Der Liebe Anfang, mein Freund, ist Scherz, ihr Ende aber ist Ernst. Ihre Erscheinungen sind ob ihrer Erhabenheit zu zart, um beschrieben werden zu können, und so ist ihr tiefstes Wesen nur durch eigenes Erleben zu begreifen. Die Frömmigkeit verdammt die Liebe nicht, und das Gesetz verbietet sie nicht, stehen doch die Herzen in Gottes, des Mächtigen und Erhabenen, Hand.

Viele der rechtgeleiteten Kalifen und der orthodoxen Imame haben sich verliebt. […] Von den bedeutenden Männern ihrer Umgebung und den Trägern ihres Reiches aber haben sich so viele verliebt, daß es unmöglich wäre, sie aufzuzählen. […] Von Ibn ʿAbbas wird eine Rechtsentscheidung überliefert, die alle anderen überflüssig macht und die da lautet: ,Dieser ist ein Märtyrer der Liebe. Für ihn gibt es kein Blutgeld und keine Blutrache.‘

Über das Wesen der Liebe gibt es verschiedene Theorien, die von ihren Verfechtern ausführlich dargestellt worden sind. Meine eigene Auffassung ist, daß die Liebe eine Vereinigung von den in dieser erschaffenen Welt getrennten Seelenteilen in ihrem höheren Ursprungselement ist, und zwar nicht so, daß die Seelen in Teile zerlegte Kugeln sind, was die Meinung einiger Philosophen ist, wie sie Muhammad ibn Dāʿūd wiedergibt, sondern in der Weise, daß die beiderseitigen bewegenden Kräfte in der Heimstatt ihrer höheren Welt verwandt und auf Grund ihrer Gestaltungsart einander nahe sind. Wir wissen, daß das Geheimnis der gegenseitigen Vermischung und Abwendung der Geschöpfe in solcher Vereinigung und Trennung besteht. Jede Art verlangt stets nach ihrer Art, und Gleiches fühlt sich zu Gleichem hingezogen. Die Gleichartigkeit übt eine wahrnehmbare Wirkung und einen sichtbaren Einfluß aus, und wir sehen in unserer Umwelt, wie sich die Gegensätze abstoßen, wie Gleichartiges mit einander harmoniert und Ähnliches nach einander verlangt. Wieviel mehr muß dies bei der Seele der Fall sein! […] Wenn die Schönheit der leiblichen Gestalt der Grund der Liebe wäre, so dürfte man an einem mit minderer Gestalt kein Gefallen finden. Und doch finden wir viele Leute, die einen Geringeren vorziehen, obwohl sie sich der Überlegenheit von anderen bewußt sind und die ihr Herz nicht von ihm wenden können. Wenn die Liebe aber auf der Harmonie der Charaktere beruhte, dann würde der Mensch nicht auch einen lieben, mit dem er nicht übereinstimmt und nicht harmoniert. Daher wissen wir, daß die Liebe etwas ist, was in der Seele selbst begründet ist. Manchmal hat sie allerdings einen äußeren Grund und schwindet, wenn dieser Grund entfällt. Wenn dich darum einer wegen irgend etwas liebt, so wendet er sich von dir, wenn es zu Ende ist. In diesem Sinne spreche ich:

    Nichts kann mehr meine Liebe zu dir wandeln:
    Vollendet nichts sie mindert, nichts sie mehrt.
    Nur einem Quell entströmt sie, meinem Willen.
    Von anderm Grund hat keiner je gehört.
    Was in sich selber wir gegründet finden,
    Erweist als Wesen sich, das nimmer wankt.
    Doch sehn wir seines Daseins Grund in anderem,
    So stirbts mit dem, dem es sein Leben dankt.

Diese Ausführungen werden bestätigt durch die Erkenntnis, daß es verschiedene Arten von Liebe gibt. […] Alle diese Arten der Liebe aber vergehen, wachsen und schrumpfen mit ihren Ursachen, werden durch ihre Nähe verstärkt und durch ihr Fernsein abgeschwächt mit Ausnahme der wahren Verliebtheit, die sich der Seele bemächtigt; das ist die Liebe, die nur im Tod vergeht. Man kann erleben, daß uralte Leute, die behaupten, ihre Liebe vergessen zu haben, sich besinnen, wenn man sie daran erinnert, und daß sie dann lebhaft und wieder jung werden und die alte Erregung von neuem über sie kommt und die Sehnsucht wieder in ihnen erwacht. Unruhe, Geistesverwirrung, Schwermut, Veränderung des angeborenen Wesens, Wandel der natürlichen Veranlagung, Abmagerung, Seufzen und die übrigen Zeichen seelischer Qual, die sich bei der Verliebtheit einstellen, kommen bei keiner von den anderen obenerwähnten Arten der Liebe vor.

