Es ist nicht wirklich neu, dass sich Vertreter der sog. „anti“deutschen Strömung, einer islamfeindlichen Fraktionierung innerhalb der deutschen Linken, seit geraumer Zeit an rechte Populisten heranschmeißen. Das gemeinsame Feindbild „Moslem“ hilft, die ideologischen Gräben zwischen links und rechts zu überbrücken und eine neue Querfront zu begründen. So attestierte, um ein Beispiel zu nennen, das als zentraler Ideologiegeber der „Anti“deutschen fungierende Frontblatt Bahamas dem berüchtigten Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen bereits 2003, im Besitz „vernünftige[r] Einwände gegen die ungebremste Islamisierung“ französischer Vorstädte zu sein.

Konsequenzen hatten diese regelmäßigen Sympathiebekundungen für Faschisten nie: So störte sich das Leipziger Jugendzentrum „Conne Island“ bei seiner jüngsten Ausladung eines Bahamas-Redakteurs nicht etwa an der Nähe der Zeitschrift zur Neuen Rechten und deren rassistischer „Islamkritik“, sondern lediglich an dem pöbelnden Ton, mit dem der Oberwirrkopf der „Anti“deutschen gegen Feministinnen und „hässliche Linke“ zu Felde zog.

Bahamas-Karikatur

Bahamas sieht sich als Opfer einer Verschwörung von Linken und Muslimen

Eine zentrale Rolle für die massenhafte Verbreitung dieser Ideologie spielt die sich selbst als links betitelnde Wochenzeitung Jungle World. Seit zehn Jahren bietet sie Bahamas-Redakteuren, ungeachtet aller Kritik, eine Plattform zur Verbreitung ihrer rassistischen Ansichten. So hob die Zeitung erst unlängst einen Autoren dieser Zeitschrift in die Position des Leiters ihres Dossiers. Nicht von ungefähr erschien dort kurze Zeit später der Vorabdruck eines Kapitels aus dem kulturrassistischen Machwerk Sex, Djihad und Despotie (Maul 2010) – ein Buch, bei dem es sich um den Versuch des Bahamas-Autors Thomas Maul handelt, sich die Thesen des rechtsradikalen Islamwissenschaftlers Hans-Peter Raddatz und seines Werkes Allahs Schleier (Raddatz 2004) für die postantideutsche Ideologiebildung produktiv anzueignen.

Intellektueller Vordenker der Neuen Rechten

Raddatz ist einer der führenden Publizisten im Netz der Neuen Rechten, zentraler Stichwortgeber für die islam­feindliche Website PI-News (wo auch die erste, euphorische Rezension von Thomas Mauls Buch erschien) und langjähriger Kolumnist der Tageszeitung „Junge Freiheit“, die als zentrales Scharnier zwischen Nationalkonservatismus und Rechtsextremismus betrachtet wird. Auffällig ist auch der Er­scheinungsort von Raddatz‘ Büchern, die fast alle im geschichtsrevisio­nistischen Herbig-Verlag des rechten Großverlegers Herbert Fleissner veröffentlicht wurden. Fleissner ist prominentes Mitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft und des Witikobundes, der für die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1939 eintritt. Raddatz selbst wird von manchen Autoren dem Milieu der rechtskatholischen Piusbruderschaft zugeschlagen, einer antisemitischen Organisation, die in der Kirche für die Aufhebung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils kämpft. Diese Zuordnung erscheint mir jedoch aus verschiedenen Gründen zweifelhaft, obgleich der Autor auf zahlreichen Seiten in eine nebulöse christliche Esoterik verfällt.

Über seine rechtsextreme Gesinnung lässt Raddatz seine Leser_innen jedenfalls kaum eine Sekunde im Zweifel, weshalb diese Tatsache auch Thomas Maul bei der Lektüre nicht entgangen sein kann. So basieren Raddatz‘ Bücher durchweg auf einer kruden Verschwörungstheorie, wonach die „korrektheitsliberalen Eliten“ die Deutschen im Namen der multinationalen Konzerne „kolonisieren“ und überfremden (u.a. Raddatz 2004: 391). Für Raddatz droht damit ein Holocaust am deutschen Volk:

Sollten die Deutschen ihrerseits dauerhaft unfähig bleiben, sich von dieser Tendenz zu befreien, gibt es außer dem Einfluss Amerikas keinen Grund, warum sich das Schicksal des Opfervolkes Israel nicht auch an Europa, beginnend mit dem deutschen Tätervolk, vollenden sollte. (Zit. n. Widmann 2009)

Ähnlich wie die „anti“deutsche Zeitschrift Bahamas und ihr Nachwuchsmagazin Prodomo betreibt auch Raddatz eine systematische Täter-Opfer-Umkehr, indem er die Deutschen als Opfer eines Rassismus identifiziert, der von muslimischen Zuwanderern und ihren Nachkommen gegen die nicht-muslimische Mehrheit ausgeübt würde:

Hier wird ein umfassender Rassismus deutlich, der an die gemeinsamen Wurzeln des Sozialismus und National-Sozialismus anknüpft. Indem sich dieser Rassismus gegen nicht weniger als ein ganzes Volk, nämlich die gehaßte bürgerliche Mehrheitsgesellschaft richtet, schwenkt er in den metaphysischen Antisemitismus ein. Der Nichtmuslim wird zum Juden der Postmoderne. (Raddatz 2004: 433)

Teil der „korrektheitsliberalen“ Verschwörung gegen das deutsche Volk sei dabei auch die Förderung der Toleranz gegenüber nichtreproduktiven Sexualformen und „geschlechtlichen Aberrationen“ wie der Homosexualität:

