Zur Vertiefung siehe den Essay “Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World”. Eine Kritik des auf diesem Essay basierenden Buchs, Desiring Arabs, findet sich auf den Seiten der Feminist Review. Nachfolgend ein Gespräch mit dem Autor Joseph Massad. Interview: Ernesto Pagano. Unautorisierte Übersetzung: /me.
Homosexuelle in der arabischen Welt? Sie wurden vom Westen „erfunden“. In seinem Buch Desiring Arabs versucht Joseph Massad, ein Jordanier palästinensischer Herkunft und Assoziierter Professor an der Columbia-Universität, dem Prozess nachzugehen, durch den die in den USA entstandene Schwulenbewegung in einer homosexuellen Identität resultierte und sich mühte, sie jenen Arabern aufzudrängen, die Beziehungen mit Personen ihres eigenen Geschlechts unterhalten. Ein Prozess, der laut Massad den Geleisen des westlichen Imperialismus folgt. [...]
Kann man denn sagen, dass Homosexuelle in der islamisch-arabischen Welt vor der Formierung einer Schwulenbewegung nicht existierten?
Wir können sagen, dass Homosexuelle in Europa nicht existierten, bevor die medizinischen und juristischen Diskurse der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sie als Subjekte ärztlicher und rechtlicher Interventionen erfanden und bevor das Kapital Produktionsverhältnisse schuf, die die Entwicklung neuer Siedlungs- und Wanderungsaktivitäten ermöglichten sowie neuer Verwandtschaftskonfigurationen innerhalb und außerhalb der biologischen Kernfamilie – Veränderungen, die zur Entstehung von Formen sexueller Intimität führten, die mit Identität und Gemeinschaft verbunden waren.Wie passt die Schwulenbewegung in dieses Bild?
Die Schwulenbewegung hauptsächlich US-amerikanischer Provenienz, von der westeuropäische Bewegungen lediglich subsidiäre Kopien sind und die als eine Bewegung zu verstehen ist, die die weitere Institutionalisierung von schwulen und lesbischen Identitäten und Rechten anstrebt, trat als Resultat eines Jahrhunderts in Erscheinung, in dem sich Sexualität in einem umfassenderen Sinn als eine bedeutende Achse konstituierte, durch welche die Gesellschaft (als heterosexuell) normalisiert werden konnte, was im Gegenzug einen abweichenden Anderen (den Homosexuellen) notwendig machte.Was geschah stattdessen in anderen Gesellschaften?
Außerhalb der Vereinigten Staaten und Westeuropas ereigneten sich eine solche Entwicklung in Medizin und Recht nicht. Während verschiedene Gesellschaften über verschiedene Formen sozialer (und manchmal juristischer) Sanktionen verfügten, um sexuelle Praktiken zu bestrafen, die aus dem Bereich des sozial Akzeptablen herausfielen, identifizierten sie die Urheber dieser Handlungen doch niemals mit dem Akt selbst noch schlossen sich die Ausübenden in sozialen Gruppen zusammen, die sich auf der Basis ihrer sexuellen Handlungen identifiziert hätten.Wie kamen diese beiden Universen miteinander in Kontakt?
Das koloniale und globalisierte Kapital hat, während es neue Formen sexueller Intimität und neue sexuelle Identitäten quer über dem gesamten Globus generierte, sie nicht immer in der gleichen Weise hervorgebracht wie in den USA und Westeuropa.Das heißt?
