Zu dem Wunderbaren, was sich in der Liebe zuträgt, gehört die Unterwürfigkeit des Liebenden seinem Geliebten gegenüber und die gewaltsame Anpassung seines eigenen Charakters an den des Geliebten. Bei Menschen mit zänkischem Wesen und schwierigem Charakter, Menschen, die sich der Leitung anderer widersetzen, ihre eigenen Entschlüsse durchführen, auf ihre Ehre bedacht und empfindlich für Demütigungen sind, kann man erleben, daß in dem Augenblick, in dem sie den Odem der Liebe verspüren, in ihren Wassern versinken und im Meer der Liebe schwimmen, sich ihre Unverträglichkeit in Sanftmut, ihre Schwierigkeit in Glätte, ihr Zielbewußtsein in Mattheit und ihre Empfindlichkeit in stille Ergebung verwandelt.

Der Geliebte hat oft eine Abneigung gegen die Äußerung von Klagen und einen Ekel davor, die Liebesseufzer seines Verehrers anzuhören. In solchen Fällen sieht man den Verliebten seine Traurigkeit verbergen, seinen Schmerz unterdrücken und seine Krankheit still für sich tragen. […]

Mukaddam ibn al-Asfar hielt sich in den Tagen seiner Jugend ständig in der Moschee östlich des Koreischitenfriedhofs in Cordova und gegenüber dem Hause des Wesirs Abū ʿUthmān Ahmad ibn Muhammad ibn Hudair auf, weil er in ʿAdschīb, den Diener des Wesirs Abū ʿUmar verliebt war. Er betete nicht mehr in der Masrūr-Moschee, in deren Nähe er wohnte, sondern suchte ʿAdschībs wegen Tag und Nacht diese Moschee auf, so daß ihn die Wache mehr als einmal bei Nacht aufgriff, wenn er nach dem letzten Abendgebet den Heimweg antrat. Er pflegte nämlich dort zu sitzen und von dort Ausschau zu halten, bis schließlich der Diener in Zorn und Unruhe geriet, auf ihn zutrat, ihn verprügelte und auf Wangen und Augen schlug. Mukaddam aber freute sich darüber und sprach: „Bei Gott! Das ist mein höchster Wunsch, und jetzt bin ich beruhigt.“ Und er schritt freudig eine Weile neben ihm her.

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.