„O mein Geliebter“, sagte ich, „nun zeige dich,
Enthülle deine Schönheit und beschenke mich!“
Er sprach: „Sei vorsichtig, mein Freund, und hüte dich,
Denn diese Liebe zieht den Dolch und tötet sich.“

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Die Liebe ist ein Menschenfresser, sie frisst den Menschen mit Haut und Haaren, und wenn sie ihn frisst, wird sie Herr im Lande und übernimmt die Herrschaft. Sie frisst sogar, wenn die Schönheit sich vollendet, die Fremdheit des Geliebten, aber das geschieht erst sehr spät.

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„Ich liebe mich selber, mich selbst liebe ich;
Zwei Seelen, ein Körper sind wir, er und ich,
Und blickst du mich an, so erblickst du auch ihn,
Und blickst du ihn an, so erblickst du auch mich.“

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Die wahre Vertrautheit setzt den gleichen Rang voraus, und das ist zwischen dem Geliebten und dem Liebenden nicht möglich, denn der Liebende ist die demütige Erde und der Geliebte der mächtige Himmel. Wie käme Vertrautheit zustande? […] Des Geliebten Tyrannei und des Liebenden Demut, wie kämen sie zusammen? Sichzieren (naz) des Begehrten und Flehen (niyaz) des Begehrenden, wie kämen sie zusammen? […] Der Kranke bedarf der Medizin, doch die Medizin bedarf des Kranken keineswegs […] Ein Liebender ist ein Gefangener, ein Geliebter aber ein Emir. Wie könnte es Vertrautheit geben zwischen dem Emir und dem Gefangenen?

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Die Last der Welt nähm ich auf mich,
Bekäme ich ein Glück wie dich.
Gazellen traun und nähern sich
Du tust es nicht, ich lockte dich.

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Dass der Geliebte für den Liebenden zur Qual wird, ist das Kennzeichen der vollkommen Liebe, so dass der Liebende ihn nicht ertragen kann und an der Tür des Nichtseins (nisti) Ausschau hält. […] Der Liebende weiß, dass es für ihn einen Ort, um aufzuatmen, nur im Nichtsein (‚adam) gibt, dessen Türe ihm verschlossen bleibt, weil er existiert. Hier liegt Schmerz für alle Ewigkeit. Nur wenn das Entwerden eine Weile seinen Schatten wirft und dem Liebenden in diesem unmarkierten (bi ‚alami) Schatten Gastfreundschaft gewährt, rastet der Liebende für eine Weile.

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Dein Traumbild ist mein Freund bei Nacht;
Still, weck mich nicht, es ist vollbracht!
Du hast ein Heer, das dich bewacht:
Lass mir den Traum, der glücklich macht!

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Des Geliebten Tyrannei (dschafa‘) ist eine doppelte: einmal auf dem Höhepunkt und einmal auf dem Tiefpunkt der Liebe, die sie beide aufzuweisen hat. […] Der Tiefpunkt in der Liebe ist erreicht, wenn die Unterdrückung des Geliebten zunimmt und die Liebe abnimmt. Hier helfen Tyrannei und Eifersucht dem Liebenden, die Fessel abzustreifen und seine Zelte – durch Aufgabe (khal‘) der Liebe – abzubrechen, und das geht so weit, dass er, wenn ihn Unterdrückung oder Eifersucht trifft, in der Aufgabe der Liebe einen langen Weg, den er beispielsweise in einem Jahr zu bewältigen hoffte, in einem Tage oder einer Nacht, nein vielmehr in einer Stunde schafft. Denn die Audienzhalle der Tyrannei ist des Geliebten Unentbehrlichkeit. Fällt das Auge auf einen Spalt, weicht diese Unentbehrlichkeit, zeigt sich die Befreiungsmöglichkeit.

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Bist stolz du,
dass mein Herz ich gab, so
achte drauf:
Schon hundert
Karawanen brachen
vor dir auf.

Ahmad Ghazzali. Gedanken über die Liebe. Aus dem Persischen übertragen von Gisela Wendt. Amsterdam: Castrum Peregrini, 1989.