Es gibt gewisse Kennzeichen für die Liebe, die scharfsinnige Leute entdecken und kluge Menschen finden können. Das erste davon ist das beständige Anschauen des geliebten Wesens. Das Auge ist die offene Pforte der Seele. Es erforscht ihre Geheimnisse, verleiht ihren Gedanken Ausdruck und kündet ihr Innenleben. Man sieht darum den Betrachter nicht mit der Wimper zucken, während er gleichzeitig mit dem Geliebten von der Stelle geht, mit ihm beiseite tritt und sich in der gleichen Richtung wendet wie er, so wie das Chamäleon immer mit der Sonne geht.

    Mein Auge ruht auf dir allein,
    Als wärest du ihm ein Magnet,
    Folgt deinen Schritten überall,
    Wie Beiwort stets mit Hauptwort geht.

Die Liebe ist ferner daran zu erkennen, daß man sich in der Unterhaltung geradezu an einen anderen als den Geliebten wendet, auch wenn in Wirklichkeit der Geliebte gemeint ist. Wer einen Blick auf ihn dabei wirft, muß die Gezwungenheit erkennen. Weitere Zeichen sind, daß man den Worten des Geliebten schweigend lauscht, wenn er erzählt, und über alles staunt, was er vorbringt, sollte es auch ganz unmöglich und ungewöhnlich sein; daß man seine Worte bestätigt, selbst wenn er lügt, ihm zustimmt, ob er gleich Böses tut, für ihn Zeugnis ablegt, auch wenn er Unrecht begeht, und daß man sein Benehmen und seine Redeweise nachahmt, wie sie auch sein mögen. Ein Zeichen von Liebe ist es auch, wenn man sich auf dem Gang zum Ort des Geliebten beeilt; wenn man danach trachtet, sich in seine Nähe zu setzen und nicht weit von ihm zu sein; wenn man solche Geschäfte aufgibt, die einen nötigen, von ihm zu lassen; wenn man alles Wichtige, was zur Trennung von ihm führt, für unwichtig hält und langsamen Schrittes geht, wenn man bei ihm aufbricht. Auch dies ist ein Zeichen von Liebe, daß den Liebenden Verwirrung befällt und ein Schreck überkommt, wenn er plötzlich den Geliebten sieht und dieser unvermutet erscheint, und daß es ihn in Aufregung versetzt, wenn er eines Menschen ansichtig wird, der seinem Lieb gleicht, oder wenn er plötzlich seinen Namen hört.

Ein weiteres Zeichen von Liebe ist es, daß der Mann sein ganzes Vermögen, mit dem er vorher zurückhaltend war, freigebig verschwendet, als ob er es wäre, den man beschenkt und um dessen Glück man sich müht: dies alles, um seine guten Seiten in Erscheinung treten zu lassen und sich selbst begehrenswert zu machen.

Wie manches Mal wird ein Geizhals in der Liebe freigebig, ein finsterer Geselle heiter und ein Feigling tapfer! Wie oft geschiehts dann, daß ein Grobian feinfühlend wird, ein Ungebildeter nach Bildung strebt, ein Schmutzfink sich pflegt, ein Ungestalter sich schön und ein Bejahrter sich jung macht, daß der Fromme dann in ein Leben der Lust verfällt und ein bisher Untadeliger sich mit Schande bedeckt!

Diese Zeichen treten in Erscheinung, bevor das Feuer der Liebe entzündet ist und ihre Glut lodert, ehe ihre Flammen brennen und ihre Lohe sich ausbreitet. Faßt sie aber erst richtig Fuß, dann sieht man den Verliebten heimlich plaudern und ganz offen alles, was um ihn ist, meiden mit Ausnahme des Geliebten. Ich habe einige Verse gedichtet, in denen ich viele von diesen Zeichen der Liebe zusammengetragen habe. Dort heißt es unter anderem:

    Ich plaudre gern, wenn seiner man gedenkt
    Und mich sein süßer Ambraduft umfängt.
    Spricht er, so lausch ich in der Freunde Schar
    Nur seinen Worten, reizvoll, wunderbar.
    Ja käme der Kalif mir zu Gesicht,
    Ich wiche drum von seiner Seite nicht.
    Ich kehr mich um, wenn ich ihn lassen muß,
    Und schleiche heim, als wäre wund mein Fuß.
    Der Leib geht fort, das Auge bleibt gebannt,
    So wie ertrinkend man sich kehrt zum Land.
    Bedenk ich, daß er fern, würgt mich die Flut,
    Bin wie erschöpft in Staub und Sonnenglut.
    „Den Himmel“, sprichst du, „stürmet, wer es wagt.“
    „Ich weiß“, erwidr ich, „wo die Leiter ragt.“

