"Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte." (Joh 13,23)

"Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte."

Nicht dass die De/Konstruktion von Geschlecht zu meinen Arbeits­schwerpunkten zählte. Aber es ist doch unvermeidlich, in der von mir favorisierten „Geschichte der Sexua­lität“ (Foucault) auch über das „Unbehagen der Geschlechter“ (Butler) zu stolpern. So habe ich aus meinem verschwun­denen Journal auf X-berg.de eine ziemlich abge­fahrene Quelle gefischt, die ich hier nach Jahren wieder verfügbar mache: ein Fürgebet aus einem alten englischen Gesangbuch, datie­rend aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Adressat dieses Gebets ist – nein, ausnahmsweise nicht die Jungfrau Maria, sondern die „keusche Maid“ Johannes oder „der Jünger, den Jesus liebte“.1

Wie seit Freud bekannt, hat das Verdrängte die unangenehme Eigenschaft, auf skurrile Weisen wiederzukehren. Die theologische Notwendigkeit, die Liebe zwischen Jesus und Johannes in jeder einzelnen Strophe als „rein“ zu verteidigen, produziert in unserem Fürgebet eine ständige Kopräsenz sexueller Hintergedanken, die durch den Inhalt des Wortes „Jung­frau“ im selben Moment negiert wie hervorgehoben werden. Denn die feminisierende Anrede als Jungfrau stempelt Johannes erst recht zum „effeminatus“, zum passiven Sexualobjekt, als das er nicht erscheinen darf. Der Versuch, die Lust abzu­wehren (um sie als negierte umso eifriger in den Vordergrund zu spielen), kulminiert so in einer Destabilisierung des gesamten Geschlechter­systems, die Johannes den Evangelisten als „Geliebten“ (amicus) und „reine Maid“ (clene maydyn), als Mann und Frau, sexualisiert und entsexualisiert zugleich:

Bitte für uns den Friedensprinzen,
Johannes, Geliebter Christi.

Zu dir jetzt, Christi teurer Liebling,
Der eine Jungfrau war sowohl im Alter als auch in der Jugend,
Ist mein Herz gewendet, um zu dir zu singen,
Johannes, Geliebter Christi.

Denn du warst eine Maid so rein,
[Dass] du fürwahr die Geheimnisse des Himmels sprichst,
Wenn du an Christi Brust liegst,
Johannes, Geliebter Christi.

Als Christus vor Pilatus gebracht wurde,
Ließest du reine Maid ihn nicht im Stich;
Mit ihm zu sterben war alles, woran du dachtest,
Johannes, Geliebter Christi.

Christi Mutter hat sich deiner angenommen.
Eine Jungfrau sollte einer Jungfrau Begleiter sein;
Sei du unsere Stütze, [damit] wir nicht verlassen sind,
Johannes, Geliebter Christi.2

Bleibt noch eine Anekdote hinzuzufügen: Im Jahr 1593 wurde der Dichter und Dramatiker Christopher Marlowe vor den englischen Kronrat zitiert, nachdem ihn zwei Zeugen – teils unter Folter – einer ganzen Reihe blasphemischer, atheistischer und freidenkerischer Aussagen bezichtigt hatten, darunter: „Dass St. Johannes der Evangelist Christi Bettgenosse war und immer an seiner Brust lehnte, dass er ihn benutzte wie die Sünder von Sodoma“.3 Zum Verhör und dem zu erwartenden Todesurteil wegen Ketzerei kam es allerdings nicht mehr. Marlowe wurde noch im selben Jahr unter nie geklärten Umständen erdolcht.

Prey for vs the Prynce of Pees,
Amice Cristi Johannes.

To the now, Cristes dere derlyng,
That were a maydyn* bothe eld and yyng
Myn herte is set to the to syng,
Amice Christi Johannes

For thou were so clene a may,
The preuytes of heuene forsothe thou say
Qwan§ on Crystys brest thov lay,
Amice Christi Johannes.

Qwan Cryst beforn Pylat was browth,
Thov clene maydyn, forsok him nouth;
To deye wyth hym was al thy thowth,
Amice Christi Johannes.

Crystys moder was the betake,
A maydyn to ben a maydenys make;
Thov be oure helpe we be not forsake,
Amice Christi Johannes. 4

    * virgin   † virgin   ‡ secrets   § when   Ⅱ companion

  1. Joh 13,23–26; 19,26–27; 20,2–10; 21,7; 21,20. []
  2. Meine Übersetzung. []
  3. Rictor Norton, Mother Clap’s Molly House: The Gay Subculture in England 1700 – 1830. London 1992. S. 20. []
  4. Zit. n. Alan Bray, The Friend. Chicago: University of Chicago Press, 2003. S. 116 f. []