Manchmal kommt es vor, daß die Sache ernster wird, der Verliebte besonders empfindlich und seine Besorgnis ungewöhnlich groß ist. Dies kann zum Tode und zum Abscheiden aus dieser Welt führen. In der religiösen Überlieferung heißt es: ‚Wer sich verliebt, keusch bleibt und stirbt, ist ein Märtyrer.‘

Mein Freund Abuʾs-Sarī ʿAmmār ibn Zijād hat mir nach einem ihm vertrauenswürdig erscheinenden Gewährsmann erzählt, daß der Kanzleibeamte Ibn Kuzmān durch die Liebe zu Aslam ibn ʿAbd al-ʿAziz, dem Bruder des Premierministers Hāschim ibn ʿAbd al-ʿAziz – er war nämlich ein äußerst hübscher Mensch – so hart geprüft worden sei, daß ihn seine Gefühle auf das Krankenlager warfen und ihn in eine Lage versetzten, die zum Tode führen mußte. Ohne zu wissen, daß er der Grund für seine Krankheit war, sprach Aslam häufig bei ihm vor und besuchte ihn oft, bis er aus Schmerz und infolge langen Siechtums starb. Der Gewährsmann fügte hinzu: „Nach seinem Hinscheiden teilte ich Aslam den Grund seiner Krankheit und seines Todes mit. Da grämte er sich und sagte: ,Warum hast du mich nicht davon unterrichtet?‘ Ich erwiderte: ‚Warum sollte ich das tun?‘ – ‚Bei Gott!‘ sprach er, ‚ich hätte ihn noch häufiger besucht und wäre kaum von ihm gewichen; denn mir hätte dies nichts ausgemacht.‘‟ Dieser Aslam war ein besonders fein gebildeter und in geistiger Beziehung vielseitiger Mann mit einer Fülle von Kenntnissen auf rechtswissenschaftlichem Gebiet. […] Sowohl äußerlich wie innerlich war er ein über alle Maßen reizender Mensch. Er war der Vater des Abuʾl-Dschaʿd, der im Westviertel Cordovas wohnte.

Ich kenne eine Sklavin, die einem führenden Manne angehörte. Wegen etwas, was ihm über sie zu Ohren gekommen war und nicht notwendigerweise Zorn hervorrufen mußte, wandte er sich von ihr ab, um sie dann zu verkaufen. Da empfand sie bitteren Schmerz. Hinwelken und Leid blieben ihre ständigen Begleiter, und die Tränen versiegten nicht mehr in ihrem Auge, bis sie schließlich an Schwindsucht erkrankte. Dies führte ihren Tod herbei. Nach ihrer Trennung von ihm lebte sie nur noch einige wenige Monate. Eine mir vertrauenswürdig erscheinende Frau hat mir von ihr erzählt, daß sie ihr begegnet sei, als sie bereits abgezehrt und dünn wie ein Gespenst geworden war, und zu ihr gesagt habe: „Ich nehme an, daß deine augenblickliche Lage von deiner Liebe zu dem und dem herrührt.‟ Da seufzte sie aus tiefster Brust und sprach: „Bei Gott! Ich werde ihn nie vergessen, obwohl er mich unbegründeterweise hart behandelt hat.‟ Nach dieser Außerung lebte sie nur noch kurze Zeit.

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Die Geschichte mit meinem Freund Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn Jahjā at-Tamīmī, bekannt unter dem Namen Ibn at-Tubnī, verhielt sich folgendermaßen: Er sah aus, als ob die Schönheit nach seinem Urbild oder aus der Seele aller, die ihn geschaut, erschaffen worden wäre, so daß mir keiner zu Gesicht kam, der ihm gleich war an Schönheit, Anmut und Körperbildung, an Sittenstrenge und Ehrbarkeit, an Bildung, Geist, Milde und Treue, an Vornehmheit, innerer Sauberkeit und Edelmut, an Sanftmut, angenehmem Wesen und Liebenswürdigkeit, an Geduld und Nachsicht, an Verstand, Männlichkeit, Religiosität und Wissen, keiner auch, der gleich ihm den Koran und die Traditionen, die Grammatik und den Sprachschatz im Kopfe hatte, keiner, der so meisterhaft dichtete und kalligraphisch schrieb, der in seiner Rede so geschickt und abwechslungsreich war wie er und außerdem eine beachtliche Fähigkeit in der Scholastik und Dialektik besaß. […]

