In einem Kommentar für den Hintergrund analysiert Susann Witt-Stahl die ideologische Funktion des Antisemitismusberichts des Deutschen Bundestags. Obwohl, wie einer der Autor_innen unfreiwillig zugeben muss, über 90% aller antisemitischen Straftaten wie eh und je von Rechten begangen werden, ist das eigentliche Politikum der Studie, dass sie sich von Neokonservativen die phantasmagorische Kategorie des “neuen Antisemitismus” aneignet: ein Antisemitismus, der seiner sozialen Herkunft nach von “Linksextremisten” und “Menschen mit Migrationshintergrund” ausgehen soll. Gemeint ist damit allerdings nur die Kritik an Krieg, Besiedlung und rassistischer Entrechtung – also den, so die Expertenkommission, “legitimen Sicherheitsinteressen” Israels in Palästina, die leichtfertig ignoriert oder (man denke nur an Goldstone!) sogar offensiv in Frage gestellt würden.
Der Effekt ist eine qualitative Schrumpfung dessen, was einmal Antisemitismus hieß, auf eine Reihe banaler Begebenheiten, deren Skandalisierung im Grunde nur noch Gähnen auslöst: So „wurde an der Universität Leipzig eine Vorlesungsreihe mit dem Titel ,Deutschland-Israel-Palästina‘ angeboten, zu der mehrere Vortragende eingeladen wurden, die eine einseitige Position im Nahostkonflikt gegen Israel vertreten“ (S. 33). Ach, welche diskriminierte Minderheit würde sich nach so einer Form der “Gewalt” nicht die Finger lecken! Man stelle sich vor, der Rassismus gegen türkeistämmige Muslime bestünde einzig und allein darin, dass Antiimperialisten eine “einseitige Position” im Kurdistankonflikt gegen die kemalistische Regierung in Ankara vertreten. Aber mal ehrlich: wenn selbst die Frankfurter Rundschau es nötig hat, die “schmutzige Kristallnachtsarbeit” (Chesler) der Israelkritiker von bekennenden Israel-Patrioten wie dem Ha’aretz-Herausgeber Amos Schocken besorgen zu lassen, ist dann im linken Antisemitismus nicht längst eine letzte Grenze überschritten? Ja, müssen Juden in Deutschland mit Blick auf die Regierungsambitionen der Linkspartei und angesichts der Studie von Salzborn und Voigt nicht längst wieder auf gepackten Koffern sitzen?
Dass die Substanz des Antisemitismusbegriffs durch seine inflationäre Ausweitung auf Gegner der israelischen Besatzung ernsthaft Schaden nehmen könnte, ist die Sorge der deutschen Bundesregierung freilich nicht. Ihr geht es um die Legitimierung eigener Kriegseinsätze durch skrupellose Diffamierung der antimilitaristischen Linken als vermeintliche Judenfeinde, während das deutsche Parlament sich trotz des unverblümten Imperialismus und Rassismus dieser Nation einmal gut fühlen und als vom “Hass” historisch geläutert betrachten darf. Das, und nicht die Bekämpfung von Antisemitismus, ist denn auch der wirkliche Grund, warum der Bundestag Berichte in Auftrag gibt, in denen die antisemitische Gewalt von Neonazis durch Gleichsetzung mit der Kritik von Linken an der israelischen Okkupation systematisch banalisiert und verharmlost wird.






















Die Titanic hat dann doch cooler reagiert:
“Antisemitische Einstellungen sind in der deutschen Gesellschaft immer noch verankert: Zu diesem Ergebnis kommt ein Expertenkreis im Auftrag des Bundestages. Etwa 20 Prozent der Deutschen sind demnach “latent antisemitisch”. Die übrigen 80 Prozent will man beim nächsten Mal befragen – wahrscheinlich wird sich aber ohnehin bestätigen, daß solche Studienergebnisse in der Regel von Juden manipuliert sind, nicht wahr?”
Die Tanic? Das Satireblatt, dass Leserreisen nach Israel organisiert (was ja völlig i.O. ist) dabei aber in der Anzeige dann den Felsendom in Ost-Jerusalem und dieses Kloster da bei Jericho zeigt? Beides Orte, die einfach mal nicht in Israel liegen, sondern in dem was die Hüter des internationalen Rechts als occupied Palestinian territory bezeichen.
http://www.titanic-magazin.de/leserreise-israel.html
Vielleicht ist das ja genau die Satire und die Reisenden und Leser merken das nichtmals?
