Wolfgang Pohrt bringt ein neues Buch heraus und der Berliner Tagesspiegel einen ersten Vorabdruck. Kapitalismus Forever – Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam, Edition Tiamat, Berlin 2012.
Der Westen hält sich für aufgeklärt und human. Moslems werden in Europa als rückständig gebrandmarkt. Für den Publizisten Wolfgang Pohrt zeugt das von einem Totalausfall realistischer Selbstwahrnehmung.
[....] Mit der Scharia kenne ich mich nicht so gut aus. Ich weiß nur so viel: Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst gar keine Ahnung hat – von der „Scharia“ quasselt er immer. Wenn es um den Islam geht, ist jeder Dorftrottel plötzlich Spezialist für Glaubensfragen, Orientalistik und Islamwissenschaft, ja sogar für Arabisch. In jedem Diskussionsforum im Internet gibt es faschistische Hetzer, die Koransuren angeblich aus dem Original zitieren, um zu beweisen, wie schrecklich und gefährlich der Islam sei.
Diese Akribie erinnert an Eichmanns Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt der SS, wo mit der Zeit die umfassendste Sammlung von Judaika zusammengetragen wurde und die Beflissensten unter den Mördern sogar Hebräisch gelernt hatten. Die kannten den Talmud besser als jeder Jude. Und so ist das heute auch. Die Moslemfresser können Koransuren zitieren, die einem Moslem mit Sicherheit unbekannt sind.
Breivik hat viele Brüder im Geiste. (Weiterlesen…)
Edit: Hier eine Leseprobe des Verlags.
Edit2: Und hier die erste Reaktion von Michael Stürzenberger (PI-News):
Es wird sich zeigen, ob die geistig gesunden Menschen dieses Landes noch Ehre und Rückgrat haben. Ob Kirchenvertreter den Mut zeigen, offen gegen einen Vertreter des kranken linken Zeitgeistes anzutreten. Ob Christen endlich Flagge zeigen für ihre Religion und die Apolegeten der Gewalt und deren geistige Unterstützer offen demaskieren. Ob sich ein wahrer “Aufstand der Anständigen” entfacht, aller Nicht-Moslems und Nicht-Linken, die sich den Ausverkauf ihrer Werte und Überzeugungen nicht mehr länger gefallen lassen. Wir warten auf einen Proteststurm, der sich über den Tagesspiegel und diesen verblendeten Schreiberling ergießt.






















Es gibt neben PIpi noch einen Dr. H, der nach der Lektüre von Pohrts Text wohl erstmal in Ohnmacht gefallen sein muss. Anschließend hat er dann ein neues Wort gelernt: Kulturrelativismus.
Von PI-News kenn ich eigentlich nur das Wort “Werterelativismus”. Das meint zwar ungefähr das gleiche, stammt aber ursprünglich aus der Feder der katholischen Kirche und richtet sich nicht nur gegen die gleiche Geltung der Religionsfreiheit für alle (was natürlich die kulturelle Suprematie des Christentums bedroht), sondern mehr noch gegen die gesellschaftliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lust (auch bekannt als “kultureller Werteverfall”).
Und beides (Verschwulung und Vermuselung) wird natürlich verantwortet von einer “Satansbrut” aus “rotzgrünen 68ern”, von der “im Prinzip alles Schlechte” in der Welt kommt – die “Feminazis” als Drittes im Bunde nicht zu vergessen. Dagegen hilft in der Tat nur noch ein “wahrer Aufstand” aller anständigen und geistig gesunden “Nicht-Moslems und Nicht-Linken, die sich den Ausverkauf ihrer Werte [...] nicht länger gefallen lassen”! (Alle Zitate aus Artikeln und Kommentaren der Website “PI-News”.)
Ob “Antideutsche” wie Dr. Clemens Heni etwa das meinen mit der “Verteidigung der westlichen Werte” gegen den “Kulturrelativismus” der Linken? Oder zählen die katholische Kirche, die NPD und das evangelikale Christentum jetzt etwa nicht mehr dazu? Zu diesem imaginären Westen, den es als monolithischen Block nur im Hirn von Dr. H. und – auf ähnlich rassistische Weise, aber mit anderen Werten – bei neurechten Sudelmagazinen wie PI-News gibt.
