Zur Vertiefung siehe den Essay “Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World”. Eine Kritik des auf diesem Essay basierenden Buchs, Desiring Arabs, findet sich auf den Seiten der Feminist Review. Nachfolgend ein Gespräch mit dem Autor Joseph Massad. Interview: Ernesto Pagano. Unautorisierte Übersetzung: /me.

Homosexuelle in der arabischen Welt? Sie wurden vom Westen „erfunden“. In seinem Buch Desiring Arabs versucht Joseph Massad, ein Jordanier palästinensischer Herkunft und Assoziierter Professor an der Columbia-Universität, dem Prozess nachzugehen, durch den die in den USA entstandene Schwulenbewegung in einer homosexuellen Identität resultierte und sich mühte, sie jenen Arabern aufzudrängen, die Beziehungen mit Personen ihres eigenen Geschlechts unterhalten. Ein Prozess, der laut Massad den Geleisen des westlichen Imperialismus folgt. […]

Kann man denn sagen, dass Homosexuelle in der islamisch-arabischen Welt vor der Formierung einer Schwulenbewegung nicht existierten?

Wir können sagen, dass Homosexuelle in Europa nicht existierten, bevor die medizinischen und juristischen Diskurse der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sie als Subjekte ärztlicher und rechtlicher Interventionen erfanden und bevor das Kapital Produktionsverhältnisse schuf, die die Entwicklung neuer Siedlungs- und Wanderungsaktivitäten ermöglichten sowie neuer Verwandtschaftskonfigurationen innerhalb und außerhalb der biologischen Kernfamilie – Veränderungen, die zur Entstehung von Formen sexueller Intimität führten, die mit Identität und Gemeinschaft verbunden waren.

Wie passt die Schwulenbewegung in dieses Bild?

Die Schwulenbewegung hauptsächlich US-amerikanischer Provenienz, von der westeuropäische Bewegungen lediglich subsidiäre Kopien sind und die als eine Bewegung zu verstehen ist, die die weitere Institutionalisierung von schwulen und lesbischen Identitäten und Rechten anstrebt, trat als Resultat eines Jahrhunderts in Erscheinung, in dem sich Sexualität in einem umfassenderen Sinn als eine bedeutende Achse konstituierte, durch welche die Gesellschaft (als heterosexuell) normalisiert werden konnte, was im Gegenzug einen abweichenden Anderen (den Homosexuellen) notwendig machte.

Was geschah stattdessen in anderen Gesellschaften?

Außerhalb der Vereinigten Staaten und Westeuropas ereigneten sich eine solche Entwicklung in Medizin und Recht nicht. Während verschiedene Gesellschaften über verschiedene Formen sozialer (und manchmal juristischer) Sanktionen verfügten, um sexuelle Praktiken zu bestrafen, die aus dem Bereich des sozial Akzeptablen herausfielen, identifizierten sie die Urheber dieser Handlungen doch niemals mit dem Akt selbst noch schlossen sich die Ausübenden in sozialen Gruppen zusammen, die sich auf der Basis ihrer sexuellen Handlungen identifiziert hätten.

Wie kamen diese beiden Universen miteinander in Kontakt?

Das koloniale und globalisierte Kapital hat, während es neue Formen sexueller Intimität und neue sexuelle Identitäten quer über dem gesamten Globus generierte, sie nicht immer in der gleichen Weise hervorgebracht wie in den USA und Westeuropa.

Das heißt?
Nicht in Weisen, die sich leichterdings auf der Karte des amerikanischen und westeuropäischen Homo-Hetero-Binarismus abbilden lassen. Desiring Arabs kartografiert die Art, in der Sozialdarwinismus, Kulturalismus, das Zivilisationsdenken, der Orientalismus, die westliche koloniale Medizin und das koloniale Recht arabische Intellektuelle seit dem 19. Jahrhundert darüber belehrten, wie sie über sexuelle Angelegenheiten und ihre Zentralität für das, was im Beharren Europas zivilisatorische Fragen waren, zu denken hätten. Das hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu wichtigen Debatten über die Verbindung zwischen sexuellen Praktiken und zivilisatorischen Errungenschaften geführt (etwas, das in westlichen Diskussionen über sexuelle Rechte noch immer virulent ist) und wurde in den 1980er Jahren zu größeren ideologischen und politischen Einsätzen transformiert, die in die Frage sexueller Identität investiert werden. Das Ziel der amerikanischen und westeuropäischen schwulen Internationalisten ist es, eine Welt nach ihrem Bilde zu schaffen. Ihre leninistische Strategie besteht darin, die Avantgarde-Partei der Weltmassen zu sein, denen man selbst nicht zutrauen kann, die Institutionalisierung des Homo-Hetero-Binarismus ins Werk zu setzen, welcher Schwule und Lesben ebenso wie heterosexuelle Männer und Frauen erschaffen würde. Das ist der Grund, warum die euro-amerikanische Avantgarde „deren“ Kampf um Befreiung führt.


