Aus der Debatte um den republikanischen Antikriegskandidaten Ron Paul und die von ihm zwar nicht selbst verfassten, aber mit seinem Namen versehenen Newsletter aus der Zeit zwischen 1989 und 1994 hebt sich vor allem ein Text der liberalen Zeitschrift reason positiv hervor. Im Unterschied zu den interessierten Skandalartikeln von Neokonservativen und jenes kleinen Kreises linker Bellizisten, den es bedauerlicherweise auch in den USA gibt, spricht er nämlich ehrlich aus, wie nicht nur Dr. Pauls Ghostwriter vor 20 Jahren, sondern ein Großteil der gesamten Republikanischen Partei bis heute tickt. Um es gleich vorwegzunehmen: es geht darum, dass Rassismus in den letzten Jahrzehnten für einen systematischen Angriff auf den Sozialstaat instrumentalisiert wurde, indem man stets aufs Neue das Ressentiment der “Rednecks” – der sich über ihre Hautfarbe identifizierenden Mitglieder der weißen Arbeiterschaft des Südens – gegen die afroamerikanische Unterschicht mobilisierte. “Die Ordnung”, ließ sich etwa einer der Newsletter von Ron Paul & Associates im Jahr nach den Rodney King Riots von 1992 vernehmen, “wurde in L.A. erst wiederhergestellt, als es für die Schwarzen Zeit wurde, ihre Wohlfahrtsschecks abzuholen.” Die Autoren Julian Sanchez und David Weigel von reason situieren diesen Rassismus in einem größeren strategischen Kontext:
Während der Periode, als die meisten Brandartikel erschienen – ungefähr von 1989 bis 1994 – setzten sich Rockwell und der prominente liberale Theoretiker Murray Rothbard für eine offene Strategie der Ausbeutung rassistischer und klassenbezogener Ressentiments ein. Um eine gemeinsame Koalition mit populistischen “Paläokonservativen” zu schmieden, produzierten sie eine Bö an Artikeln und Manifesten, deren rassistisch aufgeladene Themen und Diskursmarker sich auch in den umstrittenen Paul-Newslettern widerspiegeln [...]
Die Veröffentlichung war lukrativ. Ein Steuerbescheid von Juni 1993 – dem Jahr, in welchem der Political Report den “Wohlfahrtsscheck”-Kommentar über die Unruhen in L.A. publizierte – wies ein jährliches Einkommen von 940.000 US$ für Ron Paul & Associates aus, mit vier Angestellten in Texas (Pauls Familie and Rockwell) sowie sieben weiteren Beschäftigten quer durchs ganze Land. Wenn Paul tatsächlich nicht wusste, wer seine Newsletter schrieb, so wusste er doch, dass sie eine wichtige Einkommensquelle und ein erfolgreiches Werkzeug waren, um seine Spenden-Basis für ein politisches Comeback zu sichern.
Der Tenor von Pauls Newslettern wechselte über die Jahre. Diejenigen, die in der Zeit zwischen Pauls Rückkehr zum Privatleben nach drei vollen Amtszeiten im Kongress (1985) und seiner Präsidentschaftskandidatur für die Liberalen veröffentlicht wurden (1988), lassen brandstiftende rassistische oder antischwule Kommentare auffällig vermissen. Die Rundbriefe dagegen, die zwischen Pauls erstem Anlauf für das Präsidentenamt und seiner Rückkehr in den Kongress im Jahr 1996 publiziert wurden, erzählen eine andere Geschichte – vollgestopft mit Behauptungen, dass Martin Luther King “minderjährige Mädchen und Jungen verführte”, dass schwarze Demonstranten sich lieber an “Ämtern für Lebensmittelmarken oder Crack-Häusern” versammeln sollten als an der Freiheitsstatue und dass Aids-Kranke “die Aufmerksamkeit und das Mitleid genießen, das damit einhergeht, krank zu sein”. [...]
Die Obsession der Rundbriefe für Schwarze und Schwule war aus demselben Holz geschnitzt wie eine bewusste politische Strategie, die zur gleichen Zeit von Lew Rockwell und Murray Rothbard adoptiert wurde. Nach der Abspaltung von der Liberalen Partei (LP) im Gefolge der Präsidentschaftswahlen von 1988 gestalteten Rockwell und Rothbard eine schismatische “paläolibertäre” Bewegung, die zurückwies, was sie als den sozialen Libertinismus und die linken Tendenzen der Mainstream-Liberalen betrachteten. 1990 lancierten sie den Rothbard-Rockwell-Report, in welchem sie einen Plan entwarfen, der, wie sie hofften, eine breite neue “Paläo”-Koalition aus der Taufe heben würde.
Rockwell erläuterte die Schlagrichtung seiner Idee in einem Liberty-Essay von 1990 mit der Überschrift “The Case for Paleo-Libertarianism”. Für Rockwell war die LP eine “Partei der Bekifften”, ein Übergangshaus für Libertins, die erst noch “entlaust” werden mussten. Um zu wachsen, sollte die Bewegung ältere, konservative Werte umarmen. [...]
Die detaillierteste Beschreibung dieser Strategie fand sich allerdings in einem Essay, den Rothbard für den Rothbard-Rockwell-Report vom Januar 1992 anfertigte, überschrieben mit: “Rechtspopulismus: eine Strategie für die Paläo-Bewegung”. Unter Wehklagen, dass die Mainstream-Intellektuellen und Meinungsführer zu sehr in den Status quo verstrickt waren, um sich von einer liberalen Sichtweise überzeugen zu lassen, verwies Rothbard auf David Duke und Joseph McCarthy als Modelle für ein “Ausstrecken nach den Rednecks”, was eine breite liberal/altrechte Koalition formieren würde, die auf die desillusionierten Arbeiter- und Mittelschichten zielt. (In augenfällig ähnlichen Begriffen wurde Duke, ein früherer Gefolgsmann des Ku-Klux-Klan, in einer Ausgabe des Ron Paul Political Report von 1990 diskutiert.) Indem man eine “unheilige Allianz von ‘linkem’ Großkapital und Medieneliten” entlarvte, so postulierte Rothbard, könnten diese Gruppen mobilisiert werden, einem expansiven Staat entgegenzutreten, “der durch den hohen Steueranteil eine parasitäre Unterschicht privilegiert und zum Wachsen gebracht hat, welche nun die Mehrheit der Mittel- und Arbeiterschichten in Amerika ausplündert und unterdrückt”.