Nicht in Weisen, die sich leichterdings auf der Karte des amerikanischen und westeuropäischen Homo-Hetero-Binarismus abbilden lassen. Desiring Arabs kartografiert die Art, in der Sozialdarwinismus, Kulturalismus, das Zivilisationsdenken, der Orientalismus, die westliche koloniale Medizin und das koloniale Recht arabische Intellektuelle seit dem 19. Jahrhundert darüber belehrten, wie sie über sexuelle Angelegenheiten und ihre Zentralität für das, was im Beharren Europas zivilisatorische Fragen waren, zu denken hätten. Das hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu wichtigen Debatten über die Verbindung zwischen sexuellen Praktiken und zivilisatorischen Errungenschaften geführt (etwas, das in westlichen Diskussionen über sexuelle Rechte noch immer virulent ist) und wurde in den 1980er Jahren zu größeren ideologischen und politischen Einsätzen transformiert, die in die Frage sexueller Identität investiert werden. Das Ziel der amerikanischen und westeuropäischen schwulen Internationalisten ist es, eine Welt nach ihrem Bilde zu schaffen. Ihre leninistische Strategie besteht darin, die Avantgarde-Partei der Weltmassen zu sein, denen man selbst nicht zutrauen kann, die Institutionalisierung des Homo-Hetero-Binarismus ins Werk zu setzen, welcher Schwule und Lesben ebenso wie heterosexuelle Männer und Frauen erschaffen würde. Das ist der Grund, warum die euro-amerikanische Avantgarde „deren“ Kampf um Befreiung führt.Zusammengefasst, was ist die Differenz zwischen „westlicher“ Homosexualität und dem, was Sie in Ihrem Buch als die Praxis und das Begehren nach dem gleichen Geschlecht beschreiben?
Ganz einfach: das eine ist eine Identität, die soziale Gemeinschaft und politische Rechte erstrebt, während das andere eine von vielen Formen sexueller Intimität ist, die sich nach körperlichem Vergnügen sehnt.Bedeutet das, dass arabische „Homosexuelle“ kein Bedürfnis danach haben, sich über eine spezifische Identität zu definieren?
Westliche Anthropologen und Schwule Internationalisten sind betrübt, dass ihre eigene „Forschung“ sie zu dem Schluss geführt hat, dass die meisten arabischen (oder lateinamerikanischen, indischen, iranischen etc.) Männer, die sich an Sex mit Männern beteiligen, (und Frauen, die sich auf Sex mit Frauen einlassen, obwohl es in der Literatur an letzteren ein geringeres Interesse gibt) sich selbst auch nicht mehr als solche Männer, die Sex mit Frauen haben, gemäß ihren intimen Praktiken identifizieren oder benennen. Während es eine kleine Anzahl von verwestlichten Arabern aus der Oberschicht und oberen Mittelschicht gibt, die sich von der schwulen Identität und ihrem amerikanischen Beispiel verführen lassen, sind sie doch weder repräsentativ für die Mehrheit von Männern und Frauen, die an gleichgeschlechtlichen Praktiken teilhaben, sich aber nicht in Übereinstimmung mit diesen Praktiken identifizieren, noch können sie für diese sprechen.Was denken Sie von den schwulen Organisationen, die direkt in arabischen Ländern gegründet werden, wie z.B. Helem im Libanon?
Helem ist eine Organisation, die von einer kleiner Minderheit von Individuen gegründet wurde, die sich in die westliche Schwulenbewegung assimilieren wollen. Von Schwulen Internationalisten werden sie oft als lokales Beispiel für eine schwule Identität angeführt. Abgesehen vom Einfluss und der aktiven Teilnahme von Nicht-Libanesen an der Gründung der Organisation, repräsentiert Helem nur seine eigenen Mitglieder und kann nur für diese sprechen. Laut dem Sprecher von Helem, Sharbil Mayda’, hat die Organisation lediglich 40 Mitglieder, von denen sich nur 30 als homosexuell identifizieren, und das in einem Land mit vier Millionen Menschen und einer Region mit 300 Millionen Arabern. Es handelt sich wohl kaum um eine größere Entwicklung in Richtung einer Veränderung der sexuellen Konzeptionen von Identität.Welchen Effekt haben diese schwulen Organisationen auf die arabische Gesellschaft?