In Valencia traf ich meinen Freund Abu Schākir ʿAbd ar-Rahmān ibn Muhammad ibn Mauhib al-ʿAnbari. Er teilte mir das Hinscheiden des Abū ʿAbdallāh ibn at-Tubnī mit und unterrichtete mich von seinem Tode. Gott habe ihn selig! Al-Musʿab hat darüber folgendes erzählt: „Ich habe Abū ʿAbdallāh ibn at-Tubnī nach dem Grund seiner Krankheit gefragt. Damals war er schon abgemagert, und die schönen Züge seines Angesichtes waren infolge des Siechtums bereits geschwunden, so daß eigentlich nur noch die Ursubstanz übriggeblieben war, die nun von ihrem einstigen Aussehen kündete. Es kam mit ihm so weit, daß ihn ein Hauch beinahe wegblies. Fast ging er schon gebückt, und die Qual zeichnete sich auf seinem Antlitz ab. Wir beide waren allein, und so sprach er zu mir: ,Ja ich will dir erzählen: Ich stand an meiner Haustür in Ghadir asch-Schammās, als ʿAli ibn Hammūd in Cordova einzog und die Truppen aus den verschiedenen Richtungen daselbst heranströmten. Da gewahrte ich unter ihnen einen Jüngling. Bis zu dem Augenblick, da ich ihn sah, habe ich nicht geglaubt, daß sich die Schönheit in einer leibhaftigen Gestalt verkörpern könnte. Er überwältigte meinen Verstand, und mein Geist wurde ganz von ihm eingenommen. Als ich mich nach ihm erkundigte, sagte man mir: ‚Dies ist der und der aus der und der Gegend‘, einem Landstrich, der fern von Cordova und weit entlegen war. Da gab ich die Hoffnung auf, ihn nach jenem einen Mal wiederzusehen. Bei meinem Leben, Abū Bakr! Die Liebe zu ihm weicht nicht von mir, bis sie mich ins Grab bringt.‘‟ Und so war es auch. Ich kenne jenen Jüngling und weiß, wer er ist. Ich habe ihn gesehen, unterlasse es aber, seinen Namen zu nennen, weil er schon gestorben ist und sie sich beide bereits bei Gott, dem Mächtigen und Erhabenen, wiedergefunden haben. Er aber möge uns allen verzeihen! […]

Abuʾl Kāsim al-Hamdānī hat mir folgendes erzählt: „In unserer Gesellschaft befand sich in Bagdad ein Bruder des Rechtsgelehrten ʿAbdallāh ibn Jahjā ibn Ahmad ibn Dahhūn, der die Hauptstelle für Rechtsgutachten in Cordova bildete. Er war gelehrter und hervorragender als sein Bruder, und unter unseren Freunden in Bagdad war ihm keiner ebenbürtig. Eines Tages kam er in der Straße, in der er wohnte, an einer Sackgasse vorbei. Als er in sie hineinging, sah er am äußersten Ende ein Mädchen mit unverschleiertem Gesicht stehen, das ihm zurief: ‚Mann, dies ist eine Sackgasse!‘ Da schaute er sie an und verliebte sich in sie. Als er zu uns zurückgekehrt war, steigerten sich seine Gefühle für sie, und er fürchtete, wahnsinnig zu werden. Deshalb ging er fort nach Basra. Dort starb er aus lauter Liebe. Gott habe ihn selig! Er gehört zu denen, die als rechtschaffen gelten.‟

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.