Ich denke nicht, dass Clemens Heni Antideutscher ist.
Typische Merkmale fehlen wie eine Kritik der deutschen Produktionsweise oder eines wie auch immer gearteten deutschen Wesens.
ja, der ich denke auch, dass der als deutscher Extrem-Prozionist einfach oft nur ähnliche Sachen sagt, und sich teilweise auf ähnliche Sachen bezieht
Heni ist wirklich unterhaltsam darin, was für einen Unsinn er so zusammenschreibt.
“Während die beiden Theoretiker eine Dialektik der Aufklärung im Namen des Westens durchführten”
Da kann man sich nur an den Kopf fassen…
Man fragt sich, wer mittlerweile alles an der Ivy-League-Universität in Yale postdoktorieren darf! Aber die “Yale-Initiative für das interdisziplinäre Studium von Antisemitismus” (YIISA), an der Herr Heni seine Arbeiten verfasste, wurde ja glücklicherweise vor wenigen Monaten wegen mangelnder wissenschaftlicher Standards von der Unileitung geschlossen, weil diese neurechte Ideologiefabrik den internationalen Ruf des Hauses ernsthaft zu ramponieren drohte.
Da halfen auch die üblichen “Antisemitismus”-Vorwürfe und der aufgebaute politische Druck von außen nicht weiter: Akademischer Müll wie der von Heni (1, 2) wird in Yale einfach nicht geduldet. Dass sogar neokonservative Antisemitismusforscher wie der Historiker Robert Wistrich diese Schließung öffentlich verteidigten, während liberale wie Antony Lerman sie auf ihrer Homepage gleich unverblümt bejubelten, spricht eigentlich für sich. YIISA galt selbst noch in einem Feld, an das man ohnehin kaum Ansprüche nach wissenschaftlicher Seriosität stellt, als unerträglicher Schandfleck.
Ob sich Wistrich freilich einen Gefallen tut, indem er seinen Namen jetzt zusammen mit dem rechtsdrehenden Campus-Watch-Gründer Daniel Pipes für das “Advisory Board” von Clemens Henis außeruniversitärem Ein-Mann-Institut namens BICSA hergibt? Peinlich, peinlich! Aber wenn man Wistrichs letzte “wissenschaftliche” Publikation ansieht, wundert einen gar nichts mehr. Das ist einfach nur noch Kriegspropaganda pur. Der Mann könnte genauso als Raketentechniker für die Rüstungsindustrie arbeiten und täte im Kern immer noch das gleiche.
ich denke, die antsemitismusforschung hat das problem, dass sie immer notwendig auch aussagen über den zionismus macht, wenn sie ergründen will, was antisemitismus ist. wenn man antisemitismus als quasi-ewig, monolithisch und transhistorisch begreift (wie bspw auch Broder das mit seinem Buchtitel “Der ewige Antisemit” in den 80ern tat, indem er ironisch das Bild des “ewigen Juden” umkehrt), teilt man mE die Aufassung Herzls. tut man das nicht, stellt das immer schon eien implizite Kritik an der Idee eines Judenstaats dar. Und deswegen ist das so ein Zankapfel
Es gibt ein großes Problem bei dieser Gattung politisch aktiver Antisemitismus-”forscher”, sie kennen den Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus nicht.
Vermutlich liegt es daran, dass sie keine einzige Primärquelle gelesen haben – weder eine des westlichen Antisemitismus noch des arabischen Antisemitismus geschweige denn des Antizionismus.
Die Antisemitismusforschung hat das Problem, dass das, was sie erforscht, außerhalb des Neonazi-Milieus kaum mehr existiert. Und die Lösung dieses Problems lautet: Entweder schaut man sich nach anderen Vorurteilen um, auf die das Paradigma der Antisemitismusforschung produktiv übertragen werden kann, wie Antiziganismus oder antimuslimischer Rassismus (die Strategie des ZfA unter Benz). Oder man erfindet einen “neuen Antisemitismus“, der jede “einseitige” Kritik an der israelischen Besatzung als Ausdruck verschobener oder maskierter Judenfeindlichkeit deutet. Das war und ist die Strategie von YIISA und Leuten wie Phyllis Chesler, die übrigens auch im Beirat von Clemens Henis “BICSA” sitzt:
Man wird jetzt verstehen, warum Yale die nach diesem Schema operierende “Initiative für das interdiszipinäre Studium von Antisemitismus” geschlossen und Clemens Heni auf die Straße gesetzt hat, der – was Wunder! – Yale unter dem Titel “Antisemitismus in Amerika” prompt ebenfalls des Judenhasses beschuldigte. Ja, schon gut, alles Antisemiten außer Mutti!
