Eine Eigenart der Liebe ist es, daß die Zunge die Liebe verschweigt und der Verliebte sie auf Befragen leugnet, daß er nach außen hin Selbstbeherrschung zur Schau trägt, sich als weiberfeindlichen Einspänner gibt und das verborgene Geheimnis und das im Busen lodernde Feuer der Liebe verschließt, soweit es nicht schon aus seinen Bewegungen und seinen Augen spricht und wie das Feuer in der Kohle und das Wasser auf trockenem Erdreich weiterschleicht. Am Anfang kann man wohl bisweilen einen Menschen mit mangelndem Scharfblick täuschen; ist die Liebe aber voll entwickelt, dann ist dies unmöglich.

Der Grund für die Verheimlichung liegt manchmal in dem Bestreben des Verliebten, bei den Leuten nicht als solcher zu gelten, weil er die Liebe als eine Eigenart leichtsinniger Menschen betrachtet und sie darum flieht und meidet. Dies ist aber eine falsche Einstellung; denn es genügt, wenn sich der Muslim dessen enthält, was Gott, der Mächtige und Erhabene, zwar verboten hat, was er aber an und für sich nach seinem Willen tun kann und dann am Jüngsten Tag verantworten muß. Das Gefallen am Schönen und die Herrschaft der Liebe aber ist etwas Natürliches, das weder befohlen noch verboten ist, weil die Herzen in Gottes Hand stehen, der sie wendet, und weil sie nur zur Erkenntnis und Prüfung des Unterschiedes zwischen Recht und Unrecht verpflichtet sind sowie zum Glauben an das, was unzweifelhaft wahr ist. Die Liebe aber ist etwas Angeborenes, und der Mensch hat nur über die Bewegungen seiner Glieder Gewalt, die er aus freien Stücken annimmt.

Ich kenne jemand, der eine solche Prüfung durchgemacht hat. In seinem Busen wohnte die Liebesglut, er wollte sie leugnen, bis die Sache schwierig wurde und an seinem Wesen zu erkennen war, gleichgültig, ob man darauf aus war, sie zu erkennen oder nicht. Wenn ihm jemand irgendeine Andeutung machte, wies er ihn verächtlich zurück und erklärte ihn für einen Bösewicht, so daß schließlich die Freunde von ihm, die Wert auf seine Gunst legten, ihn sich einbilden ließen, daß sie sein Leugnen glaubten und Leute anderer Meinung für Lügner hielten, worüber er sich freute. Eines Tages sah ich ihn mit jemand zusammensitzen, der sich in Anspielungen auf die Gefühle seines Herzens erging, während er sie aufs bestimmteste leugnete, als auf einmal der Mensch vorbeikam, dem er vermutlich zugetan war. Kaum war sein Auge auf sein Lieb gefallen, als er erregt wurde, eine andere Haltung annahm, erbleichte und dummes Zeug redete, nachdem er zuerst durchaus verständig gesprochen hatte. Sein Gesprächsteilnehmer brach nun die Unterhaltung ab, und nachher bat er ihn, seinen früheren Gegenstand wieder aufzunehmen. Darauf fragte man ihn: „Was hat die Veränderung deines Verhaltens bewirkt?“ Da antwortete er: „Es ist das gewesen, was ihr glaubt. Entschuldigt mich oder beschuldigt mich, wie ihr wollt!“

    Er lebt nur, weil der Tod
    Aus Mitleid vor ihm flieht
    Ob all der Liebesnot,
    Die er ihn tragen sieht.

[…]

Manchmal liegt der Grund für die Verheimlichung in der Absicht des Verliebten, sein Herzlieb zu schonen. Das ist fürwahr ein Zeichen von Verantwortungsbewußtsein und edlem Charakter.

Die Verheimlichung beruht öfters darauf, daß sich der Verliebte infolge des hohen gesellschaftlichen Ranges des geliebten Menschen seiner selbst wegen davor hütet, sein Geheimnis preiszugeben.

[…]

Von al-Hasan ibn Hāniʾ heißt es, daß er in Muhammad ibn Hārūn, der unter dem Namen Ibn Zubaida bekannt ist, vernarrt war und Muhammad etwas davon merkte, worauf er ihn heftig schalt, weil er ihn unausgesetzt anstarrte. Von al-Hasan wird daher die Äußerung überliefert, daß er es nur noch dann, wenn Muhammad vom Rausch übermannt war, gewagt habe, seinen Blick auf ihn zu heften.