Jedem, der noch Zweifel an der inneren Komposition der “parasitären Unterschicht” hatte, konnte einen Blick auf die “PC Watch”-Doku des Reports werfen, in der Rockwell Geschichten über Geschichten von verbrecherischen schwarzen Männern kompilierte, die zierliche weiße und asiatische Frauen in Angst und Schrecken versetzten. [...] Die Liste der PC-Freveleien in der Ausgabe vom Februar 1993 führte etwa eine Kolumne der Washington Post über Filme an, die “reichlich interrassischen Sex” ausstellten, “ohne etwas dabei zu finden”; einen Nachrichtenartikel über die schwarzen Mitglieder der Marschkapelle der Southern Methodist University, die “während ihres Aufenthalts in Japan in massenhaftem Ladendiebstahl verwickelt waren”; sowie eine Schnulzengeschichte über eine koreanische Ladenbesitzerin, die einem schwarzen Ladendieb und Angreifer in den Kopf schoß: mit der Verdrehung, dass Frau Du fünf Jahre auf Bewährung bekam und ihre Reise nach Korea absagen musste.
Das populistische Programm des Ausstreckens (nach den Rednecks) konzentrierte sich auf Steuererleichterungen, Abschaffung der Sozialhilfe, Eliminierung “der gesamten ‘Bürgerrechts’-Struktur, die auf den Eigentumsrechten jedes Amerikaners herumtrampelt” und Polizeirazzien gegen “Straßenkriminelle”. “Die Bullen müssen von der Leine gelassen werden,” schrieb Rothbard, “und man muss ihnen erlauben, eine Sofort-Bestrafung zu vollziehen, natürlich unter der Voraussetzung, dass man sie in Anspruch nehmen kann, wenn sie sich im Irrtum befinden.” Und wenn sie schon dabei sind, sollen sie gleich “die Straßen von Rumtreibern und Vagabunden säubern. Wo sie hinsollen? Wen juckt’s?” Um den Deal mit den Wertkonservativen zu besiegeln, drängte Rothbard auf einen bundesstaatlichen Kompromiss in ihre Richtung bezüglich “Pornographie, Prostitution oder Abtreibung”. Und da Graswurzel-Organisierung “mühselig und langweilig” ist, würde diese neue Paläo-Koalition einen Kick-Start durch “hochrangige politische Kampagnen, bervorzugt auf Präsidentschaftsebene” benötigen. [...]
Carol Moore, eine linksliberale Aktivistin, die in den späten 80er Jahren auf den liberalen Versammlungen, welche zur Paläo-Spaltung führten, Position gegen Rothbard, Rockwell und Paul bezog, mutmaßt, dass die Niederlage sie erbitterte. “Sie hatten eine Tendenz, anti-PC zu sein,” erklärt Moore gegenüber reason, “und es wurde schlimmer, nachdem sie verloren hatten. Sie ärgerten sich wirklich und waren nicht zum Spaßen aufgelegt.”
Heute sind sie weniger verärgert. [...] Der Mann, der einst der große paläoliberale Hoffnungsträger war, hat eine breite Basis enthusiastischer Unterstützer aufgebaut, ohne zu gehässiger Rhetorik oder kodiertem Rassismus zu greifen. [...] Er verpackt seine Reden in einem dreifachen Lobgesang auf den Individualismus: “Ich will nicht dein Leben lenken,” “Ich will nicht die Wirtschaft lenken” und “Ich will nicht die Welt lenken.” Er spricht von den unverhältnismäßigen Auswirkungen des Drogenkriegs auf Afroamerikaner und erschien im September 2007 in einer republikanischen Debatte zu schwarzen Anliegen, die von den damaligen Spitzenkandidaten boykottiert wurde. [...]
Ron Paul mag kein Rassist sein, aber er wurde Komplize in einer Strategie, die mit Rassisten anbändelte [...]
So schön, so schlecht. Dass der Angriff auf den Sozialstaat allerdings auch weiterhin unter der Banderole eines kodierten Rassismus erfolgt – wie anders ließe sich ein substanzieller Teil der weißen Arbeiterklasse gegen die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung aufhetzen? -, verrät uns der Artikel freilich nicht. Das Geschäft erledigt nun aber nicht mehr Ron Paul, sondern die neokon-libertär-fundamentalistische Front unter aktueller Führung von Newt Gingrich …
… und Rick Santorum …
Anm.: libertarian wurde in diesem Artikel fast durchgängig mit “liberal” übersetzt. Dies entspricht der Wortbedeutung in Europa, nicht in den USA, wo liberal seit Franklin D. Roosevelt eine quasi-sozialdemokratische Position bezeichnet.






















das “liberal” finde ich aber auch problematisch. die libertarians wollen ja oft nichtmal mehr einen nachtwächterstaat – und so irre das auch ist, die meinen das ernst. ich glaube, dt. medien nehmen am liebsten “radikalliberal” oder so
aber liberal ist ja eh ein sehr dehnbarer begriff. Bei John Stuart Mill finden sich zB immer wieder erstaunliche sozialistische Einsprengsel…
Die Strömung der Libertären, vor allem der Paläolibertären, gibt es längst auch in Deutschland. Als besonders unangenehmes Beispiel ist mir jüngst wieder der Blog “gaywest.wordpress.com” aufgefallen, der aus den queers.for.israel hervorgegangen ist – einer bellizistischen Gruppe, die 2003 auf einer Bahamas-Konferenz in Berlin gegründet wurde. Nach der Auflösung kam die Abspaltung vom antideutschen Milieu in Richtung der “Freunde der offenen Gesellschaft” – und kurze Zeit später die Gründung eines paläolibertären Hassblogs gegen Linke, Feministinnen und Migrant_innen, der (pikantes Detail am Rande) u.a. von Wadi e.V. (Thomas von der Osten-Sacken) und Benjamin Krüger, einem der Führungskader des BAK Shalom, verlinkt wird. Gaywest wiederum verlinkt auf Bruce Bawer, einen Homocon und rassistischen Demagogen aus den USA (“While Europe slept: How Radical Islam is Destroying the West from Within”), der jetzt in Dänemark lebt und Anders Breivik als wichtige Referenz diente.
Über die Aufstände in London heißt es exemplarisch auf Gaywest:
Mir ist nicht ganz klar, warum Leute, die auf sowas verlinken, wie Benjamin Krüger, der Büroleiter von Frank Tempel im Bundestag, wegen ihrer rechtsoffenen Haltung nicht aus der Linkspartei ausgeschlossen werden.
