Viele Menschen gehorchen ihrem Trieb und widersetzen sich ihrem Verstand. Sie folgen ihren Begierden, kümmern sich nicht um ihren Glauben und meiden das, wozu Gott, der Erhabene, auffordert und was er in reine Gemüter einpflanzt, nämlich Keuschheit, Meiden von Sünden und Loslösung von der Begierde. Sie widersprechen Gott, ihrem Herrn, und sind sich mit dem Teufel einig in dem, was er liebt, nämlich der verderblichen Lust, und so begehen sie in ihrer Liebe sündhafte Handlungen.

Wir wissen, daß Gott, der Mächtige und Erhabene, im Menschen zwei entgegengesetzte Naturen vereinigt hat. Die eine rät nur zur Tugend, ermahnt nur zum Guten, und nur lauter lobenswerte Dinge können sich Eingang bei ihr verschaffen. Diese Natur ist der Verstand, und ihr Führer ist die Rechtschaffenheit. Die andere ist ihr entgegengesetzt, rät nur zu Leidenschaften und führt ausschließlich ins Verderben. Dies ist der Trieb, und sein Führer ist die Leidenschaft.

Diese beiden Naturen sind zwei Pole im Menschen. Sie sind zwei Kräfte des Körpers, durch die er betätigt wird, und zwei Felder, auf die die Strahlen der beiden wunderbaren, hehren und erhabenen Substanzen Verstand und Trieb fallen. Jeder Körper enthält von beiden einen Anteil, je nachdem wie er nach der Bestimmung des Einen und Unendlichen, dessen Namen heilig sind, ihnen entsprach, als er den Körper schuf und gestaltete. So stehen sie einander ewig gegenüber und streiten gewohnheitsmäßig miteinander. […] Deshalb sind die Befehle und Verbote gut, der Gehorsam unerläßlich, die Belohnung und Strafe richtig und die Wiedervergeltung angebracht. Der Geist verbindet diese beiden Naturen, ist ihr einigendes Band und die Stätte ihrer Begegnung.

[…]

Ahmad ibn Jahjā ar-Rāwandī hat in dem ,Buch vom Aussprechen und Berichtigen‘ erzählt, daß das Haupt der Muʿtaziliten, Ibrāhīm ibn Saijār an-Nazzām, trotz seines hohen Ranges in der scholastischen Theologie und seines gewaltigen und souveränen Wissens sich durch einen christlichen Jüngling, in den er dermaßen verliebt war, daß er für ihn ein Buch über den Vorzug der Dreifaltigkeit vor der göttlichen Einheit schrieb, zu dem verleiten ließ, was ihm von Gott verboten war. Verleihe uns, o Herr, deinen Beistand, daß der Satan keinen Zugang zu uns findet und daß uns nicht der Verlust deines Schutzes zustößt!

Mitunter kommt es vor, daß die Heimsuchung furchtbar ist und die Leidenschaft wütet, daß die Unmoral einem gleichgültig und die Religiosität sehr schwach wird, so daß dem Menschen in Anbetracht der Befriedigung seiner Wünsche abscheuliche und schimpfliche Handlungen nichts ausmachen.

So ist es dem ʿUbaidallāh ibn Jahjā al-Azdī, bekannt als Ibn al-Dschazīrī, ergangen. Machte es ihm doch nichts aus, seine Familie zu vernachlässigen, anderen den Zutritt zu seinen Frauen zu gewähren und seine Angehörigen sittlichen Gefahren auszusetzen, weil er sehnsüchtig danach trachtete, sein Begehren nach einem Jüngling zu stillen, dem er in Liebe zugetan war. Wir wollen unsere Zuflucht zu Gott nehmen vor dem Irrtum, wollen ihn bitten, daß er uns beschirmt, daß er uns ein gutes Andenken und einen tadellosen Ruf verleiht. Schließlich ist der Ärmste ein Gegenstand geworden, über den in den Versammlungen weidlich geredet und der in Liedern besungen wurde. […]