Die Verheimlichung geschieht oft, um zu verhindern, daß sich der geliebte Mensch zurückzieht oder andere ihn einem entziehen. So kenne ich jemand, der im Genuß des Vertrauens und der Gesellschaft seines Liebsten war. Hätte er aber nur im geringsten verraten, daß er für ihn erglühte, so wäre er ihm auf einmal so fern gewesen wie die Plejaden, wenn ihre Sterne hoch am Himmel stehen. Das ist eine Art kluger Regie. Die Freude, die der Betreffende im Verein mit seinem Liebsten genoß, hatte den höchsten Grad und die äußerste Grenze erreicht. Kaum hätte er ihm aber seine Gefühle verraten, dann wäre ihm in Zukunft nicht das geringste mehr zuteil geworden, da er nun ein hochfahrendes Wesen und die der Liebe eigene Anmaßung an den Tag gelegt hätte. Das Vertrauen, des Liebsten Herz zu besitzen, wäre ihm versagt, jene Freude wäre dahin gewesen, und es hätte Verstellung und unberechtigte Vorwürfe gegeben. So wäre aus einem Freund ein Sklave, aus einem Gleichgestellten ein Gefangener geworden. Wenn er bei seinem Ausplaudern aber so weit gegangen wäre, daß die Angehörigen des Geliebten es erfahren hätten, dann hätte er ihn höchstens noch im Traume gesehen, alles wäre ganz und gar zu Ende gewesen, und es wäre unerquicklich für ihn ausgelaufen.

[…]

Zuweilen kommt es vor, daß man die Liebe ausplaudert. Das ist eines von den abscheulichen Ereignissen, die sich in der Liebe zutragen. Die Gründe dafür sind verschieden. Einer besteht darin, daß, wer also handelt, sich das Gehaben der Verliebten zulegen und als Verliebter gelten möchte. Das ist ein unzulässiger Betrug, eine widerliche Frechheit und ein unberechtigter Anspruch auf Liebe.

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Ich kenne einen angesehenen Jüngling, einen meiner vornehmen Freunde, den die Liebe zu einem wohlbehüteten Mädchen heimgesucht hatte. Das Mädchen raubte ihm schier den Verstand, und die Zuneigung zu ihr machte vielen von seinen guten Gewohnheiten ein Ende. Die Zeichen seiner Leidenschaft waren für jeden, der einen Blick dafür hatte, erkennbar, so daß das Mädchen ihn schließlich selbst wegen seines Verhaltens schalt, das ihn in den Abgrund führen mußte.

Mūsā ibn ʿAsim ibn ʿAmr hat mir folgendes erzählt: „Ich war einmal mit meinem Vater Abuʾl-Fath zusammen, der mich beauftragt hatte, einen Brief zu schreiben, als mein Blick plötzlich ein Mädchen streifte, in das ich vernarrt war. Da verlor ich die Gewalt über mich, warf den Brief aus meiner Hand und eilte auf sie zu. Mein Vater aber war ganz erstaunt und glaubte, mir sei ein Unglück zugestoßen. Als ich dann wieder zur Besinnung kam, wischte ich mir mein Gesicht ab, und nun kehrte ich zurück und entschuldigte mich damit, ich hätte Nasenbluten bekommen.“

Wisse, daß dies zur Entfremdung des Geliebten führt, daß es ein schwerer Mangel in der Regie und ein Fehler in der Behandlung der Angelegenheit ist! Um ihrer habhaft zu werden, gibt es nämlich für jede Sache einen Weg und eine Straße. Hält der Suchende sie bewußt nicht inne, oder wird sein Geist unterwegs umnebelt, so schlägt sein Handeln zu seinem Nachteil aus; seine Mühe ist dann fruchtlose Plage, seine Arbeit nichtig wie ein Sonnenstäubchen und sein Streben überflüssig. Je mehr er die Richtung des Weges verliert, je weiter er sich von ihm entfernt und auf einem anderen Wege vorwärts dringt, desto ferner rückt für ihn die Möglichkeit, sein Ziel zu erreichen.