Zeichen und Beweise von Liebe, erkennbar für jeden, der zu schauen vermag, sind es auch, wenn man sich in der Gesellschaft eines anderen auf engem Raum äußerst behaglich, auf weitem dagegen beengt fühlt, wenn sich der eine um etwas bemüht, was der andere an sich nimmt, wenn man oft geheime Zeichen mit den Augen gibt, wenn man aufgestützt sich dem andern zuneigt, wenn man bestrebt ist, während der Unterhaltung seine Hand zu berühren, wenn man seine unverhüllten Glieder, soweit dies möglich ist, anfaßt und wenn man den Rest, den der Geliebte in einem Gefäß zurückgelassen hat, austrinkt und dabei die Stelle wählt, die sein Mund berührt hat. […]

Andere Zeichen von Verliebtheit bietet die Erfahrung, daß der Liebende danach verlangt, den Namen des Geliebten zu hören, daß er an der Besprechung seiner Angelegenheiten Freude findet und immer wieder darauf zurückkommt, daß er zu nichts anderem so schnell bereit ist wie hierzu und sich davon auch nicht durch die Besorgnis abhalten läßt, daß der Zuhörer sein Verhalten durchschaut und seine Umgebung es versteht, macht doch die Liebe blind und taub. Darum würde der Verliebte, wenn er bewirken könnte, daß dort, wo er sich aufhält, nur von seinem Geliebten gesprochen wird, diese Stelle nicht verlassen. Fängt ein Mensch, dessen Zuneigung aufrichtig ist, mit essen an, weil er Hunger hat, so kommt es vor, daß ihn die Speise im gleichen Augenblick, in dem ihm die Erinnerung an den Liebsten aufsteigt, in der Kehle würgt und ihm im Halse steckenbleibt. Genauso ist es mit dem Wasser und auch mit der Unterhaltung. Denn der Verliebte beginnt in bester Laune mit dir zu sprechen, dann fällt ihm irgend etwas von seinem Geliebten ein, und nun macht sich auf einmal eine Veränderung in seiner Redeweise und eine Stockung in seiner Unterhaltung bemerkbar. Symptomatisch dafür ist, daß er schweigend die Augen zu Boden senkt, seinen Kopf hängen läßt und äußerst verlegen wird. Noch ist sein Antlitz heiter und sind seine Bewegungen ungezwungen, und schon wird er behindert in seiner Sprache und ernst, sein Gesicht wird verstört und seine Bewegungen werden steif, während ihn das Reden anekelt und das Fragen quält.

[…]

Ein Zeichen von Liebe ist es auch, daß der Verliebte auf sein Lieb Obacht gibt und alles aufmerksam verfolgt, was sich mit ihm zuträgt, daß er sich nach ihm erkundigt, so daß ihm nichts Wichtiges oder Unwichtiges von ihm entgeht, sowie daß er seine Bewegungen verfolgt. Bei meinem Leben! Du kannst manchmal sehen, wie in dieser Lage ein Dummkopf klug und ein Gedankenloser scharfsichtig wird.

Ich saß eines Tages in Almería im Sprechzimmer des jüdischen Arztes Ismāʿil ibn Jūnus, der sich ausgezeichnet auf die Kunst der Physiognomik verstand. Wir bildeten einen Kreis von Leuten. Da fragte ihn Mudschāhid ibn al-Hasīn al-Kaisī: „Was hältst du von diesem Menschen da?“ Und wies dabei auf einen Mann mit Namen Hātim und mit Beinamen Abuʾl- Bakā, der sich abseits von uns hielt. Da schaute ihn Ismāʿil einen kurzen Augenblick an und sprach sodann: „Das ist ein Verliebter.“ Mudschāhid erwiderte ihm: „Du hast recht. Und wie kommst du zu dieser Behauptung?“ Ismāʿil sprach: „Nur auf Grund einer übermäßigen Verwirrung, die sich auf seinem Gesicht, nicht jedoch in den Bewegungen seiner übrigen Körperteile ausprägt. Daran habe ich erkannt, daß er ein Verliebter und nicht ein Kranker ist.“

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.