Einen ähnlichen Vorfall enthält die folgende Erinnerung von mir: Ich war einmal in einer Gesellschaft bei einem wohlhabenden Bürger unserer Stadt, an der auch Freunde von uns teilnahmen. Da bemerkte ich, daß zwischen einem der Gäste und einem gleichfalls anwesenden Angehörigen des Gastgebers Dinge vor sich gingen, die ich mißbilligte, daß Blicke gewechselt wurden, die mir empörend schienen, und daß von Zeit zu Zeit heimliche Absonderungen stattfanden, während der Gastgeber gleichsam abwesend war oder schlief. Ich machte ihn mit zarten Andeutungen darauf aufmerksam. Doch er achtete nicht darauf. Dann suchte ich ihn durch deutliche Hinweise aufzurütteln. Allein er ließ sich nicht erschüttern. Schließlich fing ich an, ihm immer wieder zwei alte Verse herzusagen, in der Hoffnung, daß er vielleicht zur Einsicht käme. Diese Verse lauteten:

    Gesang wars nicht, nein, lasterhaftes Treiben,
    Was gestern seiner Freunde Schar verband.
    Sie frevelten; du aber warst ein Esel,
    Der schwer an Dummheit trägt und Unverstand.

Ich wiederholte die Verse viele Male, bis schließlich der Gastgeber zu mir sagte: „Du hast dafür gesorgt, daß wir sie nicht mehr hören können. Tue uns den Gefallen, damit aufzuhören oder andere aufzusagen!“ So schwieg ich denn still, und ich weiß nicht, ob er wirklich unaufmerksam war oder nur so tat. Ich erinnere mich nicht, später noch einmal in diese Gesellschaft gegangen zu sein.

Der Dichter Sulaimān ibn Ahmad berichtet: „Eine mir im Orient begegnete Frau mit Namen Hind, die bereits fünfmal nach Mekka gepilgert und fromm und voll religiösen Eifers war, hat einmal folgendes zu mir gesagt: ,Mein lieber Junge! Denke niemals gut von einer Frau!‘ Denn ich will dir von mir selbst etwas berichten, von dem Gott, der Mächtige und Erhabene, weiß, daß es wahr ist. Auf der Rückkehr von der Pilgerfahrt – ich hatte bereits der Welt entsagt – schiffte ich mich als fünfte von fünf Frauen, die alle die Pilgerfahrt gemacht hatten, ein. Wir bestiegen ein Fahrzeug auf dem Roten Meere. In der Besatzung des Schiffes befand sich unter anderen ein Mann von schlankem Wuchs und hoher Gestalt, mit breiten Schultern und schönem Körperbau. Ich sah, wie er in der ersten Nacht eine meiner Reisegefährtinnen aufsuchte und sein Glied, das eine sehr beträchtliche Größe aufwies, in ihre Hand legte. Darauf gab sie sich ihm augenblicklich hin. In den folgenden Nächten tat er das gleiche der Reihe nach mit allen anderen, bis ich allein übrig blieb. Da sagte ich mir: ,Ich werde Rache an dir nehmen!‘, nahm mir ein Rasiermesser und behielt es in meiner Hand. In der Nacht kam er nun wie gewöhnlich. Als er dann das gleiche wie in den anderen Nächten tat, tauchte unvermutet das Rasiermesser vor ihm auf. Da erschrak er und wollte sich erheben. Er tat mir aber leid, und so sagte ich zu ihm, indem ich ihn festhielt: ,Du gehst nicht, ohne daß ich meinen Anteil an dir nehme!‘ Darauf verrichtete er sein Geschäft. Ich aber bitte Gott um Verzeihung!“

[…]

Wahrlich, ein verständiger Mensch hat als Ersatz für die unsittlichen Handlungen mannigfache Möglichkeiten. Gott hat nämlich nichts verboten, ohne dafür seinen Dienern als Ersatz etwas Erlaubtes zu gewähren, was schöner und besser ist als das Verbotene. Es gibt keinen Gott außer ihm!

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.