Michael Heinrich zu den strukturellen Ursachen der aktuellen Finanzkrise (erschienen als Interview in: analyse & kritik 551, 18.6.2010):

In den letzten 20 bis 30 Jahren spielten bei den Krisen die Finanzmärkte eine besonders wichtige Rolle. Dies hat damit zu tun, dass die Finanzmärkte im „Postfordismus“, der mit der Weltwirtschaftskrise von 1974/75 eingeläutet wurde, immens angewachsen sind. […] Die Deregulierung verschaffte den Finanzmärkten ihre wahnsinnige Beweglichkeit und die Möglichkeit, immer neue „Finanzprodukte“ zu schaffen. Das riesige Wachstum der Finanzmärkte hat aber mit gewaltigen Umverteilungsprozessen, letztlich mit einem enorm erfolgreichen Klassenkampf des besitzenden Bürgertums zu tun. Diese Umverteilung fand vor allem auf zwei Ebenen statt.

Erstens im direkten Verhältnis von Kapital und Arbeit: Während die Reallöhne in den meisten kapitalistisch entwickelten Ländern seit den 1980er Jahren im Durchschnitt stagnierten oder nur relativ geringe Zuwächse hatten, sind die Unternehmensgewinne und die Einkommen im oberen Management geradezu explodiert. Zweitens fand die Umverteilung bei der staatlichen Steuererhebung statt. Seit den 1980er Jahren wurden in den meisten Ländern die direkten Steuern, d.h. die Einkommens- und Unternehmenssteuern, immer weiter gesenkt.

In Deutschland hat man zusätzlich noch die Vermögenssteuer abgeschafft und ab diesem Jahr auch noch die Steuern auf Zinsen und Dividenden erheblich gesenkt. Diese ganzen Steuersenkungen kamen vor allem den Unternehmen und den zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen zugute, also ungefähr derselben Schicht, die auch schon von der Umverteilung zwischen Kapital und Arbeit profitierte. Erhöht wurden dagegen indirekte Steuern wie die Mehrwertsteuer, die alle gleichermaßen zahlen müssen.

Diese beiden Umverteilungsprozesse führten dazu, dass sich in relativ kurzer Zeit ein enormer Reichtum in den Händen einer kleinen Schicht ansammelte, während die Masse der Haushalte und die Staaten mit ihren verbliebenen Einnahmen nicht mehr auskommen konnten. Vereinfacht gesagt: Die einen sind immer reicher geworden, wussten nicht wohin mit ihrem Geld und versuchten es deshalb möglichst gewinnbringend an den Finanzmärkten anzulegen. Den anderen fehlt dieses Geld, es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es sich auf den Finanzmärkten zu leihen. In den USA ist die Verschuldung der privaten Haushalte bereits weit fortgeschritten, in Deutschland hat sie in den letzten Jahren stark zugenommen, die Staatsverschuldung ist überall immens gestiegen.

Dieselben Umverteilungsprozesse führten auf den Finanzmärkten sowohl zu einem enormen Anwachsen des Kreditangebots wie der Kreditnachfrage. Allerdings sind die Finanzmärkte nicht einfach Institutionen, die das Geld aus der Hand des Kreditgebers in diejenige des Kreditnehmers befördern. Dieser Prozess wird durch eine Vielzahl von Papieren, eben jenen Derivaten vermittelt, die dazu dienen, die einzelnen Risiken und Gewinnerwartungen zu splitten und zu transformieren, und die selbst wieder die Basis von allen möglichen Spekulationen auf sinkende oder fallende Kurse, Zinsen oder eben auch Wechselkurse von Währungen werden. […]

Eine einfache Antwort bestünde in der Rücknahme wenigstens eines Teils der in den vergangenen Jahrzehnten gemachten Steuer­geschenke für die „Besserverdienenden“ und vor allem eine Beteiligung der Banken an den Kosten der Bankenrettung. Letzteres wird in den USA zumindest halbherzig versucht, in Deutschland möchte man aber weder die Besserverdienenden noch die Banken belasten. Stattdessen sollen die Banken so weiter machen wie bisher, die Regierungen – allen voran die deutsche – hoffen, dass die nationalen Banken im internationalen Konkurrenzkampf Vorteile erzielen können, und da will man ihnen weder mit vielen Regulierungen noch mit hohen Abgaben in den Rücken fallen. Und statt an die Besserverdienenden zu gehen, spart man bei denen, die sowieso nichts haben, streicht den Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld und den Arbeitslosen die Eingliederungshilfen. […]

Auch heute ist ein ganzes Akkumulationsmodell, jener mehr oder weniger „finanzmarktgetriebene“ Kapitalismus, in die Krise geraten, doch ohne dass eine andere kapitalistische Alternative in Sicht wäre. […] Ökonomische und politische Verschiebungen finden statt, doch handelt es sich dabei nicht um die nächsten fünf, sondern eher um die nächsten 50 Jahre. Die krisenhaften Entwicklungen werden dabei eher zunehmen; vielleicht auch der Widerstand der subalternen Klassen, die immer wieder von Neuem die Kosten dieser Krisen bezahlen sollen und die sich irgendwann einmal fragen könnten, wie lange sie diesen kapitalistischen Wahnsinn eigentlich noch mitmachen wollen.