Seit einigen Jahren befindet sich eine Reihe neurechter Publizisten auf dem Kreuzzug gegen Joseph Massad, der an der New Yorker Columbia-Universität moderne arabische Politik und Geistesgeschichte lehrt und mit Colonial Effects (2001), The Persistence of the Palestinian Question (2006) und Desiring Arabs (2007) bereits drei Bücher zu postkolonialen Themen veröffentlichte. Der Versuch, seine Festanstellung (tenure) als Assistenzprofessor zu hintertreiben, etwa durch die bellizistische Watchdog-Organisation „Scholars for Peace in the Middle East“ (der u.a. auch Matthias Küntzel angehört), erwies sich am Ende jedoch als folgenlos. Die Universität ließ sich durch den Druck der Neokonservativen nicht korrumpieren.

Der Hauptgrund für die Opposition gegen den in Jordanien geborenen Politikwissenschaftler ist recht unzweifelhaft seine christlich-palästinensische Herkunft und seine damit in Verbindung stehende Kritik am Zionismus, die ihm – wie üblich – den Vorwurf des „neuen Antisemitismus“ eingetragen hat. Als letzter Auslöser der Kampagne gegen Massad erwies sich jedoch sein Aufsehen erregender Essay „Re-Orienting Desire: The Gay International and the Arab World“ (Public Culture, 14/2002), der dem Autor sogar ein eigenes Dossier auf Daniel Pipes berüchtigter Denunzianten-Seite Campus Watch bescherte. Und eine kleine Gruppe beflissener Neocon-Imitatoren aus Österreich trug Massads Ruf als schlimmer Postkolonialist und Feind des „freien Westens“ sogar bis in (anti)deutsche Gefilde – obwohl er ins Deutsche noch überhaupt nicht übersetzt worden war.

Das Spektrum der Kritiker umfasste dabei einerseits solch illustre Gestalten wie den 24-jährigen Nachwuchs-Falken James Kirchick, ein homocon und media pundit, der Journalismus im neuen amerikanischen Stil als verlängerte Pressearbeit für den neokonservativen Flügel der republikanischen Partei betreibt. Gemäß dieser Rolle versuchte sich Kirchick gar nicht erst an einer inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern riss aus Massads Text einzelne, sinnentstellende Fetzen heraus, um sein Feindobjekt, einen prononcierten Gegner des Islamismus, polemisch in die Nähe des iranischen Präsidenten zu rücken. Araber, Perser, Moslem, Christ – für Kirchick eine Soße, seit Amerika gegen diesen Teil der Welt das Kriegsbeil ausgegraben hat. Dass wir Massad die erste kritische Untersuchung des Homosexualitätsdiskurses im Werk von Sayyid Qutb verdanken – was soll’s?

Andererseits schlossen sich den Angriffen aber auch liberale Tauben wie der langjährige Guardian-Korrespondent Brian Whitaker an, der mit Blick auf den Nahen Osten die britische Tradition eines fürsorglichen Imperialismus fortsetzt. Eine Art Lawrence-von-Arabien-Syndrom, bei dem es darum geht, die Orientalen zu „universellen“ Herrschaftsformen wie der bürgerlichen Nation zu „befreien“. So ist in Whitakers Augen auch der westliche Homo-Hetero-Binarismus ein verallgemeinerbares Zivilisationsideal, zu dem sich die Araber im Namen der Schwulenrechte freilich erst noch „emanzipieren“ müssen. In seinem Buch Unspeakable Love: Gay and Lesbian Life in the Middle East vertritt Whitaker mithin genau die These, um deren radikale Kritik es Massad zu tun war.

Hier lässt sich allerdings auch eine der Achillesfersen von Massads Intervention erkennen. Statt an Leuten vom Schlage Whitakers zielgerichtet ein Exempel zu statuieren, richtete er seine Polemik gegen eine ominöse „Schwule Internationale“, ohne zu bedenken, dass heterosexuelle Journalisten in der Regel den gleichen Mist verzapfen. Doch damit nicht genug: Wenn Massad die Naturalisierung sexueller Identitäten in der Programmatik international agierender lesbisch-schwuler Menschenrechts­organisationen wie ILGA und IGLHRC (zurecht) kritisiert, tut er das nicht, indem er sie als unbewussten Ausdruck einer ihrer Gesellschaft immanenten Denkform deutet, aus der sie sich, denkfaul, wie sie sind, nie herausgearbeitet haben. Vielmehr unterschiebt er ihnen gleich ein maliziöses Programm zur imperialistischen Missionierung der nicht-westlichen Welt.

Dabei träfe dieselbe Kritik auch auf den Umgang dieser Organisationen mit den Populationen ihrer eigenen Gesellschaft zu: Formen gleichgeschlechtlichen Handelns, die nicht identitär fixiert sind, werden ideologisch einfach weggekürzt oder schamlos in das hegemoniale Modell von „Schwulsein“ assimiliert. So schätzten sich etwa in einer repräsentativen Emnid-Umfrage von 2001 nur 1,3 bzw. 0,6 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten als schwul bzw. lesbisch sowie 2,8 bzw. 2,5 Prozent als bisexuell ein. Gleichzeitig gaben aber 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen an, sich vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen zu fühlen – auch wenn diesem Empfinden nicht notwendig ein entsprechendes Handeln folgt.

Das Problem an Massads Herangehensweise ist die kulturelle Dichotomisierung eines Verhältnisses, das im Hinblick auf seinen Durchsetzungsgrad keineswegs nur zwischen westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften, sondern auch zwischen den sozialen Klassen, Altersgruppen und Geschlechtern, d.h. entlang aller Achsen gesellschaftlicher Ungleichheit, deutlich sichtbar variiert: Nicht nur die arabischen und iranischen Unterschichten, sondern etwa auch das (afro)amerikanische Subproletariat zeigt sich verhältnismäßig resistent gegen das für sie kaum lebbare Modell subkultureller „Gay“-Identitäten, zu denen die weiße Schwulenbewegung die Welt „emanzipieren“ will.

Das vorausgesetzt, ergibt die anti-imperialistische Weltsicht Joseph Massads nur noch einen höchst beschränkten Sinn: Will man die missionarische Strategie der von Massad so getauften „Schwulen Internationalen“ im Hinblick auf die islamische Welt in Frage stellen, sollte man ihr ein ebenso universelles Projekt entgegensetzen – statt auf die im globalen Kapitalismus ohnehin nur noch als Fiktion erhältliche „Intaktheit“ der nicht-westlichen Welt zu pochen.

Dass Massad einen wichtigen Anstoß für neue politische und intellektuelle Debatten lieferte, bleibt ihm dabei unbenommen. Es ist gut, dass sich die Columbia-Universität der intendierten Säuberung von nicht-weißen Akademikern durch eine neokonservative Journaille widersetzte, der es bei ihrem strohdummen Gebell nicht um Wahrheit, sondern einzig um die globale Sicherung ihrer materiellen Privilegien geht.

(Der Entwurf zu diesem Blog-Beitrag stammt in seinen wesentlichen Zügen bereits vom Februar 2010 und wurde von mir bislang nicht veröffentlicht. Er sollte die Einleitung zur deutschen Übersetzung eines Interviews sein, das Ernesto Pagano 2009 mit Joseph Massad führte. Die Übersetzung liefere ich morgen nach.)