Antisemitismus gibt es ganz sicher noch außerhalb des Altnazi- und Neonazispektrums – gleichgültig in welche Kategorie Erika Steinbach fällt. DAs Niveau eines Stürmers oder des “internationalen Juden” erreichen natürlich nur die Allerwenigsten.
Ich hab ja auch gesagt “kaum mehr” und nicht “nicht”.
in einigen osteuropäischen Staaten sind klassische antisemitische Vorstellungen durchaus virulent und auf wahlpolitischer Ebene durchaus nicht erfolglos
Das ist völlig richtig. Der Antisemitismus ist nicht ausgestorben. Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, in denen er fröhliche Urständ feiert. Umso schlimmer, wenn der Begriff durch politische Interessen beschädigt wird, indem man – wie Chesler und viele andere – versucht, Amnesty International, Human Rights Watch, die BBC oder den Guardian wegen ihrer Kritik an konkreten Aspekten der israelischen Außenpolitik als “antisemitisch” zu denunzieren, und damit die Sicht auf die wirklichen Gefahren verstellt. Für Osteuropa interessieren sich solche Leute ja gar nicht. Jedenfalls lese ich dazu kaum irgendwelche Analysen. Und das ist absolut beschämend.
Ebenso beschämend ist es allerdings, dass man Nazis in Deutschland demonstrieren, Parteien gründen, Zeitungen publizieren, durch die Gegend reisen und morden lässt – sprich: dass man sie nach Auschwitz noch immer als Teil des legitimen politischen Spektrums betrachtet. Und den Antisemitismus dann stattdessen bei der Linken verortet, darunter Leuten, die nicht nur antifaschistische Grundlagenarbeit leisten. Sondern dafür, dass sie diese Arbeit leisten, auch noch von denen, die jetzt das ideologische Phantasma des “linken Antisemitismus” für sich entdeckt haben, drangsaliert, ausgegrenzt und mit übelster Staatsschutzhetze überzogen werden. Sorry, aber so viel Heuchelei kann ein Mensch allein gar nicht fassen!
Da gehen wir völlig d’accord.
“I am a political scientist, author and public intellectual.” Hahahaha!
“public”? Wer ist denn nach den Kriterien dann nicht mehr public?
und als selbstbezeichnung ist das eh schlicht grotesk
bezeichnend übrigens, dass die erste von zwei rezensionen von Henis Buch bei achgut.com selbst dort nicht gerade toll ausfiel:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_unerbittliche_moralist/
Damit wir vielleicht wieder auf Pohrt kommen:
Die Leseprobe im Tagesspiegel habe ich gelesen und sie hat mich nicht wirklich überzeugt. Denn Pohrt nimmt die Kategorien von Moslem und Christ auf um wiederum die christliche, die westliche “Seite” zu diskreditieren.
Elementar ist es die Vorstellung der Einteilung infrage zu stellen und nicht zu sagen, dass man diesen oder jenen ein falsches “Wesen” zuordnet.
Naja, da hast du aber nicht wirklich bis zu Ende gelesen:
Das halte ich auch für kein sehr gelungenes Argument, weil er damit eigentlich sagt, dass der Islam grundsätzlich etwas anderes sei und der Islamismus die stärkste “Verwestlichung” erfahren hat.
Naja, aber das ist im Prinzip auch das Argument von Olivier Roy in Der islamische Weg nach Westen – ein Titel, der ja gerade voraussetzt, dass es da mal irgendwann zwei unterschiedliche Entitäten gegeben hat. Wiewohl wir wissen, dass diese niemals fensterlose Monaden waren. Der intellektuelle Austausch, etwa von Al-Ghazali zu Thomas von Aquin, ist ja nie abgebrochen. Trotzdem handelte es sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, mit internen historischen Brüchen, um zwei distinkte gesellschaftliche Systeme, von denen das eine unter dem Druck des anderen gewichen ist – mit allen kulturellen Anpassungs- und gesellschaftlichen Modernisierungsleistungen, die das in den letzten 150 Jahren erforderlich machte (man denke nur an die Heteronormalisierung der Liebe
).