Daraus ergibt sich, daß die Liebe ein geistiges Gefallenfinden und eine seelische Vermischung ist. Wenn nur einer sagt: ,Wäre dem so, so müßte die Liebe beider gleich sein, weil sich die Vereinigung auf beide Teile gemeinsam erstrecken würde und jeder den gleichen Anteil an ihr hätte‘, so habe ich darauf folgendes zu erwidern: Bei meinem Leben! Dieser Einwand ist an und für sich richtig; aber die Seele dessen, der den, welcher ihn liebt, nicht wiederliebt, ist ringsum mit allerlei zufälligen Hüllen und die Seele umgebenden Schleiern irdischen Wesens umschlossen, so daß sie den Teil, der mit ihr vor ihrer Einkehr in ihre gegenwärtige Hülle vereinigt gewesen ist, nicht fühlt. Würde die Seele aber von diesen Hindernissen befreit, so hätten sie beide den gleichen Anteil an der Vereinigung und der Liebe. Anderseits ist die Seele des Liebenden frei von solchen Hindernissen. Sie weiß, wo sich das befindet, was ihr immer nahe gewesen ist, sie verlangt nach ihm, strebt zu ihm hin, sucht es, sehnt sich danach, ihm zu begegnen, und würde, wenn sie könnte, es anziehen wie der Magnet das Eisen.

[…]

Daß die Liebe sich in den meisten Fällen einer äußerlich schönen Gestalt zuwenden wird, kommt daher, daß die Seele selbst schön ist und darum heiß nach etwas Schönem verlangt und eine Neigung für vollkommmene Gestalten hegt. Wenn sie nämlich eine solche gewahrt, verweilt sie bei ihr. Erkennt sie nun dahinter etwas von ihrer eigenen Art, so verbindet sie sich mit ihr, und die echte Liebe wird zur Wirklichkeit. Erkennt sie aber hinter ihr nichts von ihrer Art, so geht ihr Lieben nicht über die Gestalt hinaus. Dann aber ist es nur Leidenschaft. Wahrlich, die Gestalten vereinigen gar wundersam die weitgetrennten Seelenteile!

[…]

Die Liebe, mein Freund, ist eine unheilbare Krankheit, deren Besserung von der Behandlung abhängt. Sie ist ein angenehm empfundenes Leiden und eine ersehnte Krankheit. Wer von ihr befallen ist, verlangt nicht nach Genesung, und wer daran leidet, wünscht nicht zu gesunden. Die Liebe läßt dem Manne schön erscheinen, was er erst verachtete, und leicht, was ihm zuvor als schwierig galt; ja, sie verwandelt sogar die angeborenen Wesenszüge und die ursprüngliche Veranlagung. Doch alles dies wird, so Gott will, in den betreffenden Kapiteln kurz erläutert werden.

Ich habe einen Jüngling aus meinem Kreise gekannt, der in den Schlamm der Liebe versunken und in ihre Schlingen gefallen war, dem die Leidenschaft böse zugesetzt und den das Siechtum entkräftet hatte. Sein Herz suchte keine Erleichterung dadurch, daß es Gott, den Mächtigen und Erhabenen, um Erlösung aus seiner Not bat, und sein Mund sprach sich vor ihm nicht frei darüber aus. Trotz seiner schweren Prüfung und dauernden Sorge galt sein Gebet vielmehr nur der Vereinigung und der Erringung des geliebten Menschen. Was soll man von einem Kranken halten, der nicht den Wunsch hegt, von seinem Leiden befreit zu werden? Als ich eines Tages mit ihm zusammensaß, sah ich mit Bedauern, wie er den Kopf hängen ließ, in welch üblem Zustand er war und wie er seinen Blick zu Boden senkte. Darum sagte ich zu ihm unter anderem: „Möge Gott dich von deinem Gram befreien!‟ Aber da habe ich auf seinem Gesicht den Ausdruck von Unwillen gesehen.

    Mein Leid um dich, der Hoffnung Ziel,
    Erscheint gar köstlich mir.
    Bis meine Tage enden, kehr
    Ich nimmer mich von dir.
    Wenn man mir sagt: „Vergessen wirst
    Du bald die Liebe sein“,
    So spreche ich als Antwort nur
    Das eine Wörtchen „Nein!‟

Ibn Hazm al-Andalusi; Max Weisweiler, Übers. Das Halsband der Taube : Von der Liebe und den Liebenden. Leipzig : Philipp Reclam jun., 1961.