In der BRD gibts diese Sorte Libertärer schon seit über 10 Jahren. Anfänglich versuchten die noch bei “linken” Anarchos zu fischen und behaupteten in der Tradition Max Stirners zu stehen. Ein nicht ganz unwichtiges Organ von denen ist die Zeitschrift “Eigentümlich Frei”.
hxxp://ef-magazin.de/
Eigentlich nicht so ganz: Freiburger Schule (Eucken), Österreichische Schule (von Mises, von Hayek, Böhm-Bawerk)
Wenn man es genau nimmt hat sich der Neoliberalismus – damit meine ich die ökonomische Schule und nicht die Politik des Sozialkahlschlags – mit dem Konservatismus verbunden: Pinochet, Sadat, Videla (Argentinien), Zia ul Haq (Pakistan), Reagan, Thatcher, Mulroney und schließlich Helmut Kohl (geistig-moralische Wende).
der freiburger ordoliberalismus ist aber wesentlich staatsaffiner als das, was leute wie rothbard usw vertreten
Jemand, der gegen Schwarze und Obdachlose “die Bullen von der Leine lassen” will, ist also nicht staatsaffin? Ich glaub, ihr fallt zu sehr auf die rhetorischen Tricks dieser Leute rein. Neoliberalismus bedeutet – obgleich mit sinkender Staatsquote, weil die Stütze heruntergefahren wird – doch nicht weniger, sondern mehr Staat; nicht weniger, sondern mehr Gefängnisse; nicht weniger, sondern mehr Workfare. Daeva hat’s doch schon angedeutet: schau dir einfach mal an, mit welchen Kackfratzen sich diese Leute verbündet haben! Augusto Pinochet – war das vielleicht Anarchismus?
Und wie soll das überhaupt gehen: Kapitalismus ohne Staat, ohne Schutz des Eigentums, ohne Polizei und Gericht, ja ohne sowas wie unabhängige Forschung, allgemeine Schulpflicht und öffentlichen Straßenbau? Das sind Kleinbürgerträume von Leuten, die nur sehen können, was ihnen jedes Jahr an Steuern abgezogen wird, aber nicht, dass damit keine Arbeiterinteressen und ganz bestimmt auch keine “sozialistische Umverteilung”, sondern die Reproduktionsinteressen des ideellen Gesamtkapitals finanziert werden. Was Wunder, dass Libertäre (die ja in der Finanzkrise auch gegen jedes staatliche Bail-out waren) das sich um “Rockefeller Republicans” wie Mitt Romney scharende Großkapital als liberal, d.h. verkappt sozialdemokratisch, im Verdacht haben?
die wollen privatpolizei und ähnliche scherze. wie wenig realistisch diese leute sind, siehst du doch daran, dass Ron Paul außenpolitische Positionen vertritt, die den interessen des us-kapitals wohl auch nicht dienlich wären. das sind keine rhetorischen tricks, die sind überzeugte ideologen.
ich denke, leute wie die koch brothers, die sie finanzieren, halten das für leere rhetorik in deinem sinne
und mit friedmann und den chicago boys in chile haben die wenig zu tun
simpel:
http://rhizom.blogsport.eu/2012/02/03/corporate-media-and-the-election-scam/#comment-15444
eigentümlich frei ist auch ein gutes beispiel: 2006 noch radikal, jetzt immer mehr fascho. die mutieren aus den im verlinkten kommentar genannten gründen fast alle brav zu faschos.
äh, radikalliberal sollte es heißen …
Bei uns in der BRD gibt es unter Konservativen eine sehr merkwürdige Sichtweise der Subsidarität (zur Erinnerung: vorherrschend ist im “linken” Flügel der CDU die katholische Soziallehre): demnach wird jede Reprodutionsleistung (Gesundheit, Wohlfahrt, Erziehung, soziale Unterstützung, etc.) abrasiert und die Leute selbst sollen dafür aufkommen bzw. den Mangel ausgleichen. Zunächst ist jeder seines Glückes Schmied. Bei Mängeln und Leiden muss man selbst aktiv werden anstatt auf “Transferleistungen” des Staates oder der Wohlfahrtsverbände zuzugreifen. Die bürgerlichen Elemente wie Familie und Bürgersinn sollen nach Ausfall der individuellen Entwicklungsfähigkeit intervenieren.
Vom Staat her soll nur noch eine Chancengerechtigkeit und ein ordnungspolitischer Rahmen “bereitgestellt” werden. Ansonsten besteht die Aufgabe des Staates darin Werte zu vermitteln, in dem die Menschen zu Arbeit angehalten und ihnen entsprechende Sekundärtugenden vermittelt werden. Das macht man notfalls mit dem Arbeitslager bzw. dem workfare.
Neu ist das nicht, hier sei nur an die Armenhausverordnungen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnert: es gäbe demnach keine soziale, sondern nur eine charakterliche Frage und der Weg zu Wohlstand führt über die moralische Perfektionierung des Einzelnen.
Eucken ist nur ein Wirtschaftsliberaler, genau genommen ein Neoliberaler (im eigentlichen Sinne), der für den starken Staat plädiert. Nach ihm entsteht Armut aus einem Mangel an Antrieb (vgl. Kants Aufklärungsdiktum, siehe auch hier) und an Schranken, die durch Machtkonzentration und Machtmißbrauch entstehen. Daher muss der Staat wirtschaftspolitisch einen strikten Ordnungsrahmen vorlegen.
Du hast schon recht, dieser Aspekt unterscheidet ihn sehr deutlich von den in den USA oder auch in England ansässigen “laissez-faire-Liberalen” (ein feststehender Begriff in der ordoliberalen Schule), die sowohl theoretisch wie auch literarisch (Atlas Shrugged) in Erscheinung treten.
Bei der derzeitgen Situation in der BRD um die Stellung der Ordoliberalen und ihren Einfluss auf das Wirtschaftswunder sollte man nicht vergessen, dass (1) das Kartellrecht nie wirklich angewendet wurde um Marktkonzentrationen zu verhindern (siehe z.B. Energie, Elektrotechnik, Stahlbranche) und (2) der ordnungspolitische Anteil am Wirtschaftwunder gleich Null ist. Denn Ordoliberale sprechen sich gegen jede sog. Intervention aus, die aber massiv vorhanden gewesen ist.