Also, graduell kann man da sicher ein paar kritische Fußnoten anbringen: Denkt er z.B. wirklich, der Weltkapitalismus setzte sich erst heute durch? Aber so komplett auf dem Holzweg ist er dann auch wieder nicht.
Der französische Originaltitel lautet “l’islam mondialise”. Nur die bescheuerten deutschen Übersetzer sind auf “der islamische Weg nach Westen” gekommen.
Das Hauptargument von Roy ist, dass sich der Islamismus weiterentwickelt hat von der politischen auf die sozialen Ebene (Neofundamentalismus/Jihadismus). Für ihn ist der Islamismus ja ein grundsätzlich modernes Phänomen.
Moderne bedeutet bei Roy nicht westlich, bei Pohrt allerdings schon.
Auf die wesentliche Frage kommt dadurch Pohrt auch nicht, wieso es den Islamismus gibt, welche Strukturen er hat, etc. Für ihn ist nur mittlerweile alles gleich doof. Das handelnde Subjekt Nation/Religionsgemeinschaft bleibt ihm aber erhalten – natürlich nur in Anbetracht des Textauszugs.
Aber Pohrt redet auch von größeren Zeiträumen als Olivier Roy, der komplett in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbleibt. Und die Ursachen des Islamismus interessieren Pohrt kein Stück. Du setzt das als die wesentliche Frage. Aber zum Wieso des christlichen Fundamentalismus, der sich parallel dazu in den USA formierte und mit westlichen Entwicklungshilfe-Dollars in die Länder des globalen Südens transferiert wurde, hat sich bislang auch noch kaum jemand einen Gedanken gemacht. Sogar bei Religionssoziologen herrscht da eisiges Schweigen. So sehr scheint die Leute das Wieso-Weshalb-Warum dann doch nicht umzutreiben.
Was ich an dem Text auszusetzen gehabt hätte, wäre vielleicht der Futur des folgenden Satzes gewesen:
Kein eindeutiger Fehler, aber zumindest ein bisschen missverständlich. Er hätte besser geschrieben: “Und das Ende vom Lied wird wieder der Kapitalismus sein.” Denn das ist in der “islamischen Welt” ganz sicher nichts Neues, auch wenn die Bahamas in ihrer ersten Dienstanweisung an den antideutschen Mob noch dekretierte, jeder anständige [Anti-] Deutsche hätte ab jetzt Bomben auf islamische Zentren “bis auf weiteres zu begrüßen”, um “die Bevölkerungen dieser Länder [...], mit allen brutalen Konsequenzen, dem kapitalistischen Warenfetisch direkt zu unterwerfen”. Autor: Justus W. (wie “Wollt ihr den totalen Krieg?”), der hier unverfroren im Dienste des Kapitalismus zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufruft.
Seitdem ziehen Antideutsche bei jedem größeren Massaker an Muslimen gröhlend durch Kreuzberger oder Neuköllner Straßen, um mal wieder präventiv gegen den “islamischen Antisemitismus” zu demonstrieren.
Zum Glück muss sich Pohrt, anders als Adorno, nicht im Grab umdrehen, sondern kann ihnen gleich direkt in die Eier_stöcke treten, wenn sie mal wieder versuchen, sich öffentlich als seine Schüler_Innen zu präsentieren:
Ich meinte mit Ursache eigentlich Ursprung, also nicht was hat es ausgelöst, sondern welches Wesen liegt dem zugrunde.
Auch das kapitalistische Ende von Pohrts Lied ist für den Gang seiner Argumentation typisch. Es ist alles gleich und die verschiedenen Formationen darin erkennt er nicht, weil ja der kapitalistische Rahmen stimmt und beim Alten bleibt. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, er hätte lieber überhaupt nichts zur Wirtschaft gesagt.
Was den inflationären Antisemitismusbegriff angeht, zum einen entwickelt sich das entlang der Strategie der Neonazis den Begriff Holocaust zu inflationieren, zum anderen hat es deutliche Parallelen zu dem was Rene Girard die Heiligung der Gewalt nennt. Man steht vor dem Opfer und betrauert die Tat, allerdings nicht aus Mitleid mit dem Opfer, sondern aus Scham. Daher wird diese Tat geächtet und alles herum tabuisiert, aber eine tatsächliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Man könnte sagen, man bejaht die Tat, aber um zu verdrängen.