Im Hinblick auf internationale Organisationen mit Basis in den USA und Europa ist ihr Effekt wesentlich der gewesen, zu Diskursen über Sexualität in arabischen Gesellschaften anzureizen und für sich in Anspruch zu nehmen, diese Gesellschaften dazu zu bringen, die Rechte ihrer homosexuellen Bevölkerungsteile zu schützen – Bevölkerungsteile, welche von diesen internationalen Organisationen selbst geschaffen werden. Was ich meine, ist, dass diese Gruppen im Namen internationaler Solidarität in arabische Länder kommen (wie sie es auch in Afrika, Osteuropa, Lateinamerika, Indien usw. tun) und darauf bestehen, diese „lokalen Schwulengruppen“ zu repräsentieren, sie zu belehren und ihren Kampf für sie zu führen. Das ist eine seltsame Form von Solidarität. Die internationale Solidarität mit den Palästinensern zum Beispiel bürdet ihnen keine palästinensische Identität auf; eher im Gegenteil sind es die Palästinenser selbst, die sich als palästinensisch identifizieren, und die internationale Solidarität unterstützt sie in ihrer gewählten Identität. Es sind überdies die Palästinenser, die internationale Gruppen einladen und dazu aufrufen, solidarisch mit ihnen zu sein, und nicht andersherum, wie im Fall der Schwulen Internationale, die sich selbst einlädt, im Namen von nicht-existierenden Gruppen zu sprechen, deren Identität sie zu definieren und zu verteidigen beharrt. Und nicht nur nimmt sich die internationale Solidarität mit den Palästinensern diese zum Vorbild, was das Eintreten für ihre Rechte angeht, sondern lernt von ihnen auch, welche Formen der Solidarität am wirkungsvollsten sind. Die Schwule Internationale dagegen weigert sich nicht bloß, von den Gruppen zu lernen, die sie zu verteidigen behauptet, sondern will sie auch und anstattdessen UNTERRICHTEN. Natürlich ist das keine internationale Solidarität, sondern ein imperialistisches Projekt, nicht unähnlich vielen anderen, mit denen wir alle gut vertraut sind.Wie haben diese schwulen Organisationen auf Ihre Kritik reagiert?
Einige Sprecher_innen der Schwulen Internationalen waren/sind entsetzt von meinen Kritiken und wollen allen Ernstes behaupten, dass jede Kritik ihrer Bemühungen ein Zeichen von Homophobie sei. Sie ähneln dabei rassistischen weißen Frauen, die die Frauen von Afghanistan durch den US-Imperialismus verteidigen möchten oder die das Wesen der Schwierigkeiten, denen Frauen in verschiedenen nicht-US-amerikanischen und nicht-europäischen Gesellschaften ausgesetzt sind, in Übereinstimmung mit den Prioritäten ihres Segments der weißen Frauenbewegung definieren wollen. Diese Gruppen weißer Frauen bestanden ebenfalls darauf, dass jeder, der sie kritisiert, gegen Frauen oder antifeministisch sein müsse. Dritte-Welt-Feministinnen haben solche rassistischen Ansätze seit den 1960er Jahren kontinuierlich attackiert und tun das auch heute noch.Was ist mit schwulen Organisationen?
Das Problem mit Organisationen der weißen Schwulen Internationale ist, dass sie, anders als die Weiße Frauenbewegung, die für Frauen in aller Welt sprechen will, kein natürliches Repräsentationsobjekt über dem gesamten Globus vorfinden – von Menschen, die sich wie sie identifizieren würden –, weshalb sie ein solches Objekt gleichsam erschaffen müssen, indem sie darauf beharren, dass alle, die gleichgeschlechlichen Sex haben, in eine schwule Identität zu assimilieren seien. Was für sie dann das Repräsentationsobjekt hervorbringen würde, das sie für ihr universalisierendes Projekt benötigen.Gibt es arabische Homosexuelle, die Ihre Theorien unterstützen?