@rhizom
ich kenne keinen Strich-Liberalen, der sich in wirtschaftlicher Hinsicht gegen einen Rechtstaat ausgesprochen hat. Ganz im Gegenteil reduzieren sie den Staat nur noch darauf, so z.B. Milton Friedman
“ich kenne keinen Strich-Liberalen, der sich in wirtschaftlicher Hinsicht gegen einen Rechtstaat ausgesprochen hat. Ganz im Gegenteil reduzieren sie den Staat nur noch darauf, so z.B. Milton Friedman”
zum beispiel:
docs.mises.de/Blankertz/Manifest.pdf
und andere …
das von l ausgegrabene dokument zeigt, dass “anarchokapitalismus” von seinen vertretern durchaus ernst genommen wird. wie oft da Proudhon zitiert wird…
ja, b. ABER: schau dir mal an, wer diese position noch vertritt. blankertz schreibt auf freiheitsfabrik.de – das war früher eine zentrale anlaufstelle für deutschsprachige libertäre. jetzt sind die marginalisiert.
ich verweise ja nicht ohne grund auf die entwicklung von hans hermann hoppe vom staatsfeindlichen libertären zum staatsaffirmativen stinker. diesen wandel machen die meisten durch. weil irgendwann checken die meisten wappler, dass es eine staatliche gewalt braucht fürs eigentum – dann werden sie staatsfans.
sieht man ja auch: das verlinkte manifest ist herausgegeben von “eigentümlich frei”. eifrei war früher so. jetzt sind’s faschostinker.
so eine entwicklung sehe ich aber zB bei den autoren von reason zB (noch?) nicht. also, ich weiß nicht, ob die notwendig ist, oder ob die vielleicht doch damit zu tun hat, dass im deutschsprachigen raum die leute politisch in ihrer herkunft doch aus ‘ner anderen tradition groß werden als amerikansiche libertarians
das hat nix mit deutschland zu tun. zumal in deutschland sich da ja auch das blatt gewendet hat. mir geht es nur drum, dass man die einteilung: hier gute libertarians, da ungute paläos so nicht machen kann. da kann das rhizom noch so oft schreiben, um paul von seinen unguten kameraden zu säubern …
und ich bekräftige gerne nochmal: wer mit der begründung, dass der civil rights act das privateigentum angreife – und daher böse sei -, der umwirbt rassisten. nämlich die stinker, die sagen: wenn ein schwarzer auf mein grundstück kommt, dann knall ich den ab, denn ich bin souveräner privateigentümer.
im übrigen scheint reason mehr aus der friedman ecke zu kommen. paul ist aber austrianer – wie übrigens alle paläos! friedman ist doch was anderes …
im übrigen, b, hab ich gar nicht geschrieben, dass der übergang NOTWENDIG ist. die freiheitsfabrikanten gibts ja auch noch – aber die sind halt mittlerweile recht einsam.
auf die gefahr hin, hier als spamerin zu gelten. daeva: miltons sohn geht weiter als sein papa: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Machinery_of_Freedom
ist aber ganz ne andere argumentation als bei den austrianern.
@I
Ich sprach von “wirtschaftlicher Hinsicht”.
David Friedman, im übrigen mehr auf John Stuart Mill bezogen, betrachtet nur wie man staatliche Institutionen der Reproduktion der Arbeitskraft anders gestalten kann.
Wo das endet zeigen auch Jeremy Bentham und John Stuart Mill – im Arbeitshaus um den Menschen einen Leistungsethos und die dafür notwendigen Sekundärtugenden beizubringen.
ja, wennst das nicht kennst, dann musst es eben noch kennenlernen. es gibt genügend radikalliberale, die den staat aus WIRTSCHAFTLICHER sicht abschaffen möchten. zwei autoren habe ich genannt, ich verzichte darauf, dir noch weitere zu nennen. möchte aber anmerken, dass es einige sind.
“David Friedman, im übrigen mehr auf John Stuart Mill bezogen, betrachtet nur wie man staatliche Institutionen der Reproduktion der Arbeitskraft anders gestalten kann.”
*kreisch*
hast das buch überhaupt gelesen? – ich hab so meine zweifel. david friedman, das kann man machinery of freedom durchaus entnehmen, ist ANARCHIST. er ist anarcho-kapitalist.
@I
ich glaube du hast Jeremy Bentham und John Stuart Mill nicht gelesen. Beides sind Vertreter des Utilitarismus.
Dazu Friedman im Original (42. Kapitel des Räderwerks der Freiheit):
Besonders der letzte Satz ist reiner Utilitarismus.
hast das das übern minimalstaat gelesen?
@I
Der Utilitarismus ist keine normative Philosophie, in die man ganz viel Moral steckt, sondern geht davon aus, dass das höchstmögliche Glück für die größte Zahl in der Konsequenz einer Handlung entstehen. Mittel und Wege sind dabei egal.
Bentham, Mill und Friedman Jun. haben einen Aspekt dabei gemeinsam: die Perfektion des Menschen. Bentham und Mill haben dabei für das Arbeitshaus plädiert – etwas, was uns nun wieder als workfare begegnet.
Was Miniarchismus ist, weiß ich auch, und auch auch wie schnell die Miniarchisten dann doch wieder nach dem Staat schreien. Im Wesentlichen ist Miniarchismus nur Rhetorik.
Friedman Sen. hat es ja mit dem lupenreinen Demokratien Pinochet vorgemacht.
die position in machinery of freedom ist keine minarchistische.
@bigmouth: Was die Interessen des US-Kapitals sind (seit wann hat das Kapital ein Vaterland?), steht gar nicht objektiv fest, sondern zeigt sich, wie überall in der kapitalistischen Konkurrenz, erst hinterher: Wenn der Standort USA von einer Krise in die nächste schlittert, dann war das “Project for the New American Century” offenbar nicht so erfolgreich wie geplant. Und welche Kapitalinteressen sollten in den afghanischen Bergen auch verteidigt werden? Die der amerikanischen Rüstungsindustrie?
Man muss Bismarck ernst nehmen, wenn er sagt, Imperialismus ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Denn wer bitteschön machte Anfang des 20. Jahrhunderts das Rennen? Die Staaten mit den meisten Kolonien? Wohl kaum! Es waren die Staaten, die bei der imperialistischen Aufteilung der Welt “zu spät” gekommen waren.
Für die englische Kapitalisten war Indien der Ort, wo sie zuletzt noch einmal die Produkte ihrer unwirtschaftlich gewordenen Textilindustrie losschlagen konnten, die international schon lange nicht mehr konkurrenzfähig war. Geholfen hat das nichts, im Gegenteil. Es verhinderte die Modernisierung des produktiven Kapitals, so dass England am Ende nur noch ein Haufen industrieller Schrott war, ähnlich wie die USA – diese “Mülldeponie mit Atomraketen” – heute.