Diese Verdrängungsleistung zeigt sich ja besonders am Begriff “deutsch”. Jeder andere Antisemitismus fällt dabei unter den Tisch und am Ende wird das antisemitisch destillierte Deutschtum – ich weiß, ein böses Wortspiel – auf alles andere übertragen, was man gerne als furchtbar böse und verdammenswert betrachtet: die Freundin, Bekannte, Ausländer.
Dass Justus “ich schaff die Nato ab” Wertmüller nicht weiß, was der Warenfetisch ist, ist mir auch klar.
Lieber Daeva, ich glaube, dein Kurzschluss vom Antisemitismus auf die nationalsozialistische Massenvernichtung ist ein ernsthafter Fehler. Was dabei unter den Tisch fällt, ist nicht nur und nicht einmal zuerst der Antisemitismus in anderen Ländern, sondern vor allem auch die anderen Opfergruppen des deutschen Faschismus, an die sich bis heute niemand erinnern will. In den Worten der Nazis: “Zigeuner”, “slawische Untermenschen”, “Asoziale”, “Schwachsinnige” und “Entartete”.
Dass du der Mär aufsitzt, Antisemitismus wäre etwas grundsätzlich anderes als Rassismus, zeigt diese Verdrängung schon an. Antisemitismus ist aber in Wirklichkeit nicht nur nichts anderes, sondern es ist geradezu der Prototyp des Rassismus – gewissermaßen seine historische Matrix! Die Lehre von der “limpieza de sangre”, von der Hierarchie der “Menschenrassen”, von der Schädlichkeit jeder “Vermischung” und von der Gefahr der “Degeneration” – all dies wurde erstmals in Hinsicht auf die neuzeitliche Ausgrenzung der Juden formuliert. Und es wurde dann später auf beliebige andere Gruppen übertragen.
Die volkstümlichen, man möchte sagen: mittelalterlichen Bilder, denen die Wertkritik ihren Begriff von Antisemitismus entnimmt, etwa die Assoziation der Juden mit dem Zins, stehen nicht nur neben anderen populären Bildern, die nicht einmal erwähnt werden. Vor allem waren sie weitgehend austauschbar und der rassistischen Wendung des Antijudaismus – der Konstruktion von Juden als “Volksschädlingen” – systematisch nachgeordnet.
Der Rassismus im Antisemitismus bezeichnet den historischen Schritt von der Konversion zur Elimination: Wenn das Ziel die soziale Homogenisierung ist, können die Angehörigen einer “feindlichen” Religionsgemeinschaft innerhalb der Christenheit bekehrt, die einer “Rasse” innerhalb einer “Nation” aber nur vertrieben oder vernichtet werden. In Auschwitz wurde nicht der “Zins” exorziert, sondern ein “Anti-Volk” ermordet. Postone hat das nie begriffen, weil ihm jeder kritische Begriff von Nation abgeht. (Und wie anders könnte man sich auch zum Fürsprecher eines alternativen Nationalismus machen?)
Selbst wenn man meint, dem Antisemitismus aufgrund der Kriterien der Zentralität und der Totalität der Judenverfolgung im NS-System eine Sonderstellung gegenüber anderen Rassismen einräumen zu müssen (um diese dann meist einfach zu “vergessen”), ist es immer noch eine von den Nazis definierte Sonderstellung unter den Rassismen und nicht etwa eine Sonderstellung gegenüber “dem Rassismus”.
Ich schrieb vom Begriff der Antideutschen, nicht von dem, was Antisemitismus tatsächlich ist, noch welchen Stellenwert er im NS hat. Es ist ja auch nicht so, dass die Antideutschen die einzigen wären, die den NS auf Judenvernichtung reduzieren. Das ist gutbürgerlicher Konsens – einen Teil zugeben und den Rest verschweigen.
Ich teile auch nicht den wertkritischen Begriff des Antisemitismus, übrigens die Antideutschen auch nicht. Denn gemessen an ihren eigenen Kriterien wie sie sie am automatischen Subjekt (=Geld) exemplifizieren wären sie selber strukturelle Antisemiten. Das trifft natürlich nur auf die etwas intelligenteren Antideutschen zu. Rotgardisten wie kotzboy sind ja ganz platte Antisemiten, wenn sie vermeinen, dass man nichts zum Finanzkapital sagen darf, weil die Juden schachern würden.
