Kategorien, mit denen, nach der Abschaffung des antihomosexuellen Strafrechts­paragraphen 175, Mechanismen der Normalisierung in der Gegenwarts­gesellschaft noch sinnvoll studiert werden könnten. Wie etwa der massive Rückgang gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte unter männlichen Teenagern, ausgerechnet in der Hochphase der zweiten deutschen Schwulenbewegung. Oder die Senatsstatistiken, die ein vier bis fünf Mal erhöhtes Suizidrisiko unter lesbisch-schwulen Jugendlichen in Berlin ausweisen. Vielleicht ist das der Grund, warum man sich ferne Diktaturen sucht, um das Unbehagen an einer Gesellschaft, die gleichgeschlechtliches Begehren als zu tolerierende «Devianz» behandelt, auch weiter innerhalb des Repressionsdiskurses artikulieren zu können. Nur dumm, wenn man sich dafür ausgerechnet einen Staat wählt, der sich in dieser Hinsicht dezidiert am Westen orientiert.

Aserbaidschan ist nicht das traditionell «muslimische Land», als welches es Kraushaar und Konsorten zu konstruieren versuchen. Es ist eine ehemalige Sowjetrepublik, die von der KPdSU 70 Jahre lang im Vollwaschgang modernisiert wurde. Die Regierung wird noch heute von der Nachfolgepartei der 1991 zum autoritären Ölrenten-Kapitalismus konvertierten «KP der aserbaidschanischen SSR» gestellt. Und auch wenn vom einstigen Programm nicht mehr viel übrig geblieben ist, hat man sich als Relikt aus vergangenen Tagen zumindest noch den radikalen Laizismus bewahrt.

Auf Kraushaars hämische Frage, ob «— wie es in queerer Terminologie heißt —» das Konzept von Homosexualität in Aserbaidschan womöglich «ein ganz anderes» sei, darf man im Hinblick auf die herrschende Partei des Landes mit einem schlichten «Njet» antworten. Auch sie sieht gleichgeschlechtliches Begehren als Ausdruck einer devianten Persönlichkeit und Konstituens einer «sexuellen Minderheit». So sendete das staatliche Fernsehen AzTV am 22. April 2008 ein Videoband, das einen regierungs­kritischen Journalisten und einen liberalen Oppositionspolitiker als angebliche «Schwule» miteinander in Verbindung brachte:

«Agil Khalil [der Journalist] hat nicht nur die gleiche Persönlichkeit wie Ali Karimli [der Politiker], sondern auch die gleiche Farbe», behauptet der Programmsprecher in Anspielung auf «goluboi» (hellblau), den umgangs­sprachlichen russischen Ausdruck für einen schwulen Mann. «Es sieht so aus, als ob die Neigung zu [dieser] sexuellen Minderheit eine Schwäche von Ali Karimli und seinem Zirkel ist.» Um seine Behauptungen zu untermauern, zitiert der Sender eine «Liste von Leuten, mit denen Agil Khalil freundschaftliche Beziehungen pflegt». Kerimli, so der Film weiter, habe Khalils «jugendliche Leidenschaft» vermutlich «in die verkehrte Richtung gelenkt».

«Christliche konnotierte Männerfreundschaft» in den USA?

«Christliche konnotierte Männerfreundschaft» in den USA des 19. Jh.?

Da kann Elmar Kraushaar sich also beruhigt zurücklehnen: Die Regierung in Baku teilt dieselben Prämissen über «Homosexualität» wie er und spielt, was «Outing» angeht, auf der gleichen Leier wie Rosa von Praunheim. Vielleicht mit einer andern Absicht, aber doch unter Verwendung desselben Instruments. Bleibt als letzter Unterschied der massenhafte Anblick händchenhaltender Azeris – das, was Kraushaar «muslimisch konnotierte Männer­freundschaften» nennt. Ich muss offen zugeben, dass ich über diesen Ausdruck lange räsonieren musste. Wer etwa konnotiert diese Freundschaften als muslimisch? Ist es Kraushaars Versuch, daraus eine «fremde» kulturelle Marotte zu machen? Hat er noch nie von den zahllosen Atelierfotos gehört, auf denen sich amerikanische Männer Ende des 19. Jahrhunderts händchenhaltend, einander berührend und auf dem Schoß sitzend ablichten ließen? Warum ist Kraushaar nicht in der Lage, diese Frage an seine eigene Gesellschaft zu adressieren und zu analysieren, warum das in Europa heute völlig undenkbar wäre? Verbietet sich eine solche Blickumkehr aus – wie es in queerer Terminologie heißt – «homonationalistischen» Motiven?

Händchen haltende Männer in Nepal

«Hinduistisch konnotierte Männerfreundschaft» in Nepal?