Ich glaube, die Neocons sind viel gefährlicher und durchgeknallter als die Libertarians. Und sie beschleunigen den Abstieg der USA als Welthegemonialmacht auf rasante Art und Weise, nicht ohne im globalen Süden noch einmal ein Meer an Gräbern auszuheben und ganze Völker zurück in die Steinzeit zu bomben.
So übergeschnappt und mörderisch wie diese Politik ist auch ihr ökonomisches Resultat: über 42 Millionen Amerikaner, die sich nur noch mit Lebensmittelmarken über Wasser halten können. Man mag kaum glauben, dass das vor Bush ein Land der sog. Ersten Welt war.
Komm mal nach Berlin und schau dir die ganzen jungen Leute aus dem amerikanischen Mittelstand an, die jetzt hordenweise vor der Krise nach Deutschland flüchten, weil sie in Chicago, New York und Los Angeles buchstäblich nicht mehr genug zu fressen kriegen!
Und sich, verstünden sie Deutsch, Vorträge von Magnus Klaue anhören müssten, wie “kulturell regressiv” und “antiindividualistisch” es doch angeblich wäre, wenn verarmte Durchschnittsamerikaner aus fast allen Schichten gegen die kapitalistische Ausplünderung ihres Landes durch die oberen Zehntausend demonstrieren.
Off-topic, aber diese Aussage:
“nur noch ein Haufen industrieller Schrott war, ähnlich wie die USA – diese “Mülldeponie mit Atomraketen” – heute.”
ist nichts als Ideologie. USA sind immer noch die zweitgrösste “manufacturing economy” der Welt, und waren vor 2011 grösste.
Kapitalismus — auch erfolgreicher Kapitalismus — bedeutet Verelendung für die Arbeiterklasse. Aber man soll nicht so ein Robert Kurz-Fehler machen und glauben, nur weil es die Massen schlecht geht, das es den Kapitalisten (oder gar den Kapitalismus) auch schlecht ginge.
So was hat von der (Ex-)Krisis niemand gesagt.
Natürlich hast du recht, dass der industrielle Erfolg einer Nation in keinem direkten Verhältnis mit der Lage der arbeitenden Klassen in diesem Land steht. Oder vielmehr: nicht mehr. Vom Beginn der fordistischen Ära bis ungefähr 1980 war nämlich die Lohnentwicklung sehr wohl an die der Produktivität gekoppelt. In den USA hat dieses Band Ronald Reagan durchschnitten, in Deutschland Helmut Kohl. Die Frage stellt sich aber natürlich, wer diese Scheiße dann noch konsumieren soll? Und hier sind wir dann mitten in der Krise…
Das ist bei der Größe des Landes auch keine Kunst. Allerdings hinkt der Anteil der herstellenden Industrie an der Bruttowertschöpfung der USA seit etlichen Jahren weit hinter dem in Deutschland und Japan zurück und verliert gegenüber diesen beiden Ländern sogar noch fortlaufend an Boden.
Das mit dem “Haufen industrieller Schrott” war zugegeben eine maßlose rhetorische Übertreibung. Aber der Vergleich mit der Situation des British Empire am Ende des 19. Jahrhunderts trifft es meines Erachtens trotzdem: Das war ja wirklich eine tolle Sache, als die englische Königin “Kaiserin von Indien” wurde! Wer fragte da noch nach den sinkenden Weltmarktanteilen der britischen Industrie?
Und da frage ich, die neueren Imperialismustheorien von Leuten wie Bernard Porter im Hinterkopf: Was sind die amerikanischen Kriege anders als die herostratische Sehnsucht nach alter Weltgeltung? Wo ist der Unterschied zwischen Newt Gingrichs Idee, Amerikas Größe durch die Errichtung einer Kolonie auf dem Mond wiederherzustellen, und BushObamas sinnlosem, jahrzehntelangen Gemetzel in Afghanistan?
Oder wollen wir jetzt die Karte auspacken und die ausbeutbaren Rohstoffquellen auf dem Mond mit denen am Hindukusch vergleichen?
“Die Frage stellt sich aber natürlich, wer diese Scheiße dann noch konsumieren soll?”
Wenn man konsumieren durch kaufen ersetzt, und dann natürlich auch eine andere Warenstruktur, dann kann grundsätzlich eine kapitalistische Wirtschaft wachsen auch ohne daß der Konsum der Massen genauso mitwächst. Das zeigt doch schon die Geschichte der kapitalistischen Entwicklung der Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert.
“Wo ist der Unterschied zwischen Newt Gingrichs Idee, Amerikas Größe durch die Errichtung einer Kolonie auf dem Mond wiederherzustellen, und BushObamas sinnlosem, jahrzehntelangen Gemetzel in Afghanistan?”
Einerseits ist auf diesem Level wohl der Unterschied nicht so fürchterlich groß, andererseits war der Afghanistankrieg nicht deshalb “sinnlos”, bloß weil er nicht wie ursprünglich erhofft schnell oder überhaupt von den USA gewonnen werden konnte.
ich denke auch, dass diese kriege aus dem ruder gelaufen sind, und das ergebnis nicht das erhoffte war, gleichzeitig aber, dass die sicherung des zugriffs aufs nahöstliche erdöl in konkurrenz zu china mittelfristig in der staatenkonkurenz sich als sinnvoll heraus stellen kann. im gegensatz zu mondkolonien.
und ich denke auch, dass die existenz der US-Streitkräfte als Weltpolizei, ab und an durch andere NATO-Streitkräfte unterstützt, schon eine Sache ist, die die bedingungen der Akkumulation schützt
Afghanistan liegt aber weder im Nahen Osten, noch gibt es dort Erdöl. Insofern halt doch mit einer Mondkolonie vergleichbar.
ist wirklich eine interessamnte frage, was passiert wäre, hätten die USA Osama Bin Laden Ende 2001 geschnappt oder getötet
Noch Clinton hatte seinerzeit mit den Taliban einen Vertrag geschlossen, in dem es um eine Gaspipeline von Kasachstan nach Karachi ging. Insofern geht es hier um handfeste geostrategische Interessen.
und wieso wird diese pipeline nicht gebaut, wenn die so wichtig ist?
Ja, Afghanistan ist nicht Irak, und selbst die Kontrolle über den Irak ist nicht identisch mit der Kontrolle über das gesamte Nahostöl. Andererseits hatte natürlich die Afgganistan-Kampagne den Sinne, weithin “Ausstrahlung” zu haben. Und genau das soll ja auch eine neue Mondexkursion leisten. Nur nochmal zwei, drei Ebenen abstrakter und verrückter.