Zusammengefasst, was ist die Differenz zwischen „westlicher“ Homosexualität und dem, was Sie in Ihrem Buch als die Praxis und das Begehren nach dem gleichen Geschlecht beschreiben?

Ganz einfach: das eine ist eine Identität, die soziale Gemeinschaft und politische Rechte erstrebt, während das andere eine von vielen Formen sexueller Intimität ist, die sich nach körperlichem Vergnügen sehnt.

Bedeutet das, dass arabische „Homosexuelle“ kein Bedürfnis danach haben, sich über eine spezifische Identität zu definieren?

Westliche Anthropologen und Schwule Internationalisten sind betrübt, dass ihre eigene „Forschung“ sie zu dem Schluss geführt hat, dass die meisten arabischen (oder lateinamerikanischen, indischen, iranischen etc.) Männer, die sich an Sex mit Männern beteiligen, (und Frauen, die sich auf Sex mit Frauen einlassen, obwohl es in der Literatur an letzteren ein geringeres Interesse gibt) sich selbst auch nicht mehr als solche Männer, die Sex mit Frauen haben, gemäß ihren intimen Praktiken identifizieren oder benennen. Während es eine kleine Anzahl von verwestlichten Arabern aus der Oberschicht und oberen Mittelschicht gibt, die sich von der schwulen Identität und ihrem amerikanischen Beispiel verführen lassen, sind sie doch weder repräsentativ für die Mehrheit von Männern und Frauen, die an gleichgeschlechtlichen Praktiken teilhaben, sich aber nicht in Übereinstimmung mit diesen Praktiken identifizieren, noch können sie für diese sprechen.

Was denken Sie von den schwulen Organisationen, die direkt in arabischen Ländern gegründet werden, wie z.B. Helem im Libanon?

Helem ist eine Organisation, die von einer kleiner Minderheit von Individuen gegründet wurde, die sich in die westliche Schwulenbewegung assimilieren wollen. Von Schwulen Internationalisten werden sie oft als lokales Beispiel für eine schwule Identität angeführt. Abgesehen vom Einfluss und der aktiven Teilnahme von Nicht-Libanesen an der Gründung der Organisation, repräsentiert Helem nur seine eigenen Mitglieder und kann nur für diese sprechen. Laut dem Sprecher von Helem, Sharbil Mayda’, hat die Organisation lediglich 40 Mitglieder, von denen sich nur 30 als homosexuell identifizieren, und das in einem Land mit vier Millionen Menschen und einer Region mit 300 Millionen Arabern. Es handelt sich wohl kaum um eine größere Entwicklung in Richtung einer Veränderung der sexuellen Konzeptionen von Identität.

Welchen Effekt haben diese schwulen Organisationen auf die arabische Gesellschaft?