Was ich anbiete, ist eine Kritik und nicht eine „Theorie“ als solche. Anders als die Schwule Internationale repräsentiere ich keine Bewegung oder Gruppe oder Organisation oder Kultur noch hält meine Kritik nach einer repräsentierbaren Gemeinschaft Ausschau. Während ich mich dem Ansatz der Schwulen Internationale widersetze, weil er behauptet, für nicht-existierende Gruppen und Bewegungen zu sprechen und sie zu vertreten, liegt das Problem, das ich mit ihnen habe, doch gleichwohl nicht in der Frage des zu repräsentierenden Objekts, sondern in der epistemischen und physischen Gewalt, die sie anderen Völkern und Gesellschaften anzutun beharren im Zeichen der Befreiung und im Zeichen der Reproduktion einer Welt nach ihrem Bilde.Edward Said, Autor von Orientalism, war einer ihrer Lehrer. Was dachte er über Desiring Arabs?
Wie ich in Desiring Arabs erwähne, hielt Edward große Stücke auf das Buch und wollte es in der von ihm herausgegebenen Reihe publizieren. Er hat drei Buchkapitel gelesen, bevor er im September 2003 verstarb. Das Buch wurde 2007 veröffentlicht.






















Das sehen US-Evangelikale und PI-Kommentatoren auch so. Bei aller Sympathie für das dahinter stehende, antikoloniale Anliegen und die auf Foucault fußenden Kategorien: So wird das auch nix mit der Emanzipation. Das ist wie bei dem “Homonationlismus”-Thema: Die Intuition ist richtig, die Durchführung ein Desaster. Man muss auf die Bezüge zur Heteronormativität abzielen, was ja im Interview auch geschieht; diese Denkfiguren, die imperialischte Unterjochung durch die Schwulenverbände bei einer konzeptionellen Eigentlichkeit, die daurch zerstört würde, würde auch Ratzinger Jubel entlocken und karrikiert Foucault nur, der ja wusste dass auch die Produkte des 19. Jahrunderts eben unsere Realität sind und nicht irgendwelche wegzutheoretisierenden Konstrukte unter dem Banner des Posivitismus. Das ist dann eben doch der Diskurs “Homosexualität ist unjamaikanisch, unugandisch, unarabisch”, und das im generalisierten Sinne, nicht in dem, das Einsichten Foucaults folgen würde. Da ist es etwas naiv, zu glauben, durch “positivistische” Selbstauslöschung würde irgendeine Freiheit entstehen. Diese Fixierung auf die Schwulenverbände ist eh schon völliger Humbug angesichts dessen, was Heten so alles treiben, um diese zu disziplinieren – drischt man dann auf die “leninistische Avantgarde der schwulen Internationalen” ein, ist ja sogar terminologisch klar, worauf das abzielt.
Nee, sorry, Rhizom, bei aller Bewunderung für Deine Arbeit: Da verrennst Du Dich.
Wieso ich? Hab ich diese Interviewfragen beantwortet? Oder hab ich nicht extra ‘ne einleitende Kritik verfasst? Warum eigentlich, wenn selbst jemand wie du nicht in der Lage ist, das als textkritischen Kommentar für die Lektüre dieses Interviews heranzuziehen? Beide Punkte, die du kritisierst, sind in meiner Einleitung und der von mir nicht umsonst vorangestellten Kritik der Feminist Review, bereits vollständig enthalten. Ich zitiere aus letzterer:
Allerdings komm ich nicht umhin, auch bei dir ein paar problematische Fiktionen festzustellen: Der Homo-Hetero-Binarismus – kurz: das, was du als “die Produkte des 19. Jahrhunderts” bezeichnest – ist DEINE Realität. Das Problem beginnt, wenn du deine Realität umstandslos zum Maßstab für die Schwierigkeiten machst, denen Leute im globalen Süden ausgesetzt sind. Vielleicht ist z.B. eine Debatte über die “Homo-Ehe” und den “Schutz der sexuellen Identität” in Afghanistan oder Uganda (bei aller Unterschiedlichkeit dieser beiden Länder) gerade nicht besonders hilfreich? Vielleicht ist der Versuch, DEINE politischen Prioritäten auf den Nahen Osten oder das subsaharische Afrika zu übertragen, im Endeffekt doch etwas fataler als Massads auf einer falschen Intaktheitsphantasie beruhender Wunsch, den Nahen Osten vor den identitären Diskursen der “Schwulen Internationale” zu schützen?