Auf jeden Fall ging es in Afghanistan nun wirklich nicht nur, nicht mal in erster Linie um Afghanistan, und alle linken Versuche, ausgerechnet in dieser gottverlassenen Weltecke superinteressante Sachen zu finden, die die Imperialisten ganz dringend bräuchten, die haben den Sinn des Kriegs verfehlt.
Kurze Nachfrage: Warum sind die dann da? Gerne auch nur eine Link, danke!
“Während der Periode, als die meisten Brandartikel erschienen – ungefähr von 1989 bis 1994 – setzten sich Rockwell und der prominente liberale Theoretiker Murray Rothbard für eine offene Strategie der Ausbeutung rassistischer und klassenbezogener Ressentiments ein.”
rothbard hat sich übrigens auch in die “new left” einzuschleichen versucht. und mancher libertarian nennt sich auch heute noch neue linke und nennt die echten linken zB “retrolinke”.
” Rothbard advocated an alliance with the New Left anti-war movement, on the grounds that the conservative movement had been completely subsumed by the statist establishment.”
wiki
antiwar.com ist produkt der neuauflage dieses allianzversuchs im irakkrieg. auch auf counterpunch häufiger zu sehen – wo mittlerweile ja sogar israel shamir veröffentlichen darf. my enemy’s enemies…
Das ist doch völliger Blödsinn. Man kann gegenüber einer Person wie Ron Paul eine differenzierte Position vertreten, wie Bill Maher, der als klassischer Linksliberaler von Pauls unkorrumpierbarer Antikriegshaltung genauso fasziniert und begeistert ist wie fast alle seines Milieus (linke Bellizisten wie den von Entdinglichung verlinkten “Shiraz Socialist” ausgenommen), aber seine marktradikalen Vorstellungen gleichzeitig für total gaga hält und das auch öffentlich so sagt. Da von einem “Allianzversuch” zu sprechen, ist konspiratorischer Unfug.
Es spricht nämlich einfach überhaupt nichts dagegen, an der Antikriegsfront mit libertarians wie Paul gemeinsame Sache zu machen, wenn man das Schlachten in Irak und Afghanistan beenden will, statt es sich identitär, aber folgenlos in seiner marxistischen Nische bequem zu machen, während man hinter dem Vorhang seiner Wahlkabine weiter diesen Massenmörder Obama unterstützt mit der geschmacklosen Begründung, dass einem “das Hemd nunmal näher ist als der Rock”.
(Wobei ich hier bloß anfügen will, dass sich für die Ärmsten der Armen durch Obamas Sozialreformen exakt null ändert; sie waren vorher auf “food stamps” und “Medicaid” angewiesen und sind es hinterher immer noch. Ob Ron Paul oder Barack Obama – für diese Leute ist das gehupft wie gesprungen.)
rhizom, ich wollte nur den hinweis darauf geben, dass die das als unterwanderungsstrategie gepflegt haben – für rothbard gilt das auf alle fälle. als das für ihn nicht aufging, hat er sich ja gleich der gegenseite zugewandt.
Nee, isses nicht. Mit Ron Paul gibt’s nämlich keine food stamps und kein Medicaid mehr. Aber was kümmert das einen deutschen Wohlstandschauvinisten, gell? Da findet man es lieber “geschmacklos”, dass Menschen erstmal selber Gesundheitsversorgung und was zu fressen haben wollen, bevor sie sich um Leute in Afghanistan sorgen.
“geh doch nach drüben!”
Jop, du hast das mit der Kriegspropaganda echt drauf. Jetzt sollen die Armen in den USA dafür herhalten, warum es notwendig ist, Iraker und Afghanen zu killen. “Wohlstandschauvinismus” ist dafür ein viel zu harmloses Wort. Ich würde es “white suprematism” nennen: die festsitzende Überzeugung, dass die Wohlfahrt von Amerikanern und Europäern mehr wiegt als das physische Überleben anonymer “Elendsgestalten” in der Dritten Welt. Und wenn man diese linke Rassenhierarchie in Zweifel zieht, kriegt man von dir zu hören: “Geh doch nach Somalia!” Denn in Somalia ist es dir egal. Es ist dir egal, ob dieses Land von US-Dronen bombardiert wird, Hauptsache die Amis kriegen ihren Zahnersatz geregelt.
Übrigens ist es nichts als dumme Gräuelpropaganda, der ausgebildete Arzt Dr. Ron Paul hätte die Absicht, die medizinische Versorgung der amerikanischen Unterschicht zu beenden. Dafür wirst du so viele empirische Belege finden wie Herr Bush für die berüchtigten “weapons of mass destruction” im Irak.
du drehst grad durch.
ps:
http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=3qojv1bR-S0#t=277s
Entschuldige, l, aber du bist völlig hysterisch, wenn es sich um die angebliche Gefahr handelt, die von Libertären ausgeht, und völlig blind für die Realität, dass die USA seit 12 Jahren von Neokonservativen regiert wird. Und weißt du, was das traurige ist? Am Ende wird’s vielleicht einer wie Mitt Romney oder Newt Gingrich, die gleichzeitig hemmungslosen Krieg und Sozialabbau im Programm führen, auch wenn sie es tunlichst vermeiden, sich eines der beiden philosophischen Labels “Neocon” oder “Libertarian” umzuhängen.
ne, mir ist paul summa summarum egal, solange man seine positionen nicht verharmlost. mich ärgert es halt, dass viele wegen ein paar aussagen von dem ganz von den socken sind und den rest außer acht lassen. fast schon jeder zweite onlineuser grölt einem schon ron paul 2012 entgegen … so kommts mir zumindest vor.
man muss einfach sehen, dass der auch viel mist von sich gibt, lohnabhängigenfeindllichen. jetzt kannst dann antworten mit: ja, obama macht das auch und befehligt noch dazu bomber. dann sag ich: obama ist nicht das thema. ich verstehe einfach nicht, dass du andauernd paul-kritik als verteidigung des us-amerikanischen status quo inkl. seiner kriege auslegst … genauso wenig verteidigt hier jemand romney oder gingrich.
und du hast in der debatte einfach auch schon grenzwertiges gesagt (us-proleten sollen sich halt nach kuba schleichen), und fällt jetzt e mit dem rassismus- und kriegspropaganda-vorwurf an.
