In der zurückliegenden Woche war ich das erste Mal auf der Re:publica, einem Blogger_innen-Treffen, das sich innerhalb von wenigen Jahren zu einem monströsen Social-Media-Kongress mit etwa 3.000 Teilnehmenden entwickelt hat. Die Kosten betragen mittlerweile 110 Euro für ein reguläres Ticket, so dass man sich die durchschnittliche Klassenzusammensetzung des Publikums unschwer ausmalen kann. Gesellschaftskritische Inhalte waren so gut wie keine zu finden; dafür, neben viel Werbung für irgendwelche hippen Internet-Startups, ein Vortrag von Gunter Dueck, dem Chief Technology Officer (CTO) von IBM Deutschland, dessen salopper Auftritt mittlerweile via Twitter zum Höhepunkt des dreitägigen Events gekürt wurde.

Wenn man sich das Video allen Ernstes antut, sieht man nach ca. 40 Minuten, woher die Begeisterung eigentlich rührt: Dueck formuliert eine astreine Klassenideologie für verwertungsgeile Internet-Yuppies, die sich vor wenigen Jahren noch als spleenig-alternative Nerds präsentierten, von dem Uni-Philosophen und IBM-Manager aber erstmals die Rolle einer ideologischen “Führungsklasse” im postfordistischen Kapitalismus zugesprochen bekommen. Das ist natürlich etwas größenwahnsinnig, weshalb die Re:publica zugleich von dem unsäglichen Gejammer durchzogen war, dass die neue bürgerliche Avantgarde von den traditionellen Medien und Parteien noch immer schmählich vernachlässigt werde. Und auch der unerschöpfliche, technik­deterministische Glaube daran, dass das Internet ein neues Zeitalter der gesellschaftlichen Entwicklung eingeleitet hätte, will nach zwanzig Jahren Nerd-Utopien niemanden mehr so recht überzeugen.

In einem der feministischen Workshops, die dem langweiligen Bramarbasieren über die “digitale Kultur” noch ein bisschen neue Würze verleihen sollten, wurde es am Ende offen ausgesprochen: Die virtuelle Gesellschaft des Internet unterscheidet sich vom “real life” täglicher Face-to-Face-Kommunikation höchstens darin, dass Rassismus und Sexismus unter dem Deckmantel der Anonymität noch ein wenig extremere Blüten treiben. So darf man mit einem – in böser Absicht – gekürzten Zitat des Veranstalters Johnny Haeusler fragen: “Was hat das Internet außer […] schnellen Vertriebswegen für digitale Güter […] je für uns getan?”