Dabei zeigt Massad in “Re-Orienting Desire” an einem schönen Beispiel, wie die Effekte dieser Diskurse in Ägypten aussehen – wenn etwa die International Lesbian and Gay Association (ILGA), sprachlich ganz korrekt, mit: “die Internationale der Anormalen” ins moderne Hocharabisch übersetzt wird – und also nichts weiter tut und bewirkt, als zu einem Diskurs über “sexuelle Abartigkeit” in Ägypten anzureizen.
Aber nur ja keine Kritik an schwulen Verbänden und Organisationen! Lasst sie doch weiter toben wie ein Elefant im Porzellanladen, wenn sie mit ihrer desaströsen Strategie Menschen im globalen Süden gefährden und selbst auf Kritik vor Ort und die explizite Bitte, doch endlich das Maul zu halten, in keiner Weise reagieren.
Man muss sich mal vorstellen, was es bedeutet, wenn sogar afrikanische LGBTI-Aktivist_innen, die doch eigentlich schon im selben bescheuerten Identitätsdiskurs schwimmen, sich gleichwohl genötigt sehen, öffentliche Warnungen vor dem Treiben westlicher Schwulenverbände zu verbreiten. So völlig harm- und bedeutungslos, wie du sie konstruierst, können die Aktivitäten der “Internationale der Anormalen” dann ja wohl nicht sein:
Nee, Rhizom, das ist zu simpel. Ich habe mich zum Nahen Osten oder sonstigen Weltregionen am Rande geäußert,Uganda z.B., weil da groteskerweise ausgerechnet US-Evangelikale den Leuten einreden,die Zurückweisung des Konzeptes Homosexualität sei antikolonial und deshalb die Todesstrafe für gleichgeschlechtliche Praktiken fordern. Und zu erwähnen ist, das die vermeintliche Weltmacht der Schwulenverbände weder den Irak verwüstet noch Afghanistan besetzt hat, das waren schon noch andere.
Ich fand zum Beispiel die Zurückweisung des Preises durch Butler inclusive Begründung prima. Ich war begeistert. Das ist mirauch zu blöd, jetzt in jedem Kommentar wieder irgendwelche Vorlieben Schwulenverbände angedichtet zu bekommen, die gehen mir maßlos auf den Geist. Ich weiß nicht, was Menschen im Iran oder sonstwo für Wege für sich wollen, es sei ihnen jeder gegönnt und sie seien dabei unterstützt.
Das wird nur trotz Versuchen der theoretischen Selbstauslöschung nichts daran ändern, dass Du als weißer Mann in Berlin sitzt, wie ich nicht umhin kannst, Dich irgendwie zu der zu kritisierenden, binären Konzeption zu verhalten und Dich das geprägt hat und Du in diesem Sinne gesellschaftlicherAkteur bist. Wenn Du dann vermeintlich textkritisch Resistenzen des “schwarzen Subproletariats in den USA gegen die identitäre Variante” anführst, ist das einem meines Wissens einfach falsch, wenn man sich z.B. die Geschichte von “Disco” anguckt, und zum zweiten nicht weit weg von einem Modell rassifizierter Homophobie, dass die schwuleSzene nunwirklich verseucht hat bis ins Fürchterlichste. Nur dass dahinter eben Daniel Pipes steckt. Das ist ja gepenstisch, wie sich dieser Typ oben an ein Weltbild assimiliert hat, nur eben negativ, das die verbreiten, die ihn per Campus-Watch jagen.