Du betreibst hier im Grunde die gleiche mediale Technik, wie sie in den republikanischen Vorwahlen zum Einsatz kommt, wenn sich die Kandidaten gegenseitig zerfleischen. Da wird ein salopp dahingeworfener Satz zum Vorwand, die Argumentationsebene zu verlassen und zur moralischen Schmierenkampagne überzugehen.
Du weißt ziemlich genau, in welchem Kontext ich über eine Person gesagt habe: “Soll sie doch nach Kuba auswandern. Da kriegt sie was zu fressen und eine kostenlose Gesundheitsversorgung oben drauf.” Nämlich in dem Kontext, dass von mir erwartet wurde, ich müsste Verständnis für ihre Kaltschnäuzigkeit gegenüber den Kriegen in der “Dritten Welt” aufbringen, die ihr Land seit über zehn Jahren führt.
Da wird von mir Empathie gegenüber Leuten eingefordert, die anderen Menschen ihre Empathie verweigern. Geht’s noch? Habt doch mal ein bisschen Verständnis für meine Kaltschnäuzigkeit! Schließlich betrifft mich ihr Schicksal ja nicht persönlich. Über so viele Meilen ist es unfair, von mir Empathie zu erwarten. Earendil interessiert es ja schließlich auch nicht, wenn Bomben auf Somalia fallen. Die Hauptsache ist doch, niemand muss mit Zahnlücken rumlaufen!
was du nicht checken willst, ist dass hier einige sowohl die weitere verarmung des us-proletariats als auch die imperialistischen kriege ablehnen – und genau das diesen grund den von dir hier wieder einmal in einem fanatismus sondergleichen präsentierten mist ablehnen. DU bist es, der hier so tut, als ließe sich hier lockerflockig wählen, als ließe sich das eine leid abstellen, indem man das leid auf der anderen seite vergrößert. und diese prokapitalistischen mist a la kleineres übel machen hier manche nicht mit, weil sie beide übel beseitige wollen, indem sie seine ursache: den kapitalismus beseitigen wollen. dazu fällt dir nichts besseres ein, als diese leute als gräuelpropagandisten und rassisten zu bezeichnen. wtf?!
Ja, dazu fällt mir in der Tat nichts Besseres ein, weil wer für das Ende des Afghanistan- und Irak-Kriegs auf eine antikapitalistische Revolte in den USA wartet, nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.
Für die Verteidigung der letzten archäologischen Überreste eines gar nicht mehr vorhandenen Sozialstaats soll man Kompromisse wie die stillschweigende Duldung eines Massenmörders eingehen, umgekehrt aber nicht?
Sorry, dass ich das nicht mitmache und mich gegen entsprechende Angriffe zur Wehr setze, weil ich sie als durchweg unter der Gürtellinie empfinde. So die Unterstellung, ich würde mich für die Klassenfrage nicht interessieren, als ob der Krieg gar nicht ein Teil davon wäre!
das ende von afghansitan- und irakkrieg ist doch eh angekündigt – die pläne für die truppenabzüge nicht mitbekommen? insofern wäre es besonders merkwürdig, wenn us-wähler ausgerechnet das als wichtigsten punkt für ihre entscheidung nehmen würde
Wollen wir zählen, wie oft Obama schon einen Termin gesetzt hat, der dann “verschoben” wurde? 2009 … 2011 … jetzt also Ende 2014? Es ist wohl gerade mal wieder Wahlkampf?
ne, es geht hier “lediglich” darum, dass es von dir total lächerlich ist, von leuten zu erwarten oder zu verlangen, gegen ihre unmittelbaren interessen zu handeln. und das wäre eine wahl ron pauls halt für die unteren 50%
Das hab ich von niemandem erwartet. Ich hab explizit gesagt, dass ich dafür Verständnis habe, wenn jemand aus seiner unmittelbaren Situation einen solchen Schluss zieht. Das ist die imperialistische Bestechung der Arbeiterklasse der Metropolen, von der Lenin sprach. Wenn aber earendil diesen Schluss zieht, dann hat das Gründe in den ideologischen Präferenzen einer “white nationalist left”, der der Einsatz von Predator-Dronen in Jemen, Afghanistan, Somalia oder dem Irak völlig am Arsch vorbeigeht, solange in den USA der Sozialstaat noch steht. Auch wenn er es in Wirklichkeit gar nicht mehr tut, sondern der Staat in Gefängnissen und über die Zuteilung von Essensmarken völlig eigennützig für jenes Minimum sorgt, dass die militärisch-industrielle Reservearmee nicht verhungert. Sie wird ja noch gebraucht – z.B. als Menschenmaterial für den nächsten Krieg.
Aber das hat es schon im 19. Jahrhundert gegeben: Suppenküche, Spital und Arbeitshaus. Und das wird es immer geben, ob auf staatlicher (Demokraten) oder karitativer (Republikaner) Basis – im Grunde ist das scheißegal.
“Das ist die imperialistische Bestechung der Arbeiterklasse der Metropolen, von der Lenin sprach.”
The Myth of the Labor Aristocracy, Part 1
http://www.solidarity-us.org/node/128
Danke, werd ich auf jeden Fall lesen!
Du meinst, wenn aus einem hingeworfenen “geh doch nach Somalia”, was bekanntlich nur eine Retourkutsche zu einer anderen hingeworfenen Bemerkung war, kurzerhand mal weißer Wohlstandschauvinismus und Kriegspropaganda deduziert wird? Hm, da könntest du wohl recht haben…
Na wenn das so ist, ist doch alles ok. Es verlangt doch niemand, dass dir das Hemd eines Ami-Proleten näher sein soll als das eines Afghanen oder einer Somalierin. Das wäre in der Tat der “white suprematism”, den du mir andichtest. Nur ist es halt albern, von den Ami-Proleten zu erwarten, sie sollten mal völlig uneigennützig für Ron Paul stimmen – und so hatte ich dich verstanden. Wenn das ein Missverständnis war, war’s ein Missverständnis.
Ich hab auch keine Angst vor Anarchokapitalisten, weil die eh keine Chance haben sich durchzusetzen. Wie ja auch Ron Paul keine Chance hat, Präsident zu werden. Mir geht nur ähnlich wie l der Hype um diesen irren Sozialdarwinisten gehörig auf den Sack. Merkwürdigerweise auch hierzulande, und in ähnlicher Weise wie bei dir, Rhizom: Ja, der will zwar Steuern abschaffen und den Sozialstaat zerschlagen, aber er ist doch gegen den Krieg, und für Drogenfreigabe! Und außerdem wird er ganz fies von den Medien ignoriert! Ich versteh halt nicht, was man sich davon verspricht, diesen chancenlosen Querfrontheini zu unterstützen.