Der Rassenkampf, der eben nicht nur für die Nazis, sondern auch für die englischen, italienischen und französischen Kolonialisten konstitutionell gewesen ist, ist natürlich etwas anderes als der Antisemitismus: die Zuschreibungen an die Juden, nämlich die Weltherrschaft durch Manipulation auszuüben. Du sagst ja richtig, dass sie als Volksschädlinge wahrgenommen werden. Allerdings in dem Maße, dass sie die Völker durcheinander werfen, also international und nicht national wären. (Charlotte Knobloch vermeint dem begegnen zu können, dass sie darauf hinweist, dass auch die Juden sehr national sind und z.B. im 1. Weltkrieg für Deutschland verreckt sind) Die NPD hat zur letzten Bundestagswahl z.B. sinngemäß geschrieben, dass eine kleine Gruppe internationaler Kapitalisten Multi-Kulti herbeigeführt hat um die nationalen Abwehrmechanismen zu zerstören um die Nationen besser ausbeuten zu können. Weder hat man mit dieser Begründung die “Zigeuner” auzulöschen getrachtet, die waren nur zur Arbeit zu faul, noch den Lebensraum im Osten erobert und die slawische Elite liquidiert. Denn die Slawen sollten als Sklaven dienen. Gegen die europäischen Rassen hat man sich im imperialen Konkurrenzkampf durchzusetzen getrachtet.
Eine Sonderstellung des Antisemitismus im NS sehe ich nur geringen Umfang, v.a. bei Goebbels und im Stürmer – das Original, nicht Thomas Maul. Konstitutiv ist die Arbeit und die Stellung der charakterlichen Ursachen von Armut und sozialer Devianz. Nicht umsont wurden Arbeitslager errichtet, über welche der Schriftzug “Arbeit macht frei” prangte. Arbeit sollte die Ausgegrenzten erziehen und ihnen so Tugenden vermitteln, die sie in die Lage versetzen moralisch und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Wenn Antideutsche, und das ist ein großes Wenn, hiervon ihre Fantasien zu Papier bringen, dann betrachten sie es als alleiniges NS- oder deutsches Merkmal. Wolfgang Pohrt macht dabei keine Ausnahme.
Das ist jedoch deutlich älter (Arbeitshaus, Poor laws act etc.) und vor allem deutlich angelsächsischer. Wie viele Elemente des Kapitalismus, wie die gesamte Unsicherheit und soziale Verwerfung, wird das kulturalisiert. Das ist die prägendste Überschneidung zwischen Antideutschen, Leistungsrassisten und Nazis: sie weisen sie spezifischen Kulturen zu um sie so aus dem kapitalistischen Normalbetrieb hinausdefinieren zu können.
Ich mach es mir aus Zeitgründen jetzt ein bisschen einfach und zitiere Mommsen, den ich hier schon einmal zitiert habe:
Fast noch deutlicher mit Blick auf das nicht-konkludente Verhältnis von Antisemitismus und Menschenvernichtung wird Raul Hilberg in seinem Review-Essay The Goldhagen Phenomenon. Aber so tief möchte ich in dieses Thema hier jetzt nicht einsteigen. Ich wollte nur andeuten, dass die ideologietheoretische Ableitung des Antisemitismus und des Holocaust aus einer fetischistisch verkürzten Geld- bzw. Zinskritik, so wie Postone sich das vorstellt, an den Haaren herbeigezogen ist und daran krankt, das Thema Rassismus und Sozialdarwinismus, mithin die parallele Vernichtung zahlreicher anderer Gruppen mit teils gleichen Methoden, völlig außen vorzulassen, so als handelte es sich dabei um einen Randaspekt, den man einfach “vergessen” kann.
Und wo ist nun der Dissens zu meinen Aussagen? Abgesehen davon, dass ich als guter Deutscher auf der Arbeit beharre.
Übrigens solltest du Postone nicht die Fehler der Antideutschen vorwerfen. Denn Postone schreibt selbst, dass der geldfetischistische Antisemitismus des NS nur ein Strang des NS ist. Bei den ADs wird der deutsche antisemitische Sonderweg daraus. Wenn er von konkreter Allgemeinheit schreibt, dann bedeutet es eben nicht, um ein gängiges Bonvivant der ADs herauszugreifen, dass der Antisemitismus das Allgemeine und Ausschwitz konkret sei.