Daran können auch ihre „modernen“ Verpackungsformen wie z.B. die Homoehe oder die Strafverschleppung in der belgischen Pädoszene wenig ändern. Daß auch für diese Varianten „Toleranz“ gefordert wird, bestätigt lediglich die totalitäre Funktion dieses Begriffs. Denn die Spirale […] ist schon längst zur nächsten Stufe ihrer Logik vorgerückt, dem Rassismusvorwurf an jene, welche nicht auch für die anderen, noch „ausgegrenzten“ Sexualformen uneingeschränkte Toleranz fordern. (Raddatz 2004: 439)

„Tempelhuren des islamischen Phallozentrismus“

Gegen die solcherart versiegende Reproduktionskraft des deutschen Volkes stellt Raddatz die Alpdruckvision eines „phallischen Allah, der seine männlichen Sachwalter mit dem Auftrag aussendet, die Frauen unentwegt zu begatten, um das ‚Haus des Islam‘ und seine Gemeinschaft weltweit aufzurichten“ (Raddatz 2004: 421). Ein Mittel dabei sei auch die systematische Vergewaltigung von Frauen:

Die Vergewaltigung ist eine Pflicht, die – bei Unbotmäßigkeit der Frau nicht wahrgenommen – die Schuld nach sich zieht, eine Gefährdung des inneren Zusammenhalts der umma in Kauf zu nehmen. (Raddatz 2004: 130)

Komplementär zur Pflicht des muslimischen Mannes, Frauen zu züchtigen und zu vergewaltigen, sieht Raddatz die Aufgabe der muslimischen Frau vor allem in der „religiös geforderten Entsorgung von Erektionen“ (Raddatz 2004: 314) – eine der vielen Formulierungen, die Thomas Maul aus diesem Machwerk verbatim übernommen hat. Aus solchen kulturalistischen Wahnvorstellungen baut Raddatz schließlich seine Theorie des „islamischen Phallozentrismus“ und liefert damit eines der beiden Basiskonzepte, mit denen Maul seine „kritische Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses“ (Verlagstext) begrün­det. So werden Frauen, die sich für Toleranz und interkulturellen Dialog einsetzen, von Raddatz ganz feministisch als „Tempelhuren des islamischen Phallozentrismus“ verunglimpft (Raddatz 2004: 275).

Obwohl Thomas Maul diese Wortprägung für so beachtlich hält, dass er sie sogar in den Untertitel seines eigenen Buches übernimmt, sucht man nach einem Hinweis auf den rechtsradikalen Urheber weit und breit vergebens. Das hat nichts damit zu tun, dass er sich für die politische Gesinnung seiner Vorlage schämen würde – er zitiert sie unentwegt -, sondern ist eher der Versuch, als origineller Denker zu wirken, der tatsächlich in der Lage wäre, eigene theoretische Begriffe zu prägen. Den Erfinder seines wichtigsten Konzeptes unterschlagend, heißt es in Mauls Einleitung daher unschuldig: „Der Ausdruck Phallozentrismus soll sie [die islamische Vergesellschaftungsideologie — rhizom] auf den kritischen Begriff bringen.“ (Maul 2010: 9).

Geklaut ist der Begriff allerdings gleich doppelt: Zunächst handelt es sich nämlich – was man weder bei Raddatz noch bei Maul erfährt – um einen der Schlüsselbegriffe der französischen Feministin Luce Irigaray, die damit ein Gegenkonzept zu Freuds Konzept des „Penisneids“ erschaffen wollte. Raddatz und sein Afterdenker Thomas Maul nehmen ihm nicht nur diesen Charakter einer Kritik an Freud. Sie wenden den Begriff auch kulturrassistisch um, indem sie die androzentrische symbolische Ordnung, die durch den Begriff bezeichnet werden soll, als exklusives Definitionsmerkmal des Islam konstruieren, der sich gerade darin „fundamental von Judentum, Christentum und säkularem Abendland“ (Maul 2010: 9) unterscheiden soll. Zwar seien auch letztere patriarchal gewesen, aber durch eine geheime „Urschaltung“ hätte das Christentum – am Judentum lässt Raddatz im Unterschied zu Maul kein gutes Haar – den Keim der weiblichen Emanzipation von Anfang an bereits in sich getragen:

Wie sich vielfältig bestätigte, war es die zweite Urschaltung, das geistige Erlösungsprinzip Europas gegenüber dem biologischen des Islam, das die Europäer entscheidend dabei unterstützte, ihre Frauen als Personen zu erkennen. (Raddatz 2004: 317)

Während dem Christentum der Koitus nämlich als etwas Schmutziges und Geistwidriges gilt, werde er in der „Bio-Religion“ Islam zu einem Gottesdienst erhoben und die Frau infolgedessen zum „Penisdienst“ am Mann erniedrigt.

Der Dienst am Penis übersteigt den an Allah, denn er geht jedem Gebet vor. Selbst die Macht Allahs beugt sich der Potenz des Mannes, indem er eine Frau, die lieber beten als koitieren möchte, zur Sünderin erklärt. (Raddatz 2004: 312)

Fleischfeindlichkeit gilt den beiden folglich als der feministische Kern des Christentums, der es über den „animalischen“, kurz: biologischen Charakter des Islam erhebt. Die Parallelen zum antisemitischen Diskurs sind evident.

Vorschau: In Teil 2 wird es um Raddatz‘ absurden Begriff von „Feminismus“ und Mauls Übernahme des völkischen Schreckgespensts von der „Bio-Religion Islam“ gehen.