Die Rolle dieser armseligen LSVD-Figuren wird da einfach maßlos überschätzt. Das sind nützliche Idioten für ganz andere Kräfte, nicht weltgeschichtliche Akteure.
Entschuldige, aber was du betreibst, ist die altbekannte Polemik der Essentialisten gegen die Konstruktivisten: Jeder, der ihre Behauptung ablehne, dass “Homosexualität” die deviante Veranlagung einer biologischen Minderheit sei, stecke mit den Evangelikalen unter einer Decke, die Homosexualität als “life style choice” betrachteten und an ihrer sozialen Auslöschung arbeiteten. So als wäre etwas derartiges überhaupt möglich: die Auslöschung gleichgeschlechtlicher Lust! Als würden nicht gerade die Evangelikalen selbst ständig – und weit mehr als alle Liberalen – von gleichgeschlechtlichen Sexskandalen heimgesucht!
Ich plane übrigens einen Artikel zu genau diesem Thema: dem merkwürdigen double bind, der zwischen den christlichen Evangelikalen und dem reaktiven Biologismus der amerikanischen Schwulenbewegung besteht. Und der letzte Satz steht auch schon fest: “Es ist eine Ironie, dass ausgerechnet die Fundamentalisten in ihrer paranoiden Angst vor der sozialen Ausbreitung des homosexuellen Lasters negativ an der Idee der Universalität gleichgeschlechtlichen Begehrens festhalten, die von der Schwulenbewegung Tag für Tag verraten wird.”
Für Fundamentalisten ist gleichgeschlechtliche Lust auf dem freien Markt der Sexualitäten das verlockendere Angebot, eine Option, der gegenüber Heterosexualität auf Dauer nicht mithalten kann und daher als dem Wettbewerb entzogenes, vom Staat geschütztes Monopol aufgerichtet werden muss. Und ich weiß nicht, warum die Schwulenbewegung dieser amüsanten Idee mit der homophobsten Antwort begegnet, die man sich denken kann: “diese Menschen können ja nicht anders.”
Das ist ekelhaft! Und übrigens nichts als die Originalposition des Vatikans: “Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen.” (KKK)
Wenn man schon in diesem Register der gegenseitigen Denunziation bleiben möchte: Stecken die Konstruktivisten mit den Evangelikalen unter einer Decke, dann die Schwulenbewegung mit dem Vatikan und dem “Katechismus der katholischen Kirche”.
Ich vertete keine Essentialismen, eher Interaktionsmodelle mit gesellschaftlichen Mustern, und ich halte es für sinnvoll, im Großen sich lieber auf die zu konzentrieren, die heteronormative Modelle höchstaggressiv durchsetzen und hinzuschauen und wie sie die bauen. In westlichen so called Gay Communities halte ich es für völlig richtig, z.B. den LSVD für seine Verbürgerlichungsschemata und Bündnisse mit Rassisten anzugehen. Da ist das oben ein etwas naiver Weg, der sich lediglich die leichtesten Gegner sucht. Die richtigen stehen aber woanders, und denen ist es schnurz, ob Du Dich nun binär, identitär oder kreuzundquer verstehst.
Ach komm, als ob nicht gerade die Evangelikalen die leichteste Beute überhaupt wären!
(Sorry, I write better in English, although I do read German):
Dixit Massad: ‘Wir können sagen, dass Homosexuelle in Europa nicht existierten, bevor die medizinischen und juristischen Diskurse der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sie als Subjekte ärztlicher und rechtlicher Interventionen erfanden und bevor das Kapital Produktionsverhältnisse schuf, die die Entwicklung neuer Siedlungs- und Wanderungsaktivitäten ermöglichten sowie neuer Verwandtschaftskonfigurationen innerhalb und außerhalb der biologischen Kernfamilie – Veränderungen, die zur Entstehung von Formen sexueller Intimität führten, die mit Identität und Gemeinschaft verbunden waren.’
