Seit 17 Jahren betreut Elmar Kraushaar, ein Urgestein der zweiten deutschen Schwulenbewegung, eine monatliche Spalte in der «taz» mit dem Titel «Der homosexuelle Mann…» Ich gehöre zwar nicht zu ihren regelmäßigen Lesern, aber der «Skandal», dass die Kolumne im Juni ausgesetzt wurde, hat über die dadurch ausgelöste Welle der Empörung («Zensur, Zensur, rund um die Uhr!») am Ende auch mich erreicht. Aus Sicht der Redaktion hat sich Kraushaar des «unkollegialen Verhaltens» schuldig gemacht, als er in seiner Kolumne einen Redakteur der Zeitung angriff, der, seit ich denken kann, den «rechten Flügelmann der taz» abgibt: Jan Feddersen.

Nun hätte es in 17 Jahren zahlreiche Anlässe gegeben, sich einmal mit Feddersen zu befassen, etwa als dieser im Hinblick auf die angeblich besondere Homophobie migrantischer Jugendlicher von der Notwendigkeit einer «Zivilisierung des Vormodernen» sprach. Die Formulierung einer solchen kolonialen Zivilisierungsmission im Namen des «homosexuellen Mannes» war Kraushaar aber damals egal – und vielleicht sogar mehr als das. Denn was Kraushaar jetzt schäumen lässt, ist nicht diese Mission, die Feddersen jahrelang vor sich hergetragen hat, um Muslime zu den «Anderen» zu machen, die von «uns» beaufsichtigt und erzogen werden müssen. Es ist gerade der Verrat an ihr, den er sich am 20. Mai 2012 als «embedded» Reporter für den Eurovision Song Contest in Baku geleistet hat:

[D]as westliche Gerücht, dass in Aserbaidschan Schwule – von Lesben ist nie die Rede – drakonisch unterdrückt werden, darf als Gräuelpropaganda von, nennen wir sie: Menchenrechtisten genommen werden. Homosexualität ist nicht nur nicht strafbar, sondern es hat, im Gegensatz zu Serbien, Russland oder der Ukraine, gegen Homosexuelle auch hier nie nationalistische Flashmobs gegeben. […] In der Fußgängerzone flanieren Männer, immer einen Buddy dabei; legen einander die Arme über die Schulter, haken sich an den Armen ein. […] Im Euro-Club, dem Fandiscozentrum dieser Tage am Bulvar, der Corniche am Kaspischen Meer, sind viele Hunderte zu Gast, auch Azeris – und niemand empört, dass da recht eigentlich zu 80 Prozent Männer tanzen, ersichtlich miteinander.

Händchenhaltende azerische Polizisten im Einsatz

Azerische Polizisten halten Händchen. Foto: Mehman Huseynov, Baku.

Rechtfertigt das einen Skandal? Ja, meint Stefan Niggemeier, hat Feddersen in seiner ESC-Berichterstattung doch «ausdauernd Leute verächtlich [ge]macht, weil sie sich in einem Land wie Aserbaidschan für Menschenrechte einsetzen». Dass Aserbaidschan eine autoritäre Diktatur ist, ähnlich vielen anderen postsowjetischen Staaten, konnte in den letzten Wochen jeder erfahren, der in der Lage war, den Einschaltknopf seines Fernsehers zu betätigen. Doch die angeblichen Menschenrechtsverletzungen an «Homosexuellen» bleiben weiter im Dunkeln.

Umso mehr ergeht man sich in Andeutungen, weil die nach Baku angereiste Fanszene des «Eurovision Song Contest» als überwiegend schwul gilt und sich mit größter Wonne ihren paranoiden Bildern über «islamische Länder» widmet. Aber Aserbaidschan ist kein islamisches Land, sondern eine säkular-laizistische Diktatur, in der nicht einmal die Opposition religiös ist und gerade einmal 10% der Bevölkerung den Islam überhaupt regelmäßig praktizieren. Doch das scheint weiter keine Rolle zu spielen. Die Sehnsucht nach dem Stereotyp ist stärker, und so trieb das schwule Stadtmagazin «Hinnerk» in seiner letzten Ausgabe fünf Azeris mit perfekten Deutschkenntnissen auf, die sich der Autor aus dem Internet-Portal «Gayromeo» geangelt haben will, und lässt sie mit Schaudern über die Unterdrückung von «Homosexuellen» in ihrer Heimat erzählen. Überschrift: «Keine Küsse auf der Straße!»