Höhöhö: “Just because you’re paranoid doesn’t mean they aren’t after you!”, wa? Wenn der Bericht schon solche Ereignisse herauskramen muss wie die Einladung von Noam Chomsky und Uri Avnery zu einer Ringvorlesung in Leipzig, um zu belegen, dass “Antisemitismus” bis in die “Mitte der Gesellschaft” ragt, dann gibt es mit der Titanic garantiert jemanden, der sogar das noch zu toppen versucht. Naja, Satire ist ja erkennbar beides!
Was die Einschätzung der Bedeutung des Antisemitismus außerhalb des rechtsradikalen Milieus angeht, schließe ich mich der Beobachtung von Raul Hilberg an, aber lasse gerne mit mir darüber reden:
Ich will der im Antisemitismus steckenden Gewalt nichts von ihrem furchterregenden Charakter nehmen. Der Punkt ist nur, dass diese Gewalt bereits zum Ende ausgekostet wurde. Heute ist diese Ideologie für das Bürgertum aufgrund der Scham über die Vernichtung von sechs Millionen Juden einfach nicht mehr zu gebrauchen. Und zunehmend erkennen das, mit großen Ausnahmen wie der NPD in Deutschland oder Jobbik in Ungarn, auch die Parteien der europäischen Rechten, die sich seit Jahren mühen, durch aufgesetzten Philosemitismus und das neue, historisch noch unverdächtige Feindbild Moslem endlich aus dem lähmenden “Schatten Hitlers” herauszutreten. Und der Erfolg bleibt in der Regel nicht aus.
zu susanns hintergrund artikel und ihrer fussnote 17.
sie versucht mit dieser fussnote zu belegen, das bei der entebbe entführung keine antisemitische selektion stattgefunden hätte.
susann witt stahl: “Noch weniger wird einen kritischen Leser erstaunen, dass der längst durch Berichte von Zeitzeugen entlarvte Mythos, während der Entführung einer Air-France-Maschine 1976 habe „eine Selektion in jüdische und nichtjüdische Passagiere auch durch die deutschen Linksterroristen“ stattgefunden, in dem Antisemitismusbericht hartnäckig weiterverbreitet wird. (17)”
dazu eben jene fussnote 17
http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/setting-the-record-straight-entebbe-was-not-auschwitz-1.372131
aus dem artikel selbst geht hervor, das brigitte kuhlmann sehr wohl eine über pässe hinausgehende selektion vorgenommen hat.
“On the third day of the hijacking, the hijackers demanded that all the Israelis, including those with dual citizenship (Israeli and foreign ), assemble in the transit hall of Entebbe airport. They were joined by the plane’s crew members, led by the French captain, Michel Bacos. The rest of the passengers, carrying non-Israeli passports, were transferred to another hall. Later they were freed and flown to Paris.
[...]
Hartuv recalls that the Israelis were joined by two couples from Belgium and the United States, and two teens from Brazil, who had completed a year of studies in a Jerusalem yeshiva: “They were transferred to the Israeli group because when we landed in Entebbe, before dawn, they had put on tefillin and recited morning prayers. We approached the Peruvian and asked that they be transferred to the foreign group because they were not Israelis. The Peruvian agreed and transferred the two Brazilians. Later they were freed with the rest of the non-Israeli hostages. He apologized for not being able to free the other two couples because the German woman wouldn’t allow it.” ”
ich habe kein problem mit der grundaussage “entebbe was not auschwitz” des haaretz artikels. aber was susann witt stahl daraus macht kommt mir zumindest unredlich vor!
ich frage mich bei Entebbe immer, ob es denn wirklich antisemitisch ist, Juden zu selektieren, um Israel besser erpressen zu können, das Juden ja als Staatsbürger im Wartestand ansieht. Also: Warum ist Selektion nach Pass ok, die andere aber nicht? Ersetzt da nicht die Assoziation zur Auschwitzrampe das ausgeführte Argument?
ansonsten hast du aber recht, dass Witt-Stahl ihre Quelle da fragwürdig verwurstet
“The terrorists separated the Israelis from the non-Israelis,” says Hartuv, one of the unofficial leaders of the hostages, and the official translator from English to Hebrew in talks with Amin, who visited the hostages a number of times. “The separation was done based on passports and ID cards. There was no selection of Jews versus non-Jews.”
[...]
“Many of the freed hostages were Jewish,” Hartuv explains.