Wie gesagt, ich möchte jetzt in dieser Diskussion nicht viel weiter in die Tiefe gehen. Aber ich greife mal einen Aspekt heraus, wo ich noch Klärungsbedarf sehe. Du unterscheidest den Antisemitismus vom “Rassenkampf” der Nazis anhand der “Zuschreibungen an die Juden, [...] die Weltherrschaft durch Manipulation auszuüben”.
Erstens denk ich sehr wohl, dass die Nazis die Juden als elementaren Gegner in ihrem “Rassenkampf” gesehen haben. Zweitens ist die Vorstellung vom alles manipulierenden Juden ein Erbe der gefälschten “Protokolle der Weisen von Zion”. Man kann aber doch nicht behaupten, dass es vorher keinen Antisemitismus gegeben hätte!
Im Antisemitismus treffen zahlreiche ideologische Stränge aufeinander. Und es ist völlig unbestritten, dass der Antisemitismus sehr viele Spezifika aufweist, wenn man ihn mit anderen Rassismen vergleicht. Aber das macht ihn doch nicht zum Nicht-Rassismus!
Am Begriff des Rassismus kann man gar nicht rütteln, ohne die Differenz zwischen dem modernen Antisemitismus, der eben ein Rassenantisemitismus ist, und dem mittelalterlichen Antijudaismus aus den Augen zu verlieren. Denn genau das unterscheidet die beiden ja. Die Konstruktion von machtvollen Verschwörungen mag seit den “Protokollen” ein weiteres Konstituens sein, aber sie ist nicht so einmalig, wie du denkst.
Spätestens seitdem die Rechte versucht, antimuslimischen Rassismus als eine Ersatzideologie für den nicht mehr hoffähigen Judenhass aufzubauen, beginnt ersterer, konspiratorische Züge anzunehmen. Der ganze Diskurs über “taqiyya” und die versteckte “Islamisierung Europas” schlägt in diese Kerbe. Trotzdem käme niemand auf die Idee, deswegen nicht mehr von Rassismus zu sprechen.
Warum auch? Da ist doch gar kein logischer Gegensatz. Die begriffliche Trennung von Rassismus und Antisemitismus ist einfach nur ein neues Axiom, das durchgeboxt werden soll, obwohl es gegen die gesamte wissenschaftliche Tradition verstößt. Ich zitiere nur Ian Kershaw aus dem Jahr 1999:
Und jetzt weiß man auch, warum diese Trennung manchen Leuten so wichtig ist!
Bei den Nazis gab es keinen Kampf gegen die jüdische Rasse, denn die Juden wurden als opportunistisches Volk gesehen, dass gar keine Rasse hatte und deshalb überall vorgekommen ist. Heutzutage würde man von Kultur, statt von Rasse sprechen.
Wesentliche Elemente des Antisemitismus, der Jude als Raffer und Betrüger, finden sich bereits bei Kant. Die Racen bei Kant stehen für Arbeit und Zivilisation. Nur zwei Gruppen fallen bei ihm aus der Einordnung. Das eine sind die Affen. Das Afrikaner, die so faul sind, dass sie auf den Bäumen geblieben sind, denn ansonsten müssten sie arbeiten. Das andere sind die Juden. Denen würde nach Kant die Veranlagung zur Arbeit fehlen, deswegen stellt sich Reichtum bei ihnen nur als vollzogener Betrug dar.
Der Antisemitismus der Nazis war übrigens zu Beginn gar nicht eliminatorisch. Die wollten die Juden nur segregieren und anschließend “ausschaffen” – um die Terminologie der schweizerischen Wochenzeitung zu verwenden.
Die machtvolle Weltverschwörung resultiert übrigens aus der Fähigkeit der Juden unseren Heilland ermordet zu haben. Deswegen muss der gute Christ für sie beten.
Bei Martin Luther findet sich zudem die Ansicht, dass sie andere verführen von der christlichen Lehre abzufallen.
Das haben viele Antisemiten des 19. Jahrhunderts mit dem Mythos der Amalekiter verbunden. Denn gemäß dessen würden die Juden den Rest der Menschheit als Amalekiter sehen, die es zu unterwerfen und vernichten gelte. Zudem sind die Juden ein von Gott gestraftes Volk, das zum Wandern gezwungen ist. Wie Pohrt schon ganz richtig sagt waren viele Antisemiten viel versierter in Thora und Talmud als die meisten Juden.