Angesichts dieser Medienkampagne, die noch immer ohne alle Fakten auskommt, reibt sich Elhan Bagirow vom «Bündnis für Geschlechter­entwicklung» in Aserbaidschan verwundert die Augen. Seine Organisation betreibt mit staatlichem Segen Aids-Aufklärung für azerische Männer, die Sex mit Männern haben, und verteilt kostenlos Kondome. Im Deutschlandfunk ärgert er sich über die Berichterstattung westlicher Medien, die Aserbaidschan als ein «besonders homophobes» Land darstellen:

Verglichen mit allen anderen postsowjetischen Staaten ist die Lage von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Aserbaidschan in vieler Hinsicht besser. Bei uns werden keine homophoben Gesetze verabschiedet wie zurzeit in Russland. Und bei uns wettern auch keine Kirchenoberhäupter oder Omas mit Kreuzen gegen Schwule und Lesben. Die muslimischen Führer haben sich hier überhaupt noch nicht zu dem Thema geäußert.

Weiß Kraushaar es besser, wenn er zur Solidarität mit «unseren Schwestern» in Aserbaidschan aufruft? Und wogegen ruft er überhaupt zur Solidarität auf? Kann er es benennen?

Kaum. Kraushaars Informationen sind eine Ansammlung von Bildern, wie sich Schwule hierzulande Unterdrückung vorstellen. Was er beschreibt, ist nicht die Realität Aserbaidschans, sondern die Erfahrungen seiner Generation in der BRD der 60er Jahre. Es sind abgespaltene und in die Ferne projizierte Elemente der eigenen Biographie:

Denn das scheint die oberste Maxime der heimischen Schwulen zu sein: Aufpassen, dass man nicht gesehen wird. Ein schwules Leben ist möglich — als Doppelleben, im Versteck und in der Nacht.

Ja, so war das damals. Aber auch jüngere Schwule haben ein konkretes Bild davon, was Unterdrückung ist, und für Kraushaar ist das der Kulminationspunkt seiner Argumentation:

Auch Patsy l’Amour laLove lässt in ihrem Patsy-Blog kein gutes Haar an Feddersen und stellt — mit Blick auf seine idyllischen Mutmaßungen über muslimisch konnotierte Männer­freundschaften — fest: »Wenn Männersex in Badehäusern en vogue ist, dann träume ich nicht davon, wie befreit diese Gesellschaft sein muß, sondern denke darüber nach, warum schwuler Sex nur in der Begrenztheit dieser Räume stattfinden darf.«

Die ungewollte Ironie, dass die «Polittunte» Patsy ihre wütenden Tiraden gegen aserbaidschanische Badehäuser in der Rubrik «Darkroomgeflüster» veröffentlicht, ist zum Brüllen komisch. Denn die «Begrenztheit dieser Räume» ist leicht zu entziffern als die Begrenztheit der Saunen, Darkrooms und Klappen (gibt es sowas überhaupt noch?), in denen sich Patsys eigenes schwules Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft bewegt – einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliches Begehren in die Räume einer Subkultur verbannt ist; in der Händchenhalten unter Männern, anders als in Aserbaidschan, mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen. Insgeheim weiß Patsy ganz genau, dass die Horrorvision schwuler Autoren über Aserbaidschan – «Keine Küsse auf der Straße!» – überhaupt nichts anderes als die Beschreibung schwulen Alltags in Deutschland ist. Die von Hinnerk erdichteten Gayromeo-Azeris mit den durch die Redaktion geänderten Vornamen sind wie die Perser in Montesquieus satirischen Perserbriefen ein symbolischer Spiegel, der einer Gesellschaft den Blick auf sich selbst gestattet, während sie trotzig darauf beharrt, auf die anderen zu zeigen. «Oha, der Herr ist Azeri? Was für eine höchst außerordentliche Sache! Wie kann man nur Azeri sein?»

Es ist auf eine Weise traurig und amüsant zugleich, dass Elmar Kraushaar sein Unbehagen daran, in der Rolle und Figur des «homosexuellen Manns» eingesperrt zu sein, nicht mehr anders metaphorisieren kann als in der räumlichen Enge eines aserbaidschanischen Badehauses. Geradezu zynisch wirken jedoch seine maliziösen Spitzen gegen «muslimisch konnotierte Männer­freundschaften», wenn man sie vor dem Hintergrund der sowjetischen Verfolgungsgeschichte betrachtet, in deren Nachfolge die herrschende laizistische Partei Aserbaidschans steht. Während er auf «muslimische Traditionen» starrt, ist ihm das sowjetische Erbe, die 70 Jahre dauernde Heteronormalisierung der Gesellschaft unter dem Zeichen sozialistischer Biomacht, keine einzige Silbe wert. Doch dazu mehr in Teil 2.

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910

Egorov-Badehaus in St. Petersburg, Russland, ca. 1910.