This is quite simply recycled Foucault, filtered through the queer theory of 20 years ago (Judith Butler). Foucault was of course an important thinker, but that doesn’t mean that we need to take he said more than thirty years ago on faith (historians certainly don’t); moreover Butler has moved on since *Gender Trouble* Otherwise, there are several problems: (1) the assumption there are no concepts (e.g. ‘homosexuality’) without words (much more recent work in concept-formation, e.g. Susan Carey [2009]) shows this assumption to be exceedingly problematic; (2) there has been a considerable amount of work on the biology of homosexuality in the last quarter century, which tends to infirm the assumption that homosexuality is a social or linguistic construction, or a matter of ‘performance’. What enormous condescension to people in the Middle East to assume that if they define their sexuality as homosexual, they are the dupes of imperialism who need to be saved by Massad’s theoretical intervention.
Oh, are you really going to tell Massad, a Palestinian born in Jordan, that what he says is actually condescending to himself? That really sounds weird and reminds of that sort of benevolent imperialism that Massad is talking about.
It’s true that historians like Alan Bray and Randolph Trumbach have predated the rise of the concept of “homosexuality” to the years around 1700 and have taken a maybe less idealistic view as to the reasons why this concept came into being. (And so did Foucault himself on other occasions.) But does this really change the argument? I don’t think so.
However, what I really don’t get is what Judith Butler has to do with it. She’s neither a historian nor a critic of gay identity poltics (though in “Gender Trouble” she is a critic of feminist identity politics and you could re-apply her argument against her will, which is quite a funny enterprise). But no, she doesn’t really matter to this discussion. Nor does “Queer Theory”. And Massad has never made any reference to either Butler or Queer Theory at all.
PS: Please excuse my clumsy English!
Thanks for your message. Judith Butler matters because the basic assumption behind the critique of applying the word ‘homosexuality’ to cultures in the past and to contemporary non-Western cultures (i.e. that ‘homosexuality’ in a culture depends on a word for ‘homosexuality’ in a language) is Foucauldian but was massively popularised by Butler’s work and by strands of queer theory that make homosexuality ‘discursive’. This is the idea (that concepts necessarily depend on words) that is old-fashioned and cannot be taken on faith.
There is a discussion of Judith Butler on pp. 39-41 of *Desiring Arabs*, for example.
As for condescension, yes, I think that a Jordanian can condescend to Jordanians, just as a member of any nationality can condescend to his or her co-nationals. It happens all the time.
Sorry not to write in German. Peace.
I can’t remember Judith Butler having ever talked about the historicity of “homosexualiy”. I don’t know a single passage from her that addresses this question. Nor has Foucault been the first to make that point. Take Mary McIntosh’s ground-breaking essay “The homosexual role” from 1968, eight years ahead of Foucault’s History of Sexuality. McIntosh is not a postmodernist, she’s not concerned with the philosophy of language, and she doesn’t care when the word “homosexuality” came into being. But she shows, by applying “labeling theory” on historical and contemporary sources, that the concept of being a homosexual is a “mechanism of social control” that keeps society “clean” from the very minority it thereby constructs.
You are a bit too much into “Geniekult” (the cult of genius). We don’t need Foucault for this new historical insight. Not only that anybody could have reached it, but also that it has been reached before by someone like McIntosh without anything resembling “French philosophy.” For it is a matter of historical fact and not of theoretical premisses, like the question if the apple falls down to the earth or up to the sky. So let’s stop talking about “ideas,” because those are nothing but heuristic instruments, whereas we are talking about disprovable assertions on reality. I’m not a postmodernist and I will not allow you to put me in a philosophical corner, just because the postmodern chicken has found the same corn (and may explain it differently within its scope of ideas). You see I really resent your attempt to put a fact in a methodological basket – assuming that the fact disappears when you strangle the observer. And it is unfair to ascribe to Judith Butler something that she has nothing to do with, like the ample scholarship on the history of homosexuality – something that she has never ever touched in her writings.
