Monatsarchiv für März 2011

Was aus Fukushima zu lernen wäre

Der Blog Hin­ter­grund­strah­lung fasst prä­gnant zusam­men, was man an staats– und gesellschafts­kritischen Ein­sich­ten aus dem gegen­wär­ti­gen Atom-Desaster in Japan mit­neh­men kann:

  1. „Kein ver­nünf­ti­ger Mensch würde unter den tech­nisch mög­li­chen Mit­teln aus­ge­rech­net eines aus­wäh­len, das ihn im bes­ten Fall lang­sam, im schlimms­ten akut ver­strahlt, um sich mit benö­tig­tem Strom zu ver­sor­gen. Das tut auch nie­mand, denn diese Ent­schei­dung fäl­len Regie­rende, die damit erklär­ter­ma­ßen Ziele wie ‚Energie­sicherheit‘ und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der deut­schen Wirt­schaft ver­fol­gen. Nur als natio­na­les Kon­kur­renz­mit­tel macht Atom­kraft Sinn.“
  2. „Das Risiko groß­flä­chi­ger Ver­strah­lun­gen und deren Fol­gen ein­zu­ge­hen, ist Wahn­sinn. (Ebenso wie die Schaf­fung eines unent­sorg­ba­ren Atom­müllbergs.) Und doch stellt […] eine ganze gesell­schaft­li­che Bewe­gung offen­sicht­lich nicht die Frage, warum die­ser Wahn­sinn betrie­ben wird.“
  3. „Über sol­che natio­nale Fra­gen wird nicht per Wahl ent­schie­den, am wenigs­ten bei die­ser Grö­ßen­ord­nung. Atom­geg­ner kön­nen die Grü­nen wäh­len, AKWs kön­nen sie damit nicht abschal­ten. Schließ­lich ken­nen alle demo­kra­ti­schen Par­teien noch einige andere Entscheidungs­kriterien als die Ver­strah­lungs­ge­fahr für ihre Bür­ger und schal­ten dann ab, wenn SIE das für rich­tig halten.“
  4. „Dass kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­na­tio­nen das ‚Rest­ri­siko‘ eines Super-GAUs die Sache wert ist, solange es ihren Zwe­cken dient, ist keine Neu­ig­keit. Anschau­lich wird aber, was ein moder­ner, kapi­ta­lis­ti­scher und demo­kra­ti­scher Staat sei­nen Ein­woh­nern zuzu­mu­ten bereit ist.“

Homophober Moslem, toleranter Westen? (Vortrag und Diskussion)

Plötz­lich inter­es­sie­ren sich auch Konserva­tive für die Pro­bleme von Homo­se­xu­el­len – näm­lich wenn diese Opfer von Gewalt wer­den, die von „Frem­den“ aus­geht. Diese wer­den von ihnen einer „rück­stän­di­gen“ und „anders­ar­ti­gen“ Kul­tur zuge­ord­net, von der sie sich selbst abhe­ben möch­ten. Selbst Lin­ken gilt „der Wes­ten“ als Quelle sexu­eller Eman­zi­pa­tion schlecht­hin und „der Islam“ wie­derum als mono­kau­sal verant­wortlich für sexu­al­re­pres­sive Zustände und die Ver­fol­gung von „Schwu­len“ im Nahen Osten. Der Refe­rent dekon­stru­iert die­sen kul­tu­ra­lis­ti­schen Mythos. Er umreißt eine Geschichte der Hetero­normalisierung der mus­li­mi­schen Län­der als einen von Europa inspi­rier­ten Moder­ni­sie­rungs­pro­zess, der in der Über­nahme von psych­ia­tri­schen Katego­rien, sexu­el­len Iden­ti­tä­ten und natio­na­lis­ti­schen Prak­ti­ken bestand. Auch wird the­ma­ti­siert, wie das Kon­strukt der „isla­mi­schen Homo­phobie“ als poli­ti­sches Instru­ment Ver­wen­dung findet.

SALZBURG (Face­book)
Mi, 16. März ’11, 19:00 Uhr
Rudolfs­kai 42
Geswi, Hör­saal 381
Ver­an­stal­ter: GRAS Salz­burg

JENA (Face­book)
Mi, 20. April ’11, 19:00 Uhr
Carl-Zeiss-Straße 3
Hör­saal 9
Ver­an­stal­ter: revolta

KASSEL (Face­book)
Do, 28. April ’11, 20:00 Uhr
Nora-Platiel-Straße 5
KUK Raum (0213)
Ver­an­stal­ter: Kri­ti­sche Uni Kassel

Anti-Muslim Witch-Hunt in Orange County (California)

Isla­mo­pho­bi­ker wie wir:

