Pixelutopia hat ja in einem sehr dankenswerten Beitrag bereits darauf hingewiesen, wie perfide es sich mit der „anti“deutschen Instrumentalisierung von muslimischen Frauen verhält: „Sie sind höchstens Objekte einer Befreiung von Außen, einer Befreiung, die nur über ihre vorherige Rassifizierung möglich ist und in der ihre eigene Perspektive keine Rolle spielt.“

Ein ähnliches Beispiel lieferte letzten Monat der Berliner transgeniale CSD, wo „palästinensische Queers“ niedergebrüllt und ausgebuht wurden, als sie sich erstmals mit Unterstützung queerer Aktivist_innen aus Israel auf einer deutschen Kundgebung zu Wort meldeten. Als stumme Opfer sind sie scheinbar willkommen, als politische Subjekte werden sie gnadenlos niedergemacht.

Das ist auch kaum weiter verwunderlich, stehen ihre artikulierten Interessen doch diametral gegen die zynische Art und Weise, mit der sie in der deutschen Linken jahrelang missbraucht wurden, um Werbung für Israel als „schützender Hafen für all diejenigen“ zu machen, „die in arabischen Staaten keine Chance hätten: Schwule, Lesben, selbstbewusste Frauen“. So der O-Ton des Flugblatts „Coole Kids tragen kein Palituch“ der Gruppe JungdemokratInnen/Junge Linke Berlin (JD/JL), das 2002 unter Verweis auf das Konstrukt des „unterdrückten arabischen Schwulen“ dafür plädierte, den Palästinenser_innen jegliche Form der Solidarität zu entziehen.

Dass der israelische Staat Menschen aus arabischen Ländern gar kein Asyl gewährt und für sie daher auch kein „Schutzhafen“ sein kann, ist die eine Sache. Die andere aber ist, mit welcher Kaltschnäuzigkeit JD/JL darüber hinweggeht, dass auch die von ihnen angerufenen palästinensischen „Queers“ zu den Opfern von Kriegsverbrechen und der täglichen Drangsalierung durch die israelische Armee zählen und wie unstatthaft es daher ist, ihr Anliegen gegen das der Palästinenser_innen im Allgemeinen zu stellen – so als gäbe es da überhaupt einen zu bearbeitenden Widerspruch.

Von daher dürfte es nicht überraschen, dass die palästinensischen Queer-Aktivist_innen in ihrem auf dem transgenialen CSD verlesenen Redemanuskript von ihren Zuhörer_innen forderten, sich den „Pinkwashing-Bemühungen“ des israelischen Staates, mithin der zynischen Rhetorik von JD/JL „in den Weg zu stellen“ und sich stattdessen gegen „alle Formen der Unterdrückung“ und für universelle „Gerechtigkeit“ einzusetzen. Eine Form, seine Solidarität zu zeigen, sei die Unterstützung der Kampagne für „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) gegen Israel und die globalen Profiteure der Besatzung.

Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen, und eine Gruppe „anti“deutscher Brüllaffen versuchte nun lautstark, die weitere Verlesung der Stellungnahme „palästinensischer Queer-Aktivist_innen“ zu unterbinden. Es ist schon eine Schande, wie passiv sich die umstehende Menge zum schamlosen Gebaren dieser Idioten verhielt. Denn dass die Solidarität mit Palästinenser_innen antisemitisch wäre – und handele es sich auch um „queere“ Palästinenser_innen, die sich ihrer politischen Instrumentalisierung und Objektivierung widersetzen –, ist ein Denunziantenstück, das sich innerhalb der undogmatischen BRD-Linken mittlerweile völlig durchgesetzt zu haben scheint.

Allerdings wäre es etwas unfair, die Instrumentalisierung bloß auf der einen Seite zu vermuten. Ich jedenfalls halte den Begriff „palästinensischer Queer“ für ein politisches Phantom. Eine solche Identität pflegen eine Handvoll Leute aus den intellektuellen, westlich orientierten Schichten der palästinensischen Bevölkerung. Und sie wurde im Wesentlichen deshalb angenommen, um in globalen englischsprachigen Debatten endlich mitreden zu können, nicht länger ihr passives Objekt zu sein. „Palästinensische Queers“ sind ein Produkt der Anrufung durch internationale Kampagnen zu dem Thema.

In den besetzten Gebieten steht zwar eine wichtige Debatte um sexuelle Selbstbestimmung an (gleichgeschlechtlicher Sex, in der Westbank weiterhin legal, ist in Gaza vor einigen Jahren verboten worden). Für eine solche Auseinandersetzung ist der Partikularismus „queerer Identität“ aber nicht nur bedeutungslos, sondern geradezu kontraproduktiv. Er dient allein den Bedürfnissen der westlich-metropolitanen Linken und ihrer postmodernen Vorstellungswelt, in der gleichgeschlechtlicher Sex bereits fest an eine deviante Identität gebunden ist, die staatlich geschützt und reguliert werden muss.

In Palästina sollte es dagegen genau um die Abwehr solcher Vorstellungen gehen, die gleichgeschlechtliche Sexualität auf eine abweichende, „queere“ Persönlichkeit verpflichten. Das setzte allerdings voraus, dass sich überhaupt irgendjemand in dieser Debatte für die tatsächlichen Belange der Palästinenser_innen interessierte. Für die globale Kontroverse um Israel und „seine“ Besatzung kann man ein solches Interesse aber getrost ausschließen.


Die Rede „palästinensischer Queers“ auf dem transgenialen CSD 2011