Im Hinblick auf internationale Organisationen mit Basis in den USA und Europa ist ihr Effekt wesentlich der gewesen, zu Diskursen über Sexualität in arabischen Gesellschaften anzureizen und für sich in Anspruch zu nehmen, diese Gesellschaften dazu zu bringen, die Rechte ihrer homosexuellen Bevölkerungsteile zu schützen – Bevölkerungsteile, welche von diesen internationalen Organisationen selbst geschaffen werden. Was ich meine, ist, dass diese Gruppen im Namen internationaler Solidarität in arabische Länder kommen (wie sie es auch in Afrika, Osteuropa, Lateinamerika, Indien usw. tun) und darauf bestehen, diese „lokalen Schwulengruppen“ zu repräsentieren, sie zu belehren und ihren Kampf für sie zu führen. Das ist eine seltsame Form von Solidarität. Die internationale Solidarität mit den Palästinensern zum Beispiel bürdet ihnen keine palästinensische Identität auf; eher im Gegenteil sind es die Palästinenser selbst, die sich als palästinensisch identifizieren, und die internationale Solidarität unterstützt sie in ihrer gewählten Identität. Es sind überdies die Palästinenser, die internationale Gruppen einladen und dazu aufrufen, solidarisch mit ihnen zu sein, und nicht andersherum, wie im Fall der Schwulen Internationale, die sich selbst einlädt, im Namen von nicht-existierenden Gruppen zu sprechen, deren Identität sie zu definieren und zu verteidigen beharrt. Und nicht nur nimmt sich die internationale Solidarität mit den Palästinensern diese zum Vorbild, was das Eintreten für ihre Rechte angeht, sondern lernt von ihnen auch, welche Formen der Solidarität am wirkungsvollsten sind. Die Schwule Internationale dagegen weigert sich nicht bloß, von den Gruppen zu lernen, die sie zu verteidigen behauptet, sondern will sie auch und anstattdessen UNTERRICHTEN. Natürlich ist das keine internationale Solidarität, sondern ein imperialistisches Projekt, nicht unähnlich vielen anderen, mit denen wir alle gut vertraut sind.

Wie haben diese schwulen Organisationen auf Ihre Kritik reagiert?
Einige Sprecher_innen der Schwulen Internationalen waren/sind entsetzt von meinen Kritiken und wollen allen Ernstes behaupten, dass jede Kritik ihrer Bemühungen ein Zeichen von Homophobie sei. Sie ähneln dabei rassistischen weißen Frauen, die die Frauen von Afghanistan durch den US-Imperialismus verteidigen möchten oder die das Wesen der Schwierigkeiten, denen Frauen in verschiedenen nicht-US-amerikanischen und nicht-europäischen Gesellschaften ausgesetzt sind, in Übereinstimmung mit den Prioritäten ihres Segments der weißen Frauenbewegung definieren wollen. Diese Gruppen weißer Frauen bestanden ebenfalls darauf, dass jeder, der sie kritisiert, gegen Frauen oder antifeministisch sein müsse. Dritte-Welt-Feministinnen haben solche rassistischen Ansätze seit den 1960er Jahren kontinuierlich attackiert und tun das auch heute noch.

Was ist mit schwulen Organisationen?

Das Problem mit Organisationen der weißen Schwulen Internationale ist, dass sie, anders als die Weiße Frauenbewegung, die für Frauen in aller Welt sprechen will, kein natürliches Repräsentationsobjekt über dem gesamten Globus vorfinden – von Menschen, die sich wie sie identifizieren würden –, weshalb sie ein solches Objekt gleichsam erschaffen müssen, indem sie darauf beharren, dass alle, die gleichgeschlechlichen Sex haben, in eine schwule Identität zu assimilieren seien. Was für sie dann das Repräsentationsobjekt hervorbringen würde, das sie für ihr universalisierendes Projekt benötigen.

Gibt es arabische Homosexuelle, die Ihre Theorien unterstützen?

Was ich anbiete, ist eine Kritik und nicht eine „Theorie“ als solche. Anders als die Schwule Internationale repräsentiere ich keine Bewegung oder Gruppe oder Organisation oder Kultur noch hält meine Kritik nach einer repräsentierbaren Gemeinschaft Ausschau. Während ich mich dem Ansatz der Schwulen Internationale widersetze, weil er behauptet, für nicht-existierende Gruppen und Bewegungen zu sprechen und sie zu vertreten, liegt das Problem, das ich mit ihnen habe, doch gleichwohl nicht in der Frage des zu repräsentierenden Objekts, sondern in der epistemischen und physischen Gewalt, die sie anderen Völkern und Gesellschaften anzutun beharren im Zeichen der Befreiung und im Zeichen der Reproduktion einer Welt nach ihrem Bilde.

Edward Said, Autor von Orientalism, war einer ihrer Lehrer. Was dachte er über Desiring Arabs?
Wie ich in Desiring Arabs erwähne, hielt Edward große Stücke auf das Buch und wollte es in der von ihm herausgegebenen Reihe publizieren. Er hat drei Buchkapitel gelesen, bevor er im September 2003 verstarb. Das Buch wurde 2007 veröffentlicht.