Bevor ich’s ganz vergesse: das letzte Stück aus der Abhandlung von Ibn Hazm über die Liebe. Worauf es mir ankommt – dass das Geschlecht des Begehrten im gesamten Werk von Ibn Hazm keinen wie auch immer gearteten Unterschied konstituiert, die Kategorien von „Homo-“ und „Heterosexualität“ also gänzlich fehlen -, sollte mittlerweile klar geworden sein.

Wie mag es nun aber einem ergehen, der im Herzen etwas geborgen hat, was heißer war als Tamariskenkohle, im Busen etwas gehütet, was schärfer war als ein Schwert, der Bissen geschluckt hat herber als Koloquinte und seine Seele gegen ihren Willen von dem abgekehrt hat, was sie verlangte, was sie überzeugt war zu erreichen, worauf sie eingestellt und was ihr durch nichts verwehrt war? Wahrlich, er verdient, morgen, am Tag der Auferstehung, Freude zu erleben, an der Stätte der Belohnung und in der Welt der Ewigkeit im Kreise der Gottesfreunde zu weilen, vor den Schrecken des Jüngsten Tages und dem Entsetzen der Auferstehung sicher zu sein, und daß Gott ihm am Tage des Weltgerichts für diese Wunde Geborgenheit schenkt.

Der Arzt Abu Mūsā Hārūn ibn Mūsā hat mir folgendes erzählt: „Ich habe einmal einen jungen Cordovaner mit schönem Antlitz gesehen, der sich Gottes Dienst geweiht und der Welt entsagt hatte. Er hatte einen Bruder in Gott, mit dem er sehr vertraut war. Eines Nachts besuchte er ihn und beschloß, bei ihm zu übernachten. Nun ergab sich für den Hausherrn die Notwendigkeit einer Besorgung bei einem seiner Bekannten, der sich weit weg von seiner Wohnung befand. Infolgedessen erhob er sich, in der Absicht, schnell zurückzukehren, während der Jüngling mit der Frau des anderen in dessen Haus blieb. Diese war wunderhübsch und so jung wie der Gast. Der Hausherr blieb so lange fort, bis die Nachtwächter ihre Runden machten und er nicht mehr heimgehen konnte. Als sich die Frau darüber klar wurde, daß die Zeit verstrichen war und ihr Mann in jener Nacht nicht mehr kommen konnte, regte sich in ihrem Herzen ein Verlangen nach jenem Jüngling. Da zeigte sie sich ihm und wollte ihn verführen, indes kein Dritter bei ihnen weilte außer Gott, dem Mächtigen und Erhabenen. Er hatte nicht übel Lust, sich an ihr zu vergreifen. Dann kehrte ihm aber sein Verstand zurück, und er dachte an Gott, den Mächtigen und Erhabenen. Da legte er seinen Finger in die Lampe, bis er rot wurde, und sagte darauf: ‚O Seele, koste dies! Was ist dies aber im Vergleich zum Höllenfeuer?‘ Der Anblick versetzte die Frau in Schrecken. Dann drang sie von neuem in ihn, und so erfaßte ihn die dem Menschen angeborene Begierde abermals. Da tat er dasselbe wie zuvor. Als dann der Morgen graute, hatte das Feuer seinen Zeigefinger vernichtet.‟ Glaubst du, daß er dies über sich gebracht hätte, wenn ihn nicht ein Übermaß von Leidenschaft bedrängt hätte, oder meinst du, Gott, der Erhabene, würde ihm eine solche Haltung nicht anrechnen? Keineswegs! Dazu ist er zu edel und zu wissend.

[…]

Abuʾl-ʿAbbās al-Walīd ibn Ghānim erzählt, daß der Kalif ʿAbd ar-Rahmān ibn al-Hakam einmal anläßlich eines seiner Kriegszüge für etliche Monate von dannen zog und seinem Sohne Muhammad, der nach ihm das Kalifat bekleidete, den Zutritt zum Schlosse verbot. Er bestimmte die Dachterrasse als seinen Aufenthaltsort, ließ ihn dort übernachten und auch tagsüber wohnen und erlaubte ihm durchaus nicht, das Dach zu verlassen. Jede Nacht gab er ihm einen Wesir und einen Offizier bei, die mit ihm auf dem Dach übernachten sollten. Abuʾl-ʿAbbās sagte: „In dieser Weise verbrachte er geraume Zeit, und er, der schon etwa zwanzig Jahre alt war, hatte seine Angehörigen lange nicht gesehen, bis gleichzeitig, als ich einmal meinen Nachtdienst bei ihm hatte, ein Offizier an der Reihe war, der noch jung war und ein sehr schönes Antlitz hatte. Ich sprach zu mir: ‚Ich befürchte, daß Muhammad ibn ʿAbd ar-Rahmān heute nacht dadurch ins Verderben gestürzt wird, daß ihn die Sünde anficht, der Satan ihm seine Trugbilder vorgaukelt und er ihm Folge leistet.‘ Dann nahm ich mein Bett an die äußere Seite des Daches. Muhammads Platz befand sich indessen an der inneren Seite, von der man auf den Harem des Kalifen hinuntersehen konnte, während der des Offiziers am anderen, in der Nähe des Aufgangs befindlichen Ende war. Ich beobachtete ihn nun aufmerksam die ganze Zeit, während er glaubte, daß ich bereits eingeschlafen sei, und nicht merkte, daß ich ihm zusah. Als ein Teil der Nacht verstrichen war, sah ich, daß er sich erhoben hatte und eine kleine Weile aufrecht sitzen blieb. Dann betete er um Schutz vor dem Teufel und legte sich wieder auf sein Lager. Nach einiger Zeit erhob er sich wieder, zog sein Hemd über und setzte sich sprungbereit hin. Dann zog er es wieder aus und legte sich abermals zu Bett, bis er sich zum dritten Mal erhob, sein Hemd anzog, die Füße aus dem Bett heraushängen ließ und eine Zeitlang in dieser Lage verharrte. Darauf rief er den Offizier beim Namen. Als er ihm antwortete, sagte er ihm: ‚Gehe vom Dach hinunter und bleibe auf der darunter befindlichen Vormauer!‘ Gehorsam seinem Befehl erhob sich der Offizier. Als er hinuntergegangen war, stand Muhammad auf, schloß die Tür von innen zu und ging wieder ins Bett. Von jener Zeit an wußte ich, daß Gott es gut mit ihm meinte.‟

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.