So ein Reinfall: Da startet Felix Baum in seinem Artikel German Psycho, der in der amerikanischen Zeitschrift Platypus Review als Antwort auf ein Manifest der Freiburger ISF erschienen ist, zunächst einmal richtig cool durch, indem er sowohl die ideologischen Fehler der antiimperialistischen Linken als auch den „Wahn“ aufs Korn nimmt, den die sog. „Antideutschen“ vorstellen – und produziert am Ende, statt Erkenntnis, doch selbst nur einen großen blinden Fleck. Baum, der sich als Repräsentant einer dritten, „kosmoproletarischen“ Strömung jenseits der „spiegelbildlichen ideologischen Schemata“ von Antiimp und AntiD versteht, hält zunächt ein paar richtige Kritikpunkt an beiden fest:

The idea that anti-colonial movements such as the Vietnamese Stalinists under Ho Chi Minh stood for universal emancipation, rather than being harbingers of the state-capitalist modernization of their societies, was shared by the Left, Old and New, the world over. This was ideology in the strict sense: it had a foundation in reality and could thus be criticized. In contrast, only German leftists could come to the conclusion that Ariel Sharon represents a triumvirate of Lenin, Durruti, and Walter Benjamin, and maintain that Israel is a sort of “dictatorship of the proletariat,” an “armed attempt by the Jews to reach communism while still alive.” [Joachim Bruhn] This is not ideology but delusion, and, as such, it can be analyzed, but no longer criticized. Its psychological driving force is a macabre desire for the “revenge for the dead” attributed to Sharon’s politics—as if the West Bank and the Gaza Strip were a retirement home for the SS.

Nachdem er das „Antideutschtum“ nicht als Ideologie, sondern als delusion, nicht als fehlerbehaftet, sondern als den Fehler selbst bestimmt hat, geht Baum auch mit dem rohen Antiimperialismus der 70er Jahre ins Gericht:

A crude anti-imperialism was in full display, primarily by the pro-China, Marxist-Leninist “K-Gruppen”—which had about a 100,000 people file through their ranks during the 1970s—but also by elements of the so-called “non-dogmatic” left. The Leninist commitment to “the right of national self-determination” that had asserted itself in the workers’ movement against Rosa Luxemburg’s categorical anti-nationalism evolved into an all-encompassing worldview that posed the conflict between imperialism and the “oppressed peoples” as the key to world revolution.

The affinity of this worldview with modern antisemitism is obvious. It understands the capitalist mode of production not as an impersonal force of domination but tends towards a conspiracy theory. It does not offer any critique of production but castigates the “parasitic character” of imperialism, which is primarily associated with finance capital. The nation is not understood as a compulsory form that is to be abolished, but naturalized and placed in opposition to imperialism. The traditions and the simple, industrious life of “the people” are held up in opposition to “cosmopolitanism” and the “artificial,” “decadent” culture of the West. So-called revolutionary leftists seriously debated whether the Jews were a people (Volk) and hence entitled to found a nation-state. No one recognized that rather than the state being an expression of the allegedly natural category of the nation, the nation is in fact a historical product of the state.

Eine kleine, aber sinnvolle Erinnerung an den Scheiß, den die deutsche Linke nach ’68 fabrizierte und der kaum besser war als das, was sie heute in bloßer Umkehrung verzapft (Kriegsbefürwortung, Schwenken von US-Fähnchen sowie ein pathologischer Hass auf Migrant_innen und den globalen Süden). Statt sich nun aber auf Rosa Luxemburgs „kategorischen Antinationalismus“ zu besinnen, der sich nicht zuletzt aus ihrer konsequenten Parteinahme gegen Imperialismus und Krieg erklärt, ist Baums Schlussfolgerung, die Analyseebene zwischenstaatlicher Dominanzverhältnisse vollständig zu eskamotieren. Er tut das unter Berufung auf den Charakter der kapitalistischen Produktionsweise als einer „unpersönlichen Herrschaftsgewalt“.

Baum verwischt damit den Unterschied zwischen politischer Gewalt und der Produktionsweise, die durch diese Gewalt aufrechterhalten und entlang spezifischer Interessen modelliert wird. Krieg und militärische Überfälle, die Aufrüstung repressiver Regime in der „Dritten Welt“, die Ermordung von Gewerkschaftern und Systemgegnern vollziehen sich nicht als „stummer Zwang der ökonomischen Verhältnisse“. Und sie lassen sich auch nicht, wie bei Baum, auf einen einmaligen Akt der „ursprünglichen Akkumulation“ reduzieren. Sie sind der ständige Gewalt-Hintergrund, auf dem die globale Mehrwertproduktion basiert.

