Ein Buch über Liebe in der „frühmodernen osmanischen und europäischen Kultur und Gesellschaft“, das ich immer ein bisschen ignoriert habe, ist Andrews‘ und Kalpaklıs The Age of Beloveds. Der Grund ist die von Fach­rezensenten zurecht für ziemlich haarsträubend erachtete These, die osmanische Liebesdichtung bilde in jener Epoche, die man in Europa die „frühe Neuzeit“ nennt, ein kulturelles Kontinuum nicht etwa mit der arabischen und persischen Kultur, sondern mit der höfischen Gesellschaft der europäischen Renaissance. Es scheint mir fast, als schlüge die Westbindung der modernen Türkei den beiden ein ideologisches Schnippchen, indem sie die Autoren dazu animiert, die Frankophilie der spätosmanischen Gesellschaft einfach mal um drei Jahrhunderte vorzuverlegen. Dass sich hier und da Ähnlichkeiten zwischen europäischer und osmanischer Dichtung fest­stellen lassen – wen wundert’s, da die Troubadoure das arabische Konzept mortaler Liebe schon im 12. Jahr­hundert aus dem andalusischen Spanien nach Südfrankreich holten, es allerdings zugleich, je weiter es nach Norden vordrang, zunehmend „heterosexuell“ rekodierten. Wie in der Philosophie, Theologie und Medizin erwiesen sich die Christen als große Kopisten: Thomas von Aquin – was war er anderes als ein Abklatsch von Muhammad al-Ghazali?

Doch ungeachtet des zweifelhaften Versuchs, die Westlichkeit der historischen „Türkei“ anhand von Similaritäten zu belegen, die ihre Ursprünge ganz woanders, nämlich in der kulturellen Ausstrahlungs­kraft des maurischen Spaniens haben, ist The Age of Beloveds als Quellen­sammlung für die aufgrund der historischen Sprachbarrieren in der Regel nur wenigen Experten zugängliche osmanisch­sprachige Literatur allemal von großem Interesse. Eine dieser Quellen hat mich aufgrund ihres morbiden Charakters dabei besonders fasziniert. Es ist die Geschichte von Ferdi, dem Dichter und „Liebhaber-Killer“:

Als Ferdi ein junger Mann war, war er in Istanbul weithin bekannt als ein reizender und attraktiver Geliebter. Aber er war zur gleichen Zeit unbändig, hitzig und der Raserei verfallen. Einmal lief ihm ein Mann nach, der die Hyperbeln der Poesie wörtlich genommen zu haben schien. Wie Ferdi erzählte:

Es war einmal ein Bursche, der in mich verliebt war. Obwohl klar ersichtlich, dass er „ein Stadtjunge“ war, kein Angehöriger der Eliten, war er relativ elegant und verfügte über etwas Bildung. Allerdings war er faul – ein Herumlungerer wie die Neige in einem Becher Wein – und des Lebens ein wenig überdrüssig. Er konnte sich nicht damit zufrieden geben, mich nur von Ferne zu betrachten, wie man den Mond am Himmel schaut. Wenn eine Versammlung mit Kerzen und Wein stattfand und ich nicht da war, konnte er keine Ruhe finden. Tags folgte er mir wie mein eigener Schatten. Nachts, von der Abend- bis zur Morgendämmerung, pflanzte er sich mir in den Weg. Sogar wenn ich zuhause war, wurde ich ihn nicht los. Vertrieb ich ihn von meiner Tür, drang er durch den Kamin ein wie ein Mondstrahl. War ich irgendwo eingeladen, hörte er davon und ging eigenmächtig und ungebeten dorthin. Unternahm ich einen Ausflug, kam er noch vor mir an und, wo ich auch schaute, da stand er und wartete, wie ich feststellte, auf mich.

Eines Tages konnte ich es schließlich nicht mehr ertragen. Ich wurde zornig und verprügelte ihn schwer, schlug seinen Kopf auf und blendete ihn in einem Auge. Aber auch dies trug wenig dazu bei, ihn von mir abzubringen. Er pflegte nur zu sagen, „ich habe kein Bedürfnis, diese vergängliche Welt mit zwei Augen zu betrachten. Wenn du überdies so freundlich bist, mir auch mein anderes Auge auszuschlagen, dann werde ich in der Lage sein, dich für immer in meiner Vorstellung zu sehen. Lässt du mich dich nicht anstarren, so lass mich dich nur ein letztes Mal unter den anderen Geliebten schauen, und dann mach Schluss damit!“

Doch noch immer, wo ich auch hinblickte, war er, entlang des Wegs, mich anstierend mit seinem einen liebeskranken Auge.

Den Rest dieser langen und verstörenden Geschichte zu übersetzen, war mir dann doch ein bisschen zu anstregend und zeitaufwändig. Es endet jedenfalls damit, dass Ferdi seinen Liebhaber auf dessen Verlangen hin umbringt, um nicht eines Tages selbst von ihm getötet zu werden:

Daher fesselte ich seine Hände. Er kniete, und ich blickte in sein Gesicht und weinte. „Komm,“ rief er, „wie du es auch wendest: mich umzubringen ist eine notwendige Sache. Es steht außer Frage, dass früher oder später einer von uns den anderen töten wird.“ Und er zeigte auf jenes Messer, das schärfer war als der legendäre Dolch, den sie „Überbringer des plötzlichen Todes“ nennen. Hilflos nahm ich es hoch und schlitzte ihm, ohne noch länger über die Materie nachzudenken, die Kehle durch. Er vertraute seine Seele dem ewigen Reich an, während er in mein Antlitz blickte. So wurde er ein Opfer der bitteren Klinge der Liebe und erfüllte damit sein äußerstes Verlangen.

Eine Zeitlang weinte ich, seufzte ein bisschen und zerrte seine irdischen Überreste an seiner Kleidung weg, um sie in einem tiefen Spalt in der Erde zu verscharren. Dann drehte ich mein Gesicht in Richtung der Stadt und ging davon. Während ich unsere Schritte zurückverfolgte, rezitierte ich die Eröffnungssure des Korans viele Male, um für den Frieden und die Erlösung seiner Seele zu beten.

Die Überlieferung verzweigt sich an dieser Stelle. Während Ferdi in der späteren Version – datierend auf die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts – nach nur kurzer Zeit an Verwirrung stirbt und Seite an Seite neben seinem Liebhaber beerdigt wird, woraufhin ihre Grabsteine sich zu einer „Pilgerstätte für wahre Liebende“ entwickeln, weiß die von Andrews und Kalpaklı aus dem Osmanischen übersetzte (und hier wiederum ins Deutsche übertragene) Version von ʿAşik aus dem 16. Jahrhundert von einem solchen Ende nichts zu berichten. Vielmehr deutet sie an, dass Ferdi noch lange Zeit lebte und unter dem Namen „Ferdi der Totschläger seines Liebhabers“ zu einem vielbeachteten Dichter wurde.

Quelle: Walter G. Andrews and Mehmed Kalpaklı, The Age of Beloveds: Love and the Beloved in Early-Modern Ottoman and European Culture and Society. Durham: Duke University Press, 2005. pp. 251-253.