Der Antisemitismus geht in dieser Hinsicht über den Rassismus hinaus. Während man sich mit anderen Rassen im Konkurrenzkampf imaginiert, stellt man sich vor, dass von den Juden ein unerklärter Krieg um die Weltherrschaft geführt wird.
Verschiedene Elemente des Antisemitismus finden sich tatsächlich beim Hass auf Türken wieder: Der Islam als internationale und universelle Ideologie, die alles zu unterwerfen droht. Der Kampf des Islam um die Weltherrschaft.
Deswegen kommen die Moslems hierher und karnickeln uns gute Deutsche zu Tode.
Außerdem verfügen Moslems über die “Ölwaffe”.
Wo hast du denn das her? Ich zitiere nur mal den wahrscheinlich berüchtigsten Satz Hitlers überhaupt: “Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!” Es ist doch wohl völlig klar, dass für Hitler die “jüdische Rasse” der ultimative Endgegner in seinem Wahn vom “Rassenkampf” war. Und bei aller Aufklärungskritik: Was sich weder dem Inhalt noch der Form nach bei Kant findet, ist ein in zahlreichen Auflagen erschienener Text Heinrich Himmlers von 1943 mit dem Titel “Der Untermensch” zur internen Verwendung im SS-Reichssicherheitshauptamt, gerichtet an das Tötungspersonal.
Was? Kein Rassismus? So ein Humbug! Und auf die mittelalterliche Zinskritik, selbst die “Protokolle”, konnten solche Leute bereits gut und gern verzichten. Was sie zu ihrem Mordhandwerk brauchten, war Rassismus – pure et simple.
Du wirst keinen ernsthaften Historiker finden, der den Antisemitismus vom Rassismus trennt. Das ist allein der Spleen von ein paar provinzialen Gestalten aus Freiburg, die allen Ernstes meinen, der Antisemitismus würde sich im Unterschied zum Rassismus “nach oben” richten. Womit es die Mörder hauptsächlich zu tun hatten, waren aber verlumpte und verarmte Juden aus Osteuropa – niemand, an dem man sich ernsthaft bereichern konnte, und schon gar nicht Leute, die die SS als “über sich stehend” wahrnahm.
Die Juden wurden als Volk betrachtet, dass weit unterhalb der Rassen angesiedelt war und deswegen körperliche Deformationen aufweisen würde. Deswegen gab es auch keine Einteilung für Juden in der Eugenik, sondern nur Rassenhygiene. Im gesamten Sozialdarwinismus werden die Juden als minderwertig, aber nicht beherrschbar betrachtet. Sie sollen ausgesondert werden.
Auch bei Houston Stewart Chamberlain werden die Juden zwar als Rasse bezeichnet, aber sie sind der Gegenentwurf zur kulturschaffenden arischen Rasse. Die Juden würden alles zersetzen und zerstören.
Die Rassenhygiene war auch schließlich der Ursprung der Eliminierung des Unwerten: zuerst die Asozialen und Behinderten, dann die “Zigeuner” und schließlich der Juden und Slawen.
Den Opfern kann es natürlich ziemlich egal sein, weswegen sie verfolgt werden. Diskriminiert und schlimmstenfalls ermordet werden sie ohnehin.
Nicht egal ist es jedoch zu behaupten, dass dies eine Eigenart der Nazis oder deutschen Produktionsweise sei. Die Verwandtschaft mit dem englischen “house of correction” und seinem Anspruch “works sets you free” ist dagegen deutlich augenfällig.
Hier übrigens der Konter von Verbrochenes auf das infantile Geschreibsel von Heni. Der Mensch hat wirklich Geduld!
Naja, Pohrt. Wie immer bei ihm: Geistreich, liest sich gut, aber wenn man mal ein bisschen genauer hinschaut, ist es doch recht substanzlos, teilweise sogar wirr. Wobei der hier zitierte Abschnitt schon völlig korrekt ist, aber insgesamt… Ein Dichter halt. Aber wenigstens ein guter.
ist eigentlich keinem aufgefallen, dass heni aussieht wie der uncoole cousin vom justus wertmüller?
hat JW auch einen coolen Cousin?