When Alan Bray published his milestone book Homosexuality in Renaissance England in 1982, which elicited a wave of “constructionist” literature on homosexuality that continues to this day, it is true that he referenced Foucault in his bibliography, but you wouldn’t know it from the text, because he actually built his argument around McIntosh and not Foucault. He didn’t think that invention of the word “homosexuality” made homosexuals come into being, because he knew quite well that “mollies” already existed in the 1720′s. Instead he asked: what gave rise to the molly subculture in London that McIntosh described and why was the birth of this persecuted minority a radical break from earlier modes of “homosexual practice,” as McIntosh asserted. He even got back to this 25 years later when he wrote his second important book called The friend – a meticulous study about the vanishing of intimate forms of friendship within capitalist modernity by looking at tombstones, popular ballads, church rituals, architecture, and familiar letters.
There are other historians to be mentioned like the Marxist criminologist David Greenberg with his essay “Capitalism, bureaucracy, and male homosexuality” (together with Marcia Bystryn), who then, in 1990, published his giant volume The Construction of Homosexuality, a universal history that splits in two parts: “Before Homosexuality” (the time before 1700 A.D.) and “The Construction of Modern Homosexuality” (the time after).
These historians were hardly influenced by Foucault (though others, like Jon Katz, were). They didn’t apply Foucauldian terms like “discourse” and would have written very much the same sort of stuff without him. They didn’t adhere to something like “poststructuralism,” they just ignored and maybe even secretly despised it, though nobody knows, because like most historians they don’t have chapters on their philosophical beliefs. (Actually, Greenberg is a Marxist, and Bray was a left-wing Catholic scornful of bourgeois society, but certainly none of them “queer postmodernists” like Jon Katz or David Halperin.)
That is, you simply overestimate the meaning of Foucault and still more so that of Butler for gay constructionist historiography. If the former is dispensible at least for some scholars, the latter hasn’t even made an imprint on the history of homosexuality, though maybe someone in the future might avail himself of the concept of “interpellation” that she has introduced from French Marxism to constructionist thought. But I don’t know one historical work that has made use of it yet.
It’s true that historical literature now increasingly becomes “poststructuralized.” That means, sociological explanations give way to explanations that remain in the field of discourse, language, and symbolic culture. It’s a fashion that, as a Marxist, I sincerely regret. But look closely at Joseph Massad. He is still refering to factors like capital accumulation, the relations of production, urbanization and so on. So your criticism that he is a “linguistic determinist” like Butler doesn’t really hit the point.
I’ve just looked it up and it’s a criticism of Judith Butler’s writings on human rights. The very point of criticism is that she misses the historicity of gay and lesbian subjects. And that’s exactly what I said.
Massad doesn’t draw on Butler, and actually no historian with like interests does, because there is simply nothing relevant to draw upon in her work concerning the history of sexuality. It’s just not her cup of tea. She is even a staunch defender of gay identity politics, which is especially funny given her criticism of feminist identity politics.
People always believe that if you write about the construction of gender then everything is said on the construction of “homosexuality” as well. That really starts to piss me off. You can’t deduce the homo/hetero binary from the gender binary. It’s a completely different story. That only makes sense from the utopian standpoint of a complete erasure of all gender categories. But that’s not the standpoint of a historian. And if that is a reasonable political standpoint for the struggle against homophobia, is very doubtful, too.
That really goes so far that when people talk of heteronormativity they actually talk of gender and not of heteronormativity. When they talk of queer they talk of gender and not of queer. That’s not erasing gender (they talk of it all the time!), that’s erasing homophobia as an autonomous object of discussion. That’s why I’m not especially fond of Queer Theory.
I don’t think that Massad is condescending to his co-nationals. I rather think that you are trying to construct a fictitious Jordanian who you can speak for in order to evade Massad’s accusation of sustaining a civilisatory mission against the “Arab world”. But again, Massad is not the only one who has made this point. See the book hint in my sidebar!