Die kapitalistische Warenproduktion von den repressiven und imperialistischen Formen zu trennen, in denen sie weltweit durchgesetzt und garantiert wird, ist in seiner Ausblendung zentraler Vermittlungskategorien selber eine Form „verkürzter Kapitalismuskritik“, die der des klassischen Antiimperialismus geradezu spiegelbildlich entspricht. Weil Armut auf Kapitalismus zurückgeht – and that’s that -, meint Felix Baum, von direkter Gewalt nicht mehr reden zu müssen. Entsprechend ist es kein Wunder, dass er selbst die Misere der Palästinenser, die er als rein ökonomische betrachtet, ohne jeden Verweis auf die Besatzung abhandeln zu können glaubt:

What condemns the vast majority of Palestinians to poverty in their existence is, to an extent, superfluous and devalued labor-power, a fate they share with millions of slum-dwellers the world over and one that would hardly be altered by founding a Palestinian state. Historically, Palestinians were proletarianized by Israel, which separated them from the land, but because Labor Zionism did not want to integrate them as wage-laborers any more than the Arab states were apparently capable of doing, for generations hundreds of thousands of Palestinian refugees have scraped together a wretched existence in Arab camps, dependent on the charity of international aid organizations.

Für Baum ist Israels Staatsgründung das Initial einer „ursprünglichen Akku­mulation“, die die Palästinenser von ihrem Land enteignete, um sie aufgrund der Nichtverwertbarkeit ihrer Arbeitskraft fast unmittelbar in eine von internationalen Hilfsorganisationen abhängige „absolute Überbevölkerung“ zu verwandeln. Doch so richtig es ist, den Fans des palästinensischen Nationalis­mus unter die Nase zu reiben, dass die Gründung eines eigenen Staats keine Lösung für Armut und soziale Ungleichheit verspricht, so ideologisch ist es, die menschlichen Härten der Okkupation durch diesen Verweis einfach weg­zuretuschieren: täglich stundenlanges Warten vor Checkpoints, tagelange Ausgangssperren, Abriss von Wohnhäusern, willkürliche Inhaftierungen, Aus­lieferung an die straflose Gewalt von Siedlern und Soldaten – das geht in einem Begriff von Kapitalismus als „unpersönlicher Herrschaft“ nicht auf.

Doch ist die Okkupation, ob sie einen interessiert oder man die Beschäftigung damit für eine Manie hält, nur ein Spezialfall unter vielen. Genauso wie Israel in der Aufrechterhaltung der Besatzung von den astronomischen Militärhilfen der Vereinigten Staaten und ihrem Veto im Sicherheitsrat abhängt, also Lizenznehmer des amerikanischen Imperialismus ist, wurden in den vergangen Jahrzehnten auch unzählige arabische Folter-Diktaturen vom Westen gegen die eigene Bevölkerung hochgerüstet. Dass umgekehrt auch der Antiimperialismus längst zum wohlfeilen Legitimationstitel für die Herrschafts­ansprüche einiger der blutigsten Regime des globalen Südens verkommen ist, wie etwa der „Islamischen Republik Iran“, enthebt die Kosmoproleten nicht davon, sich über die Zusammenhänge Gedanken zu machen, die traditionell unter dem Stichwort des „Imperialismus“ abgeheftet werden.

Sich abstrakt gegen den Kapitalismus zu positionieren, ohne sich die politischen Formen vorzuknöpfen, in denen er gewaltsam aufrechterhalten wird, ist eine folgenlose Attitüde, die in ihrer Vergessenheit gegenüber der Kategorie des Imperialismus letztlich genauso delusional ist, wie dessen wahnhafte „antideutsche“ Umdeutung zu einem Werk der Befreiung. Die anti­imperialistischen „Volksfreunde“ zu kritisieren, ohne den Begriff des Imperialismus preiszugeben – dieses Kunststück ist den Kosmoproleten in ihrer bemühten Äquidistanz zu den historischen Hauptströmungen der deutschen Linken bislang nicht gelungen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…