Du unterstellst mir halt einfach Sachen, die ich nie gesagt habe. Es ging darum, dass Leute einen Massenmörder wählen, weil der wenigstens eine allgemeine Krankenversicherung einführen will. Und dass du das nicht skandalös findest!
Ist mir jetzt aber auch egal. Es entspricht ja auch gar nicht der Wahrheit. Die Amis wählen nämlich in der Regel immer den Friedenskandidaten. Das ist vielleicht nicht dir, aber immerhin ihnen tausendmal wichtiger als das Thema Zahnersatz. Im Krieg sterben nämlich nicht nur Iraker und Afghanen, sondern auch amerikanische Proleten. Und der Kriegshaushalt bedeutet entweder höhere Steuern, schleichende Inflation oder Einsparungen im sozialen Bereich, weswegen die Leute genau wissen, dass es ihnen selbst unter dem Libertären Ron Paul wesentlich besser erginge als unter dem Liberalen Barack Obama.
Deswegen und nur deswegen wurde seinerzeit auch Obama gewählt. Ohne seine Anti-Kriegs-Rhetorik und die völlige Diskreditierung der Republikaner aufgrund ihrer Kriegslügen hätte er 2008 keine Chance gehabt. In den Midterm-Elections, als das Thema Krankenversicherung anstand, hat er denn auch die größte Schlappe aller Zeiten bezogen.
Nur dass über sowas Wichtiges wie Krieg und Frieden nun mal nicht in den Wahlen entschieden wird und der vermeintliche Friedenskandidat sich oft als der herausstellt, der den Krieg erst richtig eskaliert. Und der einzige Grund, warum er dann trotzdem wiedergewählt wird, ist der, dass auf der anderen Seite jemand steht, der offen androht, sogar noch einen weiteren Krieg loszubrechen, wie Newt Gingrich, der tatsächlich eine Wahlspende in Höhe von 10 Millionen Dollar bekommen hat, damit er sich für einen Krieg gegen den Iran verwendet.
“They are playing a game on you!”
Ein republikanischer Kandidat wie Ron Paul wäre in der Tat super, weil er die Demokraten dazu zwingen würde, von ihrem Bellizismus abzurücken, um sich als vermeintlich linke Alternative zu den Republikanern nicht selber zu desavouieren. Das wäre das Ende des Kriegs, auch wenn Ron Paul nie gewählt würde.
Um das zu verhindern, muss halt diese ganze Schmutz- und Lügenkampagne entfesselt werden, die ihr hier vorführt. Und dafür benötigen sie Sozialimperialisten und politisch korrekte Trottel wie euch, die allen Ernstes die Angst davor schüren, Ron Paul wollte “den Staat abschaffen”. Das kann man natürlich auch jedem Kommunisten vorwerfen und hätte da sogar ausnahmsweise recht.
Da waren wir doch schon mal: Hemd und Rock. Erst das Fressen, dann die Moral. Skandal? Nö.
Hattest du nicht grade eben noch explizit Verständnis für sowas gezeigt?
Na sicher. Wenn der Militär- und ganz nebenbei auch der Sozialhaushalt zusammengestrichen wird, damit die Wohlhabenden keine Steuern mehr zahlen müssen, dann geht’s den Proleten aber sowas von besser… Glaubst du eigentlich selber, was du hier schreibst?
Naja, möglich. Ich würde meinen, Obama kann dann auch auf staatstragend machen und Paul als außen- und sicherheitspolitisch “nicht regierungsfähig” darstellen. Und damit jede Menge Republikaner-Stimmen einfangen. Aber wie auch immer, das ist ein was-wäre-wenn à la “wenn meine Oma ein Bus wäre, könnte sie hupen”: Noch weniger Chancen als auf das Präsidentenamt hat Ron Paul darauf, republikanischer Kandidat zu werden. Nicht nur wegen der Medien, sondern weil seine Grundsatzpositionen in manchen Bereichen einfach zu stark vom republikanischen Mainstream entfernt sind. (Was natürlich auch wieder mit den Medien zusammenhängt, klar.) Und schließlich: Was hätte man davon, wenn Obama nochmal im Wahlkampf auf Friedensengel macht?
Eben. Und darum hängt man sich auch nicht an einen irren Sozialdarwinisten, sondern macht lieber Antikriegsbewegung.
Ach so, Ron Paul will natürlich nicht den Staat abschaffen (wäre auch merkwürdig für einen Präsidentschaftskandidaten), nur sehr weit zurückfahren. Andere Anarchokapitalisten sind da noch ein wenig radikaler. Aber das mit dem Staat abschaffen kamen wir auch nicht, weil ich oder irgendjemand behauptet hätte, das wäre Pauls Ziel, sondern weil du mit Hobbes ankamst. Und der Vorwurf an Radikalliberale ist natürlich nicht, dass sie den Staat abschaffen wollen (denn das wollen wir ja auch, ne?), sondern warum und mit welchen Zielen sie das wollen.
Nur kurz:
Sag mal, für wie mächtig hältst du eigentlich den Präsidenten? Es ist mir neu, dass er jetzt auch über Steuern und den Sozialhaushalt beschließt. Da gibt’s ja noch so kleine Geschichten wie den amerikanischen Kongress, von dem ein deutscher Linker natürlich noch nie etwas gehört hat! Im Übrigen ist das Thema “libertäre Dystopien” jetzt allmählich ausgereizt. Ich diskutiere doch nicht tagelang über eure Befindlichkeiten, weil ich es “gewagt” habe, in einem Blog-Eintrag auf mehrere Antikriegs-Spots eines libertären Präsidentschaftskandidaten zu verlinken! Findet ihr das nicht langsam selber ein bisschen hysterisch? Es ist ja nicht so, dass ich mich von Anarchokapitalisten nicht distanziert oder das Fehlen jeglicher Anflüge eines Sozialstaats in den USA – um dessen Abschaffung ihr lustigerweise noch fürchtet! – hier nicht hinreichend skandalisiert und verdammt hätte.
Und damit Ende der Debatte. Jedenfalls für mich.
Danke sehr hierfür! Die Raysons, Statlers, jo@chims und so weiter, mit denen unsereins jahrelange Debattenschlachten austrug kommen genau daher. Der Begriff “liberal” fungiert dabei als Mogelpackung für ganz etwas Anderes.
Loriot: “im liberalen Sinne heisst liberal nicht nur liberal” (1:53)
Immer wieder wunderbar!