Ich kenne unter den Einwohnern von Cordova einen Kanzleisekretärssohn und hohen Beamten namens Ahmad ibn Fath, von dem ich wußte, daß er außerordentlich ehrenwert, ein Jünger der Wissenschaft und ein Freund der schönen Literatur war, daß er seine Freunde an Zurückhaltung übertraf, ein besonders ruhiges Wesen hatte, sich nur im Kreise tadelloser Leute zeigte und ausschließlich in ehrenwerten Gesellschaften zu sehen war, daß sein Lebenswandel ordentlich und sein Benehmen anständig war sowie daß er sich für sich hielt und seine eigenen Wege ging. Dann wollte es die Vorsehung, daß wir voneinander wegzogen. Die erste Nachricht aber, die ich nach meiner Ankunft in Játiva unvermutet erhielt, bestand darin, daß er aus lauter Liebe zu einem jungen Mann namens Ibrāhīm ibn Ahmad, dem Sohn eines Goldschmieds, seine anständige Zurückhaltung aufgegeben hatte. Ich kenne Ibrāhīm als einen Menschen, dessen Eigenschaften der Liebe eines Mannes aus reichem und üppigem Hause unwürdig sind. Es erschien mir sicher, daß Ahmad sein Haupt enthüllt, sein Gesicht gezeigt, seinen Halfter abgeworfen, sein Antlitz entblößt, seine Armel hochgekrempelt und sich der Leidenschaft zugewandt hatte. So ward er ein Gesprächsstoff für die nächtlichen Plauderer und ein Lieblingsgegenstand für die Überbringer von Neuigkeiten. Sein Name ging in allen Gegenden um und um, und die Kunde von ihm durchwanderte das Land, auf ihrer Reise Staunen weckend, und er gewann weiter nichts dadurch, als daß der Schleier gelüftet, das Geheimnis verraten, daß übel geredet und häßlich geklatscht wurde, daß sein Geliebter ihn ganz und gar floh und ihm sein Anblick unwiderruflich verwehrt wurde. Dies hätte er nicht nötig gehabt; er hätte es bequem vermeiden können und war ursprünglich vollkommen davon unbehelligt. Wenn er sein verborgenes Geheimnis bewahrt und seines Herzens Qual verheimlicht hätte, so hätte er das Gewand des Wohlergehens weiter tragen können, und der Mantel der Ehrbarkeit wäre nicht zerschlissen. In der Begegnung mit dem Urheber seiner Prüfung, in der Unterhaltung mit ihm und in seiner Gesellschaft hätte er eine gewisse Hoffnung und hinreichende Befriedigung gefunden. Doch fürwahr, das Seil der Nachsicht zerreißt bei ihm, und die Beweise sprechen gegen ihn. Nur Eines läßt sich zu seinen Gunsten sagen, daß er nämlich durch das Schwere, das ihn bedrückte, in seinem Unterscheidungsvermögen gestört und in seinem Verstand betroffen war. Vielleicht gereicht ihm dies zur vollen Entschuldigung. Wenn er aber noch einen Rest von Vernunft behalten hat oder er noch leidlich bei Verstand geblieben ist, so hat er Unrecht getan, etwas zu unternehmen, wovon er wußte, daß sein Geliebter es nicht mochte und daß es ihm peinlich war. Dies ist nicht die Art von Liebesleuten. In dem Kapitel von der Unterwürfigkeit soll dies auseinandergesetzt werden, so Gott, der Erhabene, will.

Es gibt noch einen dritten Grund, der die Preisgabe des Liebesgeheimnisses veranlassen kann. In den Augen verständiger Leute ist es ein verwerflicher Grund und eine niedrige Handlungsweise. Er besteht darin, daß der Liebende, der von seinem Herzlieb Untreue, Überdruß und Abneigung erfährt, kein anderes Mittel sieht, mit ihm abzurechnen, als etwas, dessen Schaden mehr ihn selbst trifft als den, dem er zugedacht war, das ist Enthüllung und Verbreitung der Liebe. Dies ist die größte Schmach und die gemeinste Schandtat und der beste Beweis dafür, daß der Betreffende den Verstand verloren hat und nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist.

Manchmal rührt die Enthüllung daher, daß sich ein Gerücht über die Liebe verbreitet, ein Gerede in Umlauf kommt und der Verliebte in Übereinstimmung damit sich kaum darum kümmert, sondern mit dem Bekanntwerden seines Geheimnisses einverstanden ist, entweder um zu prahlen oder um irgend etwas, was er hofft, zu erreichen. Diese Handlungsweise habe ich bei einem Freund von mir, dem Sohn eines hohen Offiziers, erlebt.

Ich habe einmal in einer Beduinengeschichte gelesen, daß die Beduinenfrauen sich nicht eher zufriedengeben und nicht eher an die Liebesglut ihres Verehrers glauben, als bis er seine Liebe bekanntmacht und enthüllt und ihren Namen hinausträgt, verkündet und ihn lobend erhebt. Ich weiß nicht, wie sich dies mit der Tatsache verträgt, daß man ihnen Schamhaftigkeit nachrühmt. Wie kann eine Frau schamhaft sein, wenn ihr größter Wunsch und ihre größte Freude ist, in dieser Beziehung bekannt zu werden?

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.

To be continued …