Vielleicht ist es aber auch eher der Zorn, dass die von ihm missgünstig so getauften «Männerfreundschaften» der Übertragung seines biologischen Modells der «Homosexualität» auf andere «Kulturen» noch ein paar unerwartete Schwierigkeiten aufgeben. Das Beharren azerischer Männer darauf, im Zeitalter des Homo-Hetero-Binarismus weiter an der Hand des anderen zu kleben, ist eine Zumutung für «minorisierende» (Eve Sedgwick) Techniken der Fremd- und Selbst-Identifikation. Es ist das Wissen, dass diese Praktiken nicht unbedingt «Homosexualität» konnotieren, aber auch nicht gerade das Gegenteil, welches Kraushaar dazu veranlasst, ihnen die verschwiemelte Phrase von der «Männer­freundschaft» hinterherzuwerfen. «Männerfreundschaft» – denkt man da nicht eher an Putin und Schröder? Die romantische Freundschaft zwischen Orest und Pylades, «die füreinander zugleich sterben wollten, weil voneinander getrennt zu leben sie härter dünkte als der Tod» (Bekenntnisse des hl. Augustinus, IV.6), würde man jedenfalls kaum so nennen. Der Begriff konnotiert eine klare Abgrenzung von «Homosexualität», da Männlichkeit seit dem 18. Jahrhundert über den Ausschluss gleichgeschlechtlichen Begehrens konzipiert ist. Ein Schwuler ist deshalb – in Kraushaars Worten – eine «Schwester» und der Begriff «homosexueller Mann» beinahe eine Provokation.

Gestelltes Foto im Rahmen der «Branding Israel»-Kampagne

Gefaktes Foto zweier IDF-Soldaten auf Facebook im Rahmen der «Brand Israel»-Kampagne

Vielleicht ahnt er etwas von der historischen Dynamik, die hier am Werk ist, ohne jedoch einen genauen Begriff davon zu haben – gar vergleichbar demjenigen, den sich die iranische Feministin und Historikerin Afsaneh Najmabadi davon gemacht hat, wenn sie die Modernisierung Persiens im 19. und 20. Jahrhundert beschreibt:

Der Zorn über europäische Les­arten sozialer und sexueller Gebräuche im Iran begann, Strukturen des Begehrens zu rekonfigurieren, indem eine Grenzlinie eingeführt wurde, um Homosozialität von Homosexualität zu unterscheiden. Iraner fingen an, sich dabei zu erwischen, wie sie europäischen Besuchern «erklärten», dass zumindest einige der Praktiken, die jene als Homosexualität deuteten, wie z.B. Männer, die Händchen hielten, sich umarmten und einander in der Öffentlichkeit küssten, eben dies nicht waren: Die Europäer missdeuteten Homosozialität als Homosexualität. Die Arbeit, Homosexualität aus Homosozialität herauszudefinieren – eine kulturelle Anstrengung, die bis in die Gegenwart anhält –, setzte zwei einander scheinbar wider­sprechende, in Wirklichkeit jedoch sich gegenseitig ermöglichende Dynamiken in Gang. Sie kennzeichnete Homosozialität als frei von Sexualität und machte Homosexualität auf diese Weise «obdachlos», gefährdet, da verleugnet. Zur gleichen Zeit gewährte sie […] ein Asyl, ein maskiertes Zuhause, für Homosexualität. Wir können weiter in der Öffentlichkeit die Hand des Andern halten, weil wir es zu einem Zeichen von Homosozialität erklärt haben, die frei von Sexualität ist.

«Wolfgang, lassen wir die Hände los! - der Dr. Magnus Hirschfeld kommt!»

Panik in Weimar: «Wolfgang, lassen wir die Hände los! - der Dr. Magnus Hirschfeld kommt!» (Jugend, 1907)

Kraushaar ist nicht so ehrlich, es auszusprechen. Aber verkleidet in den Angriff auf «andere Konzepte von Homosexualität» ist der Wunsch, die Mauern dieses historischen Asyls zu brechen. Nur so kann der «homosexuelle Mann» in Aserbaidschan endlich «sichtbar» werden. Zur Not gibt man ihm Nachhilfe in Form einer von ESC-Touristen für Azeris veranstalteten «Schwulenparade», wie dies im Vorfeld des Eurovision Song Contest mehrfach ins Gespräch gebracht wurde. Denn man traut dem azerischen Mann selbst nicht zu, «die Institutionalisierung des Homo-Hetero-Binarismus ins Werk zu setzen» (Joseph Massad).

Und auch für Kraushaar stellt sich die Sache als alternativlos dar: Homosexuelle Identitäten müssen «befreit» werden. Dass sie selber das Produkt gewaltsamer Sortierungsleistungen sind, gerät dabei völlig in Vergessenheit. Das Paradox schwuler Identitätspolitik besteht also darin, dass das, was emanzipiert werden soll, durch Ausgrenzung überhaupt erst hergestellt werden muss, woraus sich leicht erklärt, warum sich Kraushaars Wut am Ende nicht gegen den in den UNHCR-Menschenrechtsberichten dokumentierten Versuch des Staats­fernsehens richtet, zwei Dissidenten als «goluboi» zu outen, sondern gegen das, was er verdruckst «muslimisch konnotierte Männerfreundschaften» nennt.

PS: Die biopolitische Erfindung der «Homosexualität» im spätzaristischen Russland und der Sowjetunion unter besonderer Berücksichtigung des «speziellen Platzes», den die Nomenklatura den «primitiven» Völkern in Zentralasien und Transkaukasien reservierte, wird Gegenstand des dritten und letzten Teils dieser Serie sein.