„There is a war going on …“

GERMANY:

Es hat eine mas­sive Umver­tei­lung hin zu den Unternehmer­einkommen gege­ben. Um rund fünf Pro­zent­punkte hat sich die Gewinn­quote zulas­ten der Lohn­quote seit der Schröder-Regierung erhöht. —Her­den­trieb

USA:

Felix Baum: German Psycho. A Meta Comment

So ein Rein­fall: Da star­tet Felix Baum in sei­nem Arti­kel Ger­man Psy­cho, der in der ame­ri­ka­ni­schen Zeit­schrift Pla­ty­pus Review als Ant­wort auf ein Mani­fest der Frei­bur­ger ISF erschie­nen ist, zunächst ein­mal rich­tig cool durch, indem er sowohl die ideo­lo­gi­schen Feh­ler der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lin­ken als auch den „Wahn“ aufs Korn nimmt, den die sog. „Anti­deut­schen“ vor­stel­len — und pro­du­ziert am Ende, statt Erkennt­nis, doch selbst nur einen gro­ßen blin­den Fleck. Baum, der sich als Reprä­sen­tant einer drit­ten, „kos­mo­pro­le­ta­ri­schen“ Strö­mung jen­seits der „spie­gel­bild­li­chen ideo­lo­gi­schen Sche­mata“ von Anti­imp und AntiD ver­steht, hält zunächt ein paar rich­tige Kri­tik­punkt an bei­den fest:

The idea that anti-colonial move­ments such as the Viet­na­mese Sta­li­nists under Ho Chi Minh stood for uni­ver­sal eman­ci­pa­tion, rather than being har­bin­gers of the state-capitalist moder­niza­tion of their socie­ties, was shared by the Left, Old and New, the world over. This was ideo­logy in the strict sense: it had a foun­da­tion in rea­lity and could thus be cri­ti­ci­zed. In con­trast, only Ger­man lef­tists could come to the con­clu­sion that Ariel Sharon rep­res­ents a tri­um­vi­rate of Lenin, Dur­ruti, and Wal­ter Ben­ja­min, and main­tain that Israel is a sort of “dic­ta­tor­ship of the pro­le­ta­riat,” an “armed attempt by the Jews to reach com­mu­nism while still alive.” [Joa­chim Bruhn] This is not ideo­logy but delu­sion, and, as such, it can be ana­ly­zed, but no lon­ger cri­ti­ci­zed. Its psy­cho­lo­gi­cal dri­ving force is a macabre desire for the “revenge for the dead” attri­bu­ted to Sharon’s politics—as if the West Bank and the Gaza Strip were a reti­re­ment home for the SS.

Nach­dem er das „Anti­deutsch­tum“ nicht als Ideo­lo­gie, son­dern als delu­sion, nicht als feh­ler­be­haf­tet, son­dern als den Feh­ler selbst bestimmt hat, geht Baum auch mit dem rohen Anti­im­pe­ria­lis­mus der 70er Jahre ins Gericht: (Click here to continue…)

Richard, Christoph und Lollo — «Angst vor dem Islam»

Der rechte konservativ-christlich-abendländische Schrift­stel­ler Richard Wag­ner stimmt auf der Achse des Guten ein «Kur­zes Lob der Isla­mo­pho­bie» an:

Sie wol­len wis­sen, worin der Unter­schied zwi­schen einem Anti­semiten und einem Isla­mo­pho­ben wie mir besteht? […]

Der Anti­se­mit glaubt, sein gesell­schaft­li­cher Sta­tus sei durch die Juden gefähr­det, der Isla­mo­phobe hin­ge­gen sieht die Frei­heit, und damit die Grund­la­gen der offe­nen Gesell­schaft durch den Islam als poli­ti­sche Reli­gion bedroht. […]

Nun zu den rech­ten Isla­mo­pho­ben. Diese nen­nen sich in der Regel selbst nicht rechts, sie wer­den viel­mehr als rechts bezeich­net und bezich­tigt. Die meis­ten rechts und rechts­po­pu­lis­tisch genann­ten Isla­mo­pho­ben sind nichts wei­ter als kon­ser­va­tiv und abend­ländisch, christ­lich. Die lin­ken Isla­mo­pho­ben hin­ge­gen sind Leute, die die huma­nis­ti­schen Prin­zi­pien durch den Islam und seine Rechts– und Geschlech­ter­vor­stel­lun­gen gefähr­det sehen.

Gemein­sam ist den rech­ten und lin­ken Isla­mo­pho­ben die Verteidi­gung des Staa­tes Israel ohne Wenn und Aber […]

Bis­lang dachte ich immer, der Begriff der Isla­mo­pho­bie sei irre­füh­rend, da er den Ras­sis­ten «Angst» (statt Chau­vi­nis­mus und Impe­ria­lis­mus) als trei­ben­des Motiv unter­stellt. Da ich mich nun aber von Wag­ner eines Bes­se­ren beleh­ren las­sen musste, hier eine kurze Ver­to­nung sei­ner Argumente:

Homophober Moslem, toleranter Westen? — Die siebziger Jahre

Schah ver­tei­digt Men­schen­rechte — Nach Überg­rif­fen der Tehe­ra­ner Poli­zei gegen schwule Tou­ris­ten stellt sich Schah Reza Pah­lewi einem Inter­view mit [dem BRD-Schwulenmagazin] Du&Ich: «Ich höre zum ers­ten Mal, dass Homo­se­xu­elle in mei­nem Land miss­han­delt wür­den. Das sind Ver­leum­dun­gen, lau­ter Lügen. In mei­nem Land sind Homo­se­xu­elle freie Men­schen, genauso frei wie alle ande­ren. Das kann ich Ihnen ver­si­chern.» Nur die Jugend müsse geschützt wer­den. In Marokko etwa «gibt es regel­rechte Bor­delle, in denen Kna­ben ange­bo­ten wer­den, und so etwas wer­den Sie in mei­nem Land nie­mals fin­den». Iran habe die schöns­ten jun­gen Män­ner der Welt. Er per­sön­lich setze sich dafür ein, dass deren soziale Situa­tion sicher­ge­stellt sei. […] (Du&Ich 6/74)1


Nixon sucht Kam­mer­jä­ger — Die Washing­ton Post berich­tet, dass der zurück­ge­tre­tene US-Präsident Richard Nixon offen­sicht­lich eine tiefe Abnei­gung gegen­über Homo­se­xu­el­len hegt. Auf einem der Überwachungs­bänder, das nach der Watergate-Affäre frei­ge­ge­ben wurde, ist fol­gende Äuße­rung ent­hal­ten: «Homo­se­xu­elle sind wie Rat­ten. Ich frage mich, warum es keine Rattenvertilgungs­mittel für Schwule gibt?» (Du&Ich 10/74)2


Ver­an­stal­tungs­hin­weis:
Mi, 16. März ’11, 19:00 Uhr
SALZBURG
«Homo­pho­ber Mos­lem, tole­ran­ter Wes­ten?»
Gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­che Fakul­tät
Rudolfs­kai 42, Hör­saal 381.
Ver­an­stal­ter: GRAS Salz­burg


  1. Diet­mar Kreut­zer, Die Chro­nik der Schwu­len: Die sieb­zi­ger Jahre. Ham­burg: Männerschwarm-Verlag, 2007. S. 53. []
  2. Ebd., S. 56. []

Hinterlandrevolution — Arbeit

via blu

From Hermann to Hosni With Love

Karikatur der Frankfurter Rundschau zur deutschen Debatte um den arabischen Aufstand

Kari­ka­tur der Frank­fur­ter Rund­schau zur deut­schen Debatte um den ara­bi­schen Aufstand

Der Blog al-Samidoun hat sich das Maga­zin des „anti­deut­schen“ Fern­fucht­lers Her­mann L. Grem­liza ange­schaut, der bereits 2003 ein paar Zehn­tau­send tote Ira­ker zu einem fai­ren Preis für die (mal wie­der) ver­meint­lich in Gefahr gera­tene „Sicher­heit Isra­els“ erklärte. Wäh­rend es zu jener Zeit aber noch um den Sturz eines Dik­ta­tors ging, der den USA läs­tig gewor­den war, stel­len sich die Hunde der KONKRET-Redaktion in ihrer neue­sten Aus­gabe nun­mehr offen hin­ter die blu­ti­gen Kom­pra­do­ren­re­gime Nord­afri­kas und ande­rer Län­der der sog. ara­bi­schen Welt. Man braucht sich hier­bei nur an Muba­raks Rolle bei der Bela­ge­rung des Gaza-Streifens zu erin­nern und sich den Enthu­si­as­mus der ägyp­ti­schen Mas­sen für die Sache der Paläs­ti­nen­ser zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, damit man ver­steht, warum der gute Her­mann dem Tyran­nen von Kairo ein Meer von Trä­nen nach­weint. Der Höhe­punkt sei­ner für Bon­mots gehal­te­nen rhe­to­ri­schen Dumm­hei­ten dürfte aller­dings der fol­gende Satz sein:

Eine Demo­kra­tie, deren Regie­rung die Vox populi exe­ku­tiert, ist eine demo­cra­